WAPPENBÜCHER
A.
1. Wappenrollen und -bücher im engeren Sinne
Die ältesten Wappensammlungen, die – im Original oder zumeist lediglich in kopialer Überlieferung – auf uns gekommen sind, verdanken ihre Entstehung Herolden, die in der Frühzeit des sich entwickelnden Wappenwesens seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert zunächst als fahrendes Volk von Hof zu Hof zogen und ihre heraldischen Spezialkenntnisse anboten. Noch ohne feste Herren, wurden ihre Dienste bei besonderen Gelegenheiten, vor allem bei militärischen und politischen Anlässen wie Kriegszügen oder Turnieren (→ Turnierbücher) in Anspruch genommen. Anläßlich solcher Ereignisse entstanden die frühesten bekannten Wappenrollen, so die Zusammenstellung der Wappen der Teilnehmer an der Königskrönung Ottos IV. 1198 in Aachen, die in einer Kopialüberlieferung von 1662 erhalten ist (Paravicini, Älteste Wappenrolle Europas). Weitere prominente frühe Beispiele sind die 1254 in der Picardie zusammengestellte ›Rôle d'armes Bigot‹, die ›Rôle d'armes de l'ost de Flandre‹ mit den Wappen der Ritter, die im Gefolge König Philipps des Schönen 1297 am Feldzug gegen Flandern teilnahmen (Adam-Even, Rôle d'armes), oder die Wappenrolle der Teilnehmer an dem Turnier von Mons 1310. Der weitaus größte Teil dieser frühen Wappenrollen entstand in Westeuropa und in England, und es handelt sich ganz überwiegend um Blasonierungen (Beschreibungen) der Wappen ohne bildliche Darstellung. Für die Beschreibung der Wappen bedienten sich die Herolde einer eigens dafür entwickelten, knappen Fachsprache. Die Aufzeichnungen wurden wohl in der Regel von den Herolden selbst als Gedächtnisstützen und Nachschlagewerke sowie zu Ausbildungszwecken angelegt, und ihre – zumeist auf Autopsie beruhenden – Angaben sind daher im allgemeinen sehr zuverlässig. Eindeutig der Schulung dienten gemalte Wappensammlungen, die systematisch nach Schildbildern geordnet wurden, also ein Hilfsmittel zur raschen Identifizierung von Wappenführern darstellten. Derartige Wappenrollen und -bücher sind vorwiegend aus England bekannt, lassen sich dagegen für das Reichsgebiet nicht nachweisen.
Eine Verbindung dieser frühen Wappensammlungen zu Hof und Residenz ist demnach nur insofern gegeben, als die Herolde sich zeitweise an Höfen aufhielten und ihre zum täglichen Gebrauch bestimmten Aufzeichnungen mit sich führten. Als die Herolde dann im 14. und 15. Jahrhundert zunehmend in feste Dienste traten und somit Teil des ständigen Hofpersonals wurden, wird man wohl davon ausgehen dürfen, daß an den meisten Höfen mehr oder weniger umfangreiche Wappensammlungen als Gebrauchsschriftgut der Herolde und Persevanten (Heroldsgehilfen) existierten. Es wurden nunmehr zum Teil sehr umfangreiche Wappenbücher angelegt, die – unabhängig von konkreten Ereignissen – häufig mehr oder weniger systematisch hierarchisch-ständisch geordnet waren und entweder eher regional oder aber universell ausgerichtet waren. Die regionalen Wappenbücher zielten auf die möglichst komplette Erfassung der Wappen des Adels einer bestimmten Landschaft, während die allgemeinen Wappenbücher das ehrgeizige Ziel hatten, die Wappen der ganzen Welt darzustellen, häufig ergänzt durch zahlreiche anachronistische Wappen von in vorheraldischer Zeit lebenden Personen und mit Phantasiewappen von mythologischen Figuren und Heiligen. Auf Reichsgebiet weit verbreitet war die Voranstellung von sogenannten Ternionen- und Quaternionenreihen: Die Dreiergruppen, die den Auftakt dieser Wappenserien bilden, umfassen überwiegend vorheraldische Wappenführer und somit zumeist Phantasiewappen, so die »ersten drei Wappen«, die Wappen der Heiligen Drei Könige, der Drei guten Juden, der Drei guten Heiden, der Drei milden Fürsten, der Drei bösen Wüteriche usw. In den Quaternionenserien wurde dagegen der Versuch unternommen, den Aufbau des Heiligen Römischen Reichs in seiner ständischen Gliederung ideal zu symbolisieren, indem man für jeden »Stand« stellvertretend vier Vertreter mit ihren Wappen auswählte: nach den Kurfürsten die vier Herzöge, Markgrafen, Landgrafen, Burggrafen, Grafen, Semperfreien, Ritter, Städte, Bauern, Dörfer usw.
