WIENER NEUSTADT C.1. / C.7.
I.
1194 als Nova Civitas vom Babenbergerhzg. Leopold V. gegr. - auch Niwen statt, Niwenstatt gen.; die Bezeichnung »Wienerische Neustadt« bzw. W. N. ist erst seit Mitte des 17. Jh.s. übl. - Seit 1239 Beiname »Allzeit getreue«. - Burg und gleichnamige Stadt im Steinfeld, ca 45 km südl. von Wien. - A, Niederösterreich, Bezirk W. N. Stadt.
II.
Das Gebiet nördl. des Semmerings und des Hartbergs, das im W durch die Kalkalpen und im O durch Ungarn begrenzt ist, gehörte im MA zur Gft. »Pitten« und fiel während des 12. Jh.s an die Steiermark. Nach dem Aussterben der steir. Traungauer kam die Steiermark 1192 an die im benachbarten Österreich regierenden Babenberger Hzg.e. Das bis dahin als Grenzgebiet zw. den beiden Ländern fast unbesiedelte Steinfeld bot Anlaß zur Sorge, da es feindl. Truppen aus dem O ein fast ungehindertes Vordringen bis zu den bereits wohlhabenden Märkten an den Rändern derEbene - Pitten, Glognitz, Neunkirchen, Fischau - bot. Auch die wichtigen Gebirgsübergänge über Hartberg, Wechsel und Semmering sollten besser geschützt werden. Diese Überlegungen führten zur Gründung einer stark befestigten Stadt im südl. Steinfeld. Zur Finanzierung der Stadtmauern wurde ein Teil des Lösegeldes verwendet, das der Babenberger Hzg. Leopold V. für die Freilassung des engl. Kg.s Richard I. Löwenherz erhalten hatte. Mit dem Tod des letzten Babenbergers Friedrich II., des Streitbaren, in der Schlacht an der Leitha 1246 vor W. N. endete die Babenberger Herrschaft. Ihre Länder fielenan die Habsburger.
Die wehrhafte Burg an der Südostecke der Stadt war Teil der Stadtbefestigung Östl. schließt ein weitläufiger Park an, der ehemalige Tiergarten.
Seit der Gründung der Stadt weilte der jeweilige Landesfs. immer wieder längere Zeit in der Burg. Der Titel »Residenz« kann wohl erst seit Hzg. Ernst, dem Eisernen, beansprucht werden. Hzg. Ernst, aus der steir. Habsburger Linie, ⚭ in zweiter Ehe mit Cimburgis von Masovien, wählte W. N. von 1411-40 als Res. seiner Länder. Sein Sohn Ehzg. Friedrich V. (als Kg. Friedrich IV., als Ks. Friedrich III.) behielt den Sitz bei. Mit seiner Kaiserkrönung 1452 in Rom wurde W. N. von 1452-93 ksl. Res. Der Nachfolger Ks. Maximilian I. verlegte den Hof nach → Innsbruck. Damit verlordie Stadt an Bedeutung und blieb in ihrer Funktion künftig auf die einer Grenzfestigung beschränkt. 1631 beherbergte sie fsl. Gefangene aus dem feindl. protestant. Lager - Hzg. Johann Friedrich von Sachsen, Franz Albrecht Hzg. von Sachsen-Lauenburg, Christian Wilhelm Mgf. von Brandenburg.
Unter Ehzg. Ferdinand von Innerösterreich (später Ks. Ferdinand I.) scheint die Burg kurzfristig Sitz der niederösterreich. Regierung gewesen zu sein. Von hier aus startete Ferdinand am Beginn seiner Regierung ein Strafgericht gegen die rebellierenden Wiener Ratsherren und Stände, deren Rädelsführer er am Hauptplatz von W. N. hinrichten ließ (Blutgericht 1523). Unter Ks. Rudolf II. war W. N. Burg, Res. seines Sohnes, Ehzg. Maximilian III., erwählter Kg. von Polen, Hochmeister des → Deutschen Ordens und Feldobrist in Oberungarn (1590-1602). Mit seiner Ernennung zumVerweser von Tirol und den Vorlanden übersiedelte Ehzg. Maximilian III. 1602 nach Schloß Ambras bei → Innsbruck. 1630 schenkte Ks. Ferdinand II. seinem zweitgeborenen Sohn Ehzg. Leopold Wilhelm, Bf. von → Straßburg, → Halberstadt und → Passau, die Burg und den Tiergarten zu W. N., allerdings mit Ausnahme des Wildbannes und des ksl. Zeughauses.
