NAUMBURG, BF.E VON
I.
Das Bm. wurde i. J. 968 von Ks. Otto I. im Zusammenhang mit der Errichtung des Ebm.s → Magdeburg in Zeitz an der Weißen Elster gegr. Patrone waren die Apostel Petrus und Paulus. Im Jahr 1028 gestattete Papst Johannes XIX. (1024-32) die Verlegung des Bistumssitzes von Zeitz nach N. an der Saale. Hintergrund für diese Entscheidung war wohl weniger die als Begründung angeführte gefährdete Lage von Zeitz im dt.-slaw. Grenzgebiet, als vielmehr das erfolgr. Bemühen Ks. Konrads II. (1024-39), das einflußr. Geschlecht der Ekkehardinger durch dieVerlegung des Bm.s auf deren Allodialgut N. stärker in die Reichspolitik einzubinden.
Der Bistumssprengel lehnte sich an die Grenzen der einstigen Mark Zeitz an und erreichte im Verlauf des Landesausbaus eine Ausdehnung, die sich von Weißenfels und der unteren Rippach in südöstl. Richtung über Pleiße und Elster bis zur Zwickauer Mulde bei Waldenburg, von dort bis zum Fichtelberg und über Adorf-Markneukirchen bis zur Saale bei Saaldorf erstreckte. Im W bildete die Saale unter Ausschluß des mainz. Orlagaus die Grenze. Ab 1320 läßt sich endgültig die Gliederung der Diöz. in vier Archidiakonate erkennen.
Ausgestattet wurde das Bm. neben den civitates Zeitz und → Altenburg und mehreren Kirchen auch mit Gft.en in Thüringen und drei Burgwarden an der Elbe, so daß sich der Hochstiftsbesitz um die dichten Gütergruppen an Elster, Rippach, Saale/Wethau, Pleiße und Elbe konzentrierte. Während der Elbbesitz in der zweiten Hälfte des 13. Jh.s verloren ging, entstanden auf den verbliebenen Besitzkomplexen im Verlauf des SpätMA fünf Ämter: Breitingen, Haynsburg, Krossen, Saaleck und Schönburg.
Bis zum Ende des Pontifikats Bf. Engelhards (1207-42) gelang es den N.er Bf.en trotz zahlr. Auseinandersetzungen mit den Inhabern der Hochstiftsvogtei, den Mgf.en von → Meißen, ihre Eigenständigkeit weitgehend zu wahren und eine erfolgr. Territorialpolitik zu betreiben. Dies änderte sich einschneidend unter Engelhards Nachfolger, Bf. Dietrich II. (1243-72) aus dem Haus → Wettin. Dieser wurde von seinem Halbbruder, Mgf. Heinrich dem Erlauchten (1221-88) gezwungen, die mgfl.-meißn. Schutzherrschaft über das Hochstift in dem am 25. April 1259 abgeschlossenen Vertrag vonSeußlitz anzuerkennen. Der Vertrag leitete den Prozeß der Mediatisierung des Bm.s N. unaufhaltsam ein. Der wettin. Einfluß auf das Hochstift resultierte dabei nicht nur aus der Schutzherrschaft, sondern v. a. aus dem engen verwandtschaftl. bzw. persönl. Beziehungsgeflecht, das Teile des N.er Domkapitels, welches den Handlungsspielraum der Bf.e mittels der 1335 einsetzenden Wahlkapitulationen zunehmend einengte, mit dem Landesherren verband.Seit dem zweiten Viertel des 15. Jh.s reduzierte sich der für die Bischofswürde in Frage kommende Familienkreis auf einige wenige niederadlige Familien, deren Mitglieder traditionell auch hochrangige Ämter in Diensten des wettin. Landesherren bekleideten. Die Bf.e gehörten nun in der Regel dem landesherrl. Rat an, waren Träger des sächs. Hofgewandes und nahmen an den Landtagen teil. Von wenigen Ausnahmen abgesehen erfolgte die Bestätigung der Stiftsprivilegien nicht mehr unmittelbar durch den Ks., sondern stellvertretend durch den Kfs.envon → Sachsen. Eine durch die Ereignisse des Schmalkaldischen Krieges scheinbar mögl. Wiederherstellung der Reichsunmittelbarkeit durch Ks. → Karl V. blieb Episode. Nach dem Tod des letzten Bf.s Julius Pflug (1546-64) wurde das Bm. durch Administratoren aus dem wettin. Hause verwaltet. Das Stiftsgebiet wurde Teil der 1657 begründeten Sekundogenitur Sachsen-Zeitz.
