Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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RENDSBURG C.7.

I.

Castrum Reinoldesburch (1199); castrum Renolsbur[g]h (1225); civitate Reinoldesborgh (1253); oppidum Reinoldesburg (1260); inter [...] et Reyndesborgh (1323); Reinaldesborch (1547); Reinholdsburga (1584).

Strateg.-milit. Brückenkopf Holsteins gegen das Dänische Reich an der mittleren Eider. Zw. 1280 und 1397 zeitw. Res. der regierenden Rendsburger Linie des Grafenhauses, das seit der Wahl Gerhard VI. zum Hzg. von Schleswig (1386) → Gottorf als Regierungssitz bevorzugte. Zw. 1533 und 1544 wurden mehrere Landtage in R. abgehalten. 1543 Einführung der Reformation. Zu Beginn des 19. Jh.s kurzzeitig Res. des dän. Kg.s Christian VII., der 1808 in R. verstarb. Während der Schleswig-Holsteinischen Erhebung von März bis Okt. 1848 Sitz der Provisor. Regierung. Seit 1867preuß., dann dt. Garnisons- und Kreisstadt. - D, Schleswig-Holstein, Kr. R.-Eckernförde.

II.

R. befindet sich in geograph. Mittelpunktslage Schleswig-Holsteins etwa auf halbem Wege zw. Nord- und Ostsee, Elbe und Königsau. Sein histor. Zentrum bildet seit jeher auf zwei hochwassersicheren Inseln inmitten der seeartig geweiteten Eider eine strateg. herausragende Landbrücke entlang des wichtigsten von Jütland nach Hamburg führenden nord-südl. Heer- und Handelsweges. Als Untereider ist der größte Strom des Landes von hier aus nach W zur Nordsee hin schiffbar. Über die Obereider und die Levensau, deren Streckenverlauf teilw. im 1777-84 angelegtenSchleswig-Holsteinischen Kanal (seit 1855: Eiderkanal) und 1887-95 schließl. im Kaiser-Wilhelm-Kanal (seit 1945: Nord-Ostsee-Kanal) aufgegangen ist, kann auch die Ostsee erreicht werden. Die Bedeutung R.s als Verkehrsknotenpunkt und Grenzort zw. → Schleswig und Holstein, und im weiteren staatsrechtl. Sinne auch zw. dem Hl. Römischen Reich und dem Kgr. Dänemark, spielte bis zur Einverleibung beider Landesteile in Preußen 1867 eine erhebl. wirtschaftl. und polit. Rolle und prägte nachhaltig die Entwicklung der Stadt als Stapel- und Umschlagsplatz, v. a. für Holz, Vieh (Ochsen) und Getreide,insbesondere aber als Festung.

Jüngsten Grabungen zufolge waren die beiden Stadtinseln bereits im 10. Jh. besiedelt. Auf der nördl. soll um 1100 ein Dänenprinz Björn oder Bero eine erste Zwingburg errichtet haben. Ein Jh. später erneuerte Gf. Adolf III. von Schauenburg hier ein castrum Reinoldesburch antiquum zur Grenzsicherung gegen den Dänenkg. Knud VI., der die Burg jedoch bereits im Mai 1200 einnahm und sie nun gegen den Schauenburger richtete. Über die Gründung und den Namensgeber der »Burg des Reinhold« fehlen sichere Quellen. Viell. handelt es sich, wie schon Waitz vermutete, um denvon Helmold und Heinrich Rantzau erwähnten Gf. Reinhold von Dithmarschen († 1164), den Dahlmann und Stoob mit dem Ministerialen Heinrichs des Löwen Reinhold von Ertheneburg zu identifizieren meinten, während Ramm und Rosenbohm in letzterem den Vater des Kölner Ebf.s und Kanzlers Reinald von Dassel erkannten, der als Begleiter Gf. Adolfs von Schauenburg die Burg, sicherl. zunächst eine Holz-Erde-Konstruktion, um 1130 erbaut haben könnte.

