Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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RÜGENWALDE C.7. (Darłowo)

I.

Als civitas Ruyenwolde 1271 erstmals gen., später auch Rugenwolt, Ruigenwolt, Rugenwolde, verweist der Name der Stadt offenbar auf die Beteiligung Fs. Wizlaws II. von Rügen an der ersten Gründung der Stadt um 1270, in dessen Pfandbesitz sich das Land Schlawe und die Burg Dirlow, in deren Schutz die Stadt entstand, befand. Durch Kauf gelangte die Oberherrschaft an die Mgf.en von → Brandenburg, die Mestwin II. von Pomerellen mit dem Land Schlawe belehnten undnach dessen Tode die Swenzonen 1307 im Lehensbesitz des Landes einschließl. R.s. bestätigten. Als um 1317 → Brandenburg die Länder Stolp, R. und Schlawe an Wartislaw IV. aus der Wolgaster Linie der Greifenhzg.e abtrat, konnten sich die Swenzonen, die 1312 die Stadt neu gründen ließen, zunächst in recht unabhängiger Stellung in ihrer Herrschaft behaupten. Erst Bogislaw V. gelang es, diese zur Anerkennung seiner Lehnsoberhoheit zu veranlassen und in der zweiten Hälfte des 14. Jh.s die Landesherrschaft unmittelbar zu übernehmen, die bei den Greifenhzg.en bis zu derenAussterben verblieb. Obgleich 1327 R. von den Swenzonen die nahegelegene Burg zum Abriß erworben und 1333 von Jasco von R. die Zusicherung erhalten hatte, daß weder er noch seine Nachfolger die alte Burg wieder aufbauen noch eine neue in der Stadt errichten würden, gelang es den Greifenhzg.en, im SO der Stadt eine neue Burg zu erbauen. Seit der zweiten Hälfte des 14. Jh.s wurde diese in unterschiedl. Intensität von den Greifenhzg.en für ihre Hofhaltung genutzt und war wiederholt Witwensitz. Bei der Teilung des Hzm.s Pommern-Wolgast 1368/1372, die bis 1459 Bestand hatte, fiel das Gebietjenseits, d. h. östl. der Swine, auch Hzm. Pommern-Stolp gen., an Bogislaw V. und seine Nachkommen. Das Schloß R. diente seiner Wwe., Hzg.in Adelheid von Braunschweig, als Witwensitz, die mit ihren Söhnen das 1407 vor die Stadt verlegte Kartäuserkl. Marienkron stiftete, wo sie und ihr Enkel Bogislaw IX. nebst Gattin beigesetzt wurden. Von 1449-59 residierte im Schloß der entthronte nord. Unionskönig Erich, ein Enkel Bogislaws V., als Hzg. von Pommern Erich I. Nach dem Tode seines Nachfolgers Erich II. aus der Wolgaster Linie 1474 wurde die Burg bis 1483 erneut Witwensitz für dessen GemahlinSophia von Pommern. Deren Sohn Bogislaw X., der die pommerschen Hzm.er wieder in seiner Hand vereinigte, hielt sich in seiner Jugend und später wiederholt in R. auf und verschrieb Schloß und Amt R. seiner zweiten Gemahlin Anna von Polen als Wittum. 1573 erhielt Hzg. Barnim X. in Folge des Jasenitzer Erbvergleichs von 1569 das Amt R. als Abfindung, der es nach seinem Regierungsantritt in → Stettin 1601 an seinen Bruder Kasimir weitergab. Ihm folgten 1606 seine Neffen Georg II. und Bogislaw XIV. Als letzterer 1620 die Regierung in → Stettin übernahm, gelangte derBesitz 1620 an einen weiteren Bruder, Hzg. Ulrich, der im R.er Schloß residierte, aber schon 1622 verstarb. Seit 1637 war R. Witwensitz für Hzg.in Elisabeth von Schleswig-Holstein, die Gemahlin des letzten Greifenhzg.s Bogislaw XIV. Mit ihrem Tode 1653 endet die Geschichte R.s als fsl. Res. - PL, Wojewodschaft Zachodniopomorskie.

II.

Die Stadt liegt in der ostpommerschen Küstenebene am Abhang des Kopfberges vor der Mündung der Wipper in die Ostsee. Die erste Gründung um 1270 war offenbar nicht von Erfolg gekrönt, da 1312 die Swenzonen fünf Lokatoren mit der Neugründung der Stadt zu lüb. Recht beauftragten. Diese legten die Stadt unmittelbar am rechten Wipperufer auf gitterförmigem Grundriß an, die mit Wall, Graben, Mauer und Toren befestigt wurde. Umfangreiche Hufenausstattung, Fischerei- und Schiffahrtsrechte bildeten die Grundlage für die nunmehr erfolgreiche Entwicklung. Die Stadt erwarbschon bald die Rechte der Lokatoren, weiteren umfangreichen Grundbesitz, unter Bogislaw VIII. ein Münzprivileg und verfügte über eigene Gerichtsbarkeit. Sie entwickelte sich zu einem Zentrum der Region mit ausgreifenden Handels- und Wirtschaftsbeziehungen sowohl über See als auch ins Binnenland, wovon u. a. ihre Mitgliedschaft in der Hanse, eine Vitte auf Schonen sowie Handelsprivilegien in Dänemark zeugen. Der Aufschwung manifestierte sich äußerl. im Bau der Stadtbefestigung, des Rathauses und der Marienkirche, die 1321 erstmals bezeugt ist. Kirchenrechtl. gehörte Rügenwalde im MA zum Bm.→ Cammin. Stadtbrände und krieger. Ereigisse brachten im 16. und 17. Jh. massive Rückschläge für die Entwicklung der Stadt.

