Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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UTRECHT C.3.

I.

Traiecto (ca. 300), in uico qui dicitur Treiecto (753), Traiectensis (751-54), Trech (755-68), Trecht (755-68), Traiecto Veteri (777), in Triiecto castello (840-49), Treiectensis (870), Vttrecht (870), in loco Thret (975), apudUlterius Traiectum (1052-56), in loco Vultaburch dicto qui nunc Vultraiectum (Anfang 12. Jh.s), apud Inferius Traiectum (1122), Ultraiectum (ca. 1125), Uztrith (1159-ca. 1169), Utret (ca. 1135-80), Ultraiectum (kurz nach 1183), Utreit (1187),Utreth (1186-1201) - Stadt und Burg - Stift U. (Nedersticht); Bf.e von U. - Bischofssitz; Hauptres. 10.-13. Jh., seitdem meistens → Ter Horst und → Wijk bij Duurstede - NL, Prov. U.

II.

Von der Stadt an der Gabelung von Rhein (Oude und Kromme Rijn) und Vecht in der Mitte der Niederlande gibt es keine prähistor. Spuren, viell. weil die beiden Flüsse diese vernichtet haben. Ein röm. Limeskastell wurde kurz nach 47 nach Chr. nahe einer Furt auf dem linken Uferwall des Alten Rheins errichtet. Östl. und westl. dieses Kastells lagen die beiden vici. Eine zweite Siedlung gab es weiter südl. entlang des Rheins. Unklar ist, ob die Römer schon in der zweiten Hälfte des 3. Jh.s (270) oder erst später das Kastell verließen. DasKastell ist möglicherw. lange von Einheimischen bewohnt worden, obschon eine Siedlungskontinuität archäolog. fragwürdig ist. Erst in der ersten Hälfte des 5. Jh.s weisen u. a. einige reiche Grabfunde wieder auf Besiedlung hin. Aber noch vieles liegt im Dunkeln wie z. B. die Frage, ob es fries. oder merowing. Einflüsse in U. gab.

Um 600 jedoch stand U. unter der Herrschaft der merowing. Kg.e. Kurze Zeit später gab es schon Ansätze der Missionierung. Kriege und Auseinandersetzungen und die Eroberung U.s durch die Friesen hatte diese unterbrochen. 719 wurde die fries. Herrschaft durch die Franken beendet. Viell. weil das röm. Kastell in → Wijk schon durch den Rhein vernichtet war, wurde U. das Zentrum der Missionsaktivitäten in Friesland und Sachsen und dazu von den Kg.en gefördert. Ebf. Willibrord baute zwei Kirchen innerhalb des ehemaligen Kastells; dieses Münster wurde der Kern der U.er Kirche und derspäteren Stadt U.

Schon im 9. Jh. gab es nordwestl. von der bfl. Burg eine Siedlung. Nach den polit. Wirren und den Einfällen und der Besetzung U.s durch die Wikinger und nach der Rückkehr des Bf.s aus dem Exil in → Deventer (ca. 925) und dem Wiederaufbau des Bm.s erlebte die Stadt eine Blütezeit im 11. und 12. Jh. Es entwickelte sich eine Handelssiedlung mit vier Jahrmärkten (1127 erwähnt) und Handelsbeziehungen in das Rhein- und Maasland, nach Flandern, England, Friesland, Sachsen und Skandinavien. Der Dom wurde neu gebaut, vier Kollegiatstifte, eine Abtei, einige Konvente und vierPfarrkirchen wurden gegr., dazu noch eine ksl. Pfalz erbaut. Auch wurden Kanäle (u. a. die Oudegracht, die Lebensader U.s westl. der Burg) gegraben, um die Verbindung mit der Vecht und südwärts mit dem Lek zu verbesseren. U. konnte seine zentrale Stellung im Fernhandel bis Ende des 13. Jh.s halten, wonach die verschlechterte Verkehrslage und der Aufstieg holländ. Städte wie Dordrecht U. nur noch zum Mittelpunkt des regionalen Handels und der regionalen Produktion machten. Als Sitz des Bf.s, des Domkapitels und der Stifte, von sieben Archidiakonaten und vieler Kl. blieb U. jedoch bis zurReformation (1580) ein kirchl. Zentrum mit vielerlei Einkünften aus Grundbesitz und Zehnten. Bis zur Mitte des 16. Jh. war U. die größte Stadt der nördl. Niederlande, um dann von Amsterdam überrundet zu werden.

