Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Garten und Gartenarchitektur

Menagerie

Unsere Kenntnis der Menagerien hängt von den verschiedenartigen Quellen ab, die erst vom 16. Jh. an immer zahlreicher und genauer werden (was unsere Gesamtauffassung des Phänomens verfälscht): Chroniken, Annalen, Reiseberichte, Inventare, Ausgabenrechnungen, private und diplomat. Korrespondenzen, Küchenbücher, Traktate über Gartenkunst (Pietro di Crescenzi, ca. 1300) und über die Tiere (Pierre Belon 1555), ab dem 16. Jh. Pläne und Architekturzeichnungen. Späte Nennungen bedeuten nicht, daß es vor den ersten Aufzeichnungen keine bemerkenswerten Tiere gegeben habe. Die Ikonographie gibt das Tier an und für sich wieder (der Löwe Dürers, der Elephant des hl. Ludwig), und es gilt die Kopien älterer Vorlagen von Porträts nach lebendigen oder nach ausgestopften Tieren (Bestiarum Rudolphs II.) zu unterscheiden. Die Archäozoologie unterrichtet über einzelne Funde an kleineren Herrensitzen und stellt eine geringe Zahl von Überresten und eine schmale Variationsbreite von Tieren zur Verfügung (Braunbär, Auerochse, Bison, Schwäne, Kraniche, Reiher, Pfauen), die überdies nicht notwendig in einem Wildgehege gehalten worden waren. Die Gegenwart »außergewöhnlicher« Tiere in der Nähe des Fs.en ist alte und seit der Antike ununterbrochen nachweisbare Praxis, und dies sowohl bei den großen Laien (Ks. und Landesfs.en) als auch bei geistl. Großen (Ebf.e von Maiz und Köln, Bf. von Tournai, Domherren von Bamberg, Äbte), und ist auch kein Privileg der Aristokratie (Florenz, Amsterdam, Lübeck). Vom 13. bis zum Anfang des 16. Jh.s bleibt die Auswahl der Tiere, der Ort der Unterbringung und die Formen des Umgangs mit ihnen nahezu unverändert. Vom 16. Jh. an werden andere Arten gesammelt, verändern sich die Orte der Aufbewahrung, wandelt sich der Geist, der diesem Tun zugrundeliegt.

Die Identifikationen werden nicht nur durch Lücken in den Quellen, sondern auch durch ungenaue Bezeichnungen erschwert: Auerochse (bos primigenius) oder Bison (bison bonasus), Löffelgans oder Pelikan, Gebart oder Leopard, Kamel oder Dromedar, kleine Vögel (Rebhühner, Wachteln, Kiebitze, Nachtigallen, Hänflinge, Stare, Finken, Lerchen, Amseln?), Affen ohne weitere Bezeichnung, Kasuar oder Emu, Seeochsen und Seekühe (Tümmler, Seehunde?). Dabei brachte man ein große Zahl verschiedener Tiere zusammen. Voran die europ. Arten: gewöhnl. Arten (Bären, kleine und große Vögel, Cervideen) oder solche aus der Peripherie (Elch, Rentiere, Stachelschwein, Ginsterkatze, Zibetkatze, Meeressäuger, Hunde), seltene Arten (Auerochsen). Für höheres Prestige muß man jedoch Exemplare besitzen, die von weither kommen, aus dem afrikan. oder asiat. Orient. Die Großkatzen sind der Ruhm der Menagerien; zumeist sind Löwen bezeugt (Worms, Bonn, Rosendaal, Nimwegen, Eisenach, Gent, Den Haag, Brüssel, Marienburg, Nancy). Tiger, Leoparden und Geparden sind seltener (Worms). Affen (Worms, Marienburg) und Kamelideen (Worms, Colmar, Le Quesnoy, Den Hag, Gardanne) kommen hinzu, während Elefanten und Giraffen so gut wie gar nicht vorkommen. Exot. Vögel sind ebenfalls gehalten (Pfauen, Papageien, Sittiche).

Die Orte der Unterbringung werden mit wenig inhaltsreichen, ja bedeutungsvariablen Begriffen bezeichnet: Serraglio in Italien, hostel, maison, cour der Löwen, Bestiarium, Claustrum, Horto ferarum (Prag, 1319), Fossa feraricia (Bamberg), Vivarium (Menagerie, Gehege, Obstgarten, Teich, Tierpark), Viridarium (Lustgarten). Bemerkenswert ist die große Nähe der Menschen zu den Tieren. Kostbare Vogelkäfige sind in Staatsgemächern aufgehängt, wilde Tiere werden am Halsband gehalten oder bewegen sich frei. Die Tiere (Pfauen, Schwäne, Stachelschweine, Enten, Wildgänse, Damwild, Hirsche, Hunde) werden frei in den Gärten oder Gräben gehalten oder bes. Anlagen werden eingerichtet: Vogelhäuser und Gehege, Schwanenteiche (Gent), Becken für Meeressäuger (Marienburg, Dijon), Nester für Störche, Schwäne, Kraniche. Die Wildtiere (Löwen, Bären) werden in Gräben (Bern), Untergeschosse von Türmen (Nimwegen, Bonn), Ställen und Stallungen, die sich zu Höfen öffnen (Gent, Nancy), gehalten.

