NAUMBURG C.3.
I.
Nuenburch (1012), Nuemburgun (1028), Nuonburg (1030), Nuwenburg (1032), Niumburg (1033), Nianbvrch (1068). Res.en der Bf.e von N.: 1. Hof mit Wohnturm östl. des Doms (ca. 1030-46). 2. Burg auf Anhöhe über dem Steilrand des Mausabaches westl. des Doms (1046-1285). 3. Alter Bischofshof südl. der Marienkirche (Ende 13. Jh.-1532). 4. Schlößchen am Markt (1543-46). 5. Neue Bischofskurie östl. des Doms (1564). - D, Sachsen-Anhalt,Reg.bez. Halle, Burgenlandkr.
II.
Auf dem klimat. und landschaftl. begünstigten, seit dem Neolithikum besiedelten Gebiet nahe der Unstrutmündung in die Saale entwickelte sich nach der Errichtung der namengebenden Neuen Burg durch die Ekkehardinger (um 1000) und v. a. nach der Verlegung des Bischofssitzes von → Zeitz nach N. östl. und südöstl. des zw. 1036 und 1050 errichteten ersten Doms und der nördl. erwachsenden Immunität eine Siedlung. Hierher siedelte Bf. Kadaloh (1030-45) die Kaufleute aus Kleinjena um. Die städt. Entwicklung verlagerte sich jedoch schon bald vonder erweiterten Immunität (»Domfreiheit«), auf die neue, östl. gelegene und in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s planmäßig um die Wenzelskirche angelegte Marktsiedlung, wo sich mehrere Handelsstraßen kreuzten. Die sicht stetig erweiternde Marktsiedlung entwikkelte sich im 13. Jh. zur Rechtsstadt mit einem erstmals 1305 genannten und 1329 umfassend umstrukturierten Rat, der vom Bf. zu bestätigen war. Weitere Vorstädte entstanden um die noch im 11. Jh. gegründeten Kl. St. Moritz und St. Georg. Gegen Ende des MA besaß die Stadt ca. 5000 Einw.
Der Handel von Waid, Tuch, Wolle und Lebensmitteln besaß neben der Bier- und Tuchfabrikation größte Bedeutung für die Stadt. 1135 wird ein Marktzoll, 1278 eine Messe erwähnt. Die N.er Peter- und Pauls-Messe entwikkelte sich im SpätMA neben der Leipziger zur bedeutendsten Messe Mitteldeutschlands. Auch Geld- und Kreditwesen spielten eine gewisse Rolle. Juden sind seit 1348 bis zu ihrer Vertreibung im späten 15. Jh. nachweisbar.
Die N.er Bf.e behielten die Stadtherrschaft bis zum Tode des letzten Bf.s (1564). In N. geprägte bfl. Münzen sind erstmals unter Bf. Eberhard (1045-78) soweit kontinuierl. seit Bf. Dietrich I. (1111-23) nachweisbar. Die hohe Gerichtsbarkeit ließen die Bf.e durch einen Vogt, im SpätMA durch einen Richter ausüben. Der niederen Gerichtsbarkeit saß im 13. Jh. ein bfl. Schultheiss vor. Im SpätMA war letztere zw. dem bfl. Richter und dem Rat aufgeteilt. Zeitw. erlangte der N.er Rat, der auf den Grundlagen des Magdeburger Rechts sowie nach den Sprüchen der Halleschen Schöffen handelte, auch dieVerpachtung der hohen und niederen Gerichtsbarkeit.
Die dauerhafte Verlegung der bfl. Hauptres. nach → Zeitz nach 1285 verhalf dem N.er Rat zu etwas mehr Spielraum gegenüber den Bf.en. Unter Ausnutzung der Spannungen zw. den Bf.en und dem Domkapitel einerseits sowie zw. den Bf.en und den wettin. Landesherren andererseits gelang es dem Rat zeitw., eine eigenständigere Politik zu betreiben, ohne jedoch jemals die Unabhängigkeit erreichen zu können. Der 1432 erfolgte Beitritt N.s zur Hanse mußte bereits ein Jahr später aufgrund des bfl. und wettin. Drucks wieder rückgängig gemacht werden.
III.
Nach der Verlegung des Bistumssitzes von → Zeitz nach N. ließen die Bf.e in unmittelbarer Nähe des Doms einen befestigten Hof mit einem Wohnturm errichten, der ihnen bis 1046 als Wohnort diente. Von der Bebauung dieser Zeit ist bis auf die beiden unteren Geschosse des Wohnturms nichts erhalten. Das dritte und vierte Geschoß wurden erst in jüngerer Zeit errichtet.