1122 oder kurz vorher hatte der Bf., der den Kromme Rijn nahe → Wijk bij Duurstede abdämmen wollte, um so die Moorgebiete urbar zu machen, U. wahrscheinl. nach schwierigen Verhandlungen Stadtrechte erteilt. Auf diese Weise wurden die Einw. für den Verlust ihrer Verbindung mit der Lek entschädigt. 1122 bestätigte der Ks. U. diese Privilegien, unterstützt von den Einw.n im Kampf gegen den U.er Ministerialen und den U.er Gf.en. Schon kurze Zeit später begannen die U.er, ein großes Gebiet einschließl. der Siedlungen im N und S und der U.er Kirche zu umwallen und teils mittuffsteinernen Türmen zu befestigen. Im 13. und 14. Jh. folgte eine Ummauerung desselben Bezirks. Neben dem bfl. Schultheißen (im 11. Jh. erstmals erwähnt) sind bereits 1122 die Schöffen - später 12 an der Zahl - und 1196 die consules{ oder Ratsherren sowie 1266 die Bürgermeister bezeugt. Im 13. Jh. erwarben auch die Eldermänner der Gilden Anteil an der Stadtverwaltung. Nach einem ersten Intermezzo (1274-76) konnten die Zünfte 1304, unterstützt von den Entwicklungen in Flandern und den polit. Schwierigkeiten des Bf.s, eine Einigung mit den Patriziern aushandeln, diemaßgeblich war für die U.er Stadtverwaltung bis zum Antritt Ks. → Karls V. als Stadtherrn 1528. Am wichtigsten waren die 24 Ratsherren, jährl. gewählt von den Eldermännern der 21 Zünfte.

Seit der Mitte des 11. Jh.s hatte die bfl. Burg keinen defensiven Zweck mehr, sondern fungierte nur noch als Sitz des Bf.s, als administratives Zentrum und als Versorgungsplatz für das Gesinde. Zw. dem Bf. und den Bürgern kam es regelmäßig zu Konflikten. Seit 1122 geschah das z. B. 1131, 1151 und 1159, meist in einer Koalition der Bürger mit den Ministerialen. 1159 wurde der Bf. sogar lange Zeit in seiner eigenen Burg belagert. Seitdem investierte der Bf. viel in den Bau bfl. Schlösser. Seit der ersten Hälfte des 13. Jh.s residierte er demgemäß immer weniger in U., meist in einem Schloß wie→ Ter Horst. Seit 1459 war es die neu erworbene Stadt und das Schloß → Wijk bij Duurstede. Dies hatte auch mit seiner eigenen finanziellen Schwäche und der wachsenden Macht der Bürger zu tun. Im 14. und 15. Jh. resultierte dies einerseits aus Konflikten über die Gerichtsbarkeit und andere bfl. Rechte und der unabhängigen Politik U.s (z. B. 1481-83 offener Krieg in der Utrechter Stiftsfehde), anderseits aus einer wachsenden Kooperation, weil beide einander brauchten in den Auseinandersetzungen mit Holland, → Geldern und verschiedenen Adligen. Dazu erlebte U.zeitw. einen heftigen Faktionsstreit, seit 1425 oft verknüpft mit zunehmendem Widerstand gegen die burgund. → Habsburger, der endlich 1528 zur Abtretung der weltl. Macht des Bf.s an Ks. → Karl V. führte. Dies bedeutete zugleich das Ende der fakt. bestehenden Autonomie U.s. Bis zur Reformation in U. (1580) gab es einen Bf. mit nur spiritueller Macht, der zeitweilig auch in U. residierte, aber seit 1545 wieder Herr des Schlosses von → Wijk war.