Besondere Erwähnung verdient eine in den letzten Regierungsjahren des Erzbischofs Balduin von Trier (gest. 1354) am Trierer Hof entstandene Zusammenstellung von Wappen und Namen der trierischen Burgmannen. Die unvollendet gebliebene, nach den Landesburgen gegliederte Wappenserie wurde nachträglich auf die Rückseiten der von Balduin veranlaßten Bilderhandschrift von Kaiser Heinrichs VII. Romfahrt eingetragen und umfaßt 258 kolorierte Wappenschilde (Koblenz, Landeshauptarchiv, Best. 1 C/1; Loutsch, Mötsch, Wappen der trierischen Burgmannen). Zahlreiche weitere Schilde wurden zwar mit Namen bezeichnet, blieben aber leer. Bei der Erstellung dieser Wappensammlung wird man wohl von einer Zusammenarbeit von landesfürstlicher Kanzlei und Herolden ausgehen dürfen.
Regionale und universelle Wappenbücher lassen sich zumeist nicht scharf trennen, häufig enstanden Mischformen, und vielfach wurden die Sammlungen aus älteren Vorlagen unterschiedlicher Zeitstellung kompiliert. Die Abhängigkeit der Wappenbücher untereinander läßt sich dabei nur selten eindeutig rekonstruieren. Da in diesen Wappensammlungen viele der Wappen aus anderen Quellen – vielfach aus älteren Wappenrollen – übernommen wurden und nicht auf Autopsie des jeweiligen Autors beruhten, ist ihre historische Zuverlässigkeit im allgemeinen geringer als die der Gelegenheitswappenrollen und -bücher. Auch die Entstehung dieser Wappenbücher des 14. und vor allem des 15. Jahrhunderts dürfte ganz überwiegend auf Herolde zurückgehen, und nicht selten waren mehrere Hände über einen längeren Zeitraum an der Zusammenstellung eines Wappenbuchs beteiligt. Die Entstehung einer Wappensammlung an einem bestimmten Hof oder die Bestimmung für einen bestimmten Hof läßt sich allerdings nur mitunter eindeutig nachweisen. So fertigte der im Dienst des Herzogs von Geldern stehende Herold Claes Heynen genannt Gelre um 1370-86 ein Wappenbuch mit 1755 Vollwappen geistlicher und weltlicher Fürsten und ihrer Vasallen an (Adam-Even, L'armorial universel). Später wechselte der Herold in die Dienste des Herzogs Wilhelm IV. von Bayern-Straubing, Grafen von Holland und Seeland, und stellte – nunmehr unter dem Heroldsnamen »Beijeren« – um 1400 ein weiteres Wappenbuch mit über 1000 Wappen vorwiegend des niederländischen Adels zusammen (Berchem, Galbreath, Hupp, Wappenbücher, Nr. 18). Gilles Le Bouvier, der Herold König Karls VII. von Frankreich, verfaßte nach der Mitte des 15. Jahrhunderts sein Armorial du Héraut Berry (Boos, Armorial de Gilles Le Bouvier). Hans Ingeram, Persevant der Turniergesellschaft zum Oberen Esel, die ihren Hauptort in Heidelberg hatte, stellte um dieselbe Zeit ein umfangreiches Wappenbuch (›Codex Ingeram‹) – zum Teil unter Rückgriff auf ältere vorhandene Blätter – für den in Rottenburg am Neckar residierenden Herzog Albrecht VI. von Österreich und dessen Gemahlin Mathilde von der Pfalz zusammen. Die in den ›Codex Ingeram‹ eingemalten Porträts des fürstlichen Ehepaars weisen auf den repräsentativen Charakter des Wappenbuchs hin. Die Wappen des süddeutschen Adels sind in dem Werk nach Turniergesellschaften angeordnet, und jeder Gruppe ist das Bild einer Jungfrau mit dem Banner der jeweiligen Gesellschaft vorangestellt (Wappenbücher Herzog Albrechts, 1986). Ein weiteres um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstandenes Wappenbuch mit Bezug zu einem bestimmten Hof ist das des Hans »Burggraf«, Persevanten des Markgrafen Friedrich II. von Brandenburg, mit etwa 600 Wappen sehr weitgestreuter Provenienz. Das umfangreichste spätmittelalterliche Wappenbuch mit über 3600 Wappendarstellungen fertigte Jörg Rugenn, der Persevant der Herzöge von Bayern-München und Bayern-Landshut, um 1500 an (Innsbruck, Universitätsbibliothek, Cod. 545). Ähnlich wie der ›Codex Ingeram‹ enthält es in hierarchischer Abstufung die Wappen des Papstes, der Könige, Kurfürsten, Bistümer, Grafen und Freiherren sowie des süddeutschen Turnieradels, darüber hinaus die Wappen der bayerischen Städte und Märkte.
