RUDOLF II. (1576-1612)
I.
R., Erwählter röm. Ks., dt., ungar. und böhm. Kg., Ehzg. von → Österreich, Hzg. von → Burgund, Steiermark, Kärnten, Krain etc., * 18. Juli 1552 Wien als drittes Kind Ks. → Maximilians II. (1527-76) und Marias Infantin von Spanien (1528-1603). - Geschwister: Anna (1549-80); Ferdinand (1551-52); Ernst (1553-95); Elisabeth (1554-92); Maria (1555-56); → Matthias (1557-1619); Maximilian III. (1558-1618); Albrecht VII. (1559-1621); Wenzel (1561-1578); Friedrich (1562-63); Maria (1564); Karl (1565-66); Margareta (1567-1633);Eleonore (1568-80). - 21. Sept. 1572 Wahl und 26. Sept. 1572 Krönung zum ungar. Kg. in Pressburg. - 7. Sept. 1575 Wahl - 22. Sept. 1575 Krönung zum böhm. Kg. in Prag. - 27. Okt. 1575 Wahl, 1. Nov. 1575 Krönung zum röm.-dt. Kg. in → Regensburg. - 12. Okt. 1576 Erwählter röm. Ks. - 1595- 1602 Regentschaft Tirols. - Abtretung von Ungarn, Mähren und → Österreich am 24. Juni 1608, von → Böhmen am 18. Aug. 1611 an → Matthias. - † 20. Jan. 1612 in Prag. - ⚰ 1. Okt. 1612 im Prager Veitsdom.
II.
R.s Regierung war von einer Hochphase der Konfessionalisierung in Europa, von Religionskriegen in Westeuropa, den Osmanenkriegen in Ungarn sowie der erneuten Verhärtung der konfessionspolit. Parteien im Reich nach dem Augsburger Religionsfrieden geprägt. Innerhalb der Dynastie blieb nach der Erbteilung von 1578 (Mitherrschaft der Brüder durch Regentschaften, geistl. Versorgung) die Sukzessionsfrage ungelöst, da R. sowohl die eigene Heirat als auch eine Regelung zugunsten eines jüngeren Familienmitgliedes verweigerte. Dies führte zu schweren Konflikten mit denAgnaten, v. a. mit dem ambitiösen → Matthias, der 1608 Ungarn, das Ehzm. → Österreich und Mähren, sowie 1611 auch → Böhmen übernahm; insofern ist das polit. Handeln R.s in den letzten Jahren vorwiegend reaktiv zu verstehen.
Die ältere Überbewertung seiner depressiven Veranlagung bezügl. polit. Entscheidungen (Pánek 1998, S. 2), insbes. seiner gegenreformator. Position aufgrund der Erziehung in Spanien (1564-71) oder die Rolle seiner Kammerdiener wurden zuletzt erneut relativiert. Insofern wird R.s polit. Tätigkeit wiederum mehr Kontinuität zugebilligt; hier sind seine gemäßigte Personalpolitik am Hof und in den böhm. Landesämtern (von den letzten Jahren abgesehen), sein »Decision making« mit Räten der polit. Mitte durch lange Phasen seiner Regierung wie ebenso das toleranteKlima an seinem Hof und in Prag zu nennen. Durch zwei große Ausstellungen (1988 und 1997) gut erforscht sind Kunst und Wissenschaft am rudolfin. Hof. Weiterhin offen bleiben eine genauere Analyse von R.s extravagantem Herrschaftsstil, ebenso die Untersuchung seines Hofes unter sozialstrukturellen und machtpolit. Perspektiven, ökonom. Fragen, die Folgen seiner zunehmenden polit. Inaktivität v. a. für die Reichspolitik und deren Internationalisierung (Press 1990, S. 111), ungeachtet eines allg. fortschreitenden Konfessionalisierungsprozesses.
III.
Aufgrund der Kriterien der Mobilität und Kohärenz kann der regierende Hof R.s in drei Entwicklungsphasen gegliedert werden. Die erste 1576-83 war von einer gewissen Reisetätigkeit und damit verbundener stärkerer Parzellierung des Hofes geprägt. Es folgte die zweite, residente Phase in Prag mit relativer personeller Kontinuität v. a. in den oberen Ämtern. Um 1600 setzte eine beträchtl. personelle Fluktuation bis hin zu Auflösungserscheinungen einzelner Institutionen ein.
Nach dem Tod → Maximilians II. wurde der neue Hofstaat R.s am 12. Dez. 1576 in der Ritterstube des Linzer Schlosses verlesen. R. übernahm mit Ausnahme einiger Kammerherren und Pagen den Hofstaat seines Vaters zunächst weitgehend, auch das Kanzleipersonal; als Vizekanzler wurde nach Abstimmung mit dem → Mainzer Kfs.en zunächst Johann Baptist Weber übernommen. Die folgenden rund 25 Jahre wurden die Regierungsgeschäfte »mit beachtenswertem Erfolg« (Evans 1988, S. 28) geführt. Um 1599/1600 setzte eine Welle von Entlassungen v. a. engster Beraterund Vertrauter ein: des böhm. protestant. Vizekanzlers Jan Želinský und seines Sekretärs Jan Milner von Mühlhausen, des Präsidenten der Hofkammer Ferdinand Hofmann, zuletzt auch des Obersthofmeisters Wolfgang Rumpf und des Obersthofmarschalls Paul Sixt Trautson.