Ehzg. Leopold Wilhelm zeigte großes Interesse an seinem Besitz und führte diverse bauliche Veränderungen in der Burg durch.
Für die planmäßige Stadtgründung an dieser Stelle sprach neben der günstigen Verkehrslage an der alten Römerstraße nach Ödenburg auch der Wasserreichtum im sonst trockenen Steinfeld. Das sumpfige, von zahlr. größeren und kleineren Flüssen durchzogenen Gebiet bildete natürl. Hindernisse für das Vordringen feindl. Truppen und gewährleistete außerdem eine ausreichende Versorgung der zukünftigen Stadtbewohner mit Nutzwasser. Für den Plan der Nova Civitas dürften ital. Baumeister verantwortl. gewesen sein. Dafür spricht nicht nur der rechteckige Grundriß, der der Normformeines röm. Lagers entspricht, sondern auch die Bauweise der Stadtmauern. Die neue Siedlung stattete der Landesherr mit einer Reihe von Privilegien aus wie Hochgerichtsbarkeit, Münzrecht, Markt- und Stadtrecht.
Mit dem Aufstieg zur hzgl. und ksl. Res. kam es zu Niederlassungen einer Anzahl von geistl. Orden: Minoriten, Dominikaner, Dominikanerinnen, einer Kommende des → Deutschen Ordens. Ks. Friedrich III. berief Zisterzienser, Pauliner und Augustiner Chorherren nach W. N. Der St. Georg Ritterorden übersiedelte von Millstatt hierher. 1469 wurde W. N. Bischofsitz.
Die Stadt zählte Mitte des 15. Jh.s mit den Vorstädten ca. 16 000 Einw., wobei ca. 8000 Menschen innerhalb der Mauern lebten. Ihre Handelsbeziehungen reichten in alle Habsburger Länder und weiter nach Venedig, → Bayern und Polen. Dabei spielte der Weinhandel eine große Rolle. Die Tätigkeit des Augsburger Handelshauses Fugger in W. N. ist nachgewiesen.
Das Verhältnis zw. Stadtbevölkerung und Res. war stets gut, wie Berichte aus der Zeit der Babenberger und Ks. Friedrichs III. zeigen. Die Stadt, die von der Hofhaltung profitierte, erwies sich ihrem Fs. gegenüber bes. in den krieger. Auseinandersetzungen loyal, die auf Erbstreitigkeiten innerhalb der Regentenfamilie und Unruhen im eigenen Land beruhten. 1452 verlieh Ks. Friedrich III. der Stadt als Belohnung für bewiesene Treue im Kampf des Ks.s gegen die Stände eine ehrenvolle Wappenbesserung. Neben dem alten Wappen - dem zweitürmigen Torbau mit dem Bindenschild - durfte seither auch derksl. Doppeladler geführt werden.
III.
Der erste Palast der Babenberger Hzg.e stand bis 1246 in der Nordwestecke des Domplatzes an Stelle der jetzigen Probstei. Er war nicht befestigt sondern der geräumige Wohnsitz eines Fs.en, wenn dieser in der neuen Stadt weilte.