Nach dem Aussterben des Geschlechts der Ekkehardinger (1046) wählten die Bf.e deren Burg als ihre Unterkunft, die in der Folge jedoch ausgesprochen selten und nur unter dem Begriff curia episcopalis in den Quellen erscheint. Nach der Verlegung der bfl. Hauptres. nach → Zeitz überließ Bf. Bruno (1285-1304) die Burg den N.er Dompröpsten, die sie bis 1816 innehatten. Anstelle der Burganlage wurde dann das Oberlandesgericht für die Provinz → Sachsen errichtet. Über das Aussehen der Burg bis 1286 liegen keine verläßl. Quellen vor, die überlieferten Abbildungendes 17. und 18. Jh.s führen den im 15. und 16. Jh. errichteten Baubestand vor Augen.
Für die N.er Aufenthalte nach 1286 diente den Bf.en eine Kurie unweit des Domes, die eine Johannes d. T. geweihte Kapelle sowie ein Brauhaus enthielt. Über das Aussehen dieser infolge des Brandes von 1532 weitgehend zerstörten Bischofskurie sind keine Quellen bekannt. Einzig die in der Mitte des 13. Jh.s entstandene Kapelle blieb erhalten. Sie wurde 1860 von ihrem alten Standort auf den Domfriedhof an der Georgenmauer übertragen, wo sie als Gottesackerkirche genutzt wurde.
Als der Protestant Nikolaus von Amsdorf (1542-46) sein Pontifikat antrat, ließ er sich am Markt in unmittelbarer Nähe des städt. Kaufhauses von dem Baumeister Hans Witzleub ein zweistöckiges, »Schlößchen« genanntes Haus im Stil der Renaissance weitestgehend auf Kosten der Stadt errichten. Hier konnte er aufgrund der polit. Umstände jedoch nur kurze Zeit residieren. 1650 wurde das Gebäude mit dem danebenstehenden Kaufhaus baul. vereinigt. Das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Schlößchen wurde in engster Anlehnung an den ursprgl. Zustand wiederhergestellt.
Der letzte N.er Bf. Julius von Pflug (1546-64) beabsichtigte, auf dem in unmittelbarer Nähge des Doms gelegenen Grundstück, in dem die Bf.e bereits zw. 1028/46 residierten, einen neuen Bischofshof zu errichten. Jedoch verhinderte dies sein Tod. Nach den Plänen des Bischofs wurde der Bau dann in Regie des Domkapitels 1581 vollendet. Das im Stil der Spätrenaissance errichtete zweigeschossige Gebäude zeichnet sich insbes. durch repräsentative Schweifgiebel zur Straßen- und Hofseite aus.
Quellen
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Literatur
Art. Naumburg, in: Dehio, Kunstdenkmäler, Sachsen-Anhalt, 2, 1999, S. 582-609. - Bergner, Heinrich: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Naumburg, Halle 1903 (Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete, 24). - Borkowsky, Ernst: Die Geschichte der Stadt Naumburg a. d. S., Naumburg 1897. - Heister, Karl von: Die Juden in Naumburg an der Saale, in: Anzeigerfür Kunde der Deutschen Vorzeit. NF 13 (1866) Sp. 88-91. - Heldmann, Karl: Domfreiheit und Bürgerstadt in Naumburg an der Saale, in: Thüringisch-Sächsische Zeit- schrift für Geschichte und Kunst 4 (1914) S. 74-81. - Hoffmann, Ernst: Naumburg a. S. im Zeitalter der Reformation, Leipzig 1901. - Justitz, Gerritdina D.: The Abbot and the Concubine: Piety and Politics in Sixteenth-Century Naumburg, in: ARG 92 (2001) S. 138-164. - Kaiser, Bruno: Die Entstehung der Stadt Naumburgan der Saale, Ms. von 1949 im Domstiftsarchiv N. - Keber, Paul: Die Naumburger Freiheit, Leipzig 1909. - Nagel, Roswitha: Naumburg Domstiftsbibliothek, in: Handbuch der historischen Buchbestände, 22, 2000, S. 150-156. - Naumburg an der Saale. Beiträge zur Baugeschichte und Stadtsanierung, hg. von der Stadt Naumburg, Petersberg 2001. - Naumburger Münzen. Zur Münzgeschichte der Stadt Naumburg. Begleitheft zur Ausstellung im Museumseck Naumburg, hg. von Siegfried Wagner, Naumburg 1998 (Schriften desStadtmuseums Naumburg, 6). - Schöppe, Karl: Naumburger Chronik. Ergänzt, berichtigt und hg. von Friedrich Hoppe, 3 Tl.e, Naumburg 1929-32. - Schubert, Ernst: Naumburg, Dom und Altstadt, Berlin 1978. - Schubert, Ernst: Der Naumburger Dom. Mit Fotografien von Janos Stekovics, Halle 1997. - Wiessner, Heinz: Die Anfänge der Stadt Naumburg an der Saale und ihre Entwicklung im Mittelalter, in: BDLG 127 (1991) S. 115-143. - Wolf,Herbert: Naumburg, in: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 11, 1987, S. 341-345. - Wölfer, Ernst: Naumburg:, in: Deutsches Städtebuch, 2: Mitteldeutschland, 1941, S. 746-753.