LOBREDEN
A.
Lobreden auf Stadt und Land des Fürsten haben anders als die Leichenreden im Leben des Hofes keinen eindeutig definierten Ort. Auch steht eine systematische Sammlung des Materials noch aus, so daß hier keine Zusammenfassung, sondern nur eine Skizze geboten werden kann.
Die Lobrede auf Stadt und Land ist eine Form der epideiktischen Rede, die der Humanismus nach antikem Vorbild neu belebt hat. Beispielgebend war Leonardo Brunis ›Laudatio Florentinae Urbis‹ von 1403/04. Ihr institutioneller Ort ist nördlich der Alpen zunächst die Universität, später auch die höhere Schule gewesen. Sie gehörte zu den Gelegenheitsreden, die bei akademischen Feiern gehalten wurden. Inwiefern sie daneben im 16. und 17. Jahrhundert bei festlichen Anlässen des Hofes eine eigenständige Rolle gespielt hat, bedarf noch näherer Untersuchung.
Es war offensichtlich insbesondere das Lob auf Förderer und Schutzherren der Universität, das den Humanisten als Anlaß diente, das Lob von Stadt und Land zum Gegenstand einer öffentlichen Rede zu machen. Für sie als akademische Außenseiter war es eine Gelegenheit, ihre rhetorische Kunst wirkungsvoll in Szene zu setzen. So hielten vor Vertretern der Universität im kurpfälzischen Heidelberg die humanistischen Lektoren Peter Luder 1458 und sein Nachfolger Petrus Antonius de Clapis 1465 Lobreden auf den Pfalzgrafen Friedrich den Siegreichen, in denen das Lob der Universitäts- und Residenzstadt großen Raum einnahm. Anlaß für die Rede des Antonius, bei der auch der Fürst und Vertreter der Stadt anwesend waren, scheint der Gedenktag gewesen zu sein, den der Pfalzgraf zur Erinnerung an seine Schlachtensiege von 1460 und 1462 stiftete. Antonius konnte dafür auf das Manuskript seiner im Jahr zuvor gehaltenen Lobrede auf Stadt und Universität Basel zurückgreifen, wo er vor dem Antritt seiner Heidelberger Stelle tätig gewesen war. Folgt man der Interpretation Hammers, dann wurde auch die Lobrede, die Albrecht von Eyb wohl 1452 auf Bamberg verfaßt hat – die älteste Rede dieser Art von einem deutschen Humanisten –, angeregt durch die Lobrede seines italienischen Lehrers Balthasar Rasinus auf Universität, Stadt und den Fürsten von Pavia.
Die Lobrede Albrechts gilt freilich einer geistlichen Residenzstadt und ihrem Umland, das Motiv der Universität entfällt. Um so deutlicher tritt damit die humanistische Darstellungsintention hervor, die für die Entwicklung des Genus maßgeblich sein sollte: Albrecht bemüht sich, die Natur des Landes, der Stadt, ihrer Bewohner und ihrer Herrschaft als sinnvoll geordnetes, beziehungsreiches Ganzes vorzustellen. Zwischen dem Charakter von Land und Leuten und der jeweiligen Herrschaftsordnung besteht eine innere Entsprechung. Im Reformationszeitalter hat Philipp Melanchthon, für den die Verankerung der öffentlichen Rede innerhalb des Lehrbetriebs und im Zentrum akademischer Feiern ein Kernstück humanistischer Universitätsreform darstellte, daraus eine naheliegende Konsequenz gezogen, als er für seinen Katalog von Musterreden ein Lob des Landes Meißen (Kurfürstentum Sachsen) verfaßte. Er zeigt darin auf, daß in Meißen sowohl den Untertanen wie der Regierung von alters her die göttlichen Gebote als Richtschnur ihres Handelns dienen. Diese einheitsstiftende Funktion der Lobrede auf Stadt und Land scheint bis ins 17. Jahrhundert bestimmend gewesen zu sein.
B.
