ROCHLITZ C.2.
I.
Rochilinze (995); Rocholenzi (1009); Rochelinti (1017); Rochlezi (1068); Rochelez (1168); Rochelicz (1290); R. (1485); Name vermutl. Pluralbildung zu einem altsorb. Personennamen: »Siedlung der Leute eines Rochlęta« (HONB II, 2001, S. 291). Burg bzw. Schloß und Stadt - befestigte Anlage im SW der Stadt auf flachem Höhenrücken über der Zwickauer Mulde - Mgf.en von Meißen/Kfs.en von Sachsen, Wettiner - Res. undWitwensitz. - D, Sachsen, Reg.bez. Chemnitz, Landkr. Mittweida.
Seit 1143 Mgft. Meißen (1156 bis 1210 wettin. Gft. Groitzsch-R.), seit 1423 Kfsm. Sachsen, 1485 bis 1547 Hzm., danach Kfsm. Sachsen, albertin. Linie.
Seit 13. Jh. häufiger Aufenthaltsort der Mgf., insbes. Friedrich I., 1286-94. Res. seit der zweiten Hälfte des 14. Jh.s, nach der Mitte des 15. Jh.s nur noch Nebenres. Zeitw. Ort der Prinzenerziehung und Tagungsort von Hofrat und Hofgericht. Verbannungsort für Hzg. Sigismund 1444-71 (†). Res. Hzg. Friedrichs 1507-10 (†).
Witwensitz für Hzg.in Amalia, 1481/82 bis 1501 (†), Hzg.in Elisabeth, Hzg.in von R. 1537-47, Kfsn. Sophia, 1591-1602. 1576 als Verbannungsort für Prinzessin Anna bestimmt, nicht ausgeführt.
II.
Das Gebiet um R. an der Zwickauer Mulde bildete im frühen MA einen Kleingau innerhalb der sorb. Landschaft Chutizi. Seit dem 6./7. Jh. besiedelt, erstreckt sich die ursprgl. von ausgedehntem Wald umgebene Talweitung nach S in das Erzgebirgsvorland.
In der zweiten Hälfte des 10. Jh.s wurde am westl. Muldenufer die Burg R., Mittelpunkt eines Burgwards im otton. Markengebiet, errichtet. Die mehrteilige Anlage auf dem langgestreckten Sporn besaß zwei, im SW und NO vorgelagerte Suburbien; im nördl. Suburbium wurde vor 981 die Petrikirche als Pfarrkirche für den Burgward gegründet. Sie unterstand bis 981 bzw. seit 1004 dem Bm. → Merseburg, wobei der Burgward und sein Pfarrsprengel auch auf das östl. der Mulde gelegene Gebiet ausgriffen, das bereits 995 - mit der Mulde als Diöz.-Grenze - zum Bm. → Meißen gehörte.
Seit Anfang des 11. Jh.s im Besitz der Mgf.en von → Meißen, war R. von 1046-1143 Königshof und bis um 1084 Hauptort des sal. Reichsgutes an der Mulde. Den zugehörigen Wirtschaftshof sehen ältere Untersuchungen in Königsfeld, während neuere diesen am Burgwall Keßling nordwestl. von R. suchen und eine Verlagerung nach Königsfeld im 12. Jh. vermuten. Begünstigt durch die Lage an einem alten Fernweg, der vom Raum → Halle-→ Leipzig-→ Merseburg in das Böhmische Becken führte und bei R. die Mulde querte (1174 Boemica semita), entstand vermutl. umdie Mitte des 11. Jh. vor dem nördl. Suburbium mit der Petrikirche und in Verbindung mit den Furten bei Zaßnitz und Stöbnig eine frühe Marktsiedlung, später Obervorstadt (Billig 1995, S. 18); andere Forschungen gehen von einer solchen im Bereich der Untervorstadt mit der Nikolaikapelle und dem Bezug zur Brücke zw. den Furten aus (Blaschke 1973, S. 361).