Die Attraktivität der Wappenbücher zeigt sich unter anderem darin, daß man sich gezielt für die Hofbibliothek Kopien älterer Wappenbücher anfertigen ließ. So erhielt Herzog Ludwig X. von Bayern-Landshut um 1520 eine aufwendig ausgeschmückte Kopie des 1483 vollendeten – und ohne höfischen Bezug in Konstanz entstandenen – Wappenbuchs des Konrad Grünenberg mit etwa 2000 Wappen des Kaisers, deutscher und ausländischer Fürsten und des süddeutschen Adels – letzterer wiederum größtenteils nach Turniergesellschaften geordnet (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 145; Wappen in Bayern, 1974, S. 32).
Eine spezifische Form »höfischer« Wappensammlungen sind die Wappenbücher höfischer Ordensgesellschaften, die die Wappen der Ordensmitglieder enthalten. Das prachtvollste Beispiel ist sicherlich der um die Mitte des 15. Jahrhunderts entstandene ›Grand Armorial équestre de la Toison d'Or et de l'Europe‹, in dem die Mitglieder des burgundischen Hausordens vom Goldenen Vlies in ganzseitigen Miniaturen als Ritter zu Pferd in vollem heraldischen Schmuck abgebildet sind (Paris, Bibliothèque nationale, Arsenal ms. 4790; Le grand Armorial équestre, 2004). An dieser Prunkhandschrift arbeiteten mehrere Herolde, vermutlich die Herolde des burgundischen Hofs, unter der Leitung eines Wappenkönigs. Wappenkönig des Ordens war zu dieser Zeit Jean Lefèvre de Saint-Rémy (1396-1468). 1480 fertigte der jülichsche Wappenkönig Hermann von Brunshofen für seinen Herzog Wilhelm IV. von Jülich und Berg ein Wappenbuch des Jülicher Sankt-Hubertus-Ordens an, dessen Herold er war. Die Handschrift enthält neben den Wappen der Ordensmitglieder auch deren Ahnenwappen. Für denselben Orden entstand ebenfalls im späten 15. Jahrhundert ein Bruderschaftsbuch mit 390 Vollwappen, darunter wiederum zahlreichen Ahnenwappen (Berchem, Galbreath, Hupp, Wappenbücher, Nr. 75, 41).
2. Äußere Form und Texte der Wappenrollen und -bücher
Für Wappenrollen wurden mehrere Pergamentblätter zu einem langen Streifen aneinandergefügt, auf dem entweder die Wappen beidseitig reihenweise aufgemalt und mit Namenbeischriften versehen wurden oder lediglich die Wappenführer genannt und ihre Wappen blasoniert wurden. Bei den Wappenrollen, die anläßlich von Feldzügen entstanden, sind die teilnehmenden Wappenführer nach den Aufgeboten, den marches d'armes, angeordnet: den Anführern der einzelnen militärischen Einheiten sind jeweils ihre Gefolgsleute und Vasallen nachgeordnet. Die Identifizierung der Wappenführer enthält über die bloßen Geschlechtsnamen hinaus oft auch die konkreten Namen der beteiligten Personen. Vielfach blieben allerdings auch aufgezeichnete Wappen, die dem Herold unbekannt waren, ohne eine namentliche Identifizierung.
