Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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SEGEBERG C.7.

I.

Castrum [...] quod [...] vocatur Sigeburg (1137); de Sigheb[erg] (1164); arx Segeberga (1585).

In der ersten Hälfte des 12. Jh.s vorgeschobener sächs. Kontrollposten an der Grenze zum slaw. dominierten ostholstein. Kolonisationsgebiet. Vom 13. bis 15. Jh. eine der Hauptres.en des schauenburg. Grafenhauses, zunächst der Kieler, ab 1315 der Rendsburger Linie. Seit 1460 Nebenres. des Oldenburger Hauses, 1490 bis Mitte 17. Jh. Amtmannssitz. Höhenburg.

Die Stadt und das Augustiner-Chorherrenstift sind gleichzeitig entstanden. Spätestens 1260 Verleihung des lüb. Rechtes. Seit 1867 Kreisstadt, seit 1884 Solbad. - D, Schleswig-Holstein, Kr. S.

II.

S. liegt mit seinem histor. Kernbereich zw. der Trave, dem Großen S.er See und dem Alberg, einem aus der eiszeitl. Moränenlandschaft Mittelholsteins steil und unvermittelt herausragenden, über 90 m hohen Gipshut, der ähnl. wie der Lüneburger Kalkberg einen mächtigen Salzstock in den Tiefen des Untergrundes anzeigt. Der über Jh.e betriebene gewerbsmäßige Abbau von Anhydrit und Gips zur Bereitung von Mörtel und Stuckmasse hat dem postglazialen geolog. Solitär stark zugesetzt und ihn um ca. 30 m seiner ursprgl. Höhe beraubt, aber auch den Umfang beträchtl.geschmälert. Die ehemalige Ausdehnung kann noch heute klar aus dem Stadtgrundriß erschlossen werden, dessen sichelförmige Grundgestalt mit dem Hauptstraßenzug (Lübecker Straße) einer Bruchstufe an der Nordseite des Berges folgt. Südl. schließt sich ein zweiter Siedlungskern im Bereich der Straße »Am Kalkberg« an, nach W im zur Trave hin abfallenden Wiesenland liegen das benachbarte und 1820 eingemeindete Dorf Gieschenhagen (heutiger Ortsmittelpunkt) und der Bezirk des ehemaligen Augustiner-Chorherrenstiftes, von dessen umfangreichem Gebäudebestand einzig die dreischiffigeBacksteinbasilika erhalten blieb. Um 1156 begonnen, ist sie der früheste auf vollständige Einwölbung hin angelegte Großkirchenbau Schleswig-Holsteins und verwendet zum ersten Mal den bis dato nördl. der Elbe noch ungebräuchl. Ziegel in der Kombination mit Schmuckgliedern aus heim. Gipsstuck als vollwertiges Baumaterial, worin ihr nicht nur die spätroman. Lübecker Stadtkirchen, namentl. der Dom und St. Marien, folgten.

Burg, Stadt und Kl. verdanken ihre Entstehung einer Initiative Ks. Lothars III. von Süpplingenburg († 1137), östl. des Limes Saxoniae, des Grenzstreifens zw. sächs. und slaw. Siedlungsgebiet, der unmittelbar vor S. am Westufer der Trave verlief, einen Brückenkopf für die beginnende Kolonisation Wagriens und zugl. einen Vorposten für die weitere Missionierung Nordelbiens einzurichten. Vizelin, der spätere Bf. von Oldenburg, besetzte das Stift um 1134 mit Augustinern aus Neumünster und weihte die erste Kirche der Gottesmutter und dem Evangelisten Johannes. Nach einem Wendenüberfall 1138, beidem die Burg zwar unversehrt blieb, das Kl. aber zerstört wurde, verlegte Vizelin die geistl. Wirkungsstätte vorübergehend nach Högersdorf hinter die Travelinie, von wo aus die Stiftsherren jedoch schon 1156 auf Veranlassung Bf. Gerolds wieder nach S. zurückkehrten.