Der Bamberger und Eichstätter Domherr Albrecht von Eyb (1420-75), der in Bologna, Padua und Pavia studierte, hat mit der um 1459 wohl noch in Italien zusammengestellten ›Margarita poetica‹ das erste Rhetorikhandbuch des deutschen Humanismus redigiert, das erstmals 1472 im Druck erschien und bis Ende des 15. Jahrhunderts mehrere Auflagen erlebte. Es enthält vor allem ausgewählte Beispieltexte antiker Schriftsteller. Doch manche der beigegebenen Musterreden hat er auch selbst verfaßt; so die hier vorgestellte ›Oratio ad laudem et commendationem Bamberge civitatis‹. Ob sie auch zum Vortrag kam, ist nicht bekannt.
Eyb behandelt in seiner Rede die meisten der Topoi eines Städtelobs, die bereits das ganze Mittelalter hindurch geläufig waren. Doch über so zentrale Argumente wie die Bauten der Stadt und die Tugenden ihrer Bürger geht er nur kurz hinweg. Stattdessen legt er den Schwerpunkt auf die Verknüpfung von Stadt und Land einerseits und die Stadtverfassung andererseits. Gerade damit gewinnt die Rede für die weitere Entwicklung des Genus und seiner Motive exemplarischen Charakter.
Bereits Eybs Vorgänger Bruni und Enea Silvio hatten die Stadt als Mittelpunkt einer von Menschen gestalteten Kulturlandschaft beschrieben. Bei dieser für den Humanismus typischen anthropozentrischen Erfassung des Raumes greift Eyb nun auch auf einen Topos zurück, der im antiken und mittelalterlichen Städtelob überhaupt keine Rolle gespielt hatte, nämlich der des Lustortes (locus amoenus) [§§ 3/4]. Das Bamberger Umland nimmt damit Züge einer Ideallandschaft an, die aber – und das unterscheidet sie von der älteren literarischen Tradition dieses Topos – der Stadt zugewandt ist. Durch die Einführung ästhetischer Kategorien wird so eine Verbindung von Stadt und Umland geschaffen, die im Rahmen der Residenzenbeschreibungen des 16. und 17. Jahrhunderts besondere Bedeutung gewinnt. Denn auf diese Weise ließen sich landschaftliche und städtebauliche Reize zu einer rhetorischen Klimax verbinden, deren Abschluß- und Höhepunkt die Schilderung der fürstlichen Schloßbauten und ihrer Ausstattung bildet.
Die Rede gipfelt in der abschließenden Aufforderung an Bischof, Schultheiß und Ratsherrn, das Recht zu schützen und über dieses Land zu wachen. Diese Qualitäten der Herrschaft liefern zugleich die leitenden Kategorien für die Beschreibung der Stadt (vgl. zum Folgenden Weiss, Landkreis Bamberg, und die dort angegebene ältere Lit.; ferner Ott, Rechtsprechung). Über der Stadt thront die bischöfliche Burg – die wie die übrigen Adelsburgen das Land schützt. Bamberg bedarf also keiner Mauern, um sicher zu sein. Vielmehr ist das Fehlen einer Stadtbefestigung ein Zeichen der Freiheit. Damit kehrt Eyb ein topisches Lob der Stadt dem Sinn nach um. Tatsächlich hatte es die Bamberger Bürgerschaft im Unterschied zu den meisten anderen Bischofsstädten nicht geschafft, sich von der Herrschaft des Bischofs freizumachen, der das Befestigungsrecht nach wie vor dem Stiftsklerus vorbehielt. Als Eyb seine Rede verfaßte, lag der Streit der Stadt mit dem Bischof wegen der Errichtung einer Stadtmauer erst gut zwei Jahrzehnte zurück. Ähnlich verfährt Eyb bei der Beschreibung der eigentlichen Stadtverfassung: Ihr Archaismus, nämlich die Dominanz des bischöflichen Schultheißengerichts unter Beisitz einiger städtischer Schöffen, ist bei ihm Ausdruck einer politischen Ausgewogenheit und Weisheit, mit der Bamberg die klassische Tradition der Antike fortsetzt.
