WOLGAST C.7.
I.
Den Namen W., u. a. auch Hologost, Ologost, Wologost, Wolgust, Valagust, hat man unterschiedl. zu erklären versucht, u. a. als großer Hain und großgastige, d. h. gastfreie Stadt. Ebo nennt sie in seiner Vita Ottos von Bamberg opulentissima civitas. In den 20er Jahren des 12. Jh.s dehnte Wartislaw I. von Pommern seinen Machtbereich bis in den Peeneraum aus. 1128 missionierte Otto von Bamberg die W.er unter dessen Schutz. Einepäpstliche Urk. nennt 1140 die Burg. Strateg. bedeutsam - auf einer Insel im Peenestrom gelegen kontrollierte sie die Einfahrt in die Peene - war sie zw. 1162 und 1184 immer wieder Ziel dän. Kriegszüge. In der Zeit größter dän. Machtentfaltung an der südl. Ostseeküste konnten sich die pommerschen Hzg.e nicht im Besitz W.s behaupten. Hatte ein Schiedsspruch Kg. Knuds VI. von Dänemark um die Jahrhundertwende W. noch zu Pommern gezählt, so belehnte Kg. Erich IV. von Dänemark 1235 den Rügenfs.en Wizlaw I. mit dem halben Lande W. Die andere Hälfte gelangte offenbar als Aussteuer Sophias vonDänemark an deren Gatten, Mgf. Johann I. von Brandenburg. Hzg. Barnim I. von Pommern gelang es, das Land in seine Gewalt zu bringen, mußte sich aber 1250 dazu verstehen, den Söhnen Johanns als Ausgleich die Uckermark abzutreten. Seit dieser Zeit verblieb W. unangefochten im Besitz der Greifendynastie. Seine Bedeutung für diese stieg erhebl., als sich 1295 die Greifenherrschaft in die Hzm.er Pommern-Stettin und Pommern-W. teilte, die man seit dem 14. Jh. auch nach ihren Hauptorten bezeichnete. W. war Sitz einer hzgl. Münze. Bei weiteren Teilungen des W.er Hzm.s unter den Angehörigen derGreifendynastie blieb W. stets Hauptort des jeweiligen Hzm.s. Als sich Hzg. Bogislaw X., der seit 1478 Pommern in seiner Hand vereinte, für → Stettin als Hauptres. entschied, hatte W. die Funktion einer bedeutenden Nebenres. und wurde als solche ausgebaut. Bei der Teilung Pommerns in die Hzm.er → Stettin und W. 1532/1541 umfaßte letzteres die westl. der Oder gelegenen Gebiete. W. wurde wieder Hauptres. Auch nach dem Tode des letzten W.er Hzg.s Philipp Julius 1625 blieben die Regierungen der beiden Landesteile unter Hzg. Bogislaw XIV. auf Wunsch der Stände getrennt. AlsErgebnis des Dreißigjährigen Krieges fiel W. an Schweden, 1815 wurde es preuß. - D, Mecklenburg-Vorpommern, Kr. Ostvorpommern.
II.
W. liegt auf einer Hochfläche am linken Ufer des Peenestroms, des westl. Ausflusses der Oder in die Ostsee etwa 8 km von dieser entfernt gegenüber der Insel Usedom.
Wohl im Anschluß an die mehrfach zerstörte slaw. Siedlung entwickelte sich im zweiten Viertel des 13. Jh.s ein dt. Marktort, dem die Pommernhzg.e Barnim I. und Wartislaw III. städt. Privilegien verliehen. Dies erwähnt das Privileg Hzg. Bogislaw IV. von 1282, welches die Bewidmung mit Lübecker Recht hervorhebt und die Stadt mit Landbesitz ausstattete. 1255 wird ein Vogt zu W. erwähnt, wohl 1259 treten Ratmänner auf. Die ummauerte Stadt betrieb Seehandel und gehörte der Hanse an, ohne jedoch eine aktive Rolle zu spielen. Die starke fsl. Präsenz beschränkte offenbar ihre polit.Handlungsfreiheit. Anderseits brachte diese auch wirtschaftl. Vorteile. Die Petrikirche, einzige Pfarrkirche der Stadt, wurde bis zum Beginn des 15. Jh.s als dreischiffige Basilika mit einem Chorumgang neu errichtet und hatte zugl. die Funktion einer Hofkirche und hzgl. Grablege. Diese Doppelfunktion spiegelt sich auch in der Besetzung der Pfarrstelle. Seit 1308 waren die Pfarrer vielfach auch hzgl. Kapläne. Kirchenrechtl. gehörte W. zum Bm. → Cammin.
III.