Der konfessionspolit. eher ausgewogenen Phase folgten in den nächsten Jahren eine gegenreformator. Wende, der überragende Einfluß des Nuntien und der facción española, des obersten böhm. Kanzlers Zdenĕk Lobkowitz und des Obersthofmeisters Karl von Liechtenstein; ebenso ein rascher Wechsel der obersten Ämter und einflußreichen Positionen im engeren Hof und Geheimen Rat, sowie zahlr. innerhöf. Intrigen und Konflikte. Als → Matthias im März 1611 nach Böhmen vordrang, wechselte fast die ganze hofstat auf dessen Seite(novum solem adorent). R. übertrug im Juli 1611 nach der Übernahme auch der böhm. Krone durch → Matthias dem Lutheraner Heinrich Julius von Braunschweig das Obersthofmeisteramt und die Leitung des Geheimen Rats, er selbst knüpfte Kontakte nunmehr zu den evangel. Unionsfs.en.
Vom ksl. Hof haben sich acht Hofstaatsverzeichnisse aus den Jahren 1576, 1580 (geplanterBesuch des Kurfürstentags von → Nürnberg), 1582 (Reichstag → Augsburg), 1584, 1589, 1594 (Reichstag → Regensburg), 1601 (mit Nachträgen bis 1607) und 1612 erhalten. Der Hof umfaßte 1576 etwa 700 Personen. Zur Huldigung in → Breslau 1577 zogen R. und seine Brüder → Matthias und Maximilian III. mit vier Trompetern und einem Gefolge von 609 Pferden ein. Bis zum Tode R.s 1612 erhöhte sich die Anzahl der Hofmitglieder auf rund 1100 bis 1200. Auch die Hofämter und höf.Funktionen vermehrten sich von etwa 180 auf 220 (Hausenblasová 1999, S. 23 und 34).
R. verzichtete zum Unterschied von → Ferdinand I. auf eine »nomadisierende« oder »rotierende« Weise der Verwaltung (Pánek 1998, S. 6). Bereits R.s Reisemobilität vor seiner Residenznahme in Prag 1583 hatte sich seit 1576 auf den Raum Wien, → Augsburg, Prag, → Breslau und Pressburg beschränkt. Die Abneigung gegen Hofreisen (wie selbst zu Sommeraufenthalten in das nahe Brandýs) verstärkte sich später noch aufgrund R.s Entschlußlosigkeit wie bes. zum Aufbruch zum Regensburger Reichstag 1594, der letzte, den er nach1582 (→ Augsburg) persönl. besuchte. Teils war die Mobilität durch Horoskope und Selbsteinbildungen, verzaubert zu sein, beeinflußt.
In Wien und Pressburg war R. letztmals 1583. Der ungar. Oberst Paul Nyáry bedauerte 1605 die ständige Abwesenheit R.s als wesentl. Grund für die polit. Wirren im kgl. Ungarn. Nach der Krönung von → Matthias zum böhm. Kg. (→ Böhmen) im Mai 1611 bemühten sich sowohl die Kfs.en als auch Joachim Ernst von Brandenburg-Ansbach um eine Verlegung der ksl. Res. in das Binnenreich (→ Regensburg).
Durch den Wechsel des Residenzortes von Wien nach Prag, ein Erfolg auch der böhm. Stände, wurde nicht nur die böhm. Metropole aufgewertet, sondern näherte sich der ksl. Hof auch den Kerngebieten des Reiches. Die Argumente gegenüber Wien waren sowohl geopolit., ökolog., wirtschaftl., innerdynast. als auch finanzieller Natur (s. u.). In → Böhmen setzte eine verstärkte Einbürgerung landfremder Höflinge und deren Familien ein. Das Hofgesinde war während des ersten längeren Prager Aufenthalts R.s 1578-81 v. a. über die doppelte Haushaltsführung in Prag und Wien nicht glücklich.Reichsvizekanzler Siegmund Vieheuser klagte 1580 über seine geringe tschech. Sprachkenntnisse. Während der (wenigen) Aufenthalte R.s in den Sommer- beziehungsweise Fluchtres.en in Brandýs, Podĕbrady oder Pilsen verblieb ein Teil des Hofes, auch des Geheimen Rats, in Prag oder Leitmeritz.
Eine Art Nebenhof mit Teilen (hinterlassen) der Reichshofkanzlei, der Hofkammer, des Hofkriegsrats - zuständig für die Belange der Länder beidseits der Enns und Ungarns v. a. im Kontext der Osmanenkriege - sowie der Hofbibliothek und des Hofkellers bestand in Wien. Der Ausdruck »hinterlassen« signalisierte eine Fraktionierung des Hofes und der Behörden.
Der kosmopolit. Prager Hof R.s war, auch aufgrund seines Mäzenatentums und seiner Toleranz, ein Konglomerat zahlr. europ. Nationalitäten von England bis Griechenland, Litauen und Spanien. In der Res. und in Prag lebten eine umfangr. ital. Kolonie, auch kleinere Gruppen wie aus den Niederlanden oder die exklusive Clique span. Hocharistokraten rund um den Gesandten Guillén de San Clemente bis zum Einzelgänger Tycho de Brahe aus Dänemark.
Die Inhaber der oberen Ämter und einflußreichen oder repräsentativen Positionen stammten v. a. aus den österr. und dt. Territorien, aus Reichsitalien, vereinzelt aus Spanien. Nach 1600 setzte sich auch der (v. a. kathol.) böhm. Adel bei wichtigen oder herrschernahen Diensten am Hof vermehrt durch (Adam d. J. von Waldstein Oberststallmeister 1606). Ethn. gesehen bestand der Hofstaat 1612 zu rund 70% aus Personen deutschssprachiger Herkunft und zu etwa 30% aus anderen Nationalitäten, v. a. Tschechen und Italienern.
Die Session in den Kollegialorganen richtete sich innerhalb der Herren- bzw. Ritter- und Gelehrtenbank nach der Anciennität; Obersthofmeister Rumpf trennte um 1596 (gegen den Protest der sehr offendierten dienstälteren gelehrten Räte) im Reichshofrat auch die Ritter- von der Gelehrtenbank. In den Hofstaatsverzeichnissen wurden die Höflinge innerhalb der einzelnen Ämter oder Funktionen in der Regel nicht nach dem Stand, sondern nach dem Dienstalter gereiht.