Nach der Schlacht von Bornhöved 1227 war die Vorherrschaft der Dänen zwar gebrochen, doch blieb R. zunächst dän. Enklave und fiel erst 1252 endgültig wieder an Holstein. Der genaue Zeitpunkt der Stadtgründung ist unbekannt. 1280 werden erstmals ein Bürgermeister und der Rat erwähnt. Von 1334 dat. das älteste Stadtsiegel. 1339 erfolgte die Verleihung des »Großen Privilegs« (Schenkung eines rund 776 ha umfassenden Stadtfeldes) und eine Erweiterung des lüb. Stadtrechts durch Gf. Gerhard III. von Schauenburg. Nachdem R. 1481 an die kgl. Linie und 1495 ganz dem dän. Herrscherhaus zugefallenwar, verblaßte schnell der Glanz der Res. Die Burg diente fortan nur noch als temporäres Reisequartier der regierenden Gf.en und Hzg.e sowie der dän. Kg.e. In der 1544 zw. Christian III., Johann d. Ä. und Hzg. Adolf vereinbarten Landesteilung fielen Burg und Stadt R. an Johann d. Ä., während das Gottorfer Territorium seinerseits unmittelbar bis an die nördl. Stadtgrenze reichte.

Die polit. und verkehrsgeograph. Brückenlage wirkte sich alsbald positiv auf Handel und Gewerbe aus, die in der zweiten Hälfte des 16. und zu Beginn des 17. Jh.s eine Blütezeit erlebten. Die Einwohnerzahl stieg auf das Dreifache an, zahlr. neue Häuser und Straßen entstanden. Exemplar. kann der um 1600 eingetretene Wohlstand an der fruchtbaren Tätigkeit des Bildschnitzers Hans Peper abgelesen werden, dessen unternehmer. Leistungsfähigkeit die noch heute erhaltene einzigartige Frühbarock-Ausstattung der Marienkirche zu großen Teilen ihre Entstehung verdankt.

Im Laufe des Dreißigjährigen Krieges brach die Wirtschaftskraft der Stadt zusammen, nicht zuletzt aufgrund der von den Gottorfer Hzg.en geförderten jungen Konkurrenzgründungen Tönning und Friedrichstadt, die am Unterlauf und im Mündungsbereich der Eider den Fernhandel an sich zogen. Nach Belagerung und Einnahme durch Wallenstein (1627) und wiederholter Bedrohung durch die Schweden (1644 und 1645) erfolgte in zwei Phasen 1669-73 und 1690-95 eine erhebl. Verstärkung und Erweiterung der Befestigungen, zunächst im Bereich der alten Stadtinsel, sodann durch Errichtung des südl. weitvorgeschobenen Neuwerks (1691-1718) sowie des Kronwerks auf dem nördl. Eiderufer unter Aufgabe der Vorstädte Vinzier und Kampen.

Eine ernsthafte Feuerprobe hatte die Festung R. nie zu bestehen. Nach dem Scheitern der Schleswig-Holsteinischen Erhebung (1848) wurde sie 1851 an die Dänen übergeben. Die einsetzende Schleifung dauerte mehr als sechzig Jahre und machte mit der Einebnung der Wälle und Verfüllung der Gräben die Stadtinsel im N und S landfest. Bes. die einst ausgedehnten Überschwemmungsgebiete der Untereider sind durch Absenkung des Wasserspiegels infolge des Kanalbaues mittlerweile trockengelegt und teilw. modern überformt. Obwohl R. im Zweiten Weltkrieg kaum nennenswerte Schäden erlitt, ist die histor.Topographie der Stadt heute an vielen Stellen durch Neubauten und eine veränderte Verkehrsführung stark verunklärt. Am besten kann die bemerkenswerte barocke Stadtgestalt noch im Straßennetz und Gebäudebestand des Neuwerks abgelesen werden.

III.