Möglicherw. wurde bereits während der Regierungszeit Hzg. Friedrichs II. (1230-46) mit dem Neubau einer landesfsl. Burg an der Südostecke der Stadt begonnen, die mit ihrem quadrat. Grundriß und den vier Ecktürmen einen für die damalige Zeit völlig neuen Typus darstellte. Die Burg war nicht wie bisher übl. das Zentrum, um das sich eine Siedlung bildete, sondern sie wurde am äußersten Rand der Stadt dort errichtet, wo diese in Zeiten der Kriegsgefahr am stärksten bedroht erschien. Sie entstand in enger Anlehnung an die Stadtmauer, deren bereits vorhandenen Mauern die Süd- und Ostflankebildeten. Ein mächtiger Echturm wurde ebenfalls in den Bau einbezogen, so das nur drei Türme und die verbindenden Mauerzüge neu gebaut werden mußten. An der Innenseite der südl. Burgmauer (und ursprgl. Stadtmauer) errichtete man den Palas, an jener der östl. Burgmauer die zweigeschossige Burgkapelle, deren Apsis über die Stadt- bzw. Burgmauer hinausragte. Mit einer Ausdehnung von 82,5 × 79 × 63 × 63 × 63 m war die Neustädter Burg die größte der zu dieser Zeit erbauten got. Vierturmburgen in den babenberger.Ländern.
Brände um 1310 und 1494 sowie einige schwere Erdbeben haben Stadt und Burg stark in Mitleidenschaft gezogen. Instandsetzungen und Umbauten führten in der Folge zum systemat. Ausbau der Neustädter Burg zur Festung. Größerer Umbauten gab es bereits unter Hzg. Leopold III. Hier nennt ein erhaltener kunstvoller Schlußstein mit der Jahreszahl 1379 in einem Gewölbe des Osttraktes der Burg Hzg. Leopold III. als Stifter der Gruftkapelle unter der Gottesleichnamskapelle. Diese frühgot. Burgkapelle dürfte damals im Stile der Hochgotik ungestaltet worden sein. Sie besteht heute nicht mehr.Wahrscheinl. entstand im Zuge dieser Bauarbeiten entlang der Ostseite des Burghofes ein neuer Trakt. Auch Hzg. Leopold IV. ließ weiter an der Burg bauen. Es wird angenommen, dass damals an der Ost- und Südseite der Burg über gewölbten Nischen eine ca. 19 m breite Trasse aufgeführt wurde, die den Verteidigern das Aufstellen von Geschützen ermöglichte. Während unter Hzg. Ernst dem Eisernen sich das Augenmerk der Bautätigkeit auf die Instandsetzung der Stadtmauern bzw. der Vorwerke richtete, erfolgte ab 1437 unter Ks. Friedrich III. eine großzügige Erweiterung der Burganlagen zur Kaiserres.,u. a. wurde 1449-57 über der gewölbten Torhalle die zweigeschossige, dreischiffige und weit über die Westwand der Burg hervorragende Marien- bzw. spätere St. Georgskirche errichtet. AEIOU - Friedrichs III. Zeichen - findet sich an mehreren Gebäuden seiner Zeit. Der Zustrom an Baumeistern und Steinmetzen v. a. aus dem oberital. Raum ist seit dem Beginn des 16. Jh.s nachzuweisen. Die Burg wird 1487 nach längerer Belagerung vom ungar. Kg. Matthias Corvinus erobert, doch konnte sie Türken- und Kuruzzenangriffen widerstehen. Ein weiteres Erdbeben im 18. Jh. vernichtete drei der vier Türme. 1751ließ Ks.in Maria Theresia in der Burg ein adeliges Kadettenhaus einrichten, aus dem sich die »Theresianische Militärakademie« entwickelte, die mit einigen Unterbrechungen bis heute besteht. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Burg durch Bomben zerstört und in der gegenwärtigen Form wieder aufgebaut.
Befestigungsanlagen und Burg bildeten eine Einheit. In gleicher Weise waren Klosterbauten zur Verstärkung direkt an der Stadtmauer errichtet worden. Angesichts der drohenden Türkengefahr veranlaßte Ehzg. Ferdinand Verbesserungsarbeiten an den Mauern und 1523 den Bau eines Zeughauses gegenüber dem Burgtor.
Als Residenzstadt war die Neustadt mit allem versehen und ausgerüstet, was eine größere Stadt des MA an Versorgungseinrichtungen für ihre Bevölkerung, Gäste und Fremde aufzuweisen hatte. Größere gewerbl. Unternehmen wie Mühlen oder ein Eisenhammer fanden sich an den äußeren Enden der Stadt. Die Weingärten der Wirtschaftsbürger befanden sich im N und S der Stadt, aber auf ungar. Gebiet, d. h. im heutigen Burgenland.
