SCHELLENBERG C.2.
I.
Shellenberc (1206); Schellinberg (1382); Schellenperg (1542); S. (1791) - seit Mitte des 11. Jh.s im Reich mehrfach vorkommender Burgen- bzw. Geschlechtername, zu mhd. schëllen/schellen tönen/tönen lassen (»Burg, von der es schallt«) bzw. zu mhd. schëlle Glöckchen (HONB I, 2001, S. 29, II, 2001, S. 348). - mit dem Schloßneubau unter Kfs. August Umbenennung in Augustusburg (um 1568 Schloß Augustusburg, 1590 Amt Augustusburg, erst 1899 StadtAugustusburg) - Schloß und Stadt über dem Zschopautal. - D, Sachsen, Reg.bez. Chemnitz, Landkr. Freiberg, Gemeinde Leubsdorf.
Seit der zweiten Hälfte des 12. Jh.s Reichsland Pleißen (1243-90 Pfandschaft der Wettiner), seit 1324 Mgft. Meißen, seit 1423 Kfsm. Sachsen, 1485 bis 1547 Hzm., danach Kfsm. Sachsen, albertin. Linie.
Höhenburg in Gipfellage, von Renaissanceschloß überbaut, und Marktflecken, später Stadt - seit ca. 1200 Geschlechtersitz, seit 1324 Mgf.en von Meißen/Kfs.en bzw. Hzge. von Sachsen, Wettiner - Res. seit der zweiten Hälfte des 14. Jh.s, bereits um 1400 vornehml. Jagdres.
II.
Mit der Nennung der Brüder Wolfram und Peter von S. unter Zeugen einer Urk.e des Mgf.en von Meißen 1206 in → Dresden wird zugl. der Ort S. östl. von → Chemnitz erstmals urkundl. erwähnt; die nach ihm benannten Reichsministerialen, deren Herkunft aus Franken als wahrscheinl. gilt, kommen als Erbauer der ersten Burg auf dem S. in Betracht. Die Anlage befindet sich auf einem Quarzporphyrkegel (516 m ü. d. M.), einer markanten Einzelerhebung im unteren Mittelerzgebirge, zw. den Flußtälern der Zschopau im W und der Flöha im O.
An der südöstl. Flanke des Reichslandes Pleißen gelegen und kirchl. der → Meißner Diöz. zugeordnet, wurde die Burg um bzw. nach 1200 mit der Erschließung des Erzgebirges im Zuge des hochma. Landesausbaus errichtet. Durch Kolonisation bis in das obere Bergland an der Flöha sowie durch Erwerb, darunter die Herrschaft Lauterstein, gelangten die Herren von S. in den Besitz eines größeren geschlossenen Herrschaftsbereichs. Begünstigt durch die Grenzlage zur Mgft. Meißen im O sowie die Pfandschaft der Wettiner über das Pleißenland (1243-90), sahen sich die S.er verstärkt denMediatisierungsbestrebungen der Mgf.en von Meißen ausgesetzt; seit den letzten Jahrzehnt des 13. Jh.s gerieten sie mit den Mgf.en bzw. ihrem Hauskl. Altzelle in offene Konfrontation (S.er Fehde), die über Belagerungen des castrum S. 1286 und 1292 zur endgültigen Niederlage des Geschlechts i. J. 1323 und zum Entzug aller Besitzungen im Pleißenland führte. 1324 wurde Mgf. Friedrich II. von Kg. → Ludwig IV. mit Burg und Herrschaft S. belehnt. Danach mehrfach verlehnt und verpfändet, diente S. den Wettinern erst nach 1369 dauerhaft als Res. und Mittelpunkt eineslandesherrl. Amtsbezirkes. 1378 sind Vw. und Zoll unterhalb der Burg überliefert. Die bereits zu jener Zeit vorrangige Nutzung als Jagdres. bestimmt künftig den Charakter der Anlage.
In zeitl. Nähe zur Errichtung der ersten Burg auf dem S. entstand vermutl. in den letzten Jahrzehnten des 12. Jh.s das gleichnamige Waldhufendorf ca. 2 km südöstl. davon (ca. 380 m ü. d. M.); im SpätMA sind Vw., Mühle und Pfarrkirche überliefert. 1378 wird das Dorf als Alten-S. erwähnt, seit dem 15. Jh. heißt es Dorf S. Die Namensdifferenzierung diente zur Unterscheidung gegenüber der befestigten Anlage bzw. der sich später an ihrem Fuße herausbildenden Siedlung S. (505 m ü. d. M.), einem unregelmäßig gewachsenen Marktflecken: 1444 wird ein Bürgermeister bei der Weihe der Petrikirche in S.erwähnt; letztere war bis 1539 Filial von Flöha, danach Hauptkirche von S. und von 1572-1845 Nebenkirche, während die Schloßkirche in dieser Zeit als Hauptkirche fungierte; 1456 erhielt S. die Braugerechtigkeit, seit ca. 1500 sind Handwerkerinnungen, v. a. der Weber, bezeugt; um 1550 zählte S. etwa 250 Einw. - Eine Aufzeichnung der kfsl. Ämter von 1590 vermerkt als Zubehör des Amtes die Städtlein Zschopau und Oederan, den Flecken S. mit Ober- und Erbgerichten sowie 35½ Dörfer. Erst am Ende des 18. Jh.s trägt S. die Bezeichnung accisbareStadt.
III.
Als monumentale Renaissanceanlage in der zweiten Hälfte des 16. Jh.s erbaut, ist die Augustusburg in ihren architekton. Grundzügen bis heute weitgehend erhalten geblieben. Mit einer Ausdehnung von ca. 100 × 200 m erfaßt sie, nahezu bezogen auf eine N-S-Achse, das gesamte Felsplateau.
