WITTSTOCK C.3.
I.
Wizoka (946), Wizoca (1150), Wizstoc (1271), Wistok (1313), Wyzstock (1349), Wytstogk (1461), Witstock (1495); Burg und Stadt; Hochstift Havelberg; Bf.e von Havelberg; Niederungsburg; Hauptres. seit Ende 13. Jh. - D, Brandenburg, Kr. Ostprignitz-Ruppin.
II.
Anläßl. der Gründung des Bm.s Havelberg i. J. 946 schenkte Kg. Otto I. diesem u. a. die civitas W. (Wizoka) cum omni burcwardo, gelegen im Gau Desseri etwa 65 km nordöstl. des neuen Bischofssitzes. Im bfl. Besitz war sie auch nach der Wiedererrichtung des Bm.s in der Mitte des 12. Jh.s. Die Burg bildete den Mittelpunkt, der terra W., des größten geschlossenen Herrschaftskomplexes des Bf.s, der noch im 15. Jh. durch das Gebiet um Dranse aus der Hand des Kl.s Amelunxborn und die mgfl. VogteiFretzdorf erweitert wurde.
1248 erstmals als bfl. Aufenthaltsort bezeugt, wurde W. seit den siebziger Jahren des 13. Jh.s zur bevorzugten Res. des Bf.s. Die Kathedralstadt, Wilsnack oder die Plattenburg wurden nur gelegentl. aufgesucht. Baul. Maßnahmen auf der Burg sind insbes. für die Regierungszeit des Bf.s Johann Wöpelitz (1385-1401) bezeugt. W. blieb bevorzugter Aufenthaltsort der Bf.e, bis nach dem Tod Bussos II. von Alvensleben (1522-48) jüngere brandenburg. Prinzen zu Bf.en gewählt wurden (1548 Friedrich [† 1552], 1553 Joachim Friedrich). Schon während der Administration des Kurprinzen JohannGeorg für seinen Sohn Joachim Friedrich (1553-71) wurde es nur noch selten aufgesucht; bevorzugter Sitz des Administrators war das ebenfalls havelberg. Zechlin. Nachdem 1571 das bfl. Territorium vollends mit Kurbrandenburg vereinigt worden war, diente die Burg als Amtssitz; die Residenzgebäude verfielen.
Eine städt. Siedlung im N der Burg dürfte in den ersten Jahrzehnten des 13. Jh.s entstanden sein. Die nahezu kreisrunde planmäßige Anlage mit ihrem bis auf wenige Ausnahmen rechtwinkligen Straßennetz ist wohl auf eine Erweiterung unter Bf. Wilhelm (1219-44) zurückzuführen. 1248 erhielt der Ort von Bf. Heinrich von Kerkow (1244/45-1271/72) das Stendaler Stadtrecht. Gleichzeitig wird erstmals ein Rat gen. 1319 existierte daneben auch ein Schöffenkollegium. Bürgermeister sind erst seit 1470 bezeugt. Die Stellung des Bf.s in der Stadt blieb stark, auch wenn die Bürgergemeinde in der zweitenHälfte des 13. Jh.s einige Rechte erwerben konnte. Eine Erhebung der Bürgerschaft gegen Bf. Wedigo Gans von Putlitz (1460-87) i. J. 1479 mündete schließl. in einen von Kfs. Johann von Brandenburg vermittelten Vertrag von 1482, der die Stadt fast vollständig der Herrschaft des Bf.s unterwarf.
An der 1275 erstmals erwähnten Pfarrkirche St. Marien befand sich auch mit dem Sitz eines Propstes der Mittelpunkt eines der neun Archidiakonatsbezirke der Diöz. Havelberg. 1275 wurde die Pfarrkirche, 1312 die Propstei dem Domkapitel inkorporiert. Die Marienkirche war gleichzeitig Ort der seit dem 14. Jh. bezeugten jährl. Diözesansynoden. Den Bf.en Hieronymus Schultz († 1522) und Busso II. von Alvensleben († 1548) diente sie als Begräbnisort. Ordensniederlassungen entstanden in W. nicht, doch besaß die Stadt im ausgehenden MA vier Hospitäler. An der Gründung des Gertraudenhospitalsi. J. 1464 war Bf. Wedigo durch die Überlassung eines Grundstückes beteiligt.
