OSNABRÜCK C.3.
I.
Osnabrugga (851), Osenbrugge (1149), Osnaburg (1153), Oesenbrughe (1372). Die erste Silbe ist möglicherw. eine alte Form des Flußnamens Hase, danach wäre die Bedeutung: Furt an der Hase. Eine andere Namensdeutung knüpft an eine angebl. Kultstätte der Asen an. - Hochstift O. bis 1802 - Fbm. O. - Binnenburg, Bischofspalast, Stadtres. der Bf.e von O. ca. 800-1344. - D; Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Weser-Ems, Kr. O. (Stadt).
II.
O. liegt inmitten des vom Wiehengebirge im N und dem Teutoburger Walde im S umrahmten O.er Hügellandes an einem wichtigen Verkehrsknoten am Haseübergang. Im Mittelpunkt des altsächs. Threcwitigaus gründete Karl der Große einen Bischofssitz, die Domweihe erfolgte wohl vor 787. Aus dem Jahr 889 ist die Verleihung von Immunität, Marktrecht, Zoll und Münze für den Bischofssitz durch Kg. Arnulf (in einer gefälschten Urk.) überliefert, das Privileg wird 938 von Otto I. bestätigt. Die Domimmunität als gesondertes Rechtsgebiet bleibt bis 1802 erhalten. 965 erhält Bf.Drogo von Ks. Otto I. das Forstbannprivileg. Um 1100 werden zahlr. Bauten durch einen Brand zerstört, der Dom im sächs.-roman. Stil renoviert. Vermutl. in der Regierungszeit Bf. Bennos II. (1068-88) werden Domburg und Marktsiedlung in einem gemeinsamen Mauerring zusammengeschlossen. Der Bischofshof lag ursprgl. nördl. des Domes, wurde aber bereits Anfang des 14. Jh.s aufgelassen, da der Hauptsitz bereits im 13. Jh. aus der Domburg zum neustädt. Marienhof verlegt wurde. Der Bf. selbst residierte im 14.-16. Jh. vorwiegend in → Iburg oder → Fürstenau. Vor der Reformation verfügtO. neben Dom, Stift St. Johann und den beiden Pfarrkirchen über je drei Männer- und Frauenkl. sowie eine Kommende. In der 2. Hälfte des 15. Jh.s sind zudem sieben Beginenhäuser belegt.
Noch im 9. Jh. entstand neben der Domkirche eine Marktsiedlung, die mit der Domfreiheit sowie dem Domhof um 1100 gemeinsam umfestet war. Die vor den drei Toren der ummauerten Domburg entstandenen Vorstädte werden zw. 1170 und 1190 zur Altstadt mit einer Fläche von 50 ha zusammengefaßt. 1171 erfolgt ein Privileg Ks. Friedrichs I., dadurch wird die Stadt zu einem selbständigen, vom Umland abgegrenzten Gerichtsbezirk. 1177 wird zuerst eine Marienkirche erwähnt. Seit Mitte des 13. Jh.s entstand auf dem Boden des bfl. Martinshofes und St. Johannis-Stifts die Neustadt, südöstl. an der Altstadtangelegt. Die Altstadt ist in Sternform um die Domburg mit nur vereinzelten Ringstraßen entstanden, die Neustadt wurde planmäßig angelegt. Das alte Rathaus ist seit 1244 belegt, das neue Rathaus entstand 1477-1511, 1404 städt. Legge, Stadtwaage 1531. Um 1300 sind sieben Kirchen nachgewiesen. Zunächst war der Wein- und Tuchhandel von Bedeutung. Seit Mitte des 15. Jh.s erblühte die Wollweberei, noch größere Bedeutung erlangte seit der Mitte des 15. Jh.s der Handel mit dem in Stadt und Umland gewebten Leinen. Seit dem 13. Jh. Mitglied der Hanse war O. Umschlagplatz und Teil desFernhandelsnetzes zw. Flandern und Ostsee. 1487 besaß die Stadt ca. 8 000 Einw., spielte aber nur eine Rolle von regionaler Bedeutung, wenn sie auch als Vertreter der Städtekurie im Fsm. O. ein polit. Faktor war. 1543 schloß sich die Stadt der Reformation an.