Die Burg dürfte höchsten Wohnkomfort gehabt haben, wie die verschiedenen Aufenthalte der ksl. Familien und die Geburten von Prinzen und Prinzessinnen in der Neustädter Burg zeigen. Ks. Maximilian I. zog sich gern in seine hier eingerichtete Einsiedelei zum Gebet zurück. Ein großer Anziehungspunkt war sicher auch die Jagdmöglichkeit im dazugehörigen Tiergarten. Ks. Maximilian I. ist unter dem Hauptaltar der St. Georgskirche in der Burg bestattet. Seine Mutter, Ks.in Eleonore, fand zusammen mit ihren früh verstorbenen Kindern ihre letzte Ruhestätte bei den Zisterziensern im nahem Neukl.
Quellen
StA W.N. Scrin I/1 älteste Urkunde der Stadt vom 5. Juni 1239: Privilegien Herzog Friedrichs II. des Streitbaren für die Stadt. - StA W.N. Scrin VI/S Pergamenturkunde vom 11. Juli 1452: Ks. Friedrich III. verleiht der Stadt das Recht, den ksl. schwarzen Doppeladler im goldenen Feld im Wappen zu tragen. - HHStA-Neustadt Urkunde vom 31. Oktober 1523: Ausbau der Befestigung und des Zeughauses wegen der drohenden Türkengefahr. - Museum der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt, Inventarnummer 2: Grundstücksurkunde vom 14. Dezember 1751. - Urkundenbuch zurGeschichte der Babenberger in Österreich, vorb. von Oskar von Mitis, bearb. von Heinrich Fichtenau u. a., 4 Bde., Wien u. a. 1950-68 (Publikationen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, 3).
Literatur
Ferdinand Karl Boeheim's Chronik von Wiener-Neustadt, vielfach verm., bis auf die Jetztzeit erg. und neu hg. von Wendelin Boeheim, Wien 1863 (Ferdinand Karl Boeheim's gesammelte Schriften, 1, 2). - Csendes, Peter: Die Straßen Niederösterreichs im Früh- und Hochmittelalter, Wien 1969 (Dissertationen der Universität Wien, 33), hier S. 29ff. - Gerhartl, Gertrud: Wiener Neustadt als Residenz, in: Kaiserresidenz Wiener Neustadt, 1966, S. 104-129. - Gerhartl,Gertrud (Red.): Wiener Neustadt - Festung. Residenz. Garnison. Ausstellung St. Peter an der Sperr, Wiener Neustadt, 10. Mai bis 17. September 1972 [740 Jahre Priv. Unif. Wiener Neustädter Bürgerkorps], hg. vom Magistrat der Stadt Wiener Neustadt, Abt. 10, Wiener Neustadt 1972, hier S. 23ff. - Gerhartl, Gertrud: Wiener Neustadt. Geschichte, Kunst, Kultur, Wirtschaft, 2. Aufl., erg. und erw. ND der 1. Aufl. Wien 1978, Wien 1993. - Hamann, Brigitte: Die Habsburger. Ein biographisches Lexikon, Wien 1998, hier v. a. der Art. »FriedrichIII«, S. 149-153. - Klaar, Adalbert: Ein Beitrag zur Baugeschichte der mittelalterlichen Burg in Wiener Neustadt, in: Alma Mater Theresiana. Jahrbuch 1962, Wiener Neustadt 1962, S. 53-59. - Mayer, Josef: Geschichte von Wiener Neustadt, hg. und verl. von der Stadtgemeinde Wiener Neustadt, Bd. 1: Wiener Neustadt im Mittelalter. Tl. 1: Werden und Wachsen der Stadt (bis 1440), Wiener Neustadt 1924. Tl. 2: Glanzperiode der Stadt (1440-1500), Wiener Neustadt 1926. - Reidinger, Erwin: Planung oder Zufall. WienerNeustadt 1192, 2., erw. Aufl., Wiener Neustadt 2001. - Weber, Barbara: Die Neugestaltung des Hauptplatzes von Wiener Neustadt, Dipl. Arb. Univ. Wien 1995.