Personal- und Einflußstruktur des Hofes hingen v. a. nach 1600 von der Stimmungslage R.s ab. Es begann eine mitunter beschämende Suche nach neuen Vertrauenspersonen, wobei deren soziale Position insgesamt sank. R. umgab sich zunehmend mit einem »Regiment von niederen Chargen« (Evans 1980, S. 49), denen allein er regelmäßigen Zugang gestattete. Polit. fühlte er sich in aristokrat. Solidarität mehr den Rfs.en als den unteren Ständen verbunden; auch insofern hatten einzelne Fs.en, auch Lutheraner wie Heinrich Julius von Braunschweig und Reformierte wie SimonVI. von Lippe, bis zuletzt beträchtl. Einflußchancen am Hof.
Für einige Jahre, v. a. 1599-1603 und 1606-08, bildeten unter dem Einfluß der Nuntien Filippo Spinelli, Giovanni Stefano Ferreri und Antonio Caetano die kathol. Konfession einen maßgebl., auch personalpolit. Faktor bei Hof. Zu nennen sind v. a. die neue und dogmat. Generation »ehrgeiziger Aristokraten« (Evans 1980, S. 191) wie der böhm. Oberstkanzler Zdenĕk Lobkowitz und der mähr. Konvertit und Opportunist Karl von Liechtenstein als Obersthofmeister und Mitglied des Geheimen Rats.
Bis um 1600 hatte R. v. a. Beamte ohne strenge konfessionelle Bindung (an Papst und Spanien) herangezogen, der polit. Linie der Via Media seines Vaters entsprechend. Dieser war bei der Besetzung höf. Positionen mit Protestanten sogar kompromißloser gewesen; R. übernahm auch böhm. Utraquisten, Lutheraner und selbst Calvinisten in seine Dienste.
Unter R. wirkte v. a. der kulturelle Bereich zw. Hof und Land kohäsiv. Allerdings fehlte am Prager Hof und in der Stadt letztl. eine Zentrumspartei (im frz. Sinn) als polit. Plattform, um eine weitere konfessionelle Polarisierung zu verhindern. War die Integrationskraft seines Hofes insofern nicht nachhaltig, so bildete der rudolfin. Hof v. a. für Kunst und Wissenschaft ein attraktives Zentrum mit übernationaler und europ. Ausstrahlung.
Der sehr differenzierte Hof R.s entsprach der ksl. Repräsentation. An der Spitze stand der Obersthofmeister. Gemäß Hofstaatsverzeichnis von 1589 folgten bereits damals an zweiter Stelle der Oberstkämmerer, dann erst der Obersthofmarschall sowie der Oberststallmeister.
Dem Hofmeister waren mit Ausnahme des Oberstkämmerers und seines Stabes alle Hofämter unterstellt, auch die Hofbehörden. Insofern führte der Obersthofmeister 1576 den Vorsitz bei der ersten Sitzung des Reichshofrats und war ex officio Mitglied des Geheimen Rats. Dem Oberstkämmerer unterstanden der innere Hof, die für das persönl. Wohl R.s zuständige Leibkammer, also v. a. die Kämmerer, Kammerdiener und Ärzte, teils auch die Antiquare, Hofgelehrten und -künstler. Der Marschall hatte traditionell die Gerichtshoheit über das Hofgesinde inne. Dem gerade unter R. wichtigen Stallmeisterunterstand die stallpartei, alle Bediensteten und Handwerker in den Stallungen sowie die Edelknaben.
Zeitgenöss. Kritik erfuhren die Einflußnahmen einzelner Kammerdiener, wie der augapfel Hans Popp, der bereits 1597 seinen Vorgesetzten Wolfgang Rumpf überspielte; ebenso Hieronymus Makofsky und v. a. Philipp Lang in den Jahren 1603-08, der als Aufpasser R.s den Sitzungen des Geheimen Rats teilw. beiwohnte, oder zuletzt Caspar Rucky. Der Kammerdiener, nicht der Kämmerer bekleidete den Ks. (1607). Beim korrupten Lang bewarben sich hohe und höchste Standespersonen (wie R.s Bruder Maximilian III.) um Fürsprache und Audienzen.
Unter dem Konvertiten Johann Pistorius aus Nidda hatte das Amt des Beichtvaters beträchtl. polit. Einfluß. Die Hofkapelle umfasste 1612 einen Hofprediger (unbesetzt), einen Elemosinar, 15 Kapläne mit dem Beichtvater, einen Oratoriums- und einen Kapellendiener. Die geistl. Hofmusikkapelle, in der die Niederländer dominierten, bestand aus 27 Kammermusizi, Sängern und Organisten sowie 16 Sängerknaben. Die 32 Hoftrompeter mit einem starken, aus Italienern bestehenden Anteil und der Hörpauker zählten zur Stallparthey.
Mehrere Leibärzte (1612 sieben, zudem vier Ärzte für den Hof), die sich überdies als Botaniker, Astronomen und Alchimisten betätigten, standen dem Ks ständig zur Verfügung. Der Breslauer Johannes Crato, ein reformierter Eireniker und einstiger Hausgenosse Luthers,hatte R. in seiner ersten Krise in den Jahren 1578-81 geheilt.
Die ksl. Leibgarde bildeten die 102 berittenen Hartschiere (mit einem hohen Anteil an Nobilitierten) und die 103 Trabanten, die mit Hellebarden oder Partisanen bewaffnet waren. Nicht zum engeren Hofstaat zählten die Torschützen, also die Burgwache, die dem böhm. Burghauptmann unterstand.
