SCHLESWIG C.3.
I.
Sliesthorp (= Ort an der Schlei); Sliaswich, Slesvic, Slesvich). Stadt am Nordufer der inneren Schlei seit der ersten Hälfte des 11. Jh.s (früheste dendrochronolog. Daten um 1070), in der Nachfolge des wikingerzeitl. Siedlungsplatzes Haithabu an einer Nebenbucht des gegenüberliegenden Südufers seit dem mittleren 8. Jh., das ebenfalls bereits »Schleswig« gen. wurde; nach erster Missionierung Anfang des 9. Jh. Bischofssitz seit 948; erste Bischofskirche undWohnsitz der Bf.e unbekannt, in einer Zeit des Exils 983 bis 1026 zeitw. in → Hildesheim; vorhandene Bischofskirche St. Petri seit ca. 1120; hzgl. Residenzort seit Anfang 12. Jh.; Fbm. seit 1551; Hauptstadt der Provinz S.-Holstein (1867-1945); Kreisstadt des Kreises S. (S.-Flensburg).
Die erste bekannte Res. der S. Bf.e war die Burganlage Alt-Gottorf wenige km NW der Stadt, nach deren Zerstörung 1161 durch den Kg. die Inselburg → Gottorf am westl. Ende der Schlei, danach ab 1268 → Schwabstedt (s. d.). - D, S.-Holstein, Kr. S.-Flensburg.
II.
S. war vom beginnenden 11. bis zum mittleren 12. Jh. wichtigster Umschlagplatz in internationalen Fernhandelsverkehr zw. dem westl. Europa und dem Ostseeraum. Die Topographie der auf einer Halbinsel zw. zwei Schleibuchten gelegenen Siedlung mit Hafenufer, Königspfalz, Herzogsburg in Insellage vor dem Hafen, Bischofskirche und sieben Pfarrkirchen (1196) sowie mehreren Kl.n ist auf diese Belange zugeschnitten. Mit der Einrichtung des Domkapitels wohl um 1170/80 wuchsen im Umkreis der Kathedrale die Kurienhäuser der hohen Prälaten auf, darunter vermutl. auch derStadthof des Bf.s. Mit dem endgültigen Verlust der Fernhandelsfunktion an Lübeck Anfang/Mitte des 13. Jh.s erhielt die Stadt durch Neuparzellierung, Anlage eines Marktplatzes, Planierung des Hafengeländes zugunsten eines Dominkanerkl.s und Umbau der Pfalz in ein Franziskanerkl. eine neue Gestalt. Danach stagnierte die Entwicklung. Als Residenzort der Hzg.e und Bischofssitz kam der Stadt jedoch weiterhin Bedeutung zu, und sie war bes. im 14. und 15. Jh. in den Kämpfen um das Hzm. S. zw. dän. Kg.en, den Hzg.en und den Gf.en von → Holstein oft umstritten. 1711 wurden die von der GottorferRes. gebildeten Siedlungen Friedrichsberg und Lollfuß mit der Altstadt vereinigt. Als Tagungsort der Stände im Hzm. war S. Mitte des 19. Jh. ein Zentrum der dt.-dän. Auseinandersetzungen und nach dem preuß.-österr. Sieg über Dänemark 1864-1945 Sitz der preuß. Provinzialregierung von S-H.
III.
Über den ersten Stadthof des Bf.s ist nichts bekannt. Der spätma. Bischofshof liegt etwa 50 m im WNW des Domes vor der seit dem hohen MA und bis Ende des 19. Jh. turmlosen Westfassade des Domes. Er ist auf einer Grundfläche von rd. 21 × 12 m in drei Umfassungsmauern von ca. 8 m Höhe erhalten und bildet heute den Südflügel eines um 1700 errichteten Adelspalais. Die Lage auf dem Westhang einer Sanddüne markiert gleichzeitig die Westgrenze des ma. Siedlungsgrundes der Stadtanlage. Erste schriftl. Überlieferung, baugeschichtl.verifiziert, legt einen Neubau in die Zeit des Bf.s Nicolaus Wulf (1429-74). Möglicherw. stammen sekundär verbaute Quader eines Granitbogens in der Grundmauer von einem Vorgängergebäude. 1442 und 1462 werden Urk.n in curia seu domo habitationis nostrae bzw. in domo lapidea curie episcopalis Sleswicensis ausgestellt; 1462 ist der repräsentative Saal (aula curiae nostrae) gen. Das Gebäude wurde in zwei Abschnitten errichtet, zuerst um 1430/50 die Osthälfte, 1460/80 die Westhälfte mit dem Portal. Die Bauphasen lassen sich inMaterial und Technik mit entspr. Bautätigkeiten am südl. und am nördl. Seitenschiff des benachbarten Domes parallel setzen. Nach Baubefunden befand sich am Nordende des Ostgiebels auf quadrat. Grdr. von 1,05 m lichter Weite ein zweistöckiger, erkerartiger Anbau unbekannter Datierung, wahrscheinl. ein Abtritt. Nach einer Ansicht von 1598 standen nördl. des Hauses im O ein Backhaus und im W eine Scheune, die mit einem Zaun mit Durchgang zu einem nördl. anschließenden Baumgarten verbunden waren.