Der Humanist Eyb lobt also nicht mehr dieses und jenes, wie es etwa noch zur selben Zeit der Wiener Theologieprofessor Thomas Ebendorfer getan hatte, als er (freilich in politischer Absicht) vor seinem Landesherrn die Vorzüge des Landes Österreich pries. Er wählt aus und harmonisiert, um den Eindruck einer Ordnung entstehen zu lassen, in der Stadt und Land, natürliche und politische Vorzüge in idealer Weise zusammenwirken. Mit rhetorischen Mitteln konstruiert er auf diese Weise dort eine ideelle Einheit, wo sich dem zeitgenössischen Betrachter ein Bild politischer Zerissenheit bot. Das galt für das Hochstift Bamberg wie für Franken insgesamt. Die Metropole Bamberg wurde durch den Antagonismus zwischen Geistlichkeit und Bürgerschaft und das Land durch den Unfrieden des Adels in seiner Entwicklung gehemmt. Wie andere Lobreden, so enthält auch die Eybs eine Mahnung an die Herrschenden, legitimiert aber in einem umfassenden Sinn die bestehende Herrschaftsordnung.
a) Lateinische Fassung
Ad laudem & commendationem Bamberge ciuitatis oratio [Abdruck nach der 2. Aufl. der Margarita poetica, Rom: Ulrich Han 20. XII. 1475, fol. 286v-287v. Diese Aufl. liegt auch der Ed. Hammer, Albrecht von Eyb (mit englischer Übersetzung) zugrunde]
§ 1 [B] Amberga ciuitas regia atque florentissima intra clarissime & opulentissime patrie Franconie, que plerunque Frantia [!] orientalis dicitur et inter Germanie nationes non minima, fines dicitur esse constituta. Hec profecto ciuitas & situs oportunitate & aliarum maximarum rerum admiratione dignissima inter alias tanquam sol inter sidera micat atque preradiat. Etenim ea est ciuitas que de omni genere landis [!] atque uirtutis cum quauis non modo earum que hac tempestate preclare ac celebres habentur, sed etiam cum omni possit antiquitatis memoria contendere. § 2 Et imprimis adeo benigne a natura parente Bamberge letus ac fertilis tributus est ager, ut non modo indigenarum, inquilinorum & advenarum alimonias frugumque copiam abunde suppeditet, verum etiam finitimis ubertatem elargiri queat. Quocirca Bamberge terras imprimis alme Cereris delectas cultasque non iniuria dixerim. Bamberga hec famosa est multitudine uinetorum & Bacho, ut videtur, in primis sacra. Quid diversa pomorum genera, silvas & reliqua arbusta loquar! Ea non solum ad victum utilissima, sed etiam, que infructuosa uidentur, infinitas usibus hominum commoditates apportant. Pratorum uiriditas latissima et pabuli copia, cum amenum quendam uisentibus aspectum, tum uero gregibus & armentis, sine quibus agri colendi modus haberi non potest, ingentes quasdam utilitates afferunt. Ortorum pulchritudo spaciosa iocunditas: Quasi nutrix sedula quotidianos prouentus ita large sumministrat, ut herbarum & florum ubertas dulcia quedam uite condimenta largiatur. § 3 Bamberga insuper flumine siue amne non indecore abluitur qui, tectus fronde populea, cristallino alueo uiridius [!] ripis mira placiditate fluit. Surgit autem Bamberga leniter in collem subiectamque planiciem despicit; montes a tergo habet coniunctos ad aucupatione uenationesque aptissimos. Itaque siue rapaci aue, siue mordaci cane, siue plagis, siue uenabulo, siue cursu, denique siue feris, siue auibus, siue piscibus delecteris, vicini montes, coniuncti colles, subiecta planicies, prefluens amnis affatim omne genus prede tibi largiter subministrant. § 4 Est denique Bamberga pro assumenda deambulatione locus quidam amenissimus. Ibi inter flauentes segetes & amena uireta ramosque fecunditate fructuum incuruos ad ipsum amnem alii cantant, iocantur alii, alii obsonium conferunt, denique alii inter se luctantur lacertosi quasi in gladiatorio certamine. Qui deambulandi & placendi gratia conueniunt & qui violentia maioris roboris prosternuntur & gravissimo casu ad terram deiiciuntur, vberem ridendi materiam aliis prebent. § 5 Supra Bambergam ad uerticem montis Arx est munitissima, sicut & tota Franconia castellis est referta que a nobilibus tenentur. Ut igitur uiatores paulo plures numero conspiciantur, cum iam illi castellis subsunt, repente ex arcibus cornua sonant & quam maxima fieri potest, multitudo hominum ex menibus et propugnaculis clamorem extollit hostilem (ut dicitur: Et rauco crepuerunt cornua cantu). Quem illi ualere putant ad custodiam rerum suarum magisque ab iniuria temperaturos homines, si iam aspecti & declamati se observari existiment. § 6 Hoc etiam ad cumulum laudis additur, quod tot copiosissimarum urbium uicina Bamberga est, ut, siquid nostros ad usus dedit, non laboriose uendicari possit, quam in promptu sit quam pleno (ut dicitur) cornu.