III.
Die in der Mitte des 13. Jh.s in ihrer heutigen Form errichtete Burg W. liegt südl. der Stadt nahe des Zusammenflusses von Glinze und Dosse. Noch erkennbar sind die südl. gelegene Kernburg, die sog. Oberburg, und die ihr vorgelagerte Unterburg, von denen ledigl. die teilw. ergänzten Ringmauern mit den Resten eines Rundturmes und ein zw. Ober- und Unterburg gelegener Torturm erhalten sind.
Die bfl. Wohngebäude befanden sich auf der Oberburg in Form einer mehrgeschossigen Randhausbebauung, deren Ansicht durch mehrere Abbildungen des 17. Jh.s und deren Grdr. durch Grabungen des ausgehenden 19. Jh.s bekannt ist. Wohl im Ostflügel ist der Jäger- oder Sommersaal zu suchen, dessen Wandmalereien mit der Darstellung Ks. Otto den Großen sowie verschiedener Bf.e in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s übertüncht wurden. Den Nordflügel bildete das wahrscheinl. gegen Ende des 14. Jh.s errichtete Neue Gebäude, das auch das bfl. Gemach enthielt. Unter den weiteren Räumen befanden sich nacheinem Inventar aus dem Jahr 1548 die Hauptmannsstube, eine Junkerstube, die Kanzlei, die Silber- und die Rüstkammer, die Bibliothek sowie weitere Wohn- und Wirtschaftsräume.
Getrennt von den übrigen Gebäuden auf der westl. Seite des Burghofes bei der Hofstube stand die den Hll. Maria, Laurentius und Constantius geweihte doppelstöckige Burgkapelle, die nach einer überlieferten Inschrift 1389 von Bf. Johann Wöpelitz errichtet worden war und - im Gegensatz zu den anderen Gebäuden - aus Sandsteinquadern bestand. Weitere Kapellen befanden sich im Gebäude beim sog. Grünen Gemach und in der Unterburg.
Die nördl. der Kernburg gelegene Unterburg enthielt Wirtschaftsgebäude, und auch wohl Marstall, Schmiede und Harnischkammer, und Gärten. Seit dem 16. Jh. diente sie als Sitz des Amtes W. Der nördl. der Unterburg vorgelagerte Teil der Stadt bildete als Schloßfreiheit einen bes. Jurisdiktionsbezirk. Hier befanden sich das Haus des bfl. Offizials, ein weiteres bfl. Vorwerk sowie Burglehen und Häuser von bfl. Bediensteten.
Die Burg W. verfiel im 17. Jh. Im 18. Jh. verschwanden mit den Mauern des Jägersaales und der Kapelle die letzten Reste der bfl. Residenzgebäude.
Quellen
Inventar 1548: Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, I. HA, Rep. 58 Nr. 2 Fasz. 2; Nr. 7 Fasz. 3. - Riedel, Adolph Friedrich: Burg, Amt und Stadt Wittstock, in: CDB A I, 1838, S. 389-442. - Stein, Joachim Conrad: Epitome historica episcoporum Havelburgensium [...], in: Küster, Georg Gottfried: Collectio opusculorum historiam Marchicam illustrantium [...], Bd. 2, Berlin 1733-53, Stück 13-15, S. 46-145.
Literatur
Bekmann, Johann Christoph: Historische Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg [...], Bd. 2, Berlin 1753. - Enders 2000. - Enders, Lieselott: Wittstock, in: Städtebuch Brandenburg und Berlin, 2000 S. 550-556. - Die Kunstdenkmäler des Kreises Ostprignitz, bearb. von Paul Eichholz, Friedrich Solger und Willy Spatz, Berlin 1907 (Die Kunstdenkmäler der Provinz Brandenburg, 1,2). -Polthier, Wilhelm: Geschichte der Stadt Wittstock, Berlin 1933. - Germania Sacra. AF, I, 2, 1933.