Der Geheime Rat, der die oberste Koordinierungsfunktion für die anderen Hofbehörden inne hatte, bildete das Entscheidungsorgan v. a. der großen Politik (stat, regiment und politische sachen). An ihn als obristen rat gelangten auch die wichtigeren Materien der drei übrigen Ratskollegien, des Reichshofrats, der Hofkammer und des Kriegsrats, zur approbation oder verbesserung. Er umfasste sieben bis neun Personen, zuletzt unter der Führung eines Direktors, wobei der Obersthofmeister und Reichsvizekanzler von Amts wegenMitglieder waren. Nach 1600 zerbrach er in »small antagonistic cliques« (Schwarz 1943, S. 63), zumal R. kaum mehr Audienzen erteilte und nach Gunst mit Einzelpersonen des Rates verhandelte.
Der Reichshofrat war das oberste Justizorgan des Reiches und der Erbländer und diente für die anderen Hofbehörden als eine Art »juristische Beratungsstelle« (Ehrenpreis 1997, S. 195), mitunter gegen deren Interessen (von der Hofkammer 1605 als justici crämer bezeichnet). Die Anzahl der Räte sank im Verlauf der Regierungszeit und schwankte zw. zehn und gut zwanzig Personen. Gegenüber dem Reichskammergericht in → Speyer hatte der Reichshofrat bei Parallelprozessen Weisungsrecht. Seit 1596 bestand das Amt einesReichshoffiskals. Die Koordininerungsaufgaben mit dem Geheimen Rat und dem Ks. übernahmen statt des Reichsvizekanzlers zunehmend einzelne Sekretäre, den Zugang zum Monarchen monopolisierend, nach 1600 v. a. Johann Barvitius und Andreas Hannewald.
Das Reformgutachten der Kfs.en von 1611 bemängelte, daß die Räte der Hofkammer ihre Ratsstunden, je drei Stunden vormittags und nachmittags, künftig fleißig besuchen sollten. Die Anzahl der Hofkammerräte stieg von sechs auf zuletzt 14 Personen. Der Verwalter des Obersthofmeisteramts Karl von Liechtenstein empfahl 1601, wie bei allen Ratskollegien (außer dem Kriegsrat) ebenso in die Hofkammer Gelehrte aufzunehmen. Der Hofkriegsrat, der gleichfalls einem Präsidenten unterstand, wuchs von acht auf zuletzt 13 Personen an.
Ausführendes Organ der genannten Ratskollegien war die Reichs- und Hofkanzlei unter dem Reichsvizekanzler mit ihrer Reichs- und österreichischen Abteilung, der Lateinischen Kanzlei, der Hofkammer- und der Kriegskanzlei. Die Familien- und geheimen Angelegenheiten bearbeiteten in erster Linie die geheimen Sekretäre Peter Obernburger († 1588) und Johann Barvitius († 1620).
Das burgund. Sekretariat war unter R. nicht, das span. bereits 1584 nicht mehr besetzt. Daneben bestanden eine ungar. Kanzlei mit einem Vizekanzler und die böhm. Kanzlei mit dem einflußreichen Obersten böhm. Kanzler, dessen Kompetenz sich zum Unterschied etwa vom Oberstbgf.en über alle Länder der böhm. Krone erstreckte (→ Böhmen). v. a. für die Reichs- und Hofkanzlei und den Hofkriegsrat waren ein bis zwei, zuletzt fünf Türkisch-Dolmetscher bestellt. In Wien residierten 1578-1608 eine sog. hinterlassene Kanzlei (1583-93 unter Ehzg. Ernst, 1595-1608 unterEhzg. → Matthias als Statthalter), sowie noch 1612 ein Teil der Hofkammer und des Hofkriegsrats. Die Audienzbereitschaft R.s. wurde nach 1600 zunehmend geringer. Petenten konnten im Marstall vorsprechen, wobei es teils zu Vergewaltigungen kam.
Der ksl. Hof unterhielt ständige Gesandte nur in Madrid, Rom, Konstantinopel, Venedig und teils in Paris. Gegen die Osmanen wurden die diplomat. Kontakte bis nach Persien und Marokko ausgebaut. Der residente Hof R.s erforderte einen höheren Bedarf an kommissionellen Gesandtschaften in das Reich. Für die Organisation des Briefverkehrs sorgten ein Hofpostmeister und zwei Kuriere.
R. wohnte in Prag mit Blick auf die Stadt im zweiten Stock des Südwestflügels der Burg, wo auch die Warte- und Audienzräume waren. Im Schloßbezirk befanden sich ebenso die Räumlichkeiten der meisten Reichs- und Landesbehörden (die Reichskanzlei in der Stadt Hradschin, die Böhmische Kammer am Kleinseitner Ring). Von den Hofleuten wohnten um 1610 gut zwei Drittel im Burgareal, in der Stadt Hradschin und auf der Kleinseite (damit in der nahen Umgebung des Ks.s); ein kleinerer Teil in der Altstadt, eine sehr geringe Anzahl in der Neustadt. Die Mitglieder der in böhm. Dienstenstehenden Burgwache (Torschützen) logierten ab 1597 im Goldenen Gäßchen (Hojda 1988, S. 119).
R. hatte nach der Rückkehr aus Spanien 1571 die Rudolfsburg (Amalienburg) nahe der Wiener Hofburg als Res. erhalten, die er später für Ehzg. Ernst erweitern ließ. Den unter → Maximilian II. begonnenen Bau des »Neugebäudes« mit dem Fasangarten, eines manierist. Landschlosses, setzte er fort (Wien XI).