II.
Nach der Verlegung des Bistumssitzes hielten sich die Bf.e nahezu ebenso oft in N. wie in Zeitz auf; seit Bf. Bruno (1285-1304) fungierte die Zeitzer Burg als Hauptres. des erstmals 1242 explizit genannten bfl. Hofes. Außer in N. läßt sich der Hof, der wohl zu keinem Zeitpunkt mehr als regionale Bedeutung erlangt hat, auch auf den Burgen Krossen, Schönburg (beide seit dem 12. Jh.), Haynsburg (ab 1305), Heuckewalde (14./15. Jh.) und Saaleck (seit 1344) nachweisen.
Vereinzelte Nachrichten über die personelle Zusammensetzung und die Struktur des bfl. Hofes sind seit dem 12. Jh. überliefert. Abgesehen von den N.er und Zeitzer Kanonikern, aus deren Kreis sich auch die seit 1139 kontinuierl. bezeugten bfl. Kapläne rekrutieren, erscheinen im unmittelbaren Umfeld des Bf.s neben verschiedenen Edelfreien zunächst v. a. Ministerialen. Die vier Hofämter sind seit dem 12. Jh. belegt (Kämmerer ca. 1109 bzw. 1191; Schenk vor 1145; Marschall vor 1157; Truchseß 1159). Ein 1147 als vicedominus bezeichneter Zeitzer Kanoniker ist als Vertreterdes Bf.s für sämtl. Verwaltungsangelegenheiten zu interpretieren, möglicherw. auch ein 1191 genannter ambetman. In der Folge fungierten zunächst officiati, dann Vögte (advocati) als bfl. Beauftragte. Seit der zweiten Hälfte des 14. Jh.s beaufsichtigte ein Hauptmann (später Stiftshauptmann) das milit. Aufgebot.
Die Anfänge der Kanzlei lassen sich bis in die erste Hälfte des 12. Jh.s zurückverfolgen, jedoch wird erst 1188 ein bfl. Notar namentl. erwähnt. Seit Bf. Dietrich II. (1243-72) läßt sich die Organisation der Kanzlei, die seitdem aus fünf bis acht Schreibern bestand, besser erkennen. An ihrer Spitze fungierte ein 1308 erstmals bezeugter Protonotar, der seit 1455 als Kanzler bezeichnet wurde. Eine Kanzleiordnung ist nicht erhalten. Der zuweilen dem Domkapitel angehörende und mehrfach auch als bfl. Offizial fungierende Kanzler stand an der Spitze der Verwaltung des weltl. Territoriums. Er wardie zentrale Figur des seit dem Anfang des 15. Jh.s bezeugten engeren bfl. Rates. Dieser bestand fast ausschließl. aus Adligen, die eine jurist. Graduierung erlangt hatten und nicht selten nahe Verwandte des amtierenden Bf.s waren. Dem seit 1329 unter dem Begriff camera faßbaren bfl. Finanz- und Rechnungswesen stand der Kammermeister vor, der auch die Rechnungslegung der in den Ämtern eingesetzten Schosser überwachte. Die bfl. Wälder wurden von dem zur Rechnungslegung verpflichteten Forstmeister verwaltet. Die hohe Gerichtsbarkeit übte in den Residenzstädten N. und Zeitzseit dem 14. Jh. ein bfl. Richter aus. Auf Zeit bestellt waren die Baumeister, die neben den Bauaufgaben z. T. noch mit weiteren Funktionen betraut waren. Die seit dem letzten Drittel des 15. Jh.s einsetzende Rechnungsüberlieferung vermittelt detailliertere Aufschlüsse über weitere Bedienstete des bfl. Hofes. Erwähnt werden neben dem bfl. Sekretär, einem Leibschneider und dem Barbier u. a. ein Küchenschreiber, ein Koch und Küchenjungen, verschiedene Kellner, der N.er und der Zeitzer Kellermeister, ein