Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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Garten und Gartenarchitektur

Lusthäuser

Unter einem Lusthaus wird sowohl das am Rande eines Gartens oder in einem Jagdquartier gelegene herrschaftl. Gartenhaus mit repräsentativem Saal für Festivitäten und anderen kostbar ausgestatteten Räumlichkeiten als auch ein Gebäude für wissenschaftl. Forschungszwecke verstanden. Die profane Bauform kommt mit der ital. Renaissance auf und verbreitet sich im 16. Jh. auch nördl. der Alpen. Die Begriffe Gartenhaus, Lustschloß, Jagdschloß, Palais, Belvedere, Pavillon, Sommerhaus, Speisesaal u. a. werden häufig synonym für Lusthaus gebraucht. Sie alle bezeichnen einen abseits von der Schloßanlage im Garten gelegenen exquisiten Aufenthaltsort oder eine kleine Nebenres. auf dem Lande. Gemeinsam ist allen Gebäuden, daß sie nur für einen temporär begrenzten Aufenthalt bestimmt sind. Ab dem 16. Jh. wächst das Lusthaus zu einem Bautypus mit umfangreichem Raumprogramm an. Bei den durch Stiche Matthäus Merians überlieferten Lusthäusern aus der ersten Hälfte des 17. Jh.s handelt es sich um eine in Gestalt und Funktion äußerst heterogene Gruppe, was auch die erwähnten unterschiedl. Bezeichnungen für diesen Gebäudetypus zur Folge hat. Mannigfaltigkeit der Nutzung und Ausstattung lassen mit dem Lusthausbau in der Renaissance eine variantenreiche Architekturgattung entstehen. In der architekton. Grundform zeichnen sich die Lusthäuser oft als Bauwerke mit charakterist. Elementen der Renaissancearchitektur aus. Sie sind über lang gestrecktem, rechteckigem Grdr. oder auch als Zentralbauten mit Türmen an den Ecken errichtet und meist mit Arkaden ausgestattet. In ihrem architekton.-künstler. Erscheinungsbild stehen die Lusthäuser im Gegensatz zu der spätma. Burgenarchitektur und vermeiden mit ihrer südländ. offenen, leichten Bauweise den wehrhaften Eindruck jener Anlagen. Freitreppen, aufwendige Wand- und Giebelgestaltungen sowie Skulpturenprogramme gehören zur obligator. Ausstattung. In Innern finden sich oft im Erdgeschoß Grotten und Brunnen, auf den anderen Ebenen der Festsaal, Studienräume und Apartments. Sammlungsräume für die Kunstkammer, antike Plastik, Ahnen- und Porträtgalerien sowie Landkarten dienen zur Selbstdarstellung und Legitimation des fsl. Bauherrn. Eine Dachterrasse oder ein Altan bieten die Möglichkeit das Herrschaftsgebiet zu überschauen.

1200-1550

Zu Beginn der frühen Neuzeit sind nur Klostergärten und kleine höf. Burggärten bekannt, die im Sinne eines hortus conclusus von der Außenwelt abgeschlossen sind. Sie dienen weniger der Repräsentation, sondern in erster Linie als Nutzgarten für Gemüse, Obst und v. a. Heilkräuter. Für den Kl.- oder Burgbewohner sind diese Anlagen Orte des Gebets und der Meditation sowie der Erholung vom alltägl. Leben. In südl. Gegenden gibt es gelegentl. eine kleine, Schatten spendende Holzlaube am Ende eines Gartenweges, die man als frühe Vorläufer der Lusthäuser ansehen kann. Steinerne Gebäude wie sie später abseits der Schloßanlage für Pausen bei den Spaziergängen errichtet werden, sind in jener Zeit wg. des geringen Umfangs der Gärten nicht nötig.

1550-1650

Die frühesten nachweisbaren festen Lusthausbauten entstehen um die Mitte des 16. Jh.s auf Veranlassung der Habsburger Ks. in Prag und Wien. In Prag läßt Ferdinand I. für seine Gemahlin Anna ab 1538 das sog. »Belvedere« durch ital. Baumeister errichten. In fast zwanzigjähriger Bauzeit entsteht hier eines der monumentalsten und anspruchsvollsten Lusthäuser mit großem Festsaal für aufwendige Feierlichkeiten. Das rechteckige Gebäude wird von vier Portikus auf Säulen umgeben. Ab 1555 wird auf der Praterinsel vor Wien unter Ks. Maximilian II. das »Grüne Lusthaus« erbaut. Es dient vornehml. zum Aufenthalt während der Jagd und ist mit Räumen ausgestattet, die Grottenwerk, Wandbrunnen und Gemälde aufweisen.