Die Bauarbeiten an der Prager Burg dauerten die gesamte Regierungszeit an. Nach dem Bau des »Sommerhauses« für die persönl. Wohnzwecke im Südflügel bereits vor 1583 setzte R. mit dem Ausbau des Mitteltrakts als »Kunstkammer« sowie im N mit der Erweiterung der Pferdestallungen und den darübergelegenen repräsentativen »Palästen«, dem »Spanischen Saal« für die Unterbringung weiterer Gemälde und dem »Neuen Saal« für die Plastiken, fort. An den Südhängen der Burg wurden die Gartenanlagen erweitert. Alexander Colin vollendete das Mausoleum der Habsburger, ein großes Tumbagrab,im Veitsdom. Die Allerheiligenkapelle nahe dem alten Palast wurde umgebaut. Im Außenhof des Strahover Kl.s stiftete R. anläßl. der Pest von 1599 eine Votivkapelle.
Die uble wirtschaft der Hofkammer wurde 1611 von den Kfs.en schwer kritisiert, wodurch der Ks gar umb dero credit komen sei und niemand nichts mehr leihen wolle. Die Finanzierung des Hofes wie überhaupt des Staatshaushalts unter R. sind noch kaum erforscht. Ein Mitglied der toskan. Gesandtschaft, Daniel Eremita, schrieb 1609, dass R. der Kunst und Wissenschaft seine ganzen Einkünfte opfere. Aus dem Hausschatz, »seinen Truhen« (Vehse 1851, S. 65), finanzierte er 1611 die nötigen 300 000 Gulden für die Abdankungdes Passauer Kriegsvolkes in Prag.
Die Finanzschwäche wurde v. a. im Langen Türkenkrieg deutlich. Die Ausgaben für die gesamte ksl. Verwaltung, die Tributgelder und die Zeughäuser betrugen um 1580 bei 613 380 Gulden; dazu kamen der Unterhalt der Truppen in Ungarn mit 1 500 000 Gulden, weiter die Verzinsung der von → Maximilian II. übernommenen 12 Mio. Schulden zu fünf bis 15 Prozent. Diese Verschuldung wuchs bis 1607, nicht zuletzt aufgrund des 1593 einsetzenden Osmanenkrieges, um weitere 4 Mio. an (Gindely, Bd. 1, 1863, S. 36, 86). Die Einnahmen aus den Kammergütern und gewöhnl.erbländ. Steuern schätzte der venezian. Gesandte Giacomo Soranzo 1607 auf 3 Mio. Gulden (ohne die außerordentl. Bewilligungen von seiten der Erbländer, des Reiches und europ. Mächte).
Zur Steigerung der Einnahmen wurden der Bergbau (Joachimsthal, Gründung der Bergbaustadt Rudolfov in Südböhmen) wie allg. Handel und Schiffahrt gefördert und die erbländ. Städte durch marktstimulierende Maßnahmen begünstigt. Das von R. an seinem Hof und in Prag geförderte Kunsthandwerk (Gold, Silber, Glas, Emaillen) wurde weithin berühmt. Im ksl. Kreditsystem spielten die Prager jüd. Gemeinde, v. a. die Finanziers Mordechai Meisl und Jakob Bassevi, eine wichtige Rolle.
Nachdem der Augsburger Reichstag 1582 eine Mitfinanzierung des ksl. Hofes als unbreuchlich abgelehnt hatte, erklärten sich die böhm. Stände 1583 bereit, sich weiter am Unterhalt des Hofstaats und der Schuldentilgung zu beteiligen und die Kosten für den Ausbau der Prager Burg zur ksl. Res. zu übernehmen. Die Ausgaben für den (nichtregierenden) Hofstaat Kg. R.s hatten 1574 bei 89 000 Gulden betragen, bis 1612 stiegen sie auf 262 133 Gulden an.
Die Entlohnung der Hofleute erfolgte häufig nicht reibungslos. Reichshofrat Georg Eder schrieb 1583 nach der Verlegung der Res. nach Prag, daß gut die Hälfte des Hofgesindes noch in Wien sei und auf Geld warte, und ist ain solliche armut, davon nicht zu sagen. Während der Verhandlungen von Zsitvatorok konnten die Gehälter nicht mehr bezahlt werden. Vorwürfe von Korruption, nicht zuletzt gegen die Kanzlei, und fehlende Abrechnungen steigerten sich in den Krisenjahren nach 1600.
Zu den einflußreichen Personen in der kohärenten Phase des Hofes vor 1600 zählte der sog. vicekayser Hans Trautson († 1589) als Geheimer Rat, der bereits unter → Ferdinand I. und→ Maximilian II. in obersten Ämtern gedient hatte, weiter die Gruppe von R.s Begleitern während seines Spanienaufenthaltes, v. a. Adam von Dietrichstein als Obersthofmeister († 1590) sowie Wolfgang Rumpf als dessen Nachfolger. Rumpf und Obersthofmarschall Paul Sixt Trautson, Sohn des Hans, führten bereits während R.s erster Krankheit 1581 die Regierung, auch aufgrund ihrer dominierenden Position im Geheimen Rat, die sie bis zu ihrem Sturz i. J. 1600 beibehielten.
Die Ruhe und Sicherheit in Prag und das insgesamt tolerante Klima des Hofes zogen zahlr. Gelehrte und Künstler, auch Scharlatane an. Am Hof wirkten die Astronomen Tycho Brahe und Johannes Kepler wie ebenso die engl. Magier John Dee und Edward Kelley; auch Giordano Bruno hielt sich 1588 in Prag auf. Absent waren, vom Reichsjuristen Melchior Goldast abgesehen, eher die Rechtsgelehrten, nicht die zahlr. Berufsmediziner wie Johannes Crato, Michael Maier oder die Ärztefamilien der Guarinoni und Ruland.