Für die Anlage von Wappenbüchern wurden in der Regel Doppelblätter aus Pergament oder Papier ineinandergelegt, die für den täglichen Gebrauch vermutlich nicht gebunden wurden. Solche losen Blattlagen konnten beliebig erweitert und auch mit anderen Wappensammlungen vereinigt werden. Viele der heutigen Wappenbücher sind erst das Resultat einer späteren Vereinigung und Bindung derartiger loser Blattlagen, wobei die ursprüngliche Anordnung häufig durcheinandergeraten ist und sich mitunter nur mühsam, oft auch gar nicht mehr rekonstruieren läßt. Die frühen Wappenbücher weisen eine ähnliche, nach marches d'armes angeordnete Gliederung auf wie die Wappenrollen. In den auf Reichsgebiet, vor allem in Süddeutschland, entstandenen Wappenbüchern des 15. Jahrhunderts ist der ritterschaftliche Adel dann oft – unabhängig von konkreten Ereignissen – nach der Zugehörigkeit zu den landschaftlich organisierten Turniergesellschaften gruppiert. Die gemalten Wappen sind in der Regel nur mit dem Namen des jeweiligen wappenführenden Geschlechts versehen. Beim Kopieren von Wappen aus älteren Sammlungen wurden dabei gelegentlich die Beschriftungen vertauscht, durch Lesefehler verändert oder gar ganz weggelassen.
Die Qualität der Wappenzeichnungen ist naturgemäß sehr unterschiedlich und reicht von flüchtigen, recht unbeholfenen, mit Feder oder Pinsel und Tinte ausgeführten Skizzen bis zu gekonnt und virtuos ausgeführten und sorgfältig kolorierten Zeichnungen. Für die heraldischen »Metalle« Gold und Silber wurden dabei fast ausnahmslos Gelb und Weiß (bzw. farblos belassene Fläche) verwendet. Die Zeichnung der Schildumrisse und die aufwendige Gestaltung von Helm und Helmdecken erleichterte man sich mitunter ab der Mitte des 15. Jahrhunderts durch den Gebrauch von vorgedruckten Schablonen.
3. Wappenbücher im weiteren Sinne
Neben den reinen Wappenrollen und Wappenbüchern, die einzig heraldischen Zwecken dienten, gab es zahlreiches weiteres Schriftgut, das mit mehr oder weniger umfangreichem Wappenschmuck versehen wurde und daher zu den Wappenbüchern im weiteren Sinne zu zählen ist. Im Folgenden werden nur solche Beispiele angeführt, in denen das heraldische Element überwiegt oder doch zumindest eine wesentliche Rolle spielt.
An einigen deutschen Fürstenhöfen wurden im 15. und 16. Jahrhundert prunkvolle Lehenbücher angelegt, in die neben den Texten der Lehensreverse die Wappen der Vasallen eingemalt wurden. Erhalten haben sich unter anderem das unter Bischof Friedrich zu Rhein 1441 angelegte Lehenbuch des Bistums Basel mit 95 Vasallenwappen (Karlsruhe, Generallandesarchiv, Hfk/Hs. 133), das von Bischof Matthias Ramung veranlaßte Speyerer Lehenbuch mit 72 Wappen (Karlsruhe, Generallandesarchiv, 67/300), das in der kurpfälzischen Kanzlei 1471 angelegte Lehenbuch Kurfürst Friedrichs I. mit über 400 Vollwappen (Karlsruhe, Generallandesarchiv, 67/1057; Wolfert, Wappen) und als dessen »Neuauflage« das um 1540 entstandene Lehenbuch Kurfürst Ludwigs V. mit über 200 Vollwappen in prächtiger künstlerischer Ausstattung (Karlsruhe, Generallandesarchiv, 67/1058). Für letztere Handschrift ist überliefert, daß der Wappenmaler seine Informationen über die Wappen unmittelbar von den jeweiligen Wappenführern bezog.
Beschreibungen von höfischen Festen (→ Höfische Feste und ihr Schrifttum), Turnieren und ähnlichen Ereignissen wurden mitunter mit heraldischem Bildschmuck versehen. So ließ sich der bayerische Herzog 1574 eine Kopie eines Schützenbuchs anfertigen, das 1560 anläßlich eines vom württembergischen Herzog in Stuttgart abgehaltenen Armbrustschießens entstanden war und in dem neben der Beschreibung des Schießens in Versen die zahlreichen Wappenfahnen und Wappen der Teilnehmer und Gäste abgebildet waren (München, Bayerische Staatsbibliothek, cgm 906; Wappen in Bayern, 1974, S. 50).
