MINDEN C.3.
I.
Minda (798), Mimida (851), Mimidona (947), Mindun (973), Mindyn (1043), Mindon (1048), die neuere Sprachforschung erklärt den Namen als Gewässernamen »Mimindo«, der später auf den Ort übertragen wurde - Landkr. M./Westfalen - Hochstift M., heute Ebm. Paderborn - Bischofspalast, Stadtres. der Bf.e von M. 803-1306. - D, Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Detmold, Kreis M.-Lübbecke.
II.
M. liegt an der Weser, 5 km nördl. ihres Durchbruchs durch die Weserberge an einer Furtstelle, wo die die Porta Westfalica benutzenden ma. Handelswege aufeinander trafen. Um 802/04 wurde M. Sitz eines Bm.s unter dem ersten Bf. Erkanbert († 813) und, gefördert durch den sächs. Adel, entwickelt sich noch im 9. Jh. die Pfarrorganisation. Die erste Domweihe fand 802/12 statt. Schon 852 soll in M. ein Reichstag stattgefunden haben. Das Immunititätsprivileg wird 961 verliehen, 977 und 1009 erfolgten Zoll-, Markt- und Münzprivilege. Aufschwung nahm der Bischofssitzdurch die Förderung Bf. Sigeberts (1022-36) in dessen Amtzeit auch mehrere kg. Aufenthalte fallen. Von ca. 973 bis ca. 1056 gab es eine kgl. Münze. Der Dom- und Stadtbrand von 1062 markiert auch das Ende der ersten Blütezeit. Zu Beginn des 11. Jh.s wurde die Marienkirche von ihrem ursprgl. Standort am Wedigenstein nach M. verlegt, vermutl. an die Stelle einer älteren Pfarrkirche. 1029 folgte die Gründung des Augustiner-Chorherrenstift St. Martin. Am 1. Febr. 1168 fand im Mindener Dom die Hochzeit Heinrichs des Löwen mit Mathilde von England statt. Zw. 1096 und 1398 besaßen die Edelherren vomBerge das Vogtrecht im Stift. Der Verlust des Einflusses auf die Stadtgemeinde von M. und wiederholte Auseinandersetzungen führten zur Verlegung der Bischofsres. auf die Burg → Petershagen i. J. 1306. Im Westfälischen Frieden wurde die Stadt zusammen mit dem Stift M. als weltl. Fsm. Brandenburg zugesprochen.
Bereits seit dem 10. Jh. siedelten Kaufleute westl. und nördl. der Domburg, im Bereich der Marienkirche gab es eine Bauernsiedlung. Die Fischerstadt an der Weserfurt, die lange als ältester Siedlungskern angenommen wurde, geht nach archäolog. Befunden erst auf das 12. Jh. zurück und wurde offenbar planmäßig angelegt. In einer Urk. des Bf. Engelbert (1055-80) wird M. als civitas bezeichnet. Um 1180 war die Stadtbildung abgeschlossen; in diese Zeit fällt auch der Bau einer Stadtmauer, Ende des 13. Jh.s gibt es eine feste Brücke über die Weser. DieFischerstadt wurde 1336 befestigt. Südl. der Domburg bildete sich um die 1207 gegründete Pfarrkirche St. Simeon eine Siedlung. Bis 1230 waren die verschiedenen Siedlungskerne zusammengewachsen mit einer Größe von ca. 50 ha. Die unbefestigten und landwirtschaftl. geprägten Vorstädte um St. Simeon und Marienkirche und die Fischerstadt hielten bis 1553 Sonderrechte. Im SpätMA waren Getreide- und Holzhandel sowie Brauerei und Bierexport die wichtigsten Gewerbe. Um 1326 sind Schiffsmühlen belegt. Um 1500 besitzt die Stadt ca. 3500 Einw.
Bereits in der Mitte des 12. Jh.s verdrängte der Wichgf., der ab 1181 unter der Bezeichnung wicgrave in den Quellen erscheint, den Kirchenvogt aus der bfl. Gerichtsbarkeit. Hinweise für eine städt. Selbstverwaltung gibt es jedoch erst für die erste Hälfte des 13. Jh.s. Das 13. Jh. war geprägt von Auseinandersetzungen zw. Bf. und Stadt, bei der es auch um den Einfluß auf die Gerichtsbarkeit ging. Bis zum Beginn des 14. Jh.s war es der Stadt gelungen, eine eigene Niedergerichtsbarkeit zu etablieren, die den bfl. Wichgf.en beinahe unwirksam werden ließ. Da sich dasMachtverhältnis zunehmend zu Gunsten der Stadt neigte, verlegte der Bf. schließl. 1306 seine Res. auf die Burg → Petershagen. M. führte in der Folgezeit eine vom Bf. unabhängige Außenpolitik, trat etwa dem Rheinischen Städtebund und der Hanse bei. 1536 schloß sich M. dem Schmalkaldischen Bund an und wurde 1547 von ksl. Truppen besetzt.
III.
