MARIENBURG C.5. (Malbork)
I.
Marienburg (mnd. auch Mergenburg) entstand am rechten Ufer der Nogat in der pruß. Kleinlandschaft Aliem (Algent). Die M. war von 1309-1457 Sitz der Leitung des Deutschen Ordens, zuvor seit 1280 eines Komturs und seines Konventes. 1457 verkauften die Söldner des Deutschen Ordens die ihnen verpfändete M. an die Krone Polen, die ihrerseits diese als regionalen Verwaltungsmittelpunkt nutzte. Mit der ersten Teilung Polens 1772 kam die M. an Preußen, nach 1803 setzten unter Theodor von Schön die Restaurierungsarbeiten ein,die heute noch nicht ganz abgeschlossen sind. - PL, Wojewodschaft Elbląg.
II.
Schon in der Vorordenszeit umging ein Weg vom Danziger Raum in das Land der Prußen die unwegsamen Bereiche des Weichsel-Nogat-Deltas und überquerte mit einer Furt die Nogat dort, wo die M. gegr. wurde. Die hier wohl schon vor der Burggründung entstandene Kaufmannssiedlung gehörte zur pruß. Kleinlandschaft Aliem. Die langgestreckte Burg und die flußaufwärts anschließende Stadt entstanden auf einem hohen Ufer etwa 10-15 m über der Nogat. V. a. das am linken Nogatufer gegenüber der M. beginnende Tiefland der Weichselmündung war landwirtschaftl.außerordentl. günstig nutzbar. Die Stadt selbst wurde mit 8 Hufen Land ausgestattet, auf denen die beiden Vorstädte am Mühlengraben und vor dem Marientor sowie ein kleines Stadtdorf entstanden. M. war nogataufwärts von → Elbing nur etwa 30 km entfernt.
Stadt und Burg M. sind offenbar etwas älter als die neuen ländl. Siedlungen ihrer Umgebung. Während südl. von M. wg. einer starken pruß. Bevölkerung nur eine kleinere Anzahl neuer Rodungsdörfer noch im 13. Jh. gegr. wurde, setzte eine Besiedlung des Niederungsgebietes voraus, daß die unter Landmeister Meinhard von Querfurt begonnenen Eindeichungs- und Entwässerungsarbeiten einen gewissen Erfolg hatten, so daß hier die Neugründungen erst seit dem beginnenden 14. Jh. erfolgten. M. entwickelte sich nur zur einer Stadt mittlerer Bedeutung, was Handel und Handwerk anlangt. Sie hatte keinMünzrecht. Es war wohl die Nachbarschaft der Ordensleitung, die dazu führte, daß auch hier Versammlungen der preuß. Städte durchgeführt wurden. Als M. gegr. wurde, bestand schon das Bm. → Pomesanien, dem es bis zur Reformation angehörte. Die Stadtpfarrkirche dürfte Sitz eines Erzpriesters gewesen sein.
Im April 1276 erhielt die Stadt M. ihre Handfeste nach Kulmer Recht. Die ursprgl. Pfarrkirche St. Johannis, unmittelbar neben der Burg gelegen, stammt aus der Gründungszeit, sie wurde nach ihrer Zerstörung im Krieg 1457-60 durch einen Neubau ersetzt. Die Stadt hatte zwei lange Parallelstraßen mit einem breiten Markt in Stadtmitte, an dessen Seite das Rathaus stand. Die Handwerker der Stadt lebten von den gehobenen Ansprüchen der Res. und der dort lebenden Ordensritter. Der Orden erhob einen Hofstättenzins und Anteile von Erträgen der Fleisch-, Brot-, Schuh- und Krambänke und der Badestube.Auch das Herbergswesen entwickelte sich im 14./15. Jh. vor den Toren der landesherrl. Res. Das Stadtsiegel zeigte zur Zeit der Ordensres. eine Stadtmauer mit Tor und drei Türmen, an deren mittlerem ein Ordensschild hing.
Die Aufsichtsrechte der Landesherrschaft übte zunächst der Komtur von M., nach 1309 der Hochmeister bzw. in seiner Vertetung der M.er Hauskomtur aus. Die Stadt M. hat stets polit. die Partei ihrer Landesherrschaft, des → Deutschen Ordens, gehalten. Das galt auch nach Gründung des Preußischen Bundes und Ausbruch des Dreizehnjährigen Krieges. Nachdem die Bündischen die Stadt 1457 kurzfristig besetzt hatten, konnte der Orden die Stadt bald wieder zurück erobern, nicht jedoch die Burg. Dem Kg. von Polen und den Danzigern gelang es danach erst 1460 nach einer drei Jahre langen Belagerungdie Stadt endgültig zu erobern.
