Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

STEINHEIM C.2.

I.

Steynheim (1223). - Burg und Stadt am Untermain (Hessen, Main-Kinzig-Kreis, Stadt Hanau). - Erzstift Mainz; Ebf.e von Mainz. - Höhenburg in der Nordostecke der Stadt; Nebenres. seit 1425, bis Ende 16. Jh. häufig aufgesucht. - D, Hessen, Reg.bez. Darmstadt, Main-Kinzig-Kr.

II.

S. wurde erst 1938 aus den beiden Gemeinden Groß- und Klein-S. vereinigt, die nach ihrer topograph. Lage am linken Ufer des Untermains in der Vergangenheit auch als Ober- und Nieder-S. unterschieden worden sind. Die Ortschaften liegen auf einem Basaltrücken, dem sie ihren Namen verdanken. Die verkehrsgünstige Lage von S. wird durch den schiffbaren Main und die am linken Flußufer auf Mainzischem Gebiet verlaufende Geleitsstraße Frankfurt-Hanau bestimmt. Die Zent Groß-S. umfaßte in der ersten Hälfte des 15. Jh.s 17 Dörfer auf linksmain. Seite.

Das Amt S. mit Stadt und Burg sowie den zugehörigen Ortschaften beiderseits des Mains wurde 1425 von Gottfried VIII. von Eppstein für 38 000 rhein. Gulden an den Mainzer Ebf. Konrad III. von Dhaun verkauft. Damit wurde das Mainzer Oberstift am Untermain arrondiert und die Entwicklung S.s zur Nebenres. der Ebf.e eingeleitet. Der erworbene Besitz wurde von Groß-S. aus fortan als kurmainz. Amt (seit 1782 Oberamt) verwaltet, das im Zuge der Auflösung des Kurstaates 1802 an Hessen-Darmstadt gefallen ist.

Klein-S. war der ältere und bedeutendere Ort (Pfarrei, s. u.), blieb aber Dorf. Groß-S. entwikkelte sich südl. der Burg, die wohl Ende des 12. Jh.s von den Herren von Eppstein gegr. worden ist Ersterwähnung als castrum 1223). Die Burgsiedlung erhielt 1320 von Kg. → Ludwig dem Bayern das Stadtrecht von Frankfurt. Das Stadtsiegel (15. Jh.) zeigt den Stadtherrn mit gestürztem Schwert und Mainzer Rad. In die Stadtbefestigung, die Ober-S. in einem langgestreckten Viereck mit drei Toren umschließt, waren die Burg und der Turm der St. Johannes-Kirche einbezogen.Die Einwohnerzahl dürfte im ausgehenden MA 200-300 kaum überschritten haben (1576 gab es 65 Familien).

Die Pfarrrechte der St. Nikolaus-Kirche in Nieder-S. wurden 1449 von Ebf. Dietrich von Erbach an die Filialkirche St. Johannes Bapt. (Kapelle seit 1329) in Ober-S. übertragen. Kirchl. gehörten beide Orte zum Ebm. Mainz, Archidiakonat St. Peter und Alexander zu Aschaffenburg, Landkapitel Rodgau. Patronatsherr der Pfarreien in Groß- und Klein-S. (die dortige Kirche seit 1294 inkorporiert) war das Benediktinerkl. Seligenstadt.

Die Burg S. wurde nach 1425 zu einem repräsentativen Residenzschloß ausgebaut. Die Mainzer Ebf.e von Konrad III. von Dhaun (1419-34) bis zu Wolfgang von Dalberg (1582-1601) haben sich alle mehrfach in S. aufgehalten. Infolge der Mainzer Stiftsfehde (1459-63) wurde S. dem unterlegenen Ebf. Diether von Isenburg zugewiesen, der sich dort 1463 gegen Adolfs Truppen erfolgreich verteidigt hatte. Bis zu seiner neuerl. Wahl zum Ebf. von Mainz 1475 hat Diether vornehml. in S. residiert. 1468 hat er in der Pfarrkirche den Sebastiansaltar mit einem Frühmeßbenefizium gestiftet. Albrecht von Brandenburg(1514-45) hat sich häufig in S. aufgehalten und dorthin aus → Aschaffenburg wohl 1540/41 seine Bibliothek bringen lassen. Sein Hofastrologe war Johannes Indagine, der 1488-1537 als Pfarrer von S. gewirkt und 1514 an der Mainzer Palliumsgesandtschaft nach Rom teilgenommen hat (über ihn Kurze 1974 mit weiteren Hinweisen). Für den Fall seines Rücktritts ließ Albrecht sich vom Mainzer Domkapitel den Besitz der Ämter S. und Höchst zusichern.

Über die Hofhaltung in S. fehlen Untersuchungen. Auf der Burg gab es eine Kapelle (im Ostflügel mit dem Patrozinium Mariä Empfängnis, Bartholomäus, Georg, Barbara, Katharina und Dorothea), der 1431 die Pfarrei Lämmerspiel (Dorf südl. von S.) zum Unterhalt des Burgkaplans inkorporiert worden ist. In diesem Zusammenhang wird mit Bado alias Thylimannus erstmals ein Burgkaplan erwähnt. Erst Kfs. Franz Lothar von Schönborn hat 1731 die Aufgaben des Burgkaplans dem Pfarrer von Lämmerspiel übertragen.