Mit der kgl. Schenkung der provincia R. an Mgf. Konrad von Meißen 1143 und der Bildung der wettin. Gft. 1156 entwickelte sich R. zum Ausgangspunkt eines nach S ausgreifenden Landesausbaus. Als Mitinitiator trat das von Gf. Dedo V. gegründete Augustinerchorherrenstift Zschillen (seit 1543 Wechselburg) hervor, das er u. a. mit Parochie und Archidiakonat R. ausstattete; die 1168 geweihte spätroman. Basilika in Zschillen wurde Grablege des Stifterpaares. 1278 wurde das Stift (unter Wahrung des klösterl. Charakters) dem → Deutschen Orden übergeben.
Von den Wettinern nachhaltig gefördert entstand an der Wende zum 13. Jh. in R. die planmäßig angelegte Stadt in der Form des langen Straßenmarktes mit der Kunigundenkirche (Filial von S. Petri). Erst 1336 wird die Stadt als solche genannt, Marktrecht und Zoll sind 1350 bzw. 1378 überliefert, 1367-73 wird der Ausbau der Stadtmauer erwähnt. Der Rat erscheint erstmals 1360, vor 1379 erhielt die Stadt die Nieder-, 1464 die Obergerichtsbarkeit. - R. verblieb im Stadium einer Kleinstadt, deren wirtschaftl. Grundlage vom Handwerk (Leineweber, Tuchmacher, Steinmetze) bestimmt wurde. Der aufdem R.er Berg betriebene Abbau des roten Porphyrtuffs, als Baustein im Muldenraum weit verbreitet, begründete im 16. Jh. das Porphyrmonopol der R.er Steinmetzinnung in Leipzig. Seit Mitte des 14. Jh.s als landesherrl. Amt überliefert, fungierte R. bis in die Neuzeit zugl. als regionaler Gerichtsort und Gefängnis (R.er Jupen).
III.
Das heutige Erscheinungsbild der Schloßanlage wird von den Um- und Ausbauten des 14.-16. Jh.s bestimmt. Im Bereich der älteren Kernburg (Steinbauten seit dem 11./12. Jh.) befindet sich das Oberschloß, bis 1645 der fsl. Familie und dem Hof vorbehalten, während das weitgehend abgebrochene Unterschloß mit ursprgl. Wirtschafts- und Verwaltungsfunktion sich nach NO in den ehem. Vorburgbereich erstreckte.
Die erste große Umbauphase von ca. 1375-1400 ist v. a. Mgf. Wilhelm I. zuzuschreiben. Im N des Oberschlosses wurde das Fürstenhaus, ein unterkellerter dreigeschossiger Saalbau, errichtet; der 40 m lange Festsaal im zweiten Obergeschoß verlief an der Nordecke im Winkel nach SO und bezog anteilig das Querhaus mit den fsl. Wohnräumen ein; jenes erhielt unter Einbindung roman. Bausubstanz (u. a. Torturm im SO) und mit neuer Toranlage seine heutige Gestalt; in der Nordecke des Gebäudes Fußbodenheizanlage für das erste und evtl. zweite Obergeschoß. Vermutl. in diese Zeit gehört auch die Kapellean der Außenfront des Querhauses. Der Südflügel mit roman. Palas und zwei Wohntürmen wurde zur geschlossenen Gebäudefront erweitert; neben Wohnräumen, darunter für Angehörige des Hofes, befanden sich hier Kellerhaus und Hofküche, später sind die Alte Hofstube, weitere »Speisegewölbe« und Säle bezeugt. Am Ende des 14. Jh.s neu erbaut wurden auch die Türme »Lichte« und »Finstere Jupe« mit Schildmauer und zweiter Toranlage an der Westfront sowie die nördl. Wehrmauer mit Wehrgang als Verbindung zum Fürstenhaus. Mit der Neugestaltung der Wehrbauten um die eigtl. Res.erfolgte die Anbindung an das Befestigungssystem der Stadt (wettin. Wappen am unteren Stadttor).