In den Kämpfen um Holstein und Stormarn, die nach dem Tode Ks. Lothars zw. Gf. Adolf II. von Schauenburg und Heinrich von Badwide, dem Gefolgsmann des Askaniers Albrecht des Bären, ausbrachen, kam es um 1140 auch auf der Burg erstmals zu schweren Schäden. Nach der durch Heinrich den Löwen erfolgten Belehnung des Schauenburgers mit S. und Wagrien (1143) wurde sie wiederaufgebaut und avancierte zum wichtigsten Stützpunkt der neuen schauenburg. Hausmacht. In der Folgezeit war die Burg, die 1189/90 Heinrich dem Löwen widerstanden hatte, sich 1201 aber den Dänen nach längererBelagerung ergeben mußte, Sitz mehrerer schauenburg. Linien, bevor sie mit der Wahl Christians I. zum Kg. von Dänemark, Hzg. von Schleswig und Gf.en von Holstein 1460 kurzzeitig zur Nebenres. wurde.

Nach der ersten Landesteilung des oldenburg. Hauses 1490 fiel S. dem kgl. Anteil der Hzm.er zu und blieb bis zur Gründung von Glückstadt (1617) Sitz eines Amtmanns. Als berühmtester Vertreter dieser Periode kann Heinrich Rantzau gelten, unter dem in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s Burg und Stadt eine Blütezeit erlebten. Nahezu sämtl. Häuser des Ortes, die mit Ausnahme der Burg und des Kl.s während der Grafenfehde 1534 von lüb. Truppen verwüstet worden waren, entstanden damals neu. Zum stattlichsten Gebäude neben dem Rathaus, das 1545-50 als reich verzierter Fachwerkbau am Aufgang zur Burgerbaut worden war (1826-28 durch den jetzigen Neubau ersetzt), entwickelte sich das nahe des Kleinen S.er Sees gelegene, schloßartig freistehende Stadthaus Heinrich Rantzaus (zerstört). Auch auf der Burg kam es zu größeren Umbauten, die dem ma. Gebäudebestand ein zeitgemäßes Aussehen verliehen. Westl. außerhalb der Ortschaft Gieschenhagen ließ Rantzau einen Obelisken (1590) und eine Pyramide (1588), letztere auf einem vorgeschichtl. Grabhügel, als Denkmäler zu Ehren Kg. Friedrich II. von Dänemark errichten, die noch heute trotz ihrer rudimentären Erhaltung Zeugnis von der humanist. Gesinnungund der Baulust des kgl. Statthalters ablegen.    

III.

Der bis 1931 betriebenen wirtschaftl. Ausbeutung des Kalkberges als Steinbruch ist nach schweren Schäden im Dreißigjährigen Krieg die auf der Kuppe des Felsens errichtete landesherrl. Burg mit Ausnahme des noch teilw. erhaltenen tiefen Brunnenschachtes zum Opfer gefallen. Eine ahnungsweise Vorstellung von ihrer einst stolzen Gestalt gibt der auf 1585 datierte Kupferstich des Johann Greve mit der Stadtansicht S.s von N aus dem Städtebuch von Braun und Hogenberg (Augsburger Exemplar), dem um 1586 noch eine zweite, leicht abweichende Ansicht folgte. Demzufolgegehörte die Burg S. - wie die Duburg bei Flensburg und die → Lauenburg oberhalb der gleichnamigen Stadt an der Elbe - zu den wenigen Höhenburgen Schleswig-Holsteins. Ihr Grdr. war - dem Verlauf des Felsplateau entspr. - von unregelmäßiger äußerer Form. Die einzelnen Gebäude umstanden als selbständige Randhausbauten von unterschiedl. Zuschnitt einen engen Hofplatz. Höchstes Bauwerk scheint ein zinnenbekrönter Rundturm gewesen zu sein, der offenbar die strateg. exponierte Südostecke beherrschte, während - nach N der Stadt zugewandt - ein von großen Fenstern, Staffelgiebeln undZwerchhäusern vor den Dächern geprägter langer, repräsentativer Bau die Blicke auf sich zog. Eine genaue Funktionszuweisung und Zeitstellung der bereits im 17. Jh. restlos zugrunde gegangenen Burghäuser läßt sich rückblickend nicht mehr durchführen.

