Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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PETERSHAGEN C.3.

I.

Huculvi (784), Hokeleve (1223), Castrum to tem Petershag (1306), Petershaghen (1307), Petershagen (1610), benannt nach dem Schutzhl. des Mindener Hochstifts St. Peter. Landkr. Minden, ca. 10 km nördl. von Minden an der Weser gelegen - Fbm./Stift Minden - Schloß und Amt P. - Res. der Bf.e von Minden von 1306-1667. - D, Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Detmold, Kr. Minden-Lübbecke.

II.

P. liegt auf einem Gebiet, das von Schaumburger Lehmplatte, Meßlinger Geest, Wesertalung bestimmt wird, in einem Raum mit sowohl sehr trockenen (Meßlinger Geest) wie auch sehr feuchten Gebieten (Wesertalung). Zu Beginn des 14. Jh.s verlegt Bf. Gottfried von Waldeck (1304-24) die Res. der Bf.e von Minden nach P., da es in → Minden zu wiederholten Auseinandersetzungen mit der Bürgerschaft gekommen war. Auf dem Gebiet des adligen Hofes Hidessen und dem Flecken Hokeleve entsteht das neue Wasserschloß der Bf.e mit angrenzender Siedlung. P. wird zum Sitzder Landesverwaltung und der Kanzlei der Mindener Bf.e, auch die Verwaltung der Vogteien des Amtes P. und die Verwaltung der Vogtei Hofmeister haben dort ihren Sitz. Die um 1363 gegründete Pfarrkirche in P. gehörte zum Archidiakonat des Propstes zu St. Martini in → Minden. Gegen Ende des 14. Jh.s ließ Bf. Otto III. eine Münze einrichten, die jedoch nicht dauerhaft bestand.

Um die Burg herum entsteht mit Alt- und Neustadt eine planmäßig angelegte Doppelstadt mit Straßen in Gitterform, wobei letztere nach der Erbauung der Burg entstand, während die Altstadt auf dem Gebiet des ehemaligen Flecken Hokeleve liegt. Burg und Neustadt werden durch Umleitung der Ösper befestigt, die Altstadt durch Wallgraben und Landwehr. 1363 wird P. von Bf. Gerhard von Schauenburg (1361-66) zum Wigbold erhoben und erhält Lübbecker Recht. Mit dem Wigboldrecht erhalten Alt- und Neustadt jeweils einen eigenen Stadtrichter, beide auch einen eigenen Bürgermeister und eigenenRat. Eine Vereinigung erfolgt erst 1719 bei der Verleihung des Stadtrechts. Während des Kaiserbesuchs 1377 gewährt → Karl IV. Bf. Wedekind II. den Weserzoll. 1383 erhielt P. von Bf. Otto I. von dem Berge (1384-97) das Recht zum Wochenmarkt und die Burgfreiheit. Am 15. Aug. 1424 wird auch das Stadtwappen verliehen. Die um die Burg gegründete Neustadt läßt Bf. Gerhard von 1361-66 befestigen. An der Südwestecke der Befestigung entsteht ein starker runder Zufluchtsturm. Bf. Wulbrand von Hallermund (1402-36) ließ die Befestigungen zu Beginn seiner Amtszeit verstärken. Die Pfarrkirche inder Altstadt wird um 1363 gegr., die Kirche der Neustadt, gegr. um 1553, wurde 1615-18 gebaut. P. war Ackerbürgerstadt und Marktort für das aus den Vogteien Hofmeister, Börde und Windheim bestehende alte Amt P. 1519, als die Mindener Bf.e in die Hildesheimer Stiftsfehde verwickelt werden, und auch 1553 wurden Teile der Ortschaft niedergebrannt.

III.

