RATZEBURG C.7.
I.
Ersterwähnung als Burg 1062 in einer Urk. Kg. Heinrichs IV. (MGH D.H./V., Nr. 87): Razesburg, einige Jahre danach erstmals chronikal. durch Adam von Bremen: Razispurg, Razzispurg; später weiter so oder ähnl. (z. B. bei Helmold von Bosau im 12. Jh.: Racisburg, Racesburg). Der Name ist slaw. und abgeleitet von dem des Polabenfs.en Ratibor († um 1040), dem die Burg gehörte und dessen Name in Kurzform »Ratse« lautete.
Wasserburg, gelegen auf einer kleinen Insel im S des R.er Sees, durch einen westwärts verlaufenden natürl. Damm mit dem Seeufer verbunden, dicht westl. neben einer größeren Insel, auf der später die Stadt R. entstand.
Stammesfsm. der slaw. Polaben, Gft. R. (1142/43-1201), Kgr. Dänemark (1201-27), Hzm. Sachsen (1227-95/6), Hzm. Sachsen-Lauenburg (1295/96-1689).
Burg, später Schloß. 1142/43-1201 Hauptres. des Gf.en von R., 1201-27 Nebenres. des Gf.en von Orlamünde in Vertretung des Kg.s von Dänemark, 1227-95/96 des Hzg.s von Sachsen (Hauptres.en Aken und → Wittenberg), 1295/96-1619 des Hzg.s von Sachsen-Lauenburg (Hauptres. → Lauenburg), 1619-56 dessen Hauptres., 1656-89 vereinzelt wieder dessen Nebenres. (Hauptres.: Schlackenwerth/Böhmen außerhalb des Hzm.s). Zeitraum (abgesehen von der Zeit als Stammeszentrum) 1142/43-1689. - D, Schleswig-Holstein, Kr. Herzogtum Lauenburg.
II.
Der Ort liegt auf einer Insel im R.er See. Auf einer zweiten, im W vorgelagerten Insel stand die Burg. Dämme und Brücken verbanden die Inseln mit dem West- bzw. Ostufer des Sees wie auch miteinander. Den halbinselartigen N der Stadtinsel nahm der Dombezirk ein, im W befand sich die Burgfreiheit (beide der städt. Jurisdiktion entzogen). R. lag abseits des ma. Wegenetzes (die Straße von → Lüneburg über Artlenburg und Mölln nach Lübeck führte im W an R. vorbei). Über den See und die Wakenitz bestand eine schiffbare Wasserverbindung nach Lübeck.
Im Gefolge der Gründung der Gft. R. 1142/43 und des Bm.s R. 1154 entstanden die gfl. Burg und der Dom als Keimzellen der späteren städt. Siedlung. Die Entwicklung vom Marktort zur Stadt vollzog sich im Laufe des 13. Jh.s. Wahrscheinl. in die Zeit zw. 1230 und der Mitte des 13. Jh.s fällt die Entstehung der Stadtkirche St. Petri (urkundl. Ersterwähnung 1301; Patronat zuerst beim Bf., aber noch vor 1301 auf das Domkapitel übertragen). Der Rat ist zusammen mit dem hzgl. Vogt erstmals 1285 urkundl. nachweisbar. Schon vor 1289 existierte ein Hospital. 1372 sind zwei Bürgermeisterbezeugt. Für die Mitte des 16. Jh.s kann eine Einwohnerzahl von ungefähr 900 erschlossen werden. Wirtschaftl. Bedeutung besaßen das Brauwesen (1601 gab es 69 Häuser mit Braugerechtigkeit), der Holzhandel und der Schiffstransport nach Lübeck (nähere Angaben zu allen drei Bereichen allerdings erst aus der zweiten Hälfte des 16. Jh.s). 1693 wurden große Teile der Stadt bei der Beschießung durch dän. Truppen zerstört.
III.