Unter den Hofkünstlern sind in erster Linie die Maler Giuseppe Arcimboldo, Bartholomäus Spranger, Hans von Aachen, Joseph Heintz d. Ä., Roelant Savery und Pieter Stevens zu nennen; ebenso der Bildhauer Adriaen de Vries, sowie die Goldschmiede Paulus van Vianen, Jan Vermeyen, der Kupferstecher Ägidius Sadeler d. J., der Medailleur Antonio Abondio und der Steinschneider Ottavio Miseroni. Ottavio Strada und Daniel Fröschl dienten als Antiquitätenspezialisten, die Wiener Hofbibliothek leitete der Calvinist Hugo Blotius. Erasmus Habermel konstruierte Instrumente v. a. für die Astronomie.Philippe de Monte, einer der besten Polyphonisten der Zeit, hatte als Hofkapellmeister bereits → Maximilian II. gedient. Der Almosenpfleger und Musiker Jakob Chimarrhaeus förderte Dichterkrönungen. Die in Prag lebende Dichterin Elizabeth Jane Weston stand dem Hof nahe. Die Kontakte zw. böhm. und höf. Gelehrten vermittelte der Prager Polyhistor und Leibarzt R.s, Tadéaš Hájek.
Einzelne Hofämter wurden, teils durch Witwen, von Frauen geführt: so 1576 das Mundwäsche-, Leibwäsche- und das Maieramt (Wwe.); 1612 die Lichtkämmerei (Wwe.), das Mund-, Leib- und Tafelwäscheamt sowie das Leibnäherin- und Leopardenwärteramt (Wwe.). Der »öffentliche« Hof R.s war dagegen von Männern dominiert. Im »privaten« Kreis unterhielt R. in der Prager Burg eine rasch wechselnde Anzahl von Geliebten und Kurtisanen (viele aus Venedig). Der päpstl. Gesandte berichtete 1604, daß zwei weitere Frauen zu den anderen schlechten Weibern im Palast eingezogenseien. Die concubine hatten in der Burg 1607 eine eigene Tafel.
Mit Anna Maria da Strada (1579-1629), der unehel. Tochter des Antiquars Ottavio, bestand von etwa 1592 bis 1603 eine echte Liebesbindung. Im Umfeld des Sturzes von Rumpf und Trautson wurde auch sie mit anderen kaiserlichen Frauenzimmern verdächtigt. Von R.s zahlr. Kindern wurden sechs legitimiert. Berüchtigt wg. seiner gewalttätigen Exzesse war der Lieblingssohn Don Julius Caesar (1585-1609), der in Krummau in Gefangenschaft verstarb.
Die leitenden Generäle vorwiegend der letzten Jahre des Osmanenkrieges waren Giorgio Basta, Giovanni Belgiojoso und Hermann von Rusworm. Diesen, obwohl ein enger Vertrauter, ließ R. 1605 nach einer innerhöf. Vendetta ohne Verfahren kurzfristig enthaupten (was er wenig später bedauerte).
Mit Blick auf künftige Entlassungen ansehnlicher vertrauter Räte bat R. im März 1600 seinen Bruder Maximilian III., taugl. Männer vorzuschlagen. Noch 1605 bemühte er sich um die Rekrutierung neuer Mitglieder für den Reichshofrat. R. war für Begabungen in der Regierung nicht blind; jedoch erschwerten, vielmehr zerstörten seine Krankheit, Mißtrauen, Wutanfälle und Rachsucht v. a. der Spätzeit personelle Kontinuitäten. Das kfsl. Gutachten von 1611 forderte, daß die einflußreichen Ämter nicht, wie häufig geschehen, durch die Kammerdiener und andere kaisernaheprivatpersonen sowie durch Kauf beim Ks. ausgebeten, sondern über den Geheimen Rat und nach guter inquisitio besetzt werden sollten.
Am rudolfin. Hof gab es vier Herolde. Beim Einzug zum Augsburger und Regensburger Reichstag 1582 und 1594 begleiteten den Ks der ungar. und böhm. Herold sowie zwei Reichsherolde (Ksm. und Kgtm.). Als Reichsherold verfaßte Peter Fleischmann eine Beschreibung der von R. besuchten Reichstage von 1582 und 1594.
Das span. Hofzeremoniell, das seinem Charakter entgegenkam, prägte das äußere Erscheinungsbild R.s. Als er 1571 vom Aufenthalt am Hof Philipps II. nach Wien zurückkehrte, war sein Vater über dessen steife Würde entsetzt. Der Gesandte Kg.in Elisabeths, Philip Sydney, fand R. 1577 von »extrem spanischem Gehabe«. Wie → Karl V. und Philipp II. galt auch R. als unnahbar, als ein Fs. di poche parole.
Die oberste Aufsicht über das Zeremoniell übte der Hofmeister aus. Diesem unterstand der Stäbelmeister, der mit seinem Stab aus Ebenholz das Zeremoniell an der Tafel leitete (unter R. in Vertretung auch der erste Mundschenk). Paul Sixt Trautson war auch Obrister Stabelmeister. Den Festzug bei der Verleihung des Goldenen Vlieses 1585 begleiteten zwei Stäbelmeister. Lt. toskan. Gesandten Roderico Alidosi (1607) übte Hofmarschall Ernst von Mollart zeremonielle, insbes. ordnende Funktionen bei Ausritten, Fürsteninvestituren, Festen und Turnieren aus. Bei solchenaußergewöhnl. Anlässen, den offenen actus, gestaltete der Festinszenator Giuseppe Arcimboldo aus Mailand das Zeremoniell wesentl. mit. Die Hofkapelle hatte ihren eigenen magister caerimoniarum, welches Amt auch der eltiste Kaplan ausüben konnte.
