Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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WOLFENBÜTTEL C.7.

I.

Wlferesbutle (1118) (Siedlung des Wulfheri); Wulferisbuthele (1142); Wolfenbutel (um 1223); Wlfelbutel (1413); Wulffenbuttell (1630); Wolffenbüttel (1741) - Burg/Schloß und Stadt - Hzm. Braunschweig-Lüneburg; Hzg.e von Braunschweig-W. - Niederungsburg an der Oker; seit Anfang des 14. Jh.s häufiger Aufenthaltsort der Hzg.e; 1432-1753/54 Hauptres. - D, Niedersachsen, Reg.bez. Braunschweig, Landkr. W.

II.

W., in einem Niederungsgebiet am Ostufer der Oker im ostfäl. Derlingau, ca. 10 km südl. von → Braunschweig gelegen, löste wegen der verkehrsgünstigeren Lage im hohen MA den bis dahin bedeutenderen Okerübergang bei Ohrum ab. In Zusammenhang mit der Verlagerung der Verkehrswege dürfte auch die Burg W. errichtet worden sein. W. war im MA der Kirche in Lechede (wüst nordwestl. W.), Archidiakonat Atzum, Bm. → Halberstadt, seit der Reformation dem Generalsuperintendenten in W. unterstellt.

W. befand sich seit dem 12. Jh. in der Hand des brunon.-welf., später reichsministerial. Geschlechtes der Herren von W. (seit Anfang 13. Jh. von Asseburg). Die erstmals 1192 (vgl. zur Datierung Toeche 1867, S. 547f.) schriftl. bezeugte Burg W. wurde in diesem Jahr von Heinrich, dem Sohn Heinrichs des Löwen, wegen der Beteiligung derer von W. an einem Aufstand der welf. Ministerialität gegen den Hzg. zerstört, verblieb aber bei den W.-Asseburgern. In der sog. Asseburger Fehde wurde die Burg 1255 durch Hzg. Albrecht I. erneut zerstört und er nahm siein seinen Besitz. 1283 begann Hzg. Heinrich Mirabilis wahrscheinl. an derselben Stelle mit der Errichtung einer neuen Burg, die ab 1300 verstärkt als Aufenthaltsort der Hzg.e bezeugt ist und von 1432 bis 1753/54 die Res. des Hzm.s Braunschweig-Lüneburg Wolfenbüttelschen Teils (14. Jh. herschop to Brunswik; 15. Jh. land to Brunswick unde Vulfelbuttel) war.

Über die wegen des Ortsnamengrundwortes vorauszusetzende auch für die Burg namengebende Siedlung W. ist bisher wenig bekannt. Sicher scheint, daß die Siedlung in der Nähe der Marienkapelle (heute Hauptkirche) zu suchen ist, die 1301 als capella St. Mariae in Wolferbutle bezeugt ist. An der Kapelle ist seit 1395 ein Kaland bezeugt und auf sie - nicht auf die Burgkapelle - ging 1460 das Begräbnisrecht der Stephanskirche des nun wüsten Lechede über. Für die weitere Entwicklung zur Stadt spielte die Siedlung eine eher untergeordnete Rolle, denn die weiteren Impulse gingeneindeutig von den Hzg.en aus. Die Siedlung W. beherbergte allerdings einen Wirtschaftshof sowie Handwerker und Händler.

Um die 1283 einerseits als nahe gelegene Ausweichmöglichkeit aus der in einem ambivalenten Verhältnis zu den Hzg.en stehenden Stadt und alten Res. → Braunschweig sowie andererseits als Befestigung gegen die → Hildesheimer Bf.e wiedererbaute Burg herum bildete sich im 14. Jh. ein recht geschlossener größerer Gerichts- und Verwaltungsbezirk. Die Ausdehnung dieser Großvogtei W. tritt in Quellen des 15. Jh.s deutl. zu Tage und sie hatte ähnl. wie die in etwa zeitgl. entstandenen Großvogteien um die anderen welf. Residenzorte → Calenberg und→ Celle die Aufgabe, durch eine zentralisierte Verwaltung unter einem Großvogt Einnahmen zu beschaffen, um die bauliche Entwicklung, die Versorgung des Hofes und die Ansprüche der Herzogsfamilie sicher zu stellen. Zugleich entwickelte sich in W. im 15. Jh. in Ansätzen eine zentrale Verwaltung des Fsm.s.

Als Ausgangspunkt für die Entwicklung der Res.(stadt) ist der Damm (östl. der Burg) anzusehen. Hier sind 1315 die außerhalb der Burg gelegene, aber für ihre Bewohner zuständige Longinuskapelle, deren Pfarrhaus und im Verlauf des 14. und 15. Jh.s eine Badestube, eine Zollstelle und eine Wassermühle erwähnt. Erst um 1500 wurde die privilegierte Dammsiedlung mit der Burg zur Dammfestung vereinigt. Als der Raum in der Festung zu knapp wurde, denn hier befanden sich außer den schon genannten Einrichtungen weitere Wirtschaftsgebäuden, Häuser der Beamten, die Kanzlei, die Münze und später dieHofdruckerei, begann seit 1530 (bes. jedoch nach den Zerstörungen während des Schmalkaldischen Krieges) ein verstärkter und planmäßiger Ausbau der östl. gelegenen Siedlung bei der Marienkirche. In ihr ließen sich nun zahlr. Handwerker und Handeltreibende, aber auch hzgl. Beamte nieder, und es wurden von den Hzg.en zahlr. Gebäude errichtet. Diese Zu unser lieben Frawen, 1545 Newstadt und seit der Stadtrechtsverleihung vom 7. Aug. 1570 Heinrichsstadt genannte Siedlung wurde mit der Neuen Heinrichsstadt (um 1580) und derFreiheit (um 1590) zu einer einheitl. Festungsanlage ausgebaut. Die von Hzg. Julius um 1576 geplante Anlage einer Großstadt im O der Heinrichsstadt, das Gotteslager oder Juliusfriedensstadt, blieb Frgm.