Bettenmeister, ein Stubenheizer, Hofboten, ein Postreiter, ein Stallmeister mit Stalljungen,ein Türknecht, Torwärter, Landsknechte, Wildschützen, ein Röhrenmeister sowie verschiedene Hofhandwerker (Winzer, Töpfer, Schlosser, Riemer, Sattler, Schuster, Wagner, Schmied, Glaser, Seiler, Kannengießer). Singulär sind bislang die Belege für einen Hofjuden unter Bf. Marquard (1352-72), für Spielleute und einen Sangmeister unter Bf. Heinrich von Stammer (1466-81) sowie für einen Hofzwerg unter Bf. Julius Pflug. Bis zum Tod des letzten Bf.s (1564) ist weder eine Hofordnung noch das Amt des Hofmeisters bezeugt. Detaillierte Nachrichten über die Größe des Hofs sind selten. Währenddie Menge der bei der Amtseinführung Bf. Dietrichs von Bocksdorf (1463-66) verbrauchten Lebensmittel sowie der repräsentative Einzug seines Nachfolgers Heinrich II. von Stammer (1466-81) mit 174 Pferden in Zeitz auf ein zahlenmäßig beachtl. Gefolge schliessen lassen, verzeichnet eine Quelle aus dem 16. Jh. nur 40 Personen, die tägl. aus dem Keller und der Küche des Bf.s versorgt werden mußten.
Die Einnahmen des Bf.s resultierten aus den bfl. Münzstätten u. a. in Zeitz und N., aus den Forsten, dem Gefälle der bfl. Richter von N. und Zeitz, dem Jahrgeld von N. und Zeitz, den Einnahmen aus Pachtgeldern sowie aus dem Verkauf von Lebensmitteln und tier. Produkten. Die Beteiligung am Bergbau im Erzgebirge unter Bf. Heinrich II. von Stammer und seinen Nachfolgern konsolidierte die Finanzlage erheblich. Die Versorgung des Hofes erfolgte hauptsächl. auf Grundlage der Einkünfte und der Eigenwirtschaft der mit den Res. orten verbundenen Ämter. Hinzu kamen Gewürze, ausländ. Weine,Spezereien, Papier, Siegelwachs, feinere Stoffe und Tuche, die zumindest im 16. Jh. auf der Peter- und Pauls-Messe in N. sowie auf den Oster- und Michaelismessen in → Leipzig erworben wurden. Neben ihrem Dienstgeld erhielten die Bediensteten des Hofes im 16. Jh. gelegentl. auch Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenstände.
Als Auftraggeber für Baumaßnahmen sowie für Kunstwerke lassen sich mehrere Bf.e nachweisen. Neben den im engen Zusammenwirken mit dem Domkapitel nach der Mitte des 13. Jh.s entstandenen berühmten N.er Stifterstandbildern sind hier z. B. die Errichtung und Ausstattung der Dreikönigskapelle in N. durch Bf. Gerhard II. von Goch (1409-22) sowie die mehrfachen Erweiterungsarbeiten in der Zeitzer Res. zu erwähnen. Sehr bedeutend ist die von Bf. Julius Pflugs angeschaffte umfangr. Bibliothek. Im Nachlaßverzeichnis von Pflug werden zudem auch Büsten röm. Ks., Gemälde, eine Sternenkarte und einGlobus erwähnt. Der Bosauer Benediktiner Paul Lang widmete seine chronikal. Arbeiten Bf. Johannes III. von Schönberg (1492-1517) und zwei bfl. Räten.
Das Hochstiftswappen zeigt die Insignien der beiden Apostelfs.en Petrus und Paulus, einen silbernen Schlüssel und ein silbernes Schwert mit goldenem Heft, auf rotem Grund in Form des Andreaskreuzes übereinandergelegt.
Quellen
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