Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

RUDOLSTADT C.1.

I.

Zu Beginn des 9. Jh. Wird erstmals eine Siedlung Rudolfestat im Güterverzeichnis des Kl. → Hersfeld, dem »Brevarium Sancti Lulli«, erwähnt. Wohl im frühen 13. Jh. gelangte der inzw. zum Krongut gehörende Besitz an die Gf. von Orlamünde. 1222 werden eine und 1264 zwei Burgen gen. Als i. J. 1340 Gf. Otto von Orlamünde ohne männl. Nachkommen starb, gelangte die sog. »Obere Burg« in den Besitz der Schwarzburger Gf.en, die bereits über Besitz und Rechte in R. verfügten. Nach der Zerstörung der Oberen Burg im ThüringerGrafenkrieg (1342-45) ließen die Schwarzburger die Anlage wieder aufbauen. Ihre Hofhaltung führte im 15. Jh. zu einer Erweiterung und Modernisierung einzelner Gebäudetrakte. Von 1538 bis 1567 diente das Schloß als Witwensitz für Katharina von Schwarzburg (Gfn. von → Henneberg). 1573 wurde es unter Gf. Albrecht VII. von Schwarzburg gfl. Res. Die Erhebung der Gf. von Schwarzburg-R. in den Reichsfürstenstand (1710) zog nicht nur zahlr. Bauaktivitäten nach sich, sondern führte auch zu einer repräsentativen Hofhaltung. - D, Thüringen, Landkr. Saalfeld-R.

II.

R. liegt am SÖ Rand des Thüringer Waldes, in einem sich zu einer Art Kessel verbreiternden Tal der Saale, die hier ein Knie bildend, nach O schwenkt. Klima und Bodenbeschaffenheit waren die Voraussetzung für einen ertragreichen Ackerbau und ermöglichten an den Hängen des Schloßberges auch den Anbau von Wein. Der reiche Holzbestand und die Flößerei auf Schwarza und Saale wurden zu einem wirtschaftl. Faktor. Dreimal i. J. fanden Märkte statt. Auf die Gf.en von Orlamünde geht die zw. dem Ende des 13. und Anfang des 14. Jh, zw. Saale und Schloßberg planmäßigangelegte Stadtanlage zurück, die westl. der bereits bestehenden Siedlung entstand. 1326 wird sie erstmals erwähnt. Der rechteckige Umriß der Stadt mit dem leiterförmig verlaufenden Gassen- bzw. Straßensystem blieb in seiner Struktur weitgehend erhalten. Die Burgherren, seit 1340 die Schwarzburger Gf.en, förderten den Ausbau der Stadt. Diese zog sich am Fuße des Schloßberges, der sie nach N begrenzte, auf einer Länge von annähernd 400 m hin. Im O, W und S sicherten sie hohe Mauern. Nach der Zerstörung der Stadt im Thüringer Grafenkrieg erfolgte ihr Wiederaufbau und die Erweiterung zur Saalehin. Der durch eine Mauer begrenzte städt. Siedlungsraum erwies sich trotz teilw. gelockerter Bebauung als nicht mehr ausreichend. Im späten 16. Jh. entstand im O zw. Mauer und alter Siedlung, der sog. »Altstadt«, eine Vorstadt, die sich im S zw. Mauer und Saale ausdehnte. Nach 1635 wurde die Stadt nach W hin systemat. erweitert. - 1404 liegen für R. Stadtrechtsstatuten vor. Sie gehen auf Saalfelder Recht zurück, berücksichtigen aber auch ältere eigene Rechtssätze. 1513 werden zwei Ratsgebäude erwähnt, die jedoch nicht den Anforderungen der städt. Verwaltung genügten. 1524 entstanddeshalb ein Neubau als ein giebelseitig zur Ratsgasse stehendes Gebäude mit großem verschiefertem Satteldach. - Die Kirche St. Andreas wird bereits 1217 und 1227 als Pfarrkirche erwähnt. Im 14. und 15. Jh. zugeflossene Stiftungen lassen entspr. Erweiterungen der Kirche vermuten. 1634-36 ist die bestehende Hallenkirche von fünf Jochen von Jakob Huber unter Einbeziehung der älteren Anlage errichtet worden. In ihrem Inneren befindet sich im östl. Joch des nördl. Seitenschiffs der zweigeschossige Fürstenstand, der über der gfl. Gruft errichtet wurde. Die Schauseite zeigt einen großen Stammbaum derSchwarzburger mit naturalist. Laubwerk und Wappen. An der NO-Ecke des Marktes befand sich die 1403 erstmals erwähnte Elisabethkapelle. Nach einem Brand teilw. zerstört verlor sie mit der Einführung der Reformation (1532) an Bedeutung. An ihrer Stelle entstand 1659 das Amtshaus, in dem die gfl. Kanzlei untergebracht war. Das ursprl. Kanzleigebäude, aus dem späten 16. Jh., befindet sich unterhalb des Schlosses, am Verbindungsweg zur Stadt. - In der zweiten Hälfte des 17. Jh.s erlebte der R. Hof eine erste kulturelle Blütezeit. Maßgebl. prägte diese Periode Ahasverus Fritsch (1629-1701), derzunächst als Lehrer und Erzieher des Gf.en Albert Anton (1641-1710) und später als Kanzler wirkte. 1676 stiftete er die »Geistliche fruchtbringende Jesusgesellschaft«, der Mitglieder der gfl. Familie, Adlige, Beamte und Geistliche angehörten.