Die Verwaltung der Altstadt führte nachweisbar seit 1162 ein bfl. rector civitatis, seit Beginn des 13. Jh.s hatte die Bürgerschaft ein Mitspracherecht bei der Besetzung des Rektorenamtes. Die Neustadt wurde vom bfl. Burrichter und sechs Schöffen verwaltet, bis 1306 beide Städte vereinigt wurden. Nach 1236 lag die hohe Gerichtsbarkeit in der Hand des bfl. Gogf.en, eines Bürgers. Das bfl. Burgericht der Altstadt erwarb diese 1225 zur Hälfte, 1409 den Rest. Das Burgericht der Neustadt ging 1523 auf diese über. Bereits 1515 erwirbt der Rat die Aufsicht über die bfl.Münzprägung. Die »Sate« von 1348 stellte den Abschluß der Ratsentwicklung dar. Die stadtherrl., bfl. Stadt wurde schrittweise von der autonomen Stadtgemeinde abgelöst. 1374 schloß die Stadt unabh. vom amtierenden Bf. Melchior von Braunschweig-Grubenhagen (1369-74) zusammen mit → Soest, → Münster, Dortmund mit den Bf.en von → Münster und → Paderborn und dem Gf. von → Mark einen Landfrieden. Der Markt mit Rathaus und Marienkirche war das wirtschaftl. und polit. Zentrum der bürgerl. Macht, wurde aber erst zum Ende des MA repräsentativ ausgestaltet. St.Katharinen wurde statt dessen zum Zentrum geistl. Stiftungen der führenden Bürgergeschlechter. Um 1200 wurde die Kirche als Zentralbau vermutl. im Zusammenhang mit dem dritten Kreuzzug wohl von städt. Geschlechtern gestiftet und wurde damit zum mächtigsten Bau der Stadt. 1501 wurde ihr Turm noch einmal deutl. erhöht und überragte damit bis zur Zerstörung durch Blitzschlag i. J. 1600 alle anderen Kirchen der Stadt.
III.
Sowohl der Bischofshof des 9. und 10. Jh.s unmittelbar nördl. des Doms wie auch der um etwa 60-70 m nach N verschobene Hof des 11./12. Jh.s sind auf dem Platz des ehemaligen Missionsstützpunktes errichtet worden. Vermutl. war der Bischofssitz mit Dom, Bischofspalast und dem Stift der Domkleriker bereits im 9. Jh. durch einen Palisadenzaun zur »Bischofsburg« ausgebaut. Eine Pfalzkapelle rundete das Bild dieser ersten O.er Bischofsres. ab. Der nach dem Brand von 1100 erbaute Sitz wurde wohl wg. der Nähe zum erstarkten Domkapitel wenig genutzt und zerfiel,wie Quellen aus dem Jahr 1323 belegen. Bereits 1273 ist der O.er Bürger Eifler auf dem Hof nachweisbar. Unter Bf. Engelbert von Weihe (1309-20) entstand eine Res., allerdings nicht auf der Domfreiheit sondern auf dem Martinshof in der Neustadt. Die Gründe für die Verlegung sind nicht bekannt. 1315 wurde die erste Urk. im Martinshof ausgestellt. Die benötigte Ausstattung des neuen Wohnsitzes erfolgte erst unter einem der Nachfolger, Dietrich von Horne (1376-1402), der nach chronikal. Überlieferung 1402 aulam et cubile Osnaburgis in nova civitate curie episcopalis edificarefecit. Möglicherw. war der Martinshof nur als vorübergehende Res. gedacht. Dafür sprechen auch die Vorkehrungen der Bf.e Gottfried von Arnsberg (1321-49) und Johann Hoet (1349-66), die nach den Grundstücksverträgen zu schließen, eine Rückkehr des Hofes auf die Domfreiheit planten. Im 15. Jh. wird der Martinshof nur noch gelegentl. genutzt und dient gegen Ende des 15. Jh.s bereits nicht mehr als Wohnhaus, sondern beherbergte die bfl. Kammer. Der Bf. residierte im 14.-16. Jh. vorwiegend in → Iburg oder → Fürstenau. Heinrich von Sachsen-Lauenburg (1574-85) plante,erneut einen bfl. Hof auf dem ehemaligen Gelände der Augustiner-Eremiten, deren Klostergebäude sich seit 1576 im Besitz des O.er Domkapitels befand, einzurichten und trat darüber in Verhandlungen mit dem Rat der Stadt. Die beiden ehemaligen Res.en - der Bischofshof auf der Domfreiheit wie auch der Hof in der O.er Neustadt - waren in schlechtem Zustand. Zur Reparatur des Bischofshofes auf der Domfreiheit bewilligten die O.er Stiftsstände 1000 Reichstaler, aber der Raum war für die geplante Anlage ungeeignet. Die Pläne sahen Kanzlei, Rats- und Audienzräume, Ställe, ein Backhaus, einBrauhaus und ein Hofvorratshaus vor. Auch ein Lust- oder Sommerhaus war geplant. Die Ausführung der Pläne scheiterte am baldigen Tod Bf. Heinrichs. Erst 1666 wird O. wieder Res. unter Ernst August I. von Braunschweig-Lüneburg, der 1683 das Residenzschloß erbauen läßt.
Quellen
Niederdeutsche Bischofschronik, 1894. - Ertwini Ertmanni cronica, 1891. - Osnabrücker Urkundenbuch, 1-6, 1892-1989.
Literatur
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