Nach architekturgeschichtl. Erhebungen ist folgende Rekonstruktion möglich: Das Mauerwerk besteht im Ostabschnitt aus Schichten roter und gelber Backsteine, im Westteil ist der Schichtenwechsel auf gelben Ziegeln durch Rotbemalung fortgeführt. Die als Schauseite hervorgehobene Nordfront besaß sieben Fensterachsen mit einem Portal in der Mitte, über dem sich 1598 ein Fenstererker befand. Die Stirnwände - im Ostgiebel bis zum First ca. 16 m Höhe - waren mit Stufengiebeln, die Fensterlaibungen mit Segmentbögen und Rundstabkanten versehen. Unter der Traufe befanden sich ein bemalter und wohlbeschrifteter Zierfries und Schildblenden, vermutl. u. a. mit dem Bischofswappen. Das Innere war den beiden Bauphasen entspr. mit einer Querwand unterteilt und enthielt u. a. eine offenbar reich ausgemalte Halle und gewiß auch die camera curie, in der nach schriftl. Zeugnis das Bischofsgericht tagte. Reste figürl. und ornamentaler Wandmalereien haben sich auch an anderen Stellen des Hauses erhalten. Der Keller unter der Osthälfte war in einen südl. und zwei nördl. Räume mit Kreuzrippengewölben unterteilt. Einer dürfte als schriftl. bezeugter Gefangenenkeller gedienthaben.
Nach der Reformation 1542 blieb der Hof zunächst in Stiftsbesitz und wurde nacheinander von Superintendent Paul von Eitzen (1562-98), den Kanonikern Erasmus und Ludwig Heitmannn und 1624-31 von dem Landkanzler und Archiakon Dr. Theodor Bussius bewohnt. Nach Aufhebung von Domkapitel und Bm. kam der Hof an Hzg. Christian Albrecht, der ihn 1660 seinem Kammerrat Claus Levin Moltke schenkte. Seitdem in Privatbesitz, hatte er in schneller Folge mehrere Besitzer (u. a. 1663 Kanzler Kielmannseck, 1675 Domverwalter von der Lieth, 1682 Hofrat Jacob Massau), bis ihn kurz vor 1695 Baron von Königsteinerbte. Er ließ das alte Haus umbauen, fügte ihm einen langen, N-S gerichteten Westflügel hinzu und erweiterte den Komplex mit Marstall, Lustgarten und Orangerie zu einem adligen Palais. Bis 1828 in Privatbesitz, gehörte das Haus danach der Stadt S., wurde u. a. als Schule genutzt und ist seit 1939 staatlich. Trotz vielerlei Umbauten und Renovierungen ist mit dem alten Bischofshof ein gewichtiges Stück Bistumsgeschichte anschaulich.
Quellen
Quellen zur Geschichte des Bistums Schleswig, 1904. - Weitere Quellen insbesondere bei Ellger 1966.
Literatur
Ellger 1966 [S. 659-667, mit Quellenangaben]. - Kellenbenz 1985. - Philippsen, Heinrich: Alt-Schleswig I-II, Schleswig 1924-28. - Radtke, Christian: Bistum Schleswig, in: Die Bistümer des Heiligen Römischen Reiches von ihren Anfängen bis zur Säkularisation. Ein historisches Lexikon, hg. von Erwin Gatz, Clemens Brodkorb und Helmut Flachenecker, Freiburg i. Br. 2003, S.662-669.