Es geht nicht darum, die Neugier eines Publikums zu befriedigen, sondern die lebendigen Attribute des Fürstenmacht zu inszenieren. Allein die Großen können es sich leisten, derart prestigereiche Tiere zu kaufen, zu unterhalten (Fachpersonal, Nahrung), zu verschenken oder zu vertauschen. Die Menagerien sind den Schätzen vergleichbar und ihre Zusammensetzung muß mit den symbol. Bedeutungen der Tiere in Zusammenhang gesehen werden, mit ihrer herald. Verwendung (Bäre, Löwe, Adler) und mit der Materialität der Helmzierden (Pfauen- und Straußenfedern). Ihr Geschenk spielt in der symbol. Sprache der Diplomatie und der kgl. Zeremonien eine Rolle. Die Tiere werden auch wg. ihrer alle gewöhnl. Maße sprengenden Größe gehalten (Kamele, Elefanten, Giraffen), wg. ihrer phys. Kraft und ihrer Wildheit (Bären, Großkatzen), wg. ihrer Schönheit und/oder Fremdheit ihrer Farben (Papageien, Sittiche, weiße oder gefleckte Tiere), wg. ihres Fells (Stachelschwein), ihres Geruchs (Zibetkatze), ihres Gesangs (Turteltauben, Nachtigallen). Die Auerochsen zu Marienburg (1408) und Gent (1409) bezeugen das Bewußtsein von der Seltenheit eines mächtigen Tieres, das geschützt werden muß. Sie begleiten die Fs.en auf ihren Reisen, während den Staatszeremonien, wo sie Juwelen und reiche Stoffe tragen: Hochzeiten (Worms 1235), Bankette (Prag 1319, Lille 1454), feierl. Einzüge (Colmar 1289). Manche Praktiken sind nur selten bezeugt: Kämpfe (Thono, Ripaille) und Jagd mit dem Gepard. Häufig hingegen begegnen reichgefiederte Vögel auf dem Tisch feierl. Bankette (Pfauen, Reiher, Kraniche, Fasanen).

Vom Ende des 15. Jh.s an kann die Fortdauer mancher Züge tiefgreifende Wandlungen nicht mehr verdecken. Überall schätzt man die gleichen Tiere (Löwen in Nimwegen, Dresden, Kassel, Ebersdorf, Landshut, Brüssel; Elefanten in Ebersdorf, Wien, Katterburg; Auerochsen in Prag, Kassel, Dresden, Königsberg; Bären in Gent, Dresden, Ebersdorf, Landshut). Manche streifen frei durch die Appartements (kleine Vögel, Adler in Prag 1604, Löwen Rudolfs II.) und man veranstaltet noch Kämpfe (Gent 1549, Dresden 1613) und Jagden. Geradezu eine Leidenschaft für unbekannte Tiere aus den neuentdeckten Ländern entsteht: prachtvolle Tiere (Aras in Ebersdorf, Kakadus in Kassel und Dresden, Truthähne, Perlhühner) oder solche, die fremdartig sind ohne Rücksicht auf Eleganz oder symbol. Bedeutung (der ausgestorbene Dodó/Dronte, Kasoar, Orang-Utan in Kassel und Den Haag). Die Botschafter in Venedig, in Portugal oder in Holland werden mobilisiert; man macht den Kaufleuten den Hof. Dergleichen zu besitzen ist Zeichen von Reichtum und des Prestiges eines weiten Netzes von Lieferanten. Eine echte Sammelleidenschaft (Wunderkammern) und der Wettbewerb drängen zu neuen Einrichtungen die ital. Vorbilder (Praolino) nachahmen. Eigene Bauten werden errichtet (Höfe, Becken, große Vogelhäuser, Käfige) von der Res. entfernt in den neu gestalteten Gärten, wo Pflanzen, Tiere, Fauna und Bauten inszeniert und theatralisiert werden (Ebf. von Salzburg 1615, Rudolph II. in Hellbrunn, Ferdinand II. in Wien). Wirklichkeit und Kunst werden gemischt: Grotten, aus Stein und Buchsbaum gestaltete Tiere, Vogelsang aus Automaten, Fresken.

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