Aussehen und Gestalt der ma. Vorgängeranlagen sind nur lückenhaft bekannt. So nahm die erste Burganlage - bislang archäolog. dat. auf 1220/1230 - etwa die Fläche des heutigen Schloßhofes ein; nachgewiesen wurden der Bergfried im NW und zwei nahegelegene Wohngebäude. Unter Mgf. Wilhelm I. erfolgte in der zweiten Hälfte des 14. Jh.s ein größerer Umbau der Burg mit Erweiterungen über die alte Umfassungsmauer hinaus, ein weiterer Ausbau um 1500 erscheint möglich. Die Inventare aus der ersten Hälfte des 16. Jh.s erwähnen u. a. das alte und das neue Haus(mit Kapelle), das Jägerhaus, Hofküche und -stube, Silberkammer, Kanzlei, Wirtschaftsgebäude und den Brunnen.
Zerstörungen an der spätma. Anlage durch Brand 1528 und Blitzschlag 1547, v. a. aber der Sieg über die → Ernestiner in den Grumbachschen Händeln 1566/67 veranlaßten Kfs. August zum Bau der Augustusburg (1568-72/73). Zum Baumeister berief er Hieronymus Lotter, Ende 1571 durch Rochus Guerini Gf. zu Linar abgelöst; von 1569-73 wirkte Erhardt van der Meer mit, zudem griff der Kfs. selbst in die Planungen ein.
Nach vollständigem Abbruch der Vorgängerbauten wurde das Kernschloß als Vierflügelanlage nach streng idealisierenden Stilprinzipien der ital. Renaissance errichtet (Grdr. ähnl. Schloß Chambord/Frankreich): vier Eckhäuser (Linden-, Hasen-, Sommer- und Küchenhaus) umschließen mit ihren Verbinderflügeln (Torflügel im N und S, Galerietrakt im W, Schloßkirche im O) einen Hof in der Form eines großen Kreuzes. Das geometr. Idealbild setzt sich in den Raumstrukturen fort: im Zentrum aller drei Geschosse der Eckhäuser ein großer Saal, auf drei Seiten umgeben von Appartements und jeweils über einesder vier Treppenhäuser zugängl.
Die Ausmalung der Räume und des Mobiliars (Heinrich Göding) sowie die Ausstattung, darunter zahlr. mit Jagdtrophäen, folgten den Bestimmungszwecken: im Lindenhaus die Gemächer der kfsl. Familie, das Frauenzimmer sowie die Ratsstube, in Hasen- und Sommerhaus v. a. Tafelstuben und Kammern der Gäste, die Festbereiche generell im zweiten Obergeschoß; das Küchenhaus u. a. mit Keller und Zisterne, Hofküche, Silberkammer und Hofstube; im Galerietrakt die Stammstube des Kfs.en mit Bildnissen seiner Vorfahren(Lucas Cranach d. J., nach Vorbild des Wittenberger Schlosses); gegenüberliegend die Schloßkirche nach dem Entwurf Erhardts van der Meer, ein zweigeschossiger Emporensaal mit steinernem Tonnengewölbe in rot-weißer Farbfassung (durch → Torgau geprägter sächs.-protestant. Schloßkapellentyp); das Altarretabel von Lucas Cranach d. J. und Wolfgang Schreckenfuchs (1571), im Vordergrund des Tafelbildes der Stifter mit seiner Familie. - Dem Kernschloß im N vorgelagert ist das Torhaus (seitl. Flügel erst 19. Jh.), nach S schließt der Wirtschafts- und Stallhof mit demBrunnenhaus (Göpelwerk) an.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg kaum noch als Res. genutzt, verfiel die Anlage im 18. Jh. zusehends; entgegen verschiedener Abrißpläne in den 1790er Jahren erhielt Christian Traugott Weinlig von Kfs. Friedrich August III. den Auftrag zu Umbau und Wiederherstellung der Augustusburg (ausgeführt 1798-1801).
Quellen
CDSR IA,3, IB,1-4, II,1, 6, 14.
Literatur
- Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen, Heft 6: Amtshauptmannschaft Flöha, bearb. von Richard Steche, Dresden 1886, S. 7-48. - Fastenrath, Wiebke: Art. »Augustusburg«, in: Dehio, Kunstdenkmäler, Sachsen, 2, 1998, S. 36-45. - Geupel, Volkmar: Unter dem Hofpflaster der Augustusburg verborgen. Die archäologische Wiederentdeckung des alten Schellenberges, in: Archäologie aktuell im Freistaat Sachsen 4(1996) S. 249-253. - Günther, Britta: Eine verschwundene Wehranlage: die Burg Schellenberg, in: Burgenforschung aus Sachsen 9 (1996) S. 63-70. - Günther, Britta: Schloß Augustusburg, Leipzig 2000. - Günther, Maike: Der Herrschaftsbereich Schellenberg. Herrschaftsbildung im Erzgebirge im hohen Mittelalter, in: Landesgeschichte in Sachsen. Tradition und Innovation, hg. von Rainer Aurig u. a., Bielefeld 1997 (Studien zur Regionalgeschichte 10), S. 15-28. -Hoppe 1996, v. a. S. 293-361. - Lange, Michael: Der Venussaal im Schloß Augustusburg. Ein Arbeitsbericht zur Restaurierung, in: Jahrbuch der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten in Sachsen 4 (1996) S. 179-187. - Streich 1989, pass.