ROTENBURG AN DER WÜMME C.3.
I.
Rodenborch (1403), Rodenborg, Rodenbarg, Rotenborch (1537). Der Name geht vermutl. auf die roten Bausteine zurück, aus denen das Schloß gebaut war - ca. 25 km nördl. von → Verden, zw. dem Fluß Wümme und den Bächen Wiedau und Rodau - Hochstift Verden - Burg und Schloß, Res. der Bf.e von Verden 1195-1648. - D, Niedersachsen, Reg.bez. Lüneburg, Kr. R. (Wümme).
II.
R. liegt in der Wümmeniederung an der Einmündung der Rodau und Wiedau in die Wümme auf hochwasserfreien diluvialen Talsanden in einer verhältnismäßig günstigen Verkehrslage. 1195 erbaut Bf. Rudolf von Verden (1188/89-1205), der Protonotar Ks. Friedrichs I. und Ratgeber Ks. Heinrichs VI. auf Pfahlrosten eine Burg, neueren Forschungen nach als Reaktion auf den Bau der Turmhügelburg »Rodesbroke« nahe dem Ort Rosebruch im heutigen Landkr. R. Der Bau der Motte durch einen Friesen namens Hajo wurde vermutl. durch Hzg. Bernhard von Sachsen (1181-1211)gefördert. Es gilt als wahrscheinlich, daß Bf. Rudolf nicht nur die »Rodesbroke« niederlegen ließ, sondern kurz darauf den Bau der R. begann, die sich schnell zu einem zweiten Zentrum im Bm. Verden entwickelt. Schon einige Jahre nach ihrer Gründung diente sie dem Propst Iso als Aufenthaltsort. Vom 13. Jh. an werden häufig bfl. Urk.n in R. unterzeichnet, die älteste stammt aus dem Jahr 1229. Das Haus wechselte vielfach den Besitzer, wurde wiederholt verstärkt und ausgebaut. Heinrich von Langlingen (1367-80) vertraute seinen Verwandten das Schloß an, das nach seinem Tod der Kirche entfremdetwurde. Johann von Zesterfleh (1380-88) kaufte die R. für 8000 Mark Lüneburger Pfennig zurück. Bf. Heinrich von Hoya (1407-26) übergab am 7. März 1416 die Burg R. in die Hand Hzg. Heinrichs von Braunschweig, nachdem dieser mit der Erstürmung der Burg gedroht hatte und dabei von Domkapitel und Stadt → Verden unterstützt worden war. Erst Heinrichs Nachfolger Johann von Asel (1426-70) konnte 1427 R. von der Familie Kenkel, die die Burg inzw. hielt, wieder zurückerwerben, indem er die Rechte der Familie mit 11 000 Gulden auszahlte. 1547 wird die Burg von Soldaten Gf. Albrechts vonMansfeld belagert und erobert, der Flecken niedergebrannt. Immer wieder steht bei der Ein- und/oder Versetzung der Bf.e von Verden die R. im Mittelpunkt. Die Chronistik setzt den Besitz der Burg R. offenbar gleich mit der Inbesitznahme des Bm.s. R. war zu dieser Zeit die einzige nennenswerte Burg im Hochstift. Im 15. Jh. finden sich ein Vogt und ein Amtmann in R., die den Amtsbezirk R. verwalten. Der Ausbau zum Verwaltungszentrum wurde im späten 15. Jh. fortges. Offenbar wurde R. nicht Sitz eines Archidiakonats, sie blieb der Mittelpunkt der weltl. Herrschaft der Bf.e von Verden.
Der an die Burg angrenzende gleichnamige Flecken besaß offenbar schon vor 1403 die Weichbildrechte, als diese von Bf. Konrad von Verden (1400-07) bestätigt werden, 1427 wird das Privileg durch Bf. Johann von Asel (1426-70) erneuert. Ein Bürgermeister und ein Ratmann werden vom Bf. eingesetzt, die mit dem bfl. Vogt das Gemeinwesen verwalten. 1427 kommen zwei Bevollmächtigte als Zoll- und Steuereinnehmer dazu. Eine Kirche geht wahrscheinl. auf die Mitte des 13. Jh.s zurück. Auf einem Grundrißplan von 1635 ist ein Gebäude unmittelbar vor der Burg eingezeichnet, bei dem es sich möglicherw.um die Kirche oder aber auch das Haus des Vogtes handelt. Im SpätMA sind in R. zudem acht Burgmannshöfe überliefert. 1481 gestattet Bf. Barthold von Landsberg (1470-1502) die Einrichtung einer Gilde der Schuster, Schmiede und Schneider. Für die Zeit des 15. und 16. Jh.s lassen sich drei Bereiche unterscheiden: der Kernbereich der Burg, der Flecken und schließl. die Vorstadt, das heutige Gebiet zw. Pferdemarkt und Stadtstreek. Im frühen 15. Jh. kam es zu Spannungen zw. Bf. und den Bürgern. 1415 drangen Lehnsmänner mit Unterstützung des vom Bf. vertriebenen Bürgermeisters in R. ein.
III.