Erneute prägende Baumaßnahmen von ca. 1475/77 bis um 1490 begleiten den Übergang zum Witwensitz. Sie betrafen insbes. Fenstergestaltung und räuml. Strukturen von Fürsten- und Querhaus sowie die Schloßkapelle, die Einflüsse der Meißner Albrechtsburg (Arnold von Westfalen) erkennen lassen. Hierzu gehörten auch die Einrichtung eines fsl. Appartements im zweiten Obergeschoß des Querhauses, der Fachwerkaufbau über der Kapelle sowie das Sommerhaus. Die Kapelle, nach dem spätgot. Umbau mit Maßwerkfenstern im nun oktogonalen Chor, Netzgewölbe und Ausmalung versehen, diente zugl. der Aufbewahrungder Reliquiensammlung Amalias; über die Herrschaftsempore Zugang zu Wohngemächern im Südflügel und im Querhaus.
Nachdem auch Hzg.in Elisabeth baul. Veränderungen veranlaßt hatte, folgte eine dritte Phase durchgreifenden Umbaus unter Kfs. Christian I. um 1588/89. Das Fürstenhaus (im 16. Jh. mit Hof- und Tafelstube) erhielt u. a. den Großen Wendelstein; im bereits veränderten Saal des zweiten Obergeschoß entstand ein repräsentativer Wohntrakt mit vier Räumen, im W die Rote Stube (Renaissancedecke, umlaufendes Paneel); von dort über den Wehrgang zugängl. das 1588 errichtete Badehaus im Zwinger. Im Erdgeschoß zw. Fürsten- und Querhaus war die Silberkammer untergebracht; im neuenGebäude zw. den W-Türmen der »Reisigen Stall« und die »Harnischkammer«. An der Außenfront des Südflügels wurde das Brunnenhaus erbaut.
Das Unterschloß beherbergte u. a. Korn-, Back- und Brauhaus, den Großen Pferdestall sowie am östl. Zugang Schösserei und Torwärterhaus. Der unmittelbaren Versorgung der Res. dienten ebenso Mühle und Vorwerk unterhalb des Schlosses. Vor dem westl. Tor des Oberschlosses befand sich im 16. Jh. ein Lustgarten mit dem Lusthaus. Auf dem angrenzenden Schloßberg wurde bis in das 16. Jh. Weinbau betrieben; Obst- und Weinbau auch im »Langen Garten« zw. Mulde und Südseite des Schlosses.
Auf Belagerung und Plünderungen seit 1632 folgten die Zerstörung des Unterschlosses 1645 (Abbruch seit 1717) und der Umzug der Amtsverwaltung in das Oberschloß (Amtsstube im Querhaus); seitdem kaum noch kfsl. Aufenthalte.
Quellen
CDSR IA, 1882-98; IB, 1899-1941.
Literatur
Baumbach, Udo: Die Straßennamen der Stadt Rochlitz. Ein Lexikon zur Stadtgeschichte, Beucha 1994. - Baumbach, Udo: Schloß Rochlitz. Ein Führer durch Burg, Museum und Geschichte, Beucha 1995. - Baumbach, Udo/Reuther, Stefan: Das Fürstenhaus des Schlosses Rochlitz, ein fürstlicher, repräsentativer Saalbau um 1375/80, in: Burgenforschung aus Sachsen 12 (1999) S. 187-199. - Bechter, Barbara: Art. »Rochlitz«, in:Dehio, Kunstdenkmäler, Sachsen, 2, 1998, S. 850-861. - Billig, Gerhard: Rochlitz im frühen Mittelalter, in: 1000 Jahre Rochlitz. Festschrift, Beucha 1995, S. 14-20. - Billig, Gerhard/Müller, Heinz: Burgen. Zeugen sächsischer Geschichte, Neustadt an der Aisch 1998, insbes. S. 110-112. - Blaschke, Karlheinz: Studien zur Frühgeschichte des Städtewesens in Sachsen, in: Festschrift Walter Schlesinger, 1973, S. 333-381. -Reuther, Stefan: Das Fürstenhaus und die Rote Stube im Schloß Rochlitz, in: Jahrbuch der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten in Sachsen 4 (1996) S. 188-197. - Streich 1989, pass.