III.

Durch spätere Bauaktivitäten sind nur einige Fragmente der U.er Burg erhalten. Das röm. Kastell bestand in den vier ersten Anlagen aus Holz. Die letzte steinerne Phase (ca. 210) hatte eine etwas größere Fläche (ca. 126 × 152 m) mit vier Toren. Unter Kg. Dagobert (623-39) wurden die Mauern wahrscheinl. einfach restauriert. Nach der Besetzung durch die Wikinger hat Bf. Balderik wahrscheinl. auch das Kastell ausgebessert und viell. im W mit einer Brücke versehen (925-29 und später). Auch könnte die Burg in dieser Zeit im W einwenig vergrößert worden sein (Borchbrugghe und fossatumurbis). Der Bisschopshof lag im 11. Jh. und auch noch später in der südwestl. Ecke der Burg. In der nordwestl. Ecke wurde in der Mitte des 11. Jh.s eine ksl. Pfalz gebaut, Lofen gen., wahrscheinl. wg. eines Laubenganges. Teile dieser Pfalz (35,7 bis 32,25 × 16,75 bis 9,15 m) mit Pfeilern und Bögen sind erhalten in einigen Kellern U.er Häuser. In der zweiten Hälfte des 12. Jh.s wurde diese Pfalz nicht mehr genutzt; die Gebäudewurden dem Domkapitel geschenkt, das hier Domherrenkurien baute. Ca. 1050 wurde mehr Raum zum Nutzen der Immunitäten beider Stiftskirchen benötigt. Im N, O und S wurde die alte Burgmauer abgebrochen und der Graben zugeworfen; 20-30 m davon entfernt wurde ein neuer Graben ausgehoben, jedoch ohne milit. Bedeutung (175-200 bis 225 m).

Nur ein unterkellertes Haus (15. Jh.), viell. Teil des im 14. Jh. genannten Vorratshauses (Spinde) und der bfl. Michaelskapelle im ersten Stock des Domturms (kurz vor 1328) existieren noch vom Bisschopshof. Außer einigem Mauerwerk wurde im 19. Jh. im SW ein Teil einer Ecke des Hofes mit einem Treppenturm ausgegraben und im 20. Jh. das Gerichtshaus des Offizials mit einem Treppenturm zur Michaelskapelle.

Die Pfalz des Bf.s wurde zum erstenmal 1017 gen., als sie verbrannte. Spätere Stadtbrände haben noch oft Schäden verursacht, so 1253: maius palacium episcopi cum domo estivali et hyemali et cum turri episcopali totaliter combustum est (Annalen St. Marie, in: Drie Utrechtsche Kroniekjes, 1888, S. 481). 1081 ist schon die Rede von einem bfl. Winterhaus. Wahrscheinl. war dies der Saal des Bf.s im N des Bisschopshof, westl. der Borchbrugghe, südwestl. einer Küche und östl. der Bottlerei, dem Vorratshaus und demKonsistorialzimmer (viell. auch südl. vom Turm) bis zum alten Turm des Domes. Nördl. der Außenmauer des Winterhauses befanden sich im 13. und 14. Jh. Marktbuden, jenseits der Borchstraat lag das bfl. Gruit- und Zollhaus (bis Anfang des 15. Jh.s).