Ab dem späten 15. Jahrhundert finden sich zunehmend Handschriften vornehmlich genealogisch-dynastischen Inhalts, die mit Wappenschmuck ausgestattet wurden. Der Wunsch der fürstlichen Häuser, ihren Ursprung in möglichst frühe Zeiten zurückzuführen, fand in diesen Werken auch bildlich seinen Ausdruck in der Beigabe apokrypher Phantasiewappen. Eines der frühesten Beispiele ist das zwischen 1445 und 1457 angefertigte Wappenbuch der österreichischen Herzöge, das insgesamt 170 Wappen der österreichischen Fürsten vom 9. Jahrhundert an abbildet, von denen ein Großteil natürlich anachronistisch und unhistorisch ist. Im Auftrag Kaiser Maximilians I. wurde um 1515 ein Prachtkodex mit Miniaturen der Heiligen aus der Sipp-, Mag- und Schwägerschaft des Kaisers geschaffen, in dem jedem und jeder Heiligen ein Wappen beigemalt ist (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Vind. Ser. n. 4711). Und das von Maximilians Genealogen Jakob Mennel (gest. 1525) verfaßte ›Buch von den erlauchten und verrumbten weybern des loblichen Haus Habspurg und Österreich‹ wurde ebenfalls mit Wappen ausgeschmückt. Die zwischen 1509 und 1512 entstandene → Genealogie Kaiser Maximilians mit Holzschnitten Hans Burgkmairs, deren Veröffentlichung geplant war, deren Druck aber nie zustande kam, enthält Abbildungen von Ahnen des Kaisers mit insgesamt 77 Wappen. Die beiden in Holzschnittfolgen realisierten Großprojekte Maximilians schließlich, der »Triumphzug« mit seiner Abfolge von 87 Wappenfahnen und Ahnenwappen und die mit Hunderten von Wappen geradezu übersäte »Ehrenpforte«, stellen gewissermaßen ins Monumentale gesteigerte Wappenbücher dar. Die dort gezeigten Länder- und Herrschaftswappen dokumentieren den Herrschaftsanspruch der Habsburger, und die zahlreichen dynastischen Wappen symbolisieren die weitgespannten prominenten Verwandtschaftsbeziehungen des Hauses Österreich.
Kurz nach 1504 schuf Wigand Gerstenberg eine »Regententafel« von Thüringen und Hessen, in der die bis zu Landgraf Philipp dem Großmütigen reichende thüringische und hessische Regentenreihe bis auf den sagenhaften ersten König der Thüringer, einen Sohn des Trojanerkönigs Priamos, zurückgeführt wird. Die Pergamenthandschrift wurde von einem Hofmaler ausgeführt, die Stammfolge üppig mit Wappenschmuck ausstaffiert (Darmstadt, Hessische Landes- und Hochschulbibliothek, HS 238; Chroniken des Wigand Gerstenberg, 1989). 1526 fertigte der mecklenburgische Hofmaler Erhard Altdorfer eine → Genealogie des mecklenburgischen Fürstenhauses an, in der die Ahnen der regierenden Dynastie bis auf den sagenhaften ersten König der Obodriten, Anthyrius Crullus, obersten Hauptmann Alexanders des Großen, zurückreichen und jeweils paarweise mit ihren Wappen abgebildet sind. Derartige genealogisch-heraldische Werke repräsentativen Charakters blieben freilich nicht auf die fürstlichen Höfe beschränkt. So ließen sich etwa auch die Freiherren von Geroldseck von dem Humanisten und Augsburger Domkustos Matthäus von Pappenheim eine Geschichte ihres Hauses erarbeiten. Diese nach 1532 entstandene Handschrift enthält eine fortlaufende, mit kolorierten Wappenzeichnungen versehene Stammfolge (Karlsruhe, Generallandesarchiv, 65/239). In diesem Zusammenhang ist auch das Epitaphienbuch des nassauischen Hofmalers Heinrich Dors von 1632 zu nennen, in dem Zeichnungen der – durchweg wappengeschmückten – Grabmäler des nassauischen Grafenhauses enthalten sind, und das als Grundlage für eine ›Genealogia oder Stammregister der durchläuchtigen hoch- und wohlgeborenen Fürsten, Grafen und Herren des uhralten hochlöblichen Hauses Nassau‹ dienen sollte (Dors, Genealogia).