R. speiste in der Tafelstube gerne allein. 1599 wird berichtet, daß er im Zorn viel esse und trinke, keine »Übung«, also Bewegungsmangel, habe und schlecht schlafe. R. legte Wert auf höf. Etikette; als sich der soeben ernannte Verwalter des Oberstkämmereramts, Peter von Mollart, 1599 an der Tafel ungeschickt benahm, erhob sich R. verärgert mit den Worten, er halte ihn für einen tirolischen gimpel (obwohl dieser bereits an den Höfen in Innsbruck und Graz gedient hatte). Angebl. als erster europ. Fs. schaffte er den Hofnarren ab.
Wie von den Vorgängern erwartete sich R. 1604 auch von Nuntius Ferreri zur Kopfverneigung einen leichten Kratzfuß. Als dagegen nach dem Empfang des persischen Botschafters dessen Diener auf allen Vieren mit großer Geschwindigkeit auf ihn zuliefen und ihm die Füße küssten, brach er - angebl. das erste Mal seit 20 Jahren - in Lachen aus (Vocelka 1981, S. 163). R. hielt bis zum Schluß an Repräsentation und Etikette fest: Wenige Wochen vor seinem Tod, Mitte Nov. 1611, empfing er die kfsl. Gesandten stehend unter einem Thronhimmel, die Linke auf einen Tischgestützt.
Nach seinem Tod gedachte die Prager Öffentlichkeit der langen Friedenszeit unter ihm. Wie → Maximilian I. engagierte sich R. in den letzten Jahren für einen universalchristl. Frieden, wozu er 1610 - so Comenius - eine »Gesellschaft des Friedens«, also zum Erhalt der Gewissensfreiheit einen interkonfessionellen Orden von Friedensrittern stiftete, für die er persönl. goldene Armbänder schmiedete.
Über die - für den Mythos der Dynastie wichtigen - Festaufführungen (Krönungsfeste, Einzüge, Hochzeiten) wie auch die beliebten Maskenballette, ist insgesamt erst wenig bekannt. Bes. glanzvoll wurde 1577 das Begräbnis → Maximilians II. in Prag begangen, sowohl die böhm. und ungar. Kronjuwelen als auch die Reichsinsignien wurden in der Prozession zur Schau gestellt. Ein großes Fest mit Bankett und Turnier gab es 1585 zur Verleihung des Goldenen Vlieses.
Nach ersten gesundheitl. Krisen zog sich R. seit etwa 1585 von Jagden, Turnieren, Ballspiel und Festen zunehmend zurück. Jedenfalls spielte die Musik, nicht zuletzt die Kammermusik, weiterhin eine wichtige Rolle am ksl. Hof. Ein Kammerzwerg mit Diener ist im Hofstaatsverzeichnis von 1612 erwähnt. Neben R.s zehn Leibpferden wurde 1594 beim Einzug zum Reichstag in → Regensburg auch dessen engl. Cammerhund auf einer von vier Pferden gezogenen Kutsche mitgeführt. Gelegentl. besuchte R. das nahe Jagdschloß Brandýs, das umgebaut wurde, Podĕbrady oder auchPilsen. Die Feldzüge in Ungarn delegierte er an seine Brüder → Matthias und Maximilian oder an seine Generäle.
Die Krankheit an der Jahrhundertwende, auch die Prophezeiung, von einem Mönch ermordet zu werden, veränderten ebenso R.s Frömmigkeitsverhalten, indem er sich vom Meßbesuch und Sakramentenempfang - v. a. in der Öffentlichkeit - distanzierte (mit Folgen auch für die seither stagnierende geistl. Musik-pflege am Hof). Ein Vertrauter seines Bruders Maximilian III. berichtete im April 1605, der Ks. halte sich für verzaubert und lasse daher fast jeden Tag in einem andern Gemach die Messe und die Tafel halten. Im folgenden Jahr sollte das Hl. Grab zuerst im großen Sitzungssaal des Reichshofrats, dann in der Wenzelskapelle, zuletzt im Chor des Doms aufgestellt werden (Hirn 1981, S. 420). Der Prediger des Kfs.en Christian II. von Sachsen durfte 1607 auf dem Hradschin predigen.
Eine wichtige Mittlerfunktion für R.s Interessen für die arkanen Wissenschaften wie auch die Kabbala erfüllte sein Beichtvater Johannes Pistorius. Gute Kenntnisse in der Alchemie, Astrologie und dem Okkultismus wirkten am Hof karrierefördernd oder erleichterten Audienzen. R. zeigte Vorliebe für den Bergbau und die Steinkunst nicht zuletzt wg. der Zauberkräfte der Mineralien. Sein weitgefächertes, pansoph. Interesse ebenso für die Naturwissenschaften belebte die Forschungstätigkeit am Hof.
R., der teils selbst malte, schnitzte und handwerkl. tätig war, stellte die Hofkünstler nicht nur persönl. ein, sondern förderte sie auch durch Besuche und Einladungen, Ermutigung und Kritik, Aufträge, Zunftprivilegien, Adelsbriefe, Pfründen, Stipendien und Geschenke. Ebenso wirkten Mitglieder aus dem engsten Hofkreis wie Johann Barvitius, Ferdinand Hofmann, Zdenĕk Lobkowitz oder Heinrich Julius von Braunschweig als Mäzene.
Die Themen der Prager Manieristen waren Ausdruck auch R.s eigener Interessen. Die Kammermaler Spranger und Heintz hatten nicht nur etwa erot. Phantasien R.s künstl. umzusetzen, sondern gerade auch der eigenen Apotheose und der seines Hauses zu dienen. Dies galt zudem für die Hofhistoriographie unter dem Emblemenspezialisten Jacobus Typotius. Die Späthumanisten am Prager Hof wurden zu nützl. Fürstendienern. Insofern beeinflußte auch der Lange Türkenkrieg die Entwicklung der rudolfin. Kunst wie durch die propagandist. Verwertung der Schlachten und Siege. Die ksl. Kupferstecher und Medailleurefertigten zahlr. Porträts der Habsburger und von Hofmitgliedern an.