§ 7 Hec nature fere dona sunt, illa uero artis non exigua sane. Occurrunt nanque cum alia templa multa domi forisque diuini uenerationi & christiane religioni dedicata, tum uero episcopalis sedes, Bamberge ciuitatis pleno iure domina, cuius decor & magnitudo cuiuslibet etiam nobilissime ciuitatis ornamenta esse possint. Surgunt preterea, quoque te uerteris, tot tanteque domus, edes regie, quarum numerus & magnificentia spectabilem urbem & admirandam afficiant. Omnia quippe sunt ad urbis sufficientiam preterquam menibus & muro caret, in maxime libertatis signum. § 8 Non dicam nunc Reuerendissimi antistitis domini Anthonii ex nobili de Rotenhan familia fidem & sanctimoniam, non cleri deuotionem & prestantiam, non diuini cultus institutionem et obseruantiam, non ciuium humanitatem & beniuolentiam, non adulescentulorum grauitatem & continentiam, non matronarum claritatem & pudiciciam, non denique templorum ornatum & totius urbis admirandam pulchritudinem. Que, me Hercule, conspicua sunt & egregia decorata lauticia, que, si omnia pro dignitate laudare uellem, ante diem clauso componet uesper Olimpo. § 9 Hanc igitur felicissimam Bambergensem ciuitatem sapientissimam quoque appellare licet. Quippe que quod ab Etruscis inuentum & a Romanis usurpatum optimum regendi temperamentum legerit, id sibi uendicari studuerit. Quemadmodum enim ad communem tuendam libertatem optimum factum iudicarunt Romani consulares tribunosplebis addere potestati, hoc est plures creare magistratus, ut quod pauci non ualerent, id plures sustinerent, utique quod in paucis presidentibus periculosum foret, id a pluribus tutum redderetur, ut demum in quo pauci aberrare possent, id plures corrigerent atque emendarent: Sic apud eos per Reuerendissimum dominum Antistitem, quem Scultetum uocant, deputatur, apud quem summa potestas cum imperio est. Hic non publicis edibus sed in priuata domo sua & consueta habitat. Hic in caput uniuscuiusque animaduertendi potestatem habet, si de homicidio, si de furtu, de rapinis, de ueneficio, de adulterio ac ceteris criminibus agatur. Astant in consilio eius quos ipsa ciuitas deputat uiros consulares. Rei ipsi in uinculis adducuntur. Ibi & accusatoribus & defensoribus dicendi contra reum & pro reo facultas datur. Auditis omnibus in sententiam itur. Eodem ordine de ciuilibus causis cognoscitur apud hunc magistratum & eius consilium quia liberam iudicandi habent potestatem. § 10 Uestrum igitur est, Reuerendissime Presul, Magnifice Scultete, & sapientisimi consules, tam gloriose patrie, ciuitati & reipublice consulere & iusticiam conservare. Nihil enim pulchrius, nihil dignius, nihil antiquius ducitis quam dies ac noctes pro tam alma patria & republica uigilare, uigilando defendere, defendendo cum laude & gloria gubernare. Quam quidem facultatem ille uobis tribuat & concedat, qui cum beatissima eius genitrice ac diuis Henrico & Kunegunde, quibus Bamberga gaudet patronis, in excelsis uiuit & regnat per infinita secula seculorum benedictus.