Diesen genealogisch-dynastisch ausgerichteten Wappenbüchern der weltlichen Höfe vergleichbar sind die von historisch interessierten Autoren zusammengestellten Wappenbücher geistlicher Fürstenhöfe wie beispielsweise der von Johann Paul von Leoprechting 1650 begonnene und bis 1765 fortgesetzte ›Catalogus Aller deren des Fürstlichen Hochstiffts Regensburg gewßenen [!] Bischoven, Thumbbrobsten, Thumbdechanten, und Thumbherren Namen und Wappen ßo vill dermahlen in den Thumb Capitl. Archiv, Protocolis, Registratur, Kürchen Calender, Epitaphiis und Grabstein […] hat mögen zusamen gebracht werden‹ mit seinen insgesamt etwa 800 Wappen, wobei die frühen Bischofswappen freilich durchweg Phantasiewappen sind (Regensburg, Stadtarchiv, A 1929/15). Zu Beginn des 16. Jahrhunderts verfaßte der Reichenauer Kaplan Gallus Öhem eine Chronik der Reichsabtei Reichenau, die er dem Fürstabt Friedrich von Wartenberg widmete. Das Werk enthält über 500 Wappen der Äbte, Mönche, Hofämter, Stifter und Vasallen des Klosters. In zwei ganzseitigen Miniaturen sind außerdem die geistlichen Privilegien und die Reichsunmittelbarkeit der Abtei auf ungewöhnliche Weise demonstrativ heraldisch symbolisiert – angesichts der damals drohenden und unmittelbar bevorstehenden Inkorporation des Klosters in das Hochstift Konstanz sicherlich in propagandistischer Absicht. Man wird daher davon ausgehen dürfen, daß die Handschrift Gästen am Hof vorgeführt wurde und somit auch eine politische Funktion erfüllte.
Eine für geistliche Fürstenhöfe spezifische Form der Wappenbücher sind schließlich die Aufschwörbücher der Hochstifte, in denen die eingereichten, in der Regel mit Wappenzeichnungen versehenen Ahnenproben der Probanden zusammengestellt sind. Allerdings wurden diese Bücher nicht von den fürstlichen Kanzleien, sondern von den Domkapiteln angelegt und geführt und stehen somit nur indirekt mit dem Fürstenhof in Verbindung. Das Aufschwörbuch des Würzburger Domkapitels etwa wurde 1629 angelegt, reicht aber in seinen Einträgen bis 1566 zurück (Würzburg, Staatsarchiv, Depot des Histor. Vereins von Unterfranken Ms. f. 97/I). Das Speyerer Aufschwörbuch setzt 1570 ein (Karlsruhe, Generallandesarchiv, 73/XV), das Konstanzer 1601 (Karlsruhe, Generallandesarchiv, 73/VIII), das Freisinger 1623 (München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Abt. I, Aufschwörbücher Nr. 21), das Augsburger 1649 (München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Abt. I, Aufschwörbücher Nr. 2) und das Bamberger 1656 (Bamberg, Staatsarchiv, B 86 Nr. 256), um nur einige zu nennen.
Auf Reichsgebiet reicht die Blütezeit der Wappenbücher etwa von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts. Das Aufkommen erster gedruckter Wappenbücher größeren Umfangs ab der Mitte des 16. Jahrhunderts (Virgil Solis' Wappenbüchlein von 1555, Martin Schrots Wappenbuch des Heiligen Römischen Reichs von 1581, vor allem dann Johann Siebmachers New Wapenbuch von 1606) war sicherlich mit ein Grund dafür, daß die aufwendige Erstellung handschriftlicher Exemplare ab dem 16. Jahrhundert mehr und mehr zurückging. Die Erforschung der Quellengattung Wappenbuch steckt noch in den Anfängen. Für die im 16. und 17. Jahrhundert im Reich entstandenen Wappenbücher existiert noch nicht einmal eine zuverlässige Zusammenstellung, die einen ungefähren Überblick über das Vorhandene erlaubte. Es bedarf dringend einer vollständigen Erfassung dieser wertvollen Quellen und ihrer Erschließung durch wissenschaftliche Editionen.