III.

Die Burganlage der pommerschen Hzg.e, vermutl. auf den Resten der slaw. Burg Dirlow seit der zweiten Hälfte des 14. Jh.s neu errichtet, war der Stadtbefestigung im SO vorgelagert. Wipper, Mühl- und Schloßgraben verhalfen dem Bau zu einer geschützten Insellage. Die eigentliche Burg bestand bzw. besteht aus mehreren mehrstöckigen Bauteilen, die einen Hof von rund 23 × 18 m umschließen. Der Zugang von S erfolgte über eine den Schloßgraben überspannende Zugbrücke durch den mächtigen viereckigen Hauptturm. Zur Rechten schließtsich an diesen der Ost- oder Kirchenflügel, zur Linken der Südflügel an, der wiederum rechtwinklig auf den dem Kirchenflügel parallel gegenübergelagerten West- oder Wipperflügel stieß. Dem Hauptturm gegenüber liegt der nördl. Torbau, der die Verbindung zur Stadt herstellt, die über eine Zugbrücke über den Schloßgraben und eine weitere Brücke über den Mühlengraben zu erreichen war. Zwei Treppentürme im Schloßhof im N und S - letzterer läßt sich auf das Jahr 1538 datieren - erschlossen den Zugang zum nördl. Torbau und zum Kirchenflügel bzw. zum Hauptturm und Südflügel. Im 16. Jh. sind offenbarnicht nur die Treppentürme errichtet, sondern auch Um- und Ausbauten der Obergeschosse des Nord- und Ostflügels vorgenommen worden. Erhalten haben sich wesentliche Teile des Nord-, Ost- und Südflügels, die Treppentürme und der Hauptturm, während der Westflügel 1833 abgebrochen wurde. Außerhalb des Schlosses befanden sich auf der Schloßinsel die Schloßmühle und zahlr. Nebengebäude, u. a. die alte Kanzlei, die alte Renterei und der Marstall, sowie ein Lust-und Baumgarten. Ein Inventar von 1648 gibt Anhaltspunkte für die Nutzung des Schlosses. So befanden sich im Wipperflügel zahlr. fsl.Gemächer, Küchen, Back- und Badestube, eine große Ritterstube und ein Stechboden, im Kirchenflügel im Erdgeschoß die von Bogislaw XIV. eingerichtetete und von seiner Wwe. vollendete u. a. mit einer prächtigen Kanzel und dem sog. Rügenwalder Silberaltar reich ausgestattete Schloßkirche, darüber repäsentative Säle. Im Hauptturm waren Pulver- und Rüstkammer, alte Apotheke, Gerichtsstube und Gefängnisse wie auch die Folterkammer untergebracht, im anschließenden Südflügel die neue Renterei. Nach Verfall und verschiedensten Nutzungen, z. B. als Lager und Gefängnis, wurde das Schloß in den dreißigerJahren des 20. Jh.s als Kreisheimatmuseum ausgebaut, bis 1988 erneut umfassend restauriert und beherbergt heute das Regionalmuseum. In der Marienkirche befinden sich die Grabstätten Kg. Erichs und der Herzogswwe.n Hedwig von Braunschweig und Elisabeth von Schleswig-Holstein, die 1654 in die Fürstengruft unter dem Chor überführt wurden. In den 80er Jahren des 19. Jh.s wurden die Sarkophage restauriert bzw. für Kg. Erich neu verfertigt und zu ebener Erde hinter dem Altar aufgestellt. Heute stehen sie im Südteil des Kirchturms. Erhalten hat sich auch die Kanzel der Schloßkirche.

Quellen

Pommersches Urkundenbuch, 1-11, 1881-1990.

Bahr, Ernst/Conrad, Klaus: Rügenwalde, in: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 12, 1996, S. 262-264. - Boehmer, F[elix]: Geschichte der Stadt Rügenwalde bis zur Aufhebung der alten Stadtverfassung 1720, Stettin 1900. - Böttger, Ludwig: Kreis Schlawe, Stettin 1892 (Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Pommern, T. 3: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Regierungs-Bezirks Köslin, 1). - Kratz 1865, S. 327-338. - DerKreis Schlawe. Ein pommersches Heimatbuch, Bd. 2, hg. von Manfred Vollack, Husum 1989: Rügenwalde, S. 683-729. - Nekanda-Trepka, Janusz: Zamek w Darłowie - Przyczynek do badań nad działalnoscia̧ ksia̧ża̧t zachodniopomorskich, in: Mecenat artystyczny ksia̧ża̧t pomorza zachodniego. Materiały z sesji oddziału szczecińskiego stowarzyszenia historykōw sztuki w zamku krōlewskim w Warszawie 21-22 listopada 1986 R., Stettin 1990, S. 63-73. - Rosenow, Carlheinz:Herzogsschloß und Fürstengruft. Rügenwalder Bau- und Kunstdenkmäler, Rügenwalde [1925]. - Rosenow, [Karl]: Rügenwalde, in: Deutsches Städtebuch, 1: Norddeutschland, 1939, S. 221-223.- Rosenow, Carlheinz: Chronik der Hansestadt Rügenwalde in Pommern. Geschichte einer deutschen Stadt, Rottenburg a. N. 1980. - Schmid, [Bernhard]: Denkschrift über das Schloß in Rügenwalde, in: Schlawer Zeitung 1924, Nr. 219, Beil. - Wrede, Kurd: Das Schloß der Herzöge von Pommern in Rügenwalde, in:Zeitschrift für Bauwesen 53 (1903) S. 387-410.