RIGA C.5.
I.
Locus Rige (1198); Riga lacus (1200); tho Rige (1429); tho Riga (1447) - Stadt an der Mündung des Rigebaches in die untere Düna - seit 1201 Bf.e, seit 1255 Ebf.e von → R., von um 1202-37 Schwertbrüder, 1237-1561 Deutscher Orden.
Um 1202 Ordenshof mit Georgskapelle/Jürgenshof/Wittensten im östl. Teil der Altstadt neben Bischofspfalz und nachmaligem Dominikanerkl., 1297 zerstört; nach 1330 Bau des Ordensschlosses im nordwestl. Teil der Altstadt, Res. des livländ. Meisters des Deutschen Ordens bis 1470, 1484 teilw. zerstört, 1491 wieder aufgebaut. - LV, Hauptstadt.
II.
Das alte R. liegt ca. 13 km vor der Mündung der Düna in die Ostsee unterhalb der Rummel, der letzten Stromschnelle bei dem Werder Dahlen, im Bogen des in die Düna mündenden Rigebaches. R. ist Schiffslandeplatz und Knotenpunkt vorgesch. Wege von Semgallen und → Kurland nach Estland, Lettgallen und nach Polozk.
Bf. Albert gründete 1201 in der Nachbarschaft eines Livendorfes auf dem unbesiedelten, campus spatiosus genannten Schiffslandeplatz zw. der Mündung des Rigebaches, der Düna und des mons antiquus/Kubsberg gen. Düne im NO R.s, das noch vor 1210 mit Mauer und Türmen befestigt wurde. Deutsche Fernkaufleute aus Gotland, bfl. Dienstleute, Kleriker und die ältesten Mitglieder des vom Zisterzienser Theoderich von Treiden 1202 gestifteten Schwertbrüderordens gehörten zu den ersten Bewohnern. Zu den nachweisbaren städt. Grundbesitzern zählten seit1286 auch sog. Undeutsche, namentl. Russen, Liven, Letten, Esten und Litauer. 1201 Beginn des ersten Dombaues an der Stelle des späteren Franziskanerkl.s, 1215 Beginn des zweiten Dombaus und der Gebäude des Bf.s und des Domkapitels an heutiger Stelle, 1209 und 1225 Ersterwähnung der Stadtkirchen St. Peter und St. Jakob, 1231 und 1249 des Lübecker Hofes und des Rathauses. Von 1234, 1258 und von 1255 an sind die Dominikaner-, Franziskaner- und Zisterzienserinnenkl. belegt. Das Hl.-Geist-Hospital wurde 1220 erbaut, und die Paulskirche ist zu 1262 nachweisbar.
Nachdem sich die junge Gründung gegen häufige Angriffe der Nachbarvölker behauptet und vertragl. erreicht hatte, daß die Handelswege geöffnet wurden, blühte das Gemeinwesen rasch auf. Das Gelände am Düna- und unteren Rigeufer wurde 1211 in die Stadterweiterung einbezogen. Im selben Jahr erhielten die Bürger gotländ. und 1294/97 Hamburger Recht. Von 1215 bis um 1234 kam es zur zweiten Stadterweiterung, die im wesentl. das Antlitz der heutigen Altstadt prägt. In der seit Ende des 13. Jh.s nachgewiesenen und vom Rat verwalteten Stube von Münster, der »Großen Gilde«, pflegten sich einheim.und auswärtige Kaufleute zu treffen. Die etwa zur selben Zeit bezeugte Stube von Soest war bereits 1330 Versammlungsstätte der Stadtgemeinde.
Die Emanzipation von Schwertbrüderorden und Stadtgemeinde vom Bf. setzte bald nach den ersten Abwehrerfolgen gegen die äußeren Feinde ein. Sie führte 1226 zur Dreiteilung der Macht zw. Bf., der Stadt und dem Orden, die im wesentl. bis zum Ende des livländ. MA i. J. 1561 die Geschicke des Landes bestimmte. 1297 vertrieben die Städter im Einvernehmen mit dem Ebf. den Deutschen Orden, in dem die Reste des 1237 von den Litauern geschlagenen Schwertbrüderordens aufgegangen waren, aus R. und ließen Komtur und Ordensbrüder hinrichten. Als nach sechsmonatiger Belagerung R. 1330 zumFrieden mit dem Orden gezwungen worden war, mußte die Stadt u. a. das Grundstück für das Ordensschloß an heutiger Stelle hergeben. Dort residierte der Ordensmeister bis 1470. Die Residenzfunktion übernahmen Fellin und von 1484 an → Wenden. Trotzdem begannen die Städter 1484 das Schloß abermals abzureißen, wurden aber 1491 nach der verlorenen Schlacht von Neuermühlen vom Orden gezwungen, das teilw. zerstörte Gebäude wiederherzustellen.
III.
1330 wurde mit dem Bau des Ordensschlosses auf den Grundstücken des Hl.-Geist-Hospitals, des Stadtmarstalls und der Pferdemühle begonnen, dem der Ausbau zur viertürmigen Anlage im Konventshausstil unter Einbeziehung des Hl.-Geist-Turmes der ehemaligen Stadtmauer folgte. Während der Amtszeit des Ordensmeisters Wolter von Plettenberg (1494-1535) sind der Hl.-Geist-Turm und der im Diagonal gegenüberliegende Bleiturm zu starken Rundtürmen ausgebaut worden. Die Anlage war von einem Wassergraben umgeben und mit einem bis in die Düna reichenden Dansker versehen. Diezweischiffige Andreaskapelle lag am östl. Ende des Hauptgeschosses im Südflügel, und westl. von der Kapelle der ebenfalls zweischiffige Remter. Der Ostflügel wurde vom einschiffigen Kapitelsaal eingenommen. Die im Westflügel untergebrachten Küchenräume befanden sich auf der der Düna zugewandten Seite. Das Dormitorium, das Gemach des Hauskomturs und die Räume des Meisters waren vermutl. im Nordflügel untergebracht. Zur Wohnung des Meisters gehörte wahrscheinl. auch ein Teil des Heilig-Geist-Turms. Das Haupttor war im Nordflügel. Davor schloß sich die Vorburg, die auf Teilen der alten Stadtmauererrichtet wurde, an. Über dem von der Vorburg zum inneren Burghof führenden Tor sind 1515 eine Madonnenfigur und daneben eine Halbplastik Wolters von Plettenberg angebracht worden. Die älteste bekannte Ansicht des Ordensschlosses von 1540 stammt aus der Kosmographie des Johann Sebastian Münster.
Literatur
Baltisches historisches Ortslexikon, 2, 1990, S. 504-510. - Benninghoven 1961 (Nord- und osteuropäische Geschichtsstudien, 3). - Jähnig 1989. - Neitmann 1993. - neumann, Wilhelm: Riga und Reval, Leipzig 1908 (Berühmte Kunststätten, 42). - Tuulse 1942. - Wittram, Reinhard: Baltische Geschichte. Die Ostseelande Livland, Estland, Kurland 1180-1918, München 1954 (Geschichte der Völker undStaaten).