C.
Quellen
Adam-Even, Paul, Jéquier, Léon: Un armorial français du XIIIe siècle. L'armorial Wijnberghen, in: Archives héraldiques Suisses 65 (1951) S. 49-62, Taf. VI-VII, S. 101-110, Taf. XI-XII; 66 (1952) S. 28-36, Taf. VIII-IX, S. 64-68, Taf. XIV-XV, S. 103-111, Taf. XVIII; 68 (1954) S. 55-80, Taf. V-VIII. – Adam-Even, Paul: Rôle d'armes de l'ost de Flandre. Juin 1297, in: Archivum heraldicum (1959) S. 2-7. – Adam-Even, Paul: L'armorial universel du héraut Gelre (1370-1395) Claes Heinen, roi d'armes des Ruyers, Neuchâtel 1971 (Sonderdr. aus Archives héraldiques suisses 1958-69; ND Leuven 1992). – L'armorial de la Toison d'or, hg. von Michel Pastoureau, Paris 2003 (CD-Rom). – Berchem, Egon Frhr. von, Galbreath, Donald Lindsay, Hupp, Otto: Die Wappenbücher des deutschen Mittelalters, überarbeitet von Kurt Mayer, mit einem Anhang zur Datierung einiger Wappenhandschriften von Otto Hupp, in: Beiträge zur Geschichte der Heraldik, hg. von Egon Frhr. von Berchem, Donald Lindsay Galbreath, Otto Hupp und Kurt Mayer, Berlin 1939, ND Neustadt a. d. Aisch 1972 (J. Siebmacher's großes Wappenbuch, D), S. 1-114. – Boos, Emmanuel de: Armorial de Gilles Le Bouvier, héraut Berry. D'après le manuscrit conservé à la Bibliothèque nationale de France (ms fr. 4985), Paris 1995. – Brault, Gerard J.: The Rolls of arms of Edward I (1272-1307), 2 Bde., London 1977 (Aspilogia, 3). – Die Chroniken des Wigand Gerstenberg von Frankenberg, bearb. von Hermann Diemar, Marburg 1909, 2. Aufl. 1989 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck, 7; Chroniken von Hessen und Waldeck, 1), S. 363-375. – Darmstadt, Hessische Landes- und Hochschulbibliothek, HS 238. – Le grand Armorial équestre de la Toison d'Or. Fac-similé, hg. von Michel Pastoureau und Michel Popoff, Doussard 2004. – Henrich Dors, Genealogia oder Stammregister der durchläuchtigen hoch- und wohlgeborenen Fürsten, Grafen und Herren des uhralten hochlöblichen Hauses Nassau samt etlichen konterfeitlichen Epitaphien […] 1632, unter Mitwirkung der Historischen Kommission von Nassau hg. von der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung, Saarbrücken 1983 (Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung, 9). – Innsbruck, Universitätsbibliothek, Cod. 545. – Jéquier, Léon: L'armorial Bellenville, Paris 1983 (Cahiers d'héraldique, 5). – Karlsruhe, Generallandesarchiv, Hfk/Hs. 133; 67/300; 67/1057; 67/1058; 74/VIII; 73/XV. – Koblenz, Landeshauptarchiv, Best. 1 C/1. – Die Mecklenburger Fürstendynastie und ihre legendären Vorfahren. Die Schweriner Bilderhandschrift von 1526, hg. von Andreas Röpcke, Bremen 1995. – München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 145. – Loutsch, Jean-Claude, Mötsch, Johannes: Die Wappen der trierischen Burgmannen um 1340, in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte 18 (1992) S. 1-179. – München, Bayerische Staatsbibliothek, cgm 906. – München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Abt. I, Aufschwörbücher Nr. 2, 21. – Paravicini, Werner: Das Uffenbachsche Wappenbuch. Hamburg, Staats- und Universitätsbibliothek, Codex 90b in scrinio, München 1990 (Microfiche-Edition). – Paravicini, Werner, Die älteste Wappenrolle Europas: Ottos IV. Aachener Krönung von 1198, in: Archives héraldiques Suisses 107 (1993) S. 