Im SW der Burg, westl. vom Stift St. Salvator, befand sich die turris episcopalis oder turris firmissima (1159 bzw. 1122), der Bischofsturm, wohl eine Art Donjon zur letzten Verteidigung des Bisschopshof. Ob dieser nach dem Brand von 1253 wieder hergestellt wurde, ist unklar. Im 13. Jh. war dort jedoch ein westl. Flügel entlang der Donkere Gaard mit einem Weinkeller, der direkt durch den Keller eines Bürgers von der Oudegracht aus bestückt werden konnte. Im SW wurde ca. 1378 auch ein neuer Hof gebaut bzw. der alte Hofumgebaut. Im 15. Jh. ist kontinuierl. weiter gebaut worden. 1419 wurde das alte Winterhaus abgebrochen und umgebaut, 1426/7 folgten Wiederherstellungen. Ca. 1450 ließ der Bf. einen Südflügel am Westflügel in der Nähe des ehemaligen Turms errichten. Das spätma. Gebäude bestand dann aus einem großen Hof, zwei zueinander im rechten Winkel stehenden Flügeln, die unterkellert waren und aus zwei Stockwerken mit einem großen Dachboden bestanden, sowie einem in der inneren Ecke der Flügel stehenden viereckigen Turm, der von zwei Treppentürmen flankiert war. Trotz der Verlegung seiner Res. ab 1459 nach→ Wijk bij Duurstede verschönerte auch Bf. David von Burgund den Bisschopshof. So waren Kamin und Kaminfries - eine U.er Besonderheit - mit seinen Wappen und Medaillons der Heiligen verziert (heute im U.er Centraal Museum), an der Fassade befanden sich steinerne Wappen.

Ebf. Friedrich Schenck von Tautenburg (1559-80) war nach einem Jh. wieder Hauptbewohner des Hofes. Nach der Reformation (1580) war der Hof kurzzeitig Waisenhaus und Getreidespeicher, ab 1585 Sitz und Wohnung des Statthalters bzw. des milit. Gouverneurs. 1706 sind die Gebäude jedoch versteigert worden; danach waren sie bewohnt von einigen gfl. Wwe.n, später vom Präsidenten der U.er Staaten. Nach 1778 war der Hof vermietet, u. a. an ein Theater. 1795 folgte die Zwangseinquartierung von Truppen, 1800 kaufte die Stadt die Gebäude, die schließl. 1803 abgerissen wurden.

In Rechnungen und Urk.n werden zahlr. Zimmer und Räume erwähnt, z. B. die magna camera sive aula, wo der Bf. 1338 schlief, oder der Stall des Kämmerers, ein Backhaus, eine Küche mit einer kleinen Kammer, ein Gefängnis, Zimmer verschiedener Räte, ein Torhaus, eine Bottlerei usw. (1378/79). Es gab auch einen oberen Saal und offensichtl. einen zweiten, niederen Saal. Einer dieser beiden Säle war durch eine Brücke mit dem Zimmer des Bf.s verbunden, wo es verschiedene Badewannen gab, aber auch eine kleine Küpe, in der man offensichtl. den Wein kühlte.

1524 gab es einen niederen Saal unter dem Zimmer des Bf.s, einen mittleren und oberen Saal, eine Bottlerei, ein Backhaus, eine Fleischerei, eine Küche, ein Sommerhaus mit einer stacie camer und einem Altar, ein Schlafzimmer, ein Oratorium, ein Kontor, ein Audienzzimmer, das Zimmer eines Rates und einige kleinere Kammern. Mitte des 16. Jh.s werden u. a. zwei große Säle und eine salette gen., wahrscheinl. sind das die drei 1524 erwähnten Säle, des weiteren ein Saal für die Edelleute, eine Schreibstube, ein Zimmer für die Pagen, und Zimmer für denHof- und für den Küchenmeister. 1580 gab es dazu ein Zimmer für Bf. David (1496 verstorben), eine Bibliothek und Ställe mit vier Kämmerchen.

Quellen

Het Utrechts Archief, Archief der bisschoppen van Utrecht, Nr. 550 und 552. - Drie Utrechtsche Kroniekjes voor Beka's tijd, hg. von Samuel Muller Fz, in: Bijdragen en Mededelingen van het Historisch Genootschap 11 (1888) S. 460-508. - Registers en rekeningen van het bisdom Utrecht, 1-2, 1889-91. - Regesten van oorkonden betreffende de bisschoppen van Utrecht, 1937. - Bisschoppelijke rekening, 1853. - Rekeningen van het bisdom Utrecht, 1-3, 1926-32. - Sterfhuis, 1839. - Vollgraff, CarlWilhelm/Hoorn, G. van: De opgravingen in juni en juli 1935, in: Opgravingen op het Domplein te Utrecht. Wetenschappelijke verslagen 3 (1938) S. 131-158.

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