Amen
b) Übersetzung
Lob- und Preisrede auf die Stadt Bamberg
§ 1 Von Bamberg, der königlichen und blühenden Stadt, heißt es, sie liege innerhalb der Grenzen des berühmten und reichen Landes Franken, das meist Ostfranken genannt wird – unter den Völkerschaften Germaniens nicht die geringste. Diese Stadt verdient fürwahr in jeder Hinsicht Bewunderung aufgrund der Gunst der Lage und anderer wichtiger Dinge, sie funkelt und leuchtet unter den anderen wie die Sonne zwischen den Sternen. Denn es handelt sich um eine Stadt, die in allen Arten von Ruhm und Auszeichnung nicht nur mit den Städten, die zu unserer Zeit für bedeutend und preiswürdig gehalten werden, sondern auch mit der gesamten antiken Überlieferung wetteifern kann. § 2 Und vor allem ist Bamberg von Mutter Erde in so gütiger Weise ein reiches und fruchtbares Ackerland zugeteilt worden, daß sie nicht nur in reichem Maße eine Menge von Nahrung und Früchten für Alteingesessene, Neubürger und Zugezogene liefert, sondern sogar in der Lage ist, die Nachbarn mit ihrem Reichtum zu beschenken. Deswegen dürfte ich nicht zu Unrecht sagen, daß das Land um Bamberg der nährenden Ceres besonders am Herzen liegt und von ihr gepflegt wird. Dieses Bamberg ist berühmt wegen der Zahl seiner Weingärten und dem Bacchus, wie es scheint, besonders heilig. Wozu soll ich von den verschiedenen Apfelsorten, den Wäldern und den übrigen Baumpflanzungen sprechen! Diese sind nicht nur für die Ernährung von großem Nutzen, sondern auch was als unfruchtbar erscheint, dient in unschätzbarer Weise den Bedürfnissen der Menschen. Das weite Grün der Wiesen und die Menge an Futter verschaffen dem Betrachter einen lieblichen Anblick und sind vor allem für die Schaf- und Viehherden von geradezu unermeßlichem Nutzen, ohne die Landwirtschaft nicht möglich ist. Ergötzlich sind die schönen und ausgedehnten Gärten: Wie eine fleißige Amme liefern sie täglich einen so reichlichen Ertrag, daß die Fülle der Kräuter und Blumen dem Leben eine gewisse angenehme Würze verleiht. § 3 Bamberg wird überdies von einem ansehnlichen Fluß oder Strom bespült, der, gedeckt vom Laub der Pappeln, in einem kristallklaren Bett an grünen Ufern mit wundersamer Gemächlichkeit dahinfließt. Bamberg aber erhebt sich sanft auf einem Hügel und schaut auf die darunterliegende Ebene hinab; im Rücken hat es eine Kette von Bergen, die sich sehr gut für den Vogelfang und die Jagd eignet. Deshalb liefern einem, wenn man am Raubvogel, dem bissigen Hund, den Netzen, dem Jagdspieß und der Hatz, überhaupt wenn man an wilden Tieren, Vögeln und Fischen sein Vergnügen findet, die benachbarten Berge, die Hügelketten, die darunterliegende Ebene und der vorüberfließende Strom mehr als genug aller Arten von Beute.
§ 4 Außerdem ist Bamberg ein sehr angenehmer Ort, um Spaziergänge zu unternehmen. Zwischen goldenen Kornfeldern, lieblichen Wiesenflächen und Zweigen, die sich unter der Last der Früchte bis zur Oberfläche des Stromes biegen, singen die einen, die anderen scherzen, manche picknicken zusammen, wieder andere mit starken Muskeln ringen miteinander wie bei einem Gladiatorenwettkampf. Diejenigen, die zusammenkommen, um spazierenzugehen und sich zu erholen, und die durch die Gewalt einer überlegenen Kraft mit recht hartem Fall zu Boden geworfen werden, geben den anderen reichlich Anlaß zum Lachen. § 5 Oberhalb von Bamberg liegt auf der Spitze des Berges die stark befestigte Burg, so wie auch ganz Franken voll ist von Burgen, die den Adligen gehören. Sowie man also nur ein paar Wanderer sieht, erklingen, wenn diese sich schon unterhalb der Burgen befinden, plötzlich von dort die Hörner und zwar so laut wie möglich; eine Menge Menschen erhebt von den Mauern und Vorwerken aus ein feindseliges Geschrei (wie es heißt: »mit schmetterndem Klang ertönten die Hörner«). Jene glauben, daß durch dieses Geschrei ihr Eigentum geschützt werden kann und die Menschen eher davon abgehalten werden, Unrecht zu tun, wenn sie, weil sie bereits gesehen und angeschrien worden sind, glauben, unter Beobachtung zu stehen. § 6 Auch das kommt zur Fülle des Ruhms hinzu, daß Bamberg in der Nachbarschaft von so vielen reichen Städten liegt, daß, wenn es etwas für unseren Gebrauch gegeben hat, ohne weiteres in Anspruch genommen werden kann, was wie in einem Füllhorn (wie man sagt) zur Verfügung steht [der Sinn des mit ut eingeleiteten Nebensatzes ist nicht ganz klar. Die Verbindung quam (…) quam (so auch in der editio princeps) entspricht nicht dem lateinischen Sprachgebrauch; vgl. Hammer, Albrecht von Eyb, zur Stelle].