99-146. – Paris, Bibliothèque nationale, Arsenal ms. 4790. – Pastoureau, Michel, Popoff, Michel: L'Armorial Bellenville. Fac-similé du manuscrit français 5230 conservé au Département des manuscrits occidentaux de la Bibliothèque nationale de France, Saint-Jorioz 2004. – Regensburg, Stadtarchiv, A 1929/15. – Le Rôle d'armes Bigot, hg. von Robert Nussard d'après le manuscrit Fr. 18648 (f° 32-39) conservé à la Bibliothèque nationale, Paris 1985 (Documents d'héraldique médiévale, 2). – Stillfried-Alcantara, Rudolf Graf, Hildebrandt, Adolf Matthias: Des Conrad Grünenberg, Ritter und Burger zu Constanz Wappenbuch, Frankfurt am Main u. a. 1875-83. – Triumphzug Kaiser Maximilians I. 1516–1518. 147 Holzschnitte von Albrecht Altdorfer, Hans Burgkmair, Albrecht Dürer u. a. Mit dem von Kaiser Maximilian diktierten Programm und einem Nachwort von Horst Appuhn, 2. Aufl., Dortmund 1987. – Wagner, Richard Anthony: A catalogue of English medieval rolls of arms, London 1950. – Das Wappenbuch des Gallus Öhem, neu hg. nach der Handschrift 15 der Universitätsbibliothek Freiburg von Harald Drös, Sigmaringen 1994 (Reichenauer Texte und Bilder, 5). – Die Wappenbücher Herzog Albrechts VI. von Österreich. Ingeram-Codex der ehem. Bibliothek Cotta, hg. von Charlotte Becher und Ortwin Gamber, Wien u. a. 1986 (Jahrbuch der Heraldisch-Genealogischen Gesellschaft Adler. 3. Folge, 12 – Jahrgang 1984/85). – Das Wappenbuch des Reichsherolds Caspar Sturm, bearb. von Jürgen Arndt, Neustadt a. d. Aisch 1984 (Wappenbücher des Mittelalters, 1). – Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Vind. Ser. n. 4711. – Wolfert, Alfred F.: Die Wappen im »Lehenbuch des Kurfürsten Friedrich I. von der Pfalz«, 1471, in: Beiträge zur Erforschung des Odenwaldes und seiner Randlandschaften 4 (1986) S. 279-344. – Würzburg, Staatsarchiv, Depot des Histor. Vereins von Unterfranken Ms. f. 97/I.
Literatur
Les armoriaux médiévaux. Actes du colloque international »Les Armoriaux Médiévaux«, Paris, 21-23 mars 1994, hg. von Louis Holtz, Paris 1997 (Cahiers du Léopard d'or, 8). – Neubecker, Ottfried: Heraldik. Wappen – ihr Ursprung, Sinn und Wert, Frankfurt am Main 1977, hier bes. S. 268-273. – Pastoureau, Michel: Les armoiries, Turnhout 1976 (Typologie des sources du Moyen Âge occidental, 20). – Pastoureau, Michel: Traité d'héraldique, 2. Aufl., Paris 1993. – Schauerte, Thomas Ulrich, Die Ehrenpforte für Kaiser Maximilian I. Dürer und Altdorfer im Dienst des Herrschers, München u. a. 2001 (Kunstwissenschaftliche Studien, 95). – Scheibelreiter, Georg: Heraldik, Wien u. a. 2006. – Seyler, Gustav Adolf: Geschichte der Heraldik, Nürnberg 1890, ND Neustadt a. d. Aisch 1970. – Unterkircher, Franz: Maximilian I. Ein kaiserlicher Auftraggeber illustrierter Handschriften, Hamburg 1983. – Wagner, Anthony Richard: Heralds and Heraldry in the Middle Ages. Inquiry into the Growth of the Armorial Function of Heralds, 2. Aufl., Oxford 1956. – Wappen in Bayern. Ausstellung des Bayerischen Hauptstaatsarchivs München in Verbindung mit der Bayerischen Staatsbibliothek aus Anlaß des 12. Internationalen Kongresses für genealogische und heraldische Wissenschaften, München, 6. September-27. Oktober 1974, Neustadt a. d. Aisch 1974 (Ausstellungskataloge der staatlichen Archive Bayerns, 8).
→ Turnierbücher