Von der ehemaligen Schloßanlage sind nur noch zwei L-förmige kurze Flügel erhalten. 1306 wurde das Schloß vom Mindener Bf. Gottfried von Waldeck zum Schutz gegen Angriffe der Gf.en von Hoya erbaut. Bei der Gliederung des Burggeländes in Wohn-, Wirtschafts- und Wehrbereich spielte der Schutz der Anlage durch die Weser von der Ost- und Westseite eine entscheidende Rolle. Vom ersten Bau Bf. Gottfrieds ist nur wenig überliefert. Er soll dem Status eines Landesherrn kaum entsprochen haben. Dieser hatte sogar Schwierigkeiten bei der Finanzierung, die er nur durchVerpfändung von Stadt und Burg Wunstorf ermöglichte. Gottfrieds Nachfolger bauten die Anlage zu einer wehrhaften Wasserburg aus. Zerstörung im Zuge der Hildesheimer Stiftsfehde 1519 machten einen Neubau notwendig, der vom aus Tübingen stammenden Architekten Jörg Unkair von 1544-47 im Stile der Weserrenaissance durchgeführt wurde. Der Umbau und damit die architekton. wichtigste Bauperiode erfolgte unter Bf. Franz II. von Waldeck (1532-53), der sich vorübergehend von Leopold VIII. zur Lippe den schwäb. Baumeister »auslieh«. In P. stand Unkair vor der schwierigen Aufgabe, unterEinbeziehung älterer, massiver Wehranlagen eine wohnl. Res. zu schaffen, die ihren Verteidigungscharakter behalten mußte. Die unregelmäßige Zweiflügelanlage mit dem untyp. mitten vor den Palas gestellten Treppenturm, mit der Treppenspindel, den Portalen und Fenstern in Stabwerkeinfassung gilt als ein beachtenswerter Bau der Weserrenaissance. Über 20 Steinmetzzeichen sowie ein Wappenstein im Treppenturm mit dem Wappen Bf. Christians von Braunschweig-Lüneburg (1599-1625) sind erhalten. Einige Steinmetzzeichen finden sich auch im Schloß → Neuhaus, der Res. der Bf.e von → Paderborn, dieebenfalls unter Unkair entstanden ist. Diverse Umbauten veränderten das ursprgl. Aussehen des Unkair-Baus weitgehend. Übrig blieb als »Markenzeichen« nur der Treppenturm, der in P. fast mittig in der Hoffassade des Südflügels steht.

Baurechnungen aus den Jahren 1544-47 sind erhalten, die detailliert über die am Bau Beschäftigten mit ihren ausgeübten Tätigkeiten berichten. Auch die Beschaffung der Baumaterialien, die soweit wie mögl. aus bfl. Besitzungen genommen wurden, findet darin ihren Niederschlag. Das Holz für den Dachstuhl wurde nach genauen Anweisungen des Bf.s und Freigabe durch den Drosten in den Waldungen um P. geschlagen. Aus den Baurechnungen geht auch hervor, daß Franz von Waldeck das meiste Geld für den Bau seines Residenzschlosses aus eigenen Mitteln beisteuerte. Ein Teil der Bauten der Schloßanlage istnicht erhalten, dazu gehören das Torhaus, die Rondelle und Befestigungswerke. Die Bauarbeiten wurden durch die Kampfhandlungen des Schmalkaldischen Krieges vorzeitig beendet und erst 1560 errichtete Bf. Gerhard von Braunschweig-Lüneburg (1554-66) das sog. »Neue Haus« mit Festsaal und Kirche. Durch eine Galerie auf kunstvoll behauenen Konsolen waren beide - altes und neues Haus - miteinander verbunden. Weitere Umbauarbeiten wurden in den Jahren 1608-11 unter Christian von Braunschweig-Lüneburg (1599-1625) durchgeführt, dabei entstand ein weiterer Flügel, der durch eine um denoffenen Hof laufende Galerie im ersten Obergeschoß mit den älteren Gebäuden verbunden war. Aus diesem Bauabschnitt sind noch der Wappenstein des Bauherrn und die Kragsteine der Galerie zu sehen, ebenso die einer zweiten Galerie, die sich vor einem Teil des zweiten Obergeschosses am Südflügel hinzog. In diesem den Schloßhof im N abschließenden Bau lag ein Fürstensaal und eine Kapelle. 1667 wird P. als Bischofssitz aufgegeben, nachdem das Bm. 1648 säkularisiert worden ist.

Quellen

StA Münster, Grafschaft Schaumburg, Amt Petershagen, Rechnungen, Akte A I, Bl. 1-67. - Westfälisches Urkundenbuch, 6, 1898; 10, 1940/77.

1200 Jahre Petershagen 784-1984. Beiträge zur Kultur und Geschichte, hg.von der Stadt Petershagen, Petershagen 1984. - Lange, Helmar: Das Residenzschloß Neuhaus bei Paderborn, eine bau- und kunstgeschichtliche Betrachtung. Der Baumeister Jörg Unkair, seine Werke und Bedeutung, Diss. Univ. Bochum 1978. - Scriverius 1966. - Sönke, Jürgen: Schloß Petershagen an der Weser 1305-1955. Von der Residenz der Mindener Fürstbischöfe und der brandenburgischen Statthalter von Minden-Ravensberg,Minden 1954.