Vom Bischofspalast der M.er Bf.e ist heute nichts mehr erhalten. Ausgrabungen haben einen Baukomplex ergeben, dessen Kern auf das 12. oder beginnende 13. Jh. zurückzuführen ist und der bei einem Umbau in der Mitte des 16. Jh.s erhalten blieb. Das Gebäude wurde Mitte des 19. Jh.s teilw. durch einen Brand, teils durch Umbauten zerstört. Die Domimmunität war ursprgl. mit Palisaden umgeben und besaß drei schmale Zugänge zur übrigen Stadt. Seit dem 11. Jh. waren Dom und Bischofspfalz von einer Steinmauer eingefaßt, die ein ca. 4 ha großes Areal mit Großen undKleinen Domhof, Dom, Domherrenkurien, Wohnungen von Klerikern, adligen Ministerialen, Handwerkern und Bediensteten umgrenzte. Unter dem Pontifikat Engelberts (1055-80) wird der Bischofshof zum ersten Mal in den schriftl. Quellen erwähnt, in der Folgezeit finden sich zahlr. Hinweise auf die aula episcopali. Die Rückschlüsse aus den archäolog. Befunden sind allerdings nicht eindeutig. Die genaue Lage der ersten Res. im Dombezirk ist bisher nicht gesichert. Bei Grabungen wurde ein 25,50 × 9,0 m großes Gebäude, das durch eine Zwischenwand in einensaalartigen Hauptraum und einen Nebenraum unterteilt war, gefunden, von dem man bisher angenommen hat, daß es sich um den Bischofspalast handelt. Zuletzt ist jedoch vermutet worden, daß das Gebäude für die zahlr. Königsaufenthalte in M. genutzt wurde. Dies ist allerdings aus den schriftl. Quellen nicht zu entnehmen.
Spätestens unter Bf. Volkwin von Schwalenberg (1275-93) wurde die nördl. an das Domwestwerk anschließende Bischofspfalz errichtet. Sie bestand aus dem Hauptgebäude, dem nördl. Erweiterungsbau und ab dem 16. Jh. aus der zusätzl. angebauten Alten Cantzley. Zum bfl. Hof gehörten zudem eine ganze Anzahl von Nebengebäuden wie Stallungen und Wirtschaftsbauten. Nach der Errichtung der Burg → Petershagen durch Bf. Gottfried i. J. 1306 verlegten die Mindener Bf.e ihre Hauptres. dorthin. Der Bischofshof auf der Domfreiheit beherbergte jedoch auch weiterhin die bfl.Gerichtsbarkeit, wie die Ausstellung zahlr. Urk.n belegt. Ein Umbau des Bischofshofes erfolgte angebl. durch Otto von dem Berge (1384-97). Noch um 1460 berichtet Heinrich Tribbe, wie der Bischofshof in Prozessionen eingebunden war. Und für das 16. Jh. ist die repräsentative Ausgestaltung angenommen worden, so unter Bf. Hermann von Schaumburg (1567-82), der 1568 den Mindener Maler »Meister Hercules« mit der Ausmalung der Räume beauftragt haben soll. Über die restl. Ausstattung ist nur wenig bekannt, im Mindener Museum befindet sich eine Reliefplatte mit der Darstellung desbarmherzigen Samariters, die aus dem Bischofshof stammen soll. Weitere Relieffragmente, u. a. mit Darstellungen aus der röm. Geschichte, sind heute verschollen. 1669 wurde der ehemalige Bischofshof Regierungsgebäude, Sitz der Minden-Ravensbergischen Kanzlei. Nach dem Brand 1842 wurde das Gebäude neu errichtet.
Quellen
SA Münster, Dk Mi, Urk. Nr. 673. - Westfälisches Urkundenbuch, 1, 1847; 6, 1898, Nr. 739, 1399, 1433, 1463, 1523, 1566, 1645; 10, 1940/77, Nr. 508.
Literatur
Ausgrabungen in Minden. Bürgerliche Stadtkultur des Mittelalters und der Neuzeit, hg. von Bendix Trier, Münster 1987. - Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen, Bd. 50 - Die Stadt Minden, Altstadt 1, Der Dombezirk, Teilbd. 1, bearb. von Roland Pieper und Anna Beatriz Chadour-Sampson, Münster 1998; Teilbd. 2, bearb. von Roland Pieper und Anna Beatriz Chadour-Sampson,Essen 2000. - Behr, Hans-Joachim: Franz von Waldeck, ein Bischof mit »besonderlich lusten zum stifte Minden«, in: Jahrbuch für Westfälische Kirchengeschichte 93 (1999) 19-37. - Kaspar, Fred: Höfe in der Stadt. Bürger, Bauer, Edelmann. Minden - Sonderfall oder beispielhaft, in: Adel in der Stadt des Mittelalers und der Frühen Neuzeit, hg. von Arend Mindermann, Marburg 1996, 155-168. - Linnemeier, Bernd-Wilhelm: Der bischöfliche Hof zu Minden. Anmerkungen zur historischenTopographie des Mindener Dombezirks zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert, in: Mindener Heimatblätter 67 (1995) S. 9-42. - Schoppmeyer, Heinrich, die Ausformung der Landstände im Fürstenbistum Minden, in: Mindener Heimatblätter 65 (1993) S. 7-47. - Westfälischer Städteatlas, Lfg. VI »Blatt Minden«, bearb. von Fred Kaspar und Monika Schulte, Altenbeken 1999.