Auch Hzg. Albrecht V. von Bayern läßt schon früh, ab 1560, am Rande des Gartens der Hzg.in in München ein zweigeschossiges Lusthaus erbauen. Aber nicht nur weltl. Fs.en sondern auch der Klerus widmet sich dieser neuen Architekturform. So plaziert bspw. Kard. Markus Sittikus von Hohenems 1566 im Garten seines Palastes bei Salzburg ein stattl. Lusthaus. Seit 1570 erfolgt unter Lgf. Wilhelm IV. von Hessen-Cassel der Bau eines Lusthauses im unterhalb des Residenzschlosses gelegenen Aue- garten. Wilhelm IV. und später sein Sohn Lgf. Moritz nutzen dieses abseits gelegene Gebäude insbes. für botan. und astronom. Beobachtungen sowie für alchemist. Experimente. Damit erhält das Lusthaus, außer für Zwecke der Repräsentation oder der Jagd zu dienen, zusätzl. die Funktion als ein Wissenschaftslaboratorium, in dem auch auswärtige Gäste du Wissenschaftler untergebracht werden können.

1573 gibt Ks. Maximilian II. vor den Toren der Stadt Wien die Gestaltung einer neuen Renaissancegartenanlage in Auftrag, die unter seinem Sohn und Nachfolger Ks. Rudolf II. vollendet wird. Das »Neugebäude« ist ein lang gestreckter, am Hang gelegener Arkadenbau, der mit grottenartigen Räumen ausgestattet ist. In diesen Räumen findet sich ein Teil der ksl. Kunst- und Kuriositätensammlung. Ein bes. bedeutendes »Neues Lusthaus« entsteht im Garten des Hzg.s Ludwig von Württemberg in Stuttgart ab 1583 bis zur Fertigstellung 1592. Dieses stattl., zweigeschossige Gebäude über längs rechteckigem Grdr. ist dem Kasseler Lusthaus verwandt. Mit umlaufendem Altan auf Säulen, vier Ecktürmen, prachtvollem Renaissancegiebel sowie einem Festsaal, der mit topograph. und Jagddarstellungen ausgeschmückt ist, verkörpert das Haus den Herrschaftsanspruch des Fs.en.

In der ersten Hälfte des 17. Jh.s nimmt der Wunsch bei Fs.en und auch Adeligen geringeren Standes nach der Errichtung von Lusthäusern stetig zu, während gleichzeitig die Gartenkultur der Renaissance in Mitteleuropa ihren Höhepunkt erreicht. Neben der Bestimmung als repräsentatives Bauwerk, als Festsaal, Sammlungsraum oder Forschungsstätte erhält das Gebäude gelegentl. auch die Funktion eines Badehauses oder eines Pomeranzenhauses. In den Wintermonaten kann hier die wertvolle, frost- empfindl. Agrumensammlung untergestellt werden. In manchen Gärten werden sogar mehrere Lusthäuser und Pavillons errichtet wie bspw. durch Heinrich von Kielmannseck in seinen Gärten vor Wien oder durch Hzg. Julius Heinrich von Sachsen-Lauenburg in Schlackenwerth (heute: Ostrov, Tschechische Republik) ab 1623. Den Höhepunkt der Lusthauskultur dieser Epoche bildet das ab 1650 errichtete »Globushaus« im Neuwerkgarten zu Schleswig des Hzg.s Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf. In diesem kub. Gebäude im Stil der nord. Renaissance kann der Fs. mit seinen Hofgelehrten und Gästen botan. Studien und astronom. Himmelsbeobachtungen betreiben sowie einen auch innen begehbaren Riesenglobus besichtigen. Das Schicksal der meisten der genannten Gebäude ist es, daß sie die Jh.e nicht überdauerten und im 18. oder 19. Jh. aufgrund der veränderten Ansprüche des höf. Lebens abgetragen worden sind.

Im späten 17. und der ersten Hälfte des 18. Jh.s kommt es zu einer einzigartigen Blüte der barocken Lustschlösser, die, inmitten der großen symmetr. Gärten gelegen, ein Pendant zur Hauptres. des Fs.en bilden. Künstler. hochwertig und modern ausgestattet stehen sie oftmals in Konkurrenz zur alten Res. und werden zum bevorzugten Aufenthaltsort des Hofes. Durch das neu entstandene Verständnis der Herrschaftsfunktion werden in der Zeit der Aufklärung keine Lusthäuser erbaut. In den Landschaftsgärten ersetzen Kleinarchitekturen wie Eremitagen, Pavillons und antikisierende Tempel, die nur dem kurzzeitigen Aufenthalt dienen, die prächtigen Palaisbauten der Renaissance und des Barock.