Später Glanz entfaltete sich noch einmal, als 1621 die von Christian IV. abgehaltene Versammlung der protestant. Mächte und Reichsstände in S. stattfand. Außer dem dän. Kg. waren die Hzg.e von → Lüneburg, → Lauenburg und → Braunschweig nebst Gesandten aus vieler Herren Länder auf der Burg versammelt; auch der vertriebene Kg. von → Böhmen, Friedrich von der Pfalz, der Schwager des dän. Kg.s, fand sich mit großem Gefolge ein. Nur wenige Jahre später brandschatzten schwed. Truppen unter General Torstenson die Burg und verwandelten sie in eine Ruine,deren Reste um 1660 zum Abbruch freigeben wurden.

Quellen

Braun, Georg/Hogenberger, Franz: Theatrum Urbium [...], Augsburger Sammelband (Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Sign. Rar II, 2° Gs 112 B). - Helmods Slavenchronik, bearb. von Bernhard Schmeidler, 3. Aufl., Hannover 1937 (MGH SS. rer. Germ. VII, 32). - Heinrich Rantzau, Neue Beschreibung der Kimbrischen Halbinsel, 1597, übers. und bearb. von Hans Braunschweig, in: Heinrich Rantzau (1526-1598). Königlicher Statthalter in Schleswig und Holstein. EinHumanist beschreibt sein Land, Schleswig 1999 (Veröffentlichungen des Schleswig-Holsteinischen Landesarchivs, 64), S. 223-227. - Wenn 1981.      

Ellger, Dietrich: St. Marien zu Segeberg, 6. Aufl., München/Berlin 1988 (Große Baudenkmäler, 164). - Erdmann-Degenhardt, Antje: Im Schatten des Kalkbergs: Die Geschichte von Burg, Kloster und Stadt Segeberg, Segeberg 1988. - Habich, Johannes (Bearb.): Bad Segeberg, in: Dehio, Kunstdenkmäler, Hamburg. Schleswig-Holstein, 1971, S. 105-09. - Habich, Johannes (Bearb.): Bad Segeberg, in:Stadtkernatlas Schleswig-Holstein, 1976, S. 16-19. - Hofmeister, Adolf: Kaiser Lothar und die große Kolonisationsbewegung des 12. Jahrhunderts. Die Aufrichtung der deutschen Herrschaft in Wagrien, in: ZSHG 43 (1913) S. 353-71. - 850 Jahre Bad Segeberg, Segeberg 1984. - Jordan, Karl: Die Anfänge des Stiftes Segeberg, in: ZSHG 74/75 (1951) S. 59-94. - Kamphausen, Alfred: St. Marien zu Segeberg, Oldenburg/Tübingen 1952. - Kunst-Topographie Schleswig-Holstein, 1969, S. 746-53. -Kuss, Christian: Die Stadt Segeberg in der Vorzeit, Kiel 1847. - Laur 1967, S. 187 [s. v. Segeberg]. - Oldekop, Henning: Segeberg, in: Topographie des Herzogtums Holstein, 2, 1908, S. 75-82. - Ostertun, Helmich: Der Limes Saxoniae zwischen Trave und Schwentine, in: ZSHG 92 (1967) S. 9-38 - Schwettscher, Johannes: Alt-Segeberg: Untersuchung zum Stich Alt-Segeberg aus dem Städtebuch Braun-Hogenberg, Bad Segeberg 1956 (Beiträge zur Heimatkunde). -Siemonsen, Hans: Bad Segeberg in neun Jahrhunderten, Bad Segeberg 1984. - Tschentscher, Horst: Diente die Burg Segeberg als Zuflucht für die Bewohner der Stadt?, in: ZSHG 98 (1973) S. 25-30.