III.

Die Burg erhebt sich auf einem langgestreckten Basaltfelsen, der auf der Ostseite zum Main hin steil abfällt. Die heutige Anlage ist seit dem späten 18. Jh. stark verändert worden und z. T. ruinös, doch zeigen mehrere Ansichten des 16. und 17. Jh.s den Zustand der ebfl. Residenzburg (Ansicht von N, Mitte 16. Jh., abgebildet in: FFM 1200, S. 41. - zwei Ansichten von O, von 1579, abgebildet in: Reber 1990, S. 101, und von Matthäus Merian 1646, abgebildet in: Imgram 1964, S. 33).

Die roman. Burganlage der Herren von Eppstein ist durch die Mainzer Ebf.e seit 1425 unter Übernahme älterer Bauteile zu einem repräsentativen Residenzschloß umgestaltet worden. Der runde Bergfried wurde mit einer charakterist. Steinhaube und vier Scharwachttürmchen neuerrichtet. Daran schließt auf der Nord- und Ostseite der Burg ein zweiflügeliger Wohnbau an. Der Ostflügel wurde am westl. Ende um einen wohnturmartigen, zum Main hin vorspringenden Anbau erweitert, der nicht mehr erhalten ist (1431 als nova domus versus australem plagam erwähnt). Von Baumaßnahmen unterEbf. Daniel Brendel von Homburg (1555-82) zeugen das Renaissanceportal mit Wendeltreppe am Wohnbau und ein Brunnen. Die Ansichten des 16. und 17. Jh.s lassen zw. dem Bergfried und der nova domus von 1431, in der sich die Kapelle mit Erker befand, einen zweiflügeligen, vierstöckigen Wohnbau mit einem Fachwerkobergeschoß erkennen, dessen steil aufragende Dachlandschaft durch zahlr. spitze Türme belebt wurde. Der Nordflügel wies drei Dachgiebel auf.

Die Burg war von der Stadt durch Graben und Befestigungsanlagen getrennt. Der Hauptzugang befand sich auf der Südseite. Von den Wirtschaftsbauten der Residenzburg sind nur geringe Reste erhalten (u. a. der spätgot. Marstall). Die Residenzfunktion des Ortes ist an weiteren Bauten ablesbar. In der Pfarrkirche St. Johannes sind die Ausbauphasen seit 1449 durch ebfl. Wappen am Westturm und im Chorgewölbe (1505-09) gekennzeichnet worden. Mehrere Adelsgräber aus der ersten Hälfte des 16. Jh.s in der Kirche hängen mit der Rolle S.s als Res. zusammen, u. a. das Grab des Hofmarschalls Frowin vonHutten († 1528) und seiner Frau. An die Funktion S.s als kurmainz. Amtssitz erinnern das Amtshaus in der Vorburg sowie Kellerei, Brauhaus und Fronhof aus dem 16. Jh.

Becker, Wilhelm: Art. »Steinheim«, in: Hessisches Städtebuch, 1957, S. 412-414. - Bünz 2003. - Christ 1997, S. 15-444, bes. S. 134-137 (Amt S.) und S. 140f. (Cent S.). - Dehio, Kunstdenkmäler, Hessen, 1982, S. 836-838. - Demandt, Barbara: Die mittelalterliche Kirchenorganisation in Hessen südlich des Mains, Marburg 1966 (Schriften des Hessischen Landesamtes für geschichtliche Landeskunde, 29), S. 113f. und 125. -Erzbischof Albrecht von Brandenburg, 1991. - Imgram, Leopold: Geschichte der Stadt Steinheim am Main, 2 Tl.e, o. O. o. J. (1958). - Imgram, Leopold: Sehenswürdigkeiten in Steinheim am Main. Ein Führer durch die Stadt, Steinheim 1964. - Imgram, Leopold: Geschichte der katholischen Pfarreien St. Johann und St. Nikolaus in Steinheim am Main, Steinheim 1972. - Knöpp, Friedrich: Art. »Steinheim a. Main«, in: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 4, 1967, S. 427. -Kurze, Dietrich: Art. »Indagine, Johannes«, in: NDB X, 1974, S. 168f. - Reber 1990. - Schäfer, Georg: Kreis Offenbach, Darmstadt 1885 (Kunstdenkmäler im Großherzogthum Hessen, A. Provinz Starkenburg), S. 38-65. - Schäfer, Regina: Die Herren von Eppstein. Herrschaftsausübung, Verwaltung und Besitz eines Hochadelsgeschlechts im Spätmittelalter, Wiesbaden 2000 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau, 68). - Wolfram,Sabine/Merk, Anton/Schaffer-Hartmann, Richard: Schloß Steinheim, München 1992.