R. hatte einen ausgeprägten Sinn für Majestät (vuol maestà), sah sich gerne in der universalen Rolle Ks. → Karls IV., → Maximilians I. und → Karls V., deren Selbstdarstellung im Interesse des Ksm.s und der Dynastie er mystisch und mythologisierend erneuerte. Höchster Ausdruck dieses Selbstverständnisses war die unter Jan Vermeyen 1602 fertiggestellte Hauskrone.
Quellen
Verzeichnis der Hofstaatslisten in: Hausenblasová, Jaroslava: Seznamy dvořanů císaře Rudolfa II. let 1580, 1584 a 1589, in: Paginae Historiae. Sborník státního ústředního archivu v Praze 4 (1996) S. 39-151, hier S. 43f. - Der Hof Kaiser Rudolfs II. Eine Edition der Hofstaatsverzeichnisse 1576-1612, hg. von Jaroslava Hausenblasová, Prag 2002 (Fontes Historiae Artium, 2). - Ein umfangr. Quellenverzeichnis in: Vocelka 1981 (s. u.).
Literatur
Im Text wurden zitiert: Ehrenpreis, Stefan: Der Reichshofrat im System der Hofbehörden Kaiser Rudolfs II. (1576-1612). Organisation, Arbeitsabläufe, Entscheidungsprozesse, in: MÖStA 45 (1997) S. 187-205. - Evans, Robert J. W.: Rudolf II. Ohnmacht und Einsamkeit, Graz 1980 (engl. Originalausgabe Oxford 1973; tschech. Ausgabe mit erw. Bibl. Prag 1997). - Evans, Robert J. W.: Rudolf II.: Prag und Europa um 1600, in: Prag um 1600, 1, 1988, S. 27-37. -Gindely, Anton: Rudolf II und seine Zeit, 2 Bde., Prag 1863-65. - Hausenblasová, Jaroslava: Nationalitäts- und Sozialstruktur des Hofes Rudolfs II. im Prager Milieu an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert, in: Berichte und Beiträge des Deutschmeister. Regent von Tirol, 2 Bde., hg. von Heinrich Noflatscher, Bozen 1981 (hier Tl. 2 von Bd. 2). - Hojda, Zdenĕk: Der Hofstaat Rudolfs II. in Prag, in: Prag um 1600, 1, 1988, S. 118-123. - Pánek,Jaroslav: Rudolf II. als König von Böhmen, in: Später Humanismus, 1998, S. 1-16. - Prag um 1600, 1-2, 1988. - Press, Volker: Rudolf II. 1576-1612, in: Kaiser der Neuzeit, 1990, S. 99-111, 475-477. - Rudolf II and Prague. The Court and the City (Beiträge und Ausstellungskatalog), hg. von Eliška Fučiková, London 1997. - Schwarz 1943. - Vehse, Eduard: Rudolf II. zu Prag. Der 30jährige Krieg und der österreichische Adel 1576-1657, Leipzig 1851 (Geschichte der deutschen Höfeseit der Reformation, 2,1). - Vocelka, Karl: Die politische Propaganda Kaiser Rudolfs II. (1576-1612), Wien 1981 (Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte Österreichs, 9). Die maßgebl. Literatur bis 1998 findet sich in: Evans 1980 (s. o.). - Prag um 1600, 1-2, 1988 (s. o.). - Rudolf II. and Prague. The Court and the City (Beiträge und Ausstellungskatalog), hg. von Eliška Fučiková, London 1997. - Bůžek, Václav: Rudolf II. und Prag.Auswahlbibliographie aus dem Jahr 1997, in: Frühneuzeit-Info 9 (1998) S. 175-179. Seither sind erschienen u. a. (siehe auch oben): Krakau, Prag und Wien. Funktionen von Metropolen im frühmodernen Staat, hg. von Marina Dmitrieva und Karen Lambrecht, Stuttgart 2000 (Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa, 10) (darin v. a. die Beiträge von Jaroslava Hausenblasová, Michal Šronĕk, Beket Bukovinská, Lars OlofLarsson, Jürgen Zimmer und Monika Brunner). - Fröschl, Thomas: »in Frieden, ainigkaitt und ruhe beieinander sitzen«. Integration und Polarisierung in den ersten Jahren der Regierungszeit Kaiser Rudolfs II., 1576-1582, Habil.-Schr. Univ. Wien 1997. - Fucíková, Eliška: Das Schicksal der Sammlungen Rudolfs II. vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges, in: 1648. Paix de Westphalie. L'art entre la guerre et la paix, hg. von JacquesThuillier, Paris 1999, S. 273-293. - Harder, Hans-Bernd: Der Prager Hof Rudolfs II. und die Kultur seiner Zeit, in: Später Humanismus, 1998, S. 57-68. - Hausenblasová, Jaroslava: Vztah mezi císařským dvorem a nejvyššími správními úřady českého království v době vlády Rudolfa II., in: Sborník archivních Prací 52 (2002) S. 279-294. - Mout, Nicolette: A useful servant of princes. The Netherlands humanist Jacobus Typotius at the Prague imperialcourt around 1600, in: Acta Comeniana 13 (1999) S. 27-49. - Pánek 1998 (s.o.). - Rudolf II, Prague and the World, hg. von Lubomír Konečný, Prague 1998. - Sapper, Christian: Kinder des Geblüts. Die Bastarde Kaiser Rudolfs II., in: MÖStA 47 (1999) S. 1-116. - Válka, Josef: Rudolfine culture, in: Bohemia in history, ed. Mikuláš Teich, Cambridge 1998, S. 117-142.