Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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MEMORIAL- UND BRUDERSCHAFTSBÜCHER

A.

Mit Blick auf die vielfältigen Ausformungen des Schriftgutes am Hof ist bisher im Gegensatz zum Interesse an der adeligen und fürstlichen Sorge um Erinnerung und Repräsentation die schriftliche Überlieferung der Memoria des Gesindes und der Hofbediensteten sehr selten – und wenn, dann nur am Rand – in den Blick genommen worden. Es kann davon ausgegangen werden, daß jedenfalls in Residenzen auch die Bediensteten sich durchgängig um liturgische Erinnerung bemühten. Aus den wenigen bisher in der Literatur erwähnten Fällen werden schon die grundlegenden Formen deutlich. So ist vom Heidelberger Hof ein Kopiar mit einer Sammlung der Urkunden der bruderschafft dez hofgesindes bekannt (Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 67: Kopialbücher, 651: Urkunden der Bruderschaft des Hofgesindes auf der Burg [Heidelberg] 1381-1414, vgl. Kolb, Heidelberg, S. 108-110). Diese Urkunden aus der Zeit von 1381 bis 1414 bieten Einblick in die materielle Ausstattung wie auch die Struktur der Bruderschaft. Geleitet von zwei Pflegern fand sie ihren liturgischen Mittelpunkt beim Unser-Frauen-Altar in der Heidelberger Heiliggeistkirche, an dem die Bruderschaft eine Pfründe gestiftet hatte. Dem weiten Verständnis von »Gesinde« folgend gehörten ihr als Mitglieder auch Heidelberger Ratsherren an. Dem Charakter als Urkundensammlung entsprechend steht der rechtliche Aspekt im Vordergrund und wie auch in einem weiteren Fall aus Saarbrücken wird im Namen schon die Besonderheit der Bruderschaft angesprochen (Neitmann, Residenz, S. 277). Doch ist davon auszugehen, daß sonst der allgemeinen Praxis entsprechend der Name des/der Heiligen oder der verehrten Reliquie im Zentrum stand und die Zugehörigkeit nicht auf das Hofgesinde beschränkt war, sondern Bewohner der Stadt einschloß.

Diese sicherlich in Residenzen verbreitete Form finden wir beispielsweise in der Brüsseler Bruderschaft vom Hl. Kreuz zu St.Jacob auf dem Koudenberg (dieses Verzeichnis wurde ediert in der in Kiel auf Anregung von Werner Paravicini entstandenen Magisterarbeit Boehme, Bruderschaft. Die Autorin hat schon wichtige Hinweise auf viele der im Buch genannten Personen geben können). Neben einer Liste der Mitglieder finden sich die Statuten der Bruderschaft (Bibliothèque Royale, Brüssel, Ms. BR. 21.779: Livre de la confrérie de la sainte-croix). Angelegt im Jahr 1462 auf Veranlassung des amtierenden Propstes der zugehörigen Kirche wurden bis zur letzten Benutzung um 1620 – mit einer Lücke in der Mitte des 16. Jahrhunderts – insgesamt 952 Personen von mehreren Schreibern eingetragen. Etwa zwei Drittel der Namen wurden von zwei Schreibern (Anlage, Nachträge und Korrekturen) 1462 und 1465 eingeschrieben. Zumeist finden sich über den Namen hinaus Angaben zu Stand, Beruf und z. T. zum Wohnort (oder Tätigkeitsort). Vermerkt wurde die Bezahlung des Beitrages zur Bruderschaft, häufig wurde vom nachtragenden Schreiber 1465 das Faktum des Versterbens durch ein † (ohne Datumsangabe) angemerkt. Als erste Person wurde der Herzog von Burgund (Philipp der Gute) eingeschrieben, ihm folgen hervorragende Mitglieder seines Hofes wie Adolf von Kleve, Herr von Ravenstein und Antoine von Burgund, unehelicher Sohn des Herzogs. Die Mehrzahl der Mitglieder setzte sich dagegen zusammen aus Köchen, Dienern, Kindermädchen, Musikern (→ Musik[er], Oper), Schreibern der Rechenkammer, aber auch Herolden. Neben den direkt auf den Hof bezogenen Personen begegnen weitere aus der Stadt, die durch ihre Tätigkeit eng mit diesem verbunden waren, wie Waffen- und Panzerschmiede, Goldschmiede, Maler (Rogier van der Weyden), Miniaturenmaler (Jean Dreux), Hersteller von Tapisserien und Musiker (→ Musik[er], Oper). So wie im Blick auf diese Bruderschaft aus Brüssel zu erkennen ist, ist zu erwarten, daß es weithin in Residenzen Bruderschaftsbücher gab, die es erst noch zu sammeln gilt. Deutlich wurde mit diesem Beispiel aber schon, daß derartige Verzeichnisse neben dem Hofgesinde auch immer Bewohner der Stadt einbeziehen, und daß diese im liturgischen Zentrum, beim Altar der Bruderschaft, aufgezeichnet wurden.

C.

Quellen

Bibliothèque Royale, Brüssel, Ms. BR. 21.779: Livre de la confrérie de la sainte-croix. – Generallandesarchiv Karlsruhe, Abt. 67: Kopialbücher, 651: Urkunden der Bruderschaft des Hofgesindes auf der Burg [Heidelberg] 1381-1414.

Boehme, Ulrike: Die Brüsseler Bruderschaft vom Heiligen Kreuz zu St. Jakob auf dem Koudenberg im 15. Jahrhundert, unveröff. Magisterarbeit Univ. Kiel 1996. – Kolb, Johann: Heidelberg. Die Entstehung einer landesherrlichen Residenz im 14. Jahrhundert, Sigmaringen 1999 (Residenzenforschung, 8). – Neitmann, Klaus: Was ist eine Residenz? Methodische Überlegungen zur Erforschung der spätmittelalterlichen Residenzbildung, in: Vorträge und Forschungen zur Residenzenfrage, hg. von Peter Johanek, Sigmaringen 1990 (Residenzenforschung, 1), S. 11-43.