Über den ersten Bau Rudolfs von Verden (1189/89-1205) 1195 ist wenig bekannt, vermutl. wurden die namengebenden roten Ziegelsteine verwendet. Erhalten sind nur Beschreibungen und eine stilisierte Darstellung des 16. Jh.s, die aber schon die Umbauten der folgenden Jh.e miteinbezieht. So ließ Nikolaus von Ketthelhodt (1312-32) während seiner Amtszeit einen starken, drei Gewölbe hohen Turm auf dem Platz der Festung bauen, erneuerte das Schloß von Grund auf und umgab es mit einer Mauer. Quellen sprechen davon, daß die Burg zuvor in einem schlechten Zustand gewesensein soll. Johann von Zesterfleh (1381-88) kaufte die zwischenzeitl. versetzte Burg zurück, besserte sie aus, erneuerte die Befestigungsanlagen und ließ das Vogtei-Gebäude in der Stadt reichl. erweitern und ausschmücken. Daniel von Wichterich (1342-64) soll das Schloß befestigt und ein neues Tor der Südstadt von → Verden gebaut haben. Dieser Ausbau ist allerdings nur in der Chronik der Verdener Bf.e belegt. Bf. Johann von Assel (1426-70) ließ ein Kellergewölbe und darüber Kapellen (capellas) einrichten, dazu einen Saal mit Kamin und Kapelle sowie zwei rundeTürme. Ebenso wurden für ihn eine Bibliothek und Privatgemächer eingerichtet. Diese Umbaumaßnahmen sind ebenfalls nur durch die schriftl. Überlieferung belegt. Bf. Bertold von Landsberg (1470-1502) befestigte das Schloß (vor 1481) und ummauerte offenbar auch die Vorstadt, ein Tor in Richtung auf → Verden wird aus dieser Zeit ebenfalls überliefert. Ein hoher Wall und ein Wassergraben wurden gleichfalls in dieser Zeit angelegt. Ein Inventar der Burg von 1547 listet die folgenden Räumlichkeiten für die Burg auf: einen großen Saal, eine Küche, einen Keller, einen Bierkeller, einBrauhaus, einen Honigkeller, zwei Kammern, eine Junckerskammer beim Turm, eine weitere Kammer im kleinen Turm, ein altes Gemach des Bf.s, ein weiteres neues Gemach des Bf.s, eine Schlafkammer des Bf.s, eine Rüstkammer, eine Kapelle, eine Kammer oberhalb des Tores, eine Pulverkammer. Vergleicht man diese Ausstattung mit anderen zeitgenöss. Res.en, so fällt die wenig repräsentative Ausstattung und das Fehlen administrativer Räumlichkeiten auf. Der erste evang. Bf. von Verden, Eberhard von Holle (1567-86), hat die R. modernisiert, mehr ist darüber allerdings nicht bekannt. Diese Burg, vermutl.nur das zentrale Gebäude, brannte 1590 ab. Bf. Philipp Sigismund von Braunschweig-Lüneburg (1586-1623) ließ an Stelle des abgebrannten 1597 ein neues Gebäude im Stil der Weserrenaissance errichten, was sich aus den erhaltenen Steinresten erschließen läßt. Die Landstände bewilligten dafür eine Summe von mehreren tsd. Talern. Das Wappen des Bf.s Philipp Sigismund ist an der Gohedschen Mühle erhalten, für deren Bau Steine aus dem Schloß benutzt wurden. Für 15 000 Taler wurde neben einer Kapelle ein Prunksaal errichtet und beide mit kostbaren Holzschnitzereien ausgeschmückt. Während desDreißigjährigen Krieges wurde das Schloß zur neuzeitl. Festung umgebaut mit Bastion, Ravelin, Wassergraben und Wällen. Nach Kriegsende wird sie jedoch als Res. der Bf.e aufgegeben und verfiel in der Folgezeit. Die Steine wurde schließl. für den Bau anderer Gebäude genutzt. Die kaum vorhandene Forschungsliteratur erklärt sich zum größten Teil aus den wenigen überlieferten Quellen und dem nicht erhaltenen Bau.
Quellen
Chronicon episcoporum Verdensium, 1998.
Literatur
Hucker, Bernd Ulrich: Die Grafen von Hoya: ihre Geschichte in Lebensbildern, Vechta 1993 (Schriften des Instituts für Geschichte und Historische Landesforschung, Vechta, 2). - Kohlrausch, Dieter: 800 Jahre Rotenburg an der Wümme, Rotenburg a. d. Wümme 1994. - Mindermann, Arend: Zur Frühgeschichte des Hochstifts Verden. Grundlagen, Anfänge, Entwicklungsmöglichkeiten und Ausgestaltung der bischöflichen Landesherrschaft bis zum Ende des 13. Jahrhunderts, in: Immunität undLandesherrschaft. Beiträge zur Geschichte des Bistums Verden, hg. von Bernd Kappelhoff und Thomas Vogtherr, Stade 2002 (Schriftenreihe des Landschaftsverbandes der ehemaligen Herzogtümer Bremen und Verden, 14), S. 65-106. - Rotenburg. Schloß, Kirche, in: Die Kunstdenkmäler der Provinz Hannover, hg. von der Provinzial-Kommission zur Erforschung und Erhaltung der Denkmäler in der Provinz Hannover, 5: Regierungszbezirk Stade, Bd. 1. Die Kreise Verden, Rotenburg und Zeven, Hannover 1908, S. 154-162.