§ 7 Dies sind überwiegend Gaben der Natur, doch jene der Kunst sind sicherlich keine geringen. Es begegnen nämlich zum einen neben vielen Tempeln innerhalb und außerhalb der Stadt, die der Verehrung Gottes und der christlichen Religion gewidmet sind, vor allem eine Bischofskirche, die allmächtige Herrin der Stadt Bamberg, deren Schmuck und Größe auch eine Zierde für jede andere berühmte Stadt sein könnte. Außerdem erheben sich, wohin man sich auch wendet, so viele und große Häuser, königliche Gebäude, deren Zahl und Pracht die Stadt ansehnlich und bewundernswert macht. Denn alles ist für eine Stadt in ausreichendem Maße vorhanden, abgesehen davon daß sie keine Mauern und Befestigungen hat, als klares Zeichen der Freiheit. § 8 Ich spreche jetzt nicht vom starken Glauben und vom frommen Lebenswandel des hochwürdigen Bischofs, des Herrn Anton aus der adligen Familie von Rotenhan, nicht von der Frömmigkeit und der Tugend des Klerus, nicht von der Ordnung und Pflege des Gottesdienstes, nicht von der Menschenfreundlichkeit und dem Wohlwollen der Bürger, nicht von der Ernsthaftigkeit und der Enthaltsamkeit der jungen Männer, nicht vom Ansehen und der Züchtigkeit der Frauen und auch nicht vom Schmuck der Tempel und der bewundernswerten Schönheit der ganzen Stadt. All das, beim Herkules, ist überaus ansehnlich und von außergewöhnlicher Pracht. Wenn ich alles so loben würde, wie es angemessen wäre, würde sich zuvor der Himmel verdunkeln und der Abend den Tag beschließen.
§ 9 Die so glückliche Stadt Bamberg kann man schließlich auch als sehr weise bezeichnen. Denn sie hat sich bemüht, das, was sie von dem ausgewählt hat, was von den Etruskern als beste Regierungsform erfunden und von den Römern übernommen wurde, sich zu eigen zu machen. Denn so wie die Römer es für die beste Maßnahme zum Schutz der allgemeinen Freiheit hielten, der Regierung konsularische Tribunen des Volkes hinzuzufügen, d. h. mehrere Amtsträger zu wählen, damit das, wozu wenige nicht in der Lage wären, mehrere übernähmen, und damit das, was bei wenigen Amtsträgern gefährlich werden könnte, von mehreren sichergestellt werde, kurzum damit dort, wo wenige irren könnten, mehrere richtigstellen und verbessern sollten: So wird bei ihnen derjenige vom hochwürdigen Herrn Bischof bestellt, den sie Schultheiß nennen, der über die höchste Amtsgewalt verfügt. Dieser wohnt nicht in einem öffentlichen Gebäude, sondern in seinem eigenen, gewöhnlichen Haus. Er hat das Recht, jedermann zum Tod zu verurteilen, sei es nun im Fall von Mord, Diebstahl, Raub, Giftanschlag, Ehebruch oder anderen Verbrechen. Ihm stehen Männer beratend zur Seite, die die Stadt selbst abordnet. Die Angeklagten selbst werden in Fesseln vorgeführt. Dort erhalten sowohl die Ankläger als auch die Verteidiger die Gelegenheit, gegen und für den Angeklagten zu sprechen. Nachdem alle angehört wurden, ergeht das Urteil. In gleicher Weise werden Zivilprozesse vor diesem Amtmann und seinem Rat durchgeführt, weil sie eine unumschränkte Gerichtsgewalt haben. § 10 Es obliegt also euch, hochwürdiger Bischof, ehrenwerter Schultheiß und kluge Ratsherren, über ein so ruhmreiches Land, eine solche Stadt, ein solches Gemeinwesen zu wachen und die Gerechtigkeit zu wahren. Denn ihr vollführt nichts Schöneres, nichts Würdigeres, nichts, was der Tradition angemessener sein könnte, als Tag und Nacht über ein so segensreiches Land und Gemeinwesen zu wachen, durch euer Wachen zu verteidigen und durch eure Verteidigung ruhm- und ehrenvoll zu regieren. Gerade diese Fähigkeit möge euch jener verleihen, der mit seiner seligen Mutter und den göttlichen Beschützern Heinrich und Kunegunde, an denen sich Bamberg erfreut, im Himmel lebt und mit Gottes Segen herrscht in alle Ewigkeit. Amen.