Von der steinernen ma. Burg, die offenbar zur Hauptsache aus der Zeit Gerhards des Großen (1304-40) stammte, 1578 teilw. erneuert worden war und bis zu ihrem Abriß 1718 nördl. des Mühlengrabens an der Stelle des heutigen Schloßplatzes lag, können nur wenige bildl. Quellen Auskunft geben. Ein Plan der Fundamente und Gewölbe der Zeit nach dem Abbruch zeigt eine vierflügelige, um einen nahezu quadrat. Innenhof angeordnete Anlage mit einem starken, freistehenden Rundturm vor der zur Stadt gerichteten Südseite. Ihre räuml. und funktionale Disposition im einzelnenbleibt in Ermangelung aussagekräftiger archival. Materialien oder geeigneter archäolog. Befunde bis auf weiteres unklar.

Stadtbildprägend waren über mehr als drei Jh.e die gewaltigen Fortifikationen, die R. zur zweitstärksten Festung neben Kopenhagen werden ließen. Bereits die ab 1536 unter Kg. Christian III. errichteten ersten kanonentaugl. Wälle, die auf der Stadtansicht von 1584 im Städtebuch von Braun und Hogenberg als steil geböschte, mit Grassoden belegte Erdwerke erscheinen, zeugen vom milit. Kalkül, das die jeweiligen Landesherren der Sicherung des Eiderüberganges zumaßen. Eine umfassende Erneuerung der Befestigungen erfolgte 1669-73 nach Plänen von Henrik Ruse, dem später auch für Glückstadt tätigenFestungsbaumeister. An die Stelle der geraden Wallstrecken traten nun polygonal geführte Erdwerke mit spitzwinkligen Bastionen, die nach Umleitung der Eiderarme teilw. mitten im Wasser entstanden und gemeinsam mit acht kleinen Inselravelins auch den Hafen sicherten. Das nach S gerichtete Festungstor trug die Inschrift: Eidora terminus imperii Romani.

Von bes. eindrucksvoller Gestalt waren die beiden 1690-95 von Jost Scholten in Vaubanscher Manier konzipierten Brückenköpfe: das kleinere, nach N gerichtete Kronwerk auf dem schleswigschen Ufer und das eine ganze Festungsstadt auf dem Grdr. eines halben Zehnecks umschließende Neuwerk auf dem holstein. Ufer der Eider, in dessem Zentrum der weite Paradeplatz abgesteckt wurde. Von ihm aus führten Radialstraßen auf die sechs großen Eckbastionen, während zwei polygonale Ringstraßen die Radialstraßen untereinander verbanden, um die Festung mit Mannschaften und Munition möglichst effizient zuversorgen. Die auf diese Weise entstandenen trapezförmigen Baublöcke wurden im äußeren Bereich noch einmal durch radial ausgerichtete Nebenstraßen halbiert, die auf die Ravelins, vorgeschobene kleinere Bastionen vor den Courtinen, den geraden Wallstücken, zielten. Ein breiter Wassergraben trennte die Wälle und Bastionen von dem Glacis, dem flach abgeböschten Vorfeld, das zusätzl. durch einzelne Lunetten oder Außenwerke gesichert wurde. Die bes. breite Hauptzufahrtstraße (Königstraße) lief axial von S auf den Paradeplatz zu und konnte im Ernstfalle von den keilförmig tief in dasNeuwerk einschneidenden Altstadtbastionen aus, der zweiten, älteren Verteidigungslinie, bequem unter Feuer genommen werden. Im SW hatte man einen Baublock für die Garnisonkirche (Christkirche) reserviert, die 1694-1700 über einem griech. Kreuz nach Vorbild der Kopenhagener Holmens Kirke errichtet wurde. Auf zwei weiteren Baublocks an den Flanken des Neuwerks entstanden das Arsenal (1695-97) und das Provianthaus (1704-08), am Paradeplatz die Kommandantur, die Generalsuperintendentur (1698), die Hauptwache (1692) und das sog. Weinhaus (1693) - alles streng und schlicht gegliederte, breitgelagerte Backsteinbauten mit hohen Walmdächern, für deren Entwurf sämtl. der aus dem Tessin (Aranno bei Lugano) zugewanderte Architekt Domenico Pelli († 1729) verantwortl. zeichnete, der gleichzeitig auch an den Herzogsschlössern in → Kiel und → Gottorf tätig war.

Quellen

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