Wahrscheinl. um 1000 Erbauung der ersten Anlage als Holz-Erde-Burg. Stammeszentrum der slaw. Polaben. Nach einem Kupferstich von Gerdt Hane im Städtebuch von Braun und Hogenberg aus dem Jahre 1588 und nach späteren, nicht immer zuverlässigen Darstellungen sowie unvollständigen Beschreibungen des 16. und 17. Jh.s - ältere Informationen zur Architektur liegen nicht vor - wurde in dt. Zeit, viell. schon unter den ersten Gf.en von R. im 12. Jh., die Innenfläche der Burg mind. verdoppelt sowie in Haupt- und Vorburg untergliedert, wobei für das Gesamtareal, wohlverstärkt durch eine innere Steinmauer, wieder ein Erdwall mit Planken und Palisaden gewählt wurde. Innerhalb der Burg entstanden aber schrittweise steinerne Gebäude, so daß die zum Schloß gewandelte Burg im 16. und 17. Jh. eine Häufung von Bauwerken sehr unterschiedl. Stilart darstellte. Nach dem Aussterben des askan. Herzogsgeschlechts ließ Hzg. Georg Wilhelm von Lüneburg-Celle 1690/91 das Schloß einschließl. der Wehranlagen bis auf den Wasserspiegel abtragen, da er beabsichtigte, die Stadt R. zur Festung auszubauen, und dafür Schußfreiheit benötigte. Von der alten Res. ist daher nichts mehrzu sehen.
Ausmaße der dt. Res. einschließl. des Erdwalls rd. 200 × 130 m. Davor trotz der Seelage noch ein Wassergraben, an dem der durch Klappbrücken unterbrochene Weg vom westl. gelegenen Seeufer zur östl. benachbarten Stadt entlang führte, vorbei am Torhaus im S der Anlage. Hinter dem Torhaus wurde der Graben überquert, und von dort ging es durch einen Torturm in die Vorburg, die durch einen Torbogen mit der Hauptburg verbunden war. Auf der Westseite der Hauptburg lag der achteckige Bergfried (untere Mauerstärke rd. 4,50 m bei einer lichten Weite von knapp 8 m), derspätestens dem 13. Jh. angehören dürfte. Dem Bergfried gegenüber befand sich das repräsentativste Gebäude, der alte Palas, der inzw. um einen markanten Treppenturm erweitert war. Um 1600 und sicher auch vorher enthielt dieses Gebäude die Gemächer des Fs.en - damals bescheiden ausgestattet -, den großen Festsaal und die Burgkapelle. Nach N schlossen sich das kleinere Haus mit dem Tordurchgang und ein recht breites, höheres Gebäude, das ebenfalls um 1600 einen Treppenturm besaß, an, das Domizil des Hauptmanns, einst des Vogtes, und des Schreibers. Ein drittes großes Gebäude südl. neben demBergfried war wahrscheinl. stets den hzgl. Räten vorbehalten. Vervollständigt wurde das Ensemble der Hauptburg durch einige weitere kleine Bauten, deren Funktion und Alter nicht erkennbar sind.
In der zur Stadt hin gelegenen Vorburg befanden sich die Kanzlei, die Pferdeställe, die Schmiede, das Waschhaus, die Badestube, die Küche, das mit dem Brauhaus verbundene Backhaus sowie etl. Vorratsräume. Auch diese Gebäude hatten offenbar teilw. ein höheres Alter.
Die Wehranlagen waren in der ersten Hälfte des 16. Jh.s durch drei oder vier rondellartige Bastionen verstärkt worden. Eines dieser Rondelle mit 20 m Durchmesser, ungefähr 8000 eingerammten Buchen- und Eichenstämmen im Fundament und Ziegelmauerwerk im Aufbau, konnte freigelegt werden. Die Wehrhaftigkeit der Res. wurde demnach der neuen Waffentechnik angepasst.
Quellen
Schleswig-Holsteinische Regesten und Urkunden, 1-16, 1886-1997.
Literatur
Haupt, Richard/Weysser, Friedrich: Die Bau- und Kunstdenkmäler im Kreise Herzogtum Lauenburg, Ratzeburg 1890. - Hofmeister 1927. - Kaack 1985. - Kaack 1987. - Ratzeburg - 900 Jahre. 1062-1962, hg. von Kurt Langenheim, Ratzeburg 1962.