Übersetzung Markus Müller, Freiburg i.Br.
C.
Quellen
Petrius Anthonius de Clapis, Oratio in genere demonstrativo in laudem civitatis universitatisque Heydelbergensis inclitissimique et serenissimi principis comitis Rheni, palatini et Bavarie ducis, o. O. o. J. [1499; rec. 1465]. – Thomas Ebendorfer, Oratio ad ducem Albertum, in: Hieronymus Pez, Scriptores rerum Austriacarum, Bd. 2, Leipzig 1725, Sp. 939-943 [rec. 1461].– Albrecht von Eyb, Ad laudem et commendationem Bamberge ciuitatis oratio, Nürnberg 1472 [entstanden 1452?]. – Georg Eyssenwinner, Oratorium Coburgi encomium, Coburg 1663. – Johann Georg Haubach, Oratio de Herbornae Nassoviorum laude, Herborn 1671. – Philipp Melanchthon, Oratio de regione et gente Mysarum, in: Opera quae supersunt omnia, hg. von Karl Gottlieb Bretschneider, Bd. 12, Halle, S. 1844, Sp. 34-46 [rec. 1553]. – Adam Rosacius, Oratio de Boemiae reviviscentia, Prag 2000 (Fontes latini Bohemorum, 5) [rec. 1615]. – Wattenbach, Wilhelm: Peter Luder's Lobrede auf Pfalzgraf Friedrich den Siegreichen, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 23 (1871) S. 21-38 [rec. 1458]. – Wilhelm Wispeck, Oratio in qua praecipua Ingolstadianae ornamenta tractantur, München 1571.
Literatur
Hammer, William: Albrecht von Eyb, Eulogist of Bamberg, in: The Germanic Review 17 (1942) S. 1-19. – Kleinschmidt, Erich: Textstädte – Stadtbeschreibung im frühneuzeitlichen Deutschland, in: Das Bild der Stadt in der Neuzeit, 1400-1800, hg. von Wolfgang Behringer und Bernd Roeck, München 1999, S. 73-80. – Kugler, Hartmut: Die Vorstellung der Stadt in der Literatur des deutschen Mittelalters, München 1986. – Müller, Jan-Dirk: Der siegreiche Fürst im Entwurf der Gelehrten. Zu den Anfängen eines höfischen Humanismus in Heidelberg, in: Höfischer Humanismus, hg. von August Buck, Weinheim 1989 (Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung, 16), S. 17-50. – Ott, Hans Friedel: Die weltliche Rechtsprechung des Bischofs im Hochstift Bamberg von den Anfängen bis in die erste Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, Bamberg 1980 (Historischer Verein für die Pflege der Geschichte des ehemaligen Fürstbistums Bamberg. Beiheft 11). – Poel, Gerard Marie van der: De declamatio bij de humanisten. Bijdrage tot de studie van de functies van de rhetorica in de Renaissance, Nieuwkoop 1987. – Slits., Franciscus P. T.: Het latijnse stededicht. Oorsprong en ontwikkeling tot in de zeventiende eeuw, Amsterdam 1990. – Watanabe-O'Kelly, Helen, Simon, Anne: Festivals and Ceremonies. A Bibliography of Works Relating to Court, Civic and Religious Festivals in Europe 1500-1800, London u. a. 2000. – Weiss, Hildegard: Stadt- und Landkreis Bamberg, München 1974 (Historischer Atlas von Bayern. Tl. Franken. Reihe I, Heft 21). – Weisshaar-Kiem, Heide: Lobschriften und Beschreibungen ehemaliger Reichs- und Residenzstädte in Bayern bis 1800. Die Geschichte der Texte und ihre Bibliographie, Mittenwald 1982.