Über das Aussehen der slaw. und der dän. Burg ist nichts Näheres bekannt. Die dt. Burg wurde erst um 1300 begonnen und 1330 durch die Hzg.e ausgebaut. Wohl in Anlehnung an den slaw. Burgwall wurde eine Anzahl von steinernen Gebäuden errichtet. Ein Grundriß aus dem Jahre 1676 zeigt, daß diese im S ein Halbrund bildeten. Am westl. Ende des Halbrunds lag die Burgkapelle, im südöstl. Bereich eine Tordurchfahrt, zu der eine den Burggraben überspannende Brücke führte. Den Grundstein zum neuzeitl. Schloß legte Hzg. Bogislaw X., der quer zum Halbrund desBurghofes einen langgestreckten, in N-W-Richtung orientierten, eintürmigen Repräsentationsbau errichten ließ, welcher auf die Burgkapelle zulief. Er enthielt übereinander mehrere Remter. An die Bauaktivitäten Bogislaws X. erinnerte ein Wappenstein aus dem Jahre 1496. Unter dem W.er Hzg. Philipp I. wurden erste Bauarbeiten im Zusammenhang mit seiner Vermählung ausgeführt und 1537 ein Wappenstein gesetzt. In der zweiten Hälfte der 40er Jahre fertigte der sächs. Festungsbaumeister Enderlein Heß Entwürfe für die Befestigung des Schlosses, die wohl auch zur Ausführung gelangten. Von Bauarbeiten zuBeginn der 50er Jahre zeugt ein weiterer Wappenstein mit der Jahreszahl 1551. Das Nachlaßinventar Hzg. Philipps I. läßt etwas von der Stattlichkeit der Repräsentationsräume erahnen, wenn man hört, daß neben zahlr. Gemälden 50 Bildteppiche zur Inneneinrichtung gehörten, unter ihnen der berühmte Croyteppich in den Ausmaßen von 4,46 × 6,90 m. Ein Brand 1557 machte erneut Instandsetzungsarbeiten erforderlich, die 1563 unter seinen Söhnen abgeschlossen werden konnten. Hzg. Ernst Ludwig nahm seine Vermählung 1577 zum Anlaß für die Errichtung eines »neuen Hauses« an derNordostseite des Schlosses an Stelle des ma. Flügels. Johann Fritz aus Mecklenburg schuf für das Schloß zudem eine Wasserkunst. Hzg. Philipp Julius bereicherte die Architektur um einen Säulengang und Portale. Ein Porträtstein Ernst Ludwigs und Wappentafeln, die im Zusammenhang mit seinen und seines Sohnes Bauaktivitäten entstanden, schmückten neben denen ihrer Vorgänger das Schloß. Bedingt durch das Erlöschen des Greifenhauses und Zerstörungen in Folge von Kriegsereignissen sowie durch rücksichtslose Gewinnung von Baumaterialien geriet dieses sehr schnell in einen ruinösen Zustand. Die letztenReste aufgehenden Mauerwerks verschwanden spätestens 1843 bei der Errichtung des Schloßspeichers. Erhalten sind ledigl. einige Reste der Ausstattung wie Gedenktafeln und der schon erwähnte Croyteppich im Besitz der Greifswalder Universität. Außerhalb des eigentl. Schlosses existierten u. a. ein Lustgarten, eine Reitbahn und verschiedene Nebengebäude wie Wohnungen, Ställe, Wagenhäuser u. a. In der Petrikirche, in der als erster regierender Hzg. Wartislaw VIII. († 1415) beigesetzt wurde, erinnern die von Hzg. Philipp I. eingerichtete und von seinem Sohn erweiterte Gruft mit den neuzeitl.Prunksarkophagen der W.er Herzogslinie, ein Messingepitaph für Philipp I. und Gewölbemalereien im Chor an die Zeit als Hofkirche der Wolgaster Res. und Grablege der Greifen.
Quellen
Pommersches Urkundenbuch, 1-11, 1881-1990.
Literatur
Altermann, Albert: Wolgast, in: Deutsches Städtebuch, 1: Norddeutschland, 1939, S. 262f. - Backhaus, Helmut: Das Schloß zu Wolgast als Schwedisch-Pommersche Residenz, in: Land am Meer, 1995, S. 493-506. - Bahr, Ernst/Conrad, Klaus: Wolgast, in: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 12, 1996, S. 317-320. - Bethe, Hellmuth: Zur Baugeschichte des ehemaligen Herzogsschlosses in Wolgast, in: Baltische Studien. NF 40(1938) S. 87-95. - Buske, Norbert: Kirchen in Wolgast. Ein Führer durch die Bau- und Kirchengeschichte der Gotteshäuser, Berlin 1984. - Buske, Norbert/Bock, Sabine: Wolgast, herzogliche Residenz und Schloß, Kirchen und Kapellen, Hafen und Stadt, Schwerin 1995. - Ewe, Herbert: Das alte Bild der vorpommerschen Städte, Weimar 1996, S. 134-138. - Festschrift zur 700-Jahrfeier der Stadt Wolgast vom 5. bis 14. Juli 1957, hg. vom Rat der Stadt Wolgast, Wolgast 1957. -Haselberg, E. von: Der Kreis Greifswald, Stettin 1885 (Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Pommern, Th. 1: Die Baudenkmäler des Regierungs-Bezirks Stralsund, H. 2), S. 173-183. - Heberlein, B[erthold]: Beiträge zur Geschichte der Burg und Stadt Wolgast, Wolgast 1892. - Heller, Carl: Chronik der Stadt Wolgast, Greifswald 1829, ND Wolgast 1937. - Kratz 1865, S. 541-547. - Schleinert 1999. - Schmidt, Roderich: Wolgast -Residenz und Begräbnisstätte der pommerschen Greifen, in: Pommern. Kultur und Geschichte 34,3 (1996) S. 32-48. - Schmidt, Roderich: Art. »Wolgast«, in: LexMA IX, 1998, Sp. 317.