III.

Über die Lage und Ausstattung der Burg der Herren von W. ist nichts näheres bekannt. Von der ma., ab 1283 errichteten Burg sind heute noch Teile des Wassergrabens, Mauerwerk und die unteren Teile des Schloßturmes mit dem Burgverließ erhalten. Auch der Grundriß des Schlosses geht weitgehend auf diese Zeit zurück. Zu größeren Um- und Ausbauten kam es nach den Zerstörungen 1542-47 v. a. unter den Hzg.en Heinrich d. J. und Julius unter maßgebl. Beteiligung der Baumeister Francesco Chiamarella und Paul Francke. Im 16. Jh. entstanden u. a. die 1558 vollendete im SObefindliche Kapelle - ein quadrat. Zentralbau mit erkerartigen Ecktürmchen und Welscher Haube mit polygonaler Laterne -, die Toreinfahrt mit dem kassettierten Tonnengewölbe und der im NO befindl., um 1614 vollendete »Hausmannsturm«. 1643/44 wurden die Hoffassaden mit zwei übereinanderstehenden offenen Arkadengängen neu gestaltet. In der Mauersubstanz sind die meisten Bauten des 16. Jh.s weitgehend erhalten, sie sind jedoch wegen der barocken Umgestaltung (1714-16), die heute das Bild des Schlosses prägt, nicht mehr unmittelbar zu erkennen. Die Burgkapelle wie auch die sog.Heinrichsburg wurden weitgehend 1795 abgerissen.

Von der weiteren bis zum Dreißigjährigen Krieg entstandenen Residenzarchitektur sind auf dem Schloßplatz bzw. der Dammfestung Reste der ursprgl. Bebauung mit Beamtenhäusern, im sog. »Kleinen Schloß« ein Teil der 1526 erwähnten Kanzlei sowie das von Paul Francke und Jakob Meierheine errichtete und 1619 vollendete Zeughaus erhalten. Der westl. des Zeughauses gelegene Marstall wurde 1646 von Hzg. August zu einem Bibliotheksgebäude umgebaut (ersetzt 1705-13 durch die Bibliotheksrotunde Hermann Korbs) und damit zum ersten Aufbewahrungsort der schon bei Zeitgenossen berühmten (Herzog-August)Bibliothek.

Auch in der »Heinrichstadt«, in deren Gesamtanlage das planer. Wirken der Hzg.e deutl. zu erkennen ist, sind zahlr. mit der Res. zu verbindende Gebäude erhalten. Hervorzuheben sind: Die um 1590 von Hans Vredeman de Vries errichtete »Neue Kanzlei«, die Sitz der Regierung und des Archives war; die 1590-1620 um die Kanzlei herum in der Kanzlei- und der Reichsstraße erbauten zahlr. Hofbeamtenhäuser; die 1587/88 errichtete neue Mühle, später Kommisse, die seit 1702 die 1542 gegründete, zunächst in der Dammfestung angesiedelte Große Schule beherbergte. Von beherrschendem Einfluß imStadtbild ist noch heute der 1608 auf Weisung Hzg.s Heinrich Julius von Paul Francke begonnene Bau der Hauptkirche Beatae Mariae Virginis, der die alte Marienkapelle ersetzte. Die B.M.V.-Kirche, der erste große protestant. Kirchenneubau, war Grablege (schon die Marienkapelle beherbergte Fürstengruften von 1553 und 1582) der hzgl. Familie. Bestattet wurden hier u. a. die Hzg.e Heinrich d. J., Julius, Heinrich Julius, Friedrich Ulrich, August.

Von den Aus- und Umbauten des Befestigungssystemes im 16. und beginnenden 17. Jh., die W. zur modernsten Festung des norddt. Raumes machten, sind nur geringe Teile erhalten geblieben: z. B. Teile der Kasematte »Wunderlicher Heinz« im Seeligerpark, ein Kasemattengebäude der Bastion »Philippsberg« in der Strafanstalt, Teile der Bastion »Joachimsberg« am Rosenwall. Von den Festungstoren ist das »Kaisertor« als Teil der Trinitatiskirche erhalten.

Quellen

Die Quellenlage zur W.er Res. ist recht disparat, da es weder eine gedruckte auf W. bezügliche Quellensammlung gibt noch einschlägige Archivfonds existieren. Für eine Erforschung der Res. sind die zahlr. regionalen Urkundenbücher und neben den Beständen des StA Braunschweig und des SA Hannover vor allem die Archivalien des SA W. grundlegend.

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