III.

Auf einem Bergsporn erhebt sich weithin sichtbar die Heidecksburg als Stadtkrone über R. Dominiert wird die dreiflügelige Anlage vom W-Flügel, der nach einem Brand (1735) errichtet wurde. Unterschiedl. Bauetappen, vom späten MA bis zum 19. Jh. reichend, lassen sich am S- und N-Flügel nachweisen. Eine Ringmauer mit Türmen und Graben umschloß vermutl. drei sich nach O erstreckende Verteidigungshöfe. Eine Vorburg wird 1418 erwähnt. Nach einem Brand (1573) ließ Gf. Albrecht VII. (1537-1605), den Vorgängerbau nutzend, eine dreiflügelige Schloßanlage durch GeorgRobin (Mainz) und Christoph Junghans (Arnstadt) errichten. Das äußerl. schlichte dreigeschossige Bauwerk besaß volutengeschmückte Zwerchhäuser und war durch kräftige Gesimse gegliedert. Als ein Brand 1735 Teile des Renaissanceschlosses zerstörte, bot sich die Möglichkeit, einen Neubau zw. S- und N-Flügel einfügen zu lassen. Fs. Friedrich Anton (1692-1744) betraute den sächs. Oberlandbaumeister Johann Christoph Knöffel mit dieser Aufgabe. Seine nach 1737 ausgeführten Pläne lassen den für → Dresden typ. Spätbarock deutl. werden. Knöffel hatte die beiden aus demRenaissanceschloß stammenden Erdgeschoß-Gewölbehallen sowie die mit einem Sterngewölbe versehene Durchfahrt beibehalten. Außerdem verdoppelte er die dem Flügel hofseitig vorgelegte gewölbte Galerie, nicht zuletzt, um in den oberen Geschossen die Räume großzügiger anlegen zu können. Als sich 1742 bedenkl. Schäden an dem Neubau zeigten, war dies für den R.er Hof Anlaß, den Weimarer Baumeister Gottfried Heinrich Krohne mit den weiteren Arbeiten zu betrauen. Im Mai 1743 wurde er an Stelle Knöffels zum »Fürstlichen Baudirektor« ernannt. Krohne widmete sich überwiegend dem einheitl. Ausbau derInnenräume im W-Flügel. Bis zu seinem Tod i. J. 1756 war die südl. des Festsaals gelegene sog. rote Raumfolge und der imposante Festsaal fertiggestellt. Der Ausbau der sich nach N an den Festsaal anschließenden sog. grünen Raumfolge erfolgte nach den Krohneschen Plänen durch Peter Caspar Schellschläger bis zum Jahr 1773. Die von Krohne geplante Schloßkirche im N-Flügel konnte aus finanziellen Gründen jedoch nicht mehr verwirklicht werden. - Mit der Ludwigsburg, von 1734-44 als Apanagesitz für den Prinzen Ludwig Günther (1708-90) errichtet, und der Orangerie in Cumbach (nach 1740) entstandenweitere fsl. Bauten, die bis heute R. prägen.

Quellen

RDHT I-IV, 1896-1939. - Urkundenbuch des Klosters Paulinzella, hg. von Ernst Anemüller, Jena 1905 (Thüringische Geschichtsquellen. NF 4).

Die Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt, Thüringer Landesmuseum Heidecksburg Rudolstadt 1998 (Kleine kulturgeschichtliche Reihe, 1). - Die Grafen von Schwarzburg-Rudolstadt, Thüringer Landesmuseum Heidecksburg Rudolstadt 2000 (Kleine kulturgeschichtliche Reihe, 3). - Fischer, Ernst: Die Münzen des Hauses Schwarzburg. Ein Beitrag zur Landesgeschichte der Fürstentümer Schwarzburg-Sondershausen und Schwarzburg-Rudolstadt, Heidelberg 1904. - Fleischer, Horst: Vom Leben in der Residenz. Rudolstadt 1646-1816,Thüringer Landesmuseum Heidecksburg Rudolstadt 1996 (Beiträge zur schwarzburgischen Kunst- und Kulturgeschichte, 4). - Herz, Hans: Ständische Land- und Ausschußtage in Schwarzburg-Rudolstadt vom 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts, Weimar 1995 (Schriften zur Geschichte des Parlamentarismus in Thüringen, 6). - Möller, Hans Herbert: Gottfried Heinrich Krohne und die Baukunst des 18. Jahrhunderts in Thüringen, Berlin 1956. - Ranke, Ermentrude von: Das Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt zu Beginn des 18.Jahrhunderts. Der Landstreit gegen fürstliche Willkür vor Reichskammergericht und Reichshofrat, Halle 1915. - Rudolstadt. Eine Residenz in Thüringen, Leipzig 1993 (Beiträge zur schwarzburgischen Kunst- und Kulturgeschichte, 1). - Rudolstädter Heimathefte, Jg. 1955-94, hg. vom Landkreis Rudolstadt; Jg 1994f., hg. vom Landkreis Saalfeld-Rudolstadt. - Trinckler, Hugo: Enstehungsgeschichte und Häuser-Chronik von Alt-Rudolstadt, Rudolstadt 1939. - Unbehaun, Lutz: Der Bau der Heidecksburg im 18. Jahrhundert. Spiegelbild territorialstaatlicherEntwicklung in Thüringen, in: Frühneuzeitliche Hofkultur in Hessen und Thüringen, hg. von Jörg Jochen Berns und Detlef Ignasiak, Erlangen u. a. 1994.