III.
Die M. bestand während ihrer Zeit als Res. der Ordensleitung aus dem Hochschloß, daran schloß sich nördl. das Mittelschloß mit dem Hochmeisterpalast an, nördl. davor lag das Gelände der Vorburg mit zahlr. Gebäuden. Alle genannten drei Hauptteile waren untereinander und gemeinsam von Mauer und Wassergraben umgeben.
In der Forschung sind zwar entspr. der über ein Jh. gehenden Baugeschichte für einzelne Bauabschnitte bes. Baumeister angenommen worden, die sich jedoch nicht mit einem bestimmten Namen haben belegen lassen. Ledigl. für die Zeit um 1400 wurde Nikolaus von Fellenstein als Architekt namhaft gemacht, wobei jedoch nicht eindeutig ist, für welche Teile der M. er verantwortl. gewesen sein könnte. Für die Innenausstattung des Hochmeisterpalastes hat sich der Maler Peter in den Quellen gefunden.
Die Baugeschichtsforschung ist hinsichtl. genauer Datierungen zahlr. Bauteile immer wieder zu abweichenden Ansichten gelangt, so daß hier nur ein grober Abriß geben wird, da Einzelheiten nicht angeführt werden können. Vorläufer der M. war die Burg Zantir, der Sitz des Prußenbf.s Christian, beim Abzweig der Nogat von der Stromweichsel. Dort saß ein Komtur mit Konvent, deren Gebiet auf der Ostseite der Weichsel von der Nordgrenze des Hochstifts → Pomesanien bis an die Ostsee reichte und im O durch Stadt und Komturei → Elbing begrenzt wurde. Nachdem die westl.Prußenstämme nach ihrer zweiten Erhebung wieder unterworfen waren, begann der Burgbau in den 1270er Jahren neben dem etwa 15 km flußabwärts liegenden Handels- und Wallfahrtsort M. Es entstand zunächst das rechte Haus als ein »Konventshaus unter vielen«, wobei N-, W- und Südflügel unterschiedl. hoch geführt wurden, während ein Ostflügel zunächst unterblieb. Nordöstl. vorgelagert entstand ein Vorburggelände für die wirtschaftl. Versorgung. Als die Ordensleitung 1309 ihren Sitz nach Preußen in die M. verlegte, änderten sich die Ansprüche an die bisherige Konventsburg erheblich. Bis etwa 1340wurde der Konventshausbau als Vierflügelanlage fertiggestellt, wobei der Nordflügel zur Landseite hin aus dem quadrat. Grdr. hinausgeschoben wurde, um die dort befindl. Burgkirche St. Marien herausragend ausbauen zu können - mit der bekannten mächtigen Marienfigur außen im Chorhaupt. Südl. davor entstand als Dreiflügelanlage, die gegenüber dem Konventshaus geöffnet blieb, das Mittelschloß. Dieses nahm etwa bis zur Mitte des 14. Jh.s im Ostflügel die Gastkammern, im Nordflügel die Räume des Großkomturs und der Firmarie sowie im Westflügel, also zur Nogat hin, den Großen Remter und einen erstenHochmeisterpalast auf. In zeitl. und künstl. Hinsicht wurde schließl. in den Jahren 1382-99, also unter den Hochmeistern Konrad Zöllner von Rotenstein, Konrad von Wallenrode und Konrad von Jungingen, als krönender Abschluß der neue Hochmeisterpalast anstelle seines Vorgängers errichtet. Nördl. vor dem Mittelschloß wurde die Vorburg mit so bekannten Einrichtungen wie dem Karwan, dem Gießhaus oder der Dienerkapalle St. Lorenz (1358) neu angelegt. Die Umfassungsmauern der gesamten Burg sind in der Zeit von um 1300-1449 wiederholt erneuert und vermehrt worden.
Bei einer so großen Burganlage wie der M. können hier nur die wichtigsten Bauteile mit ihrer Ausstattung aufgezählt werden. Der Glockenturm als Hauptturm befindet sich im Ostflügel des Hochschlosses neben dem Nordflügel mit der Burggkirche. Der Turm wird heute wieder von einem Zinnenkranz bekrönt, nachdem die Steinbrechtsche Rekonstruktion eines Satteldachs Opfer des Zweiten Weltkriegs geworden ist. Im Innenhof des Hochschlosses befindet sich ein zweigeschossiger, teils dreigeschossiger Kreuzgang. Im Nordflügel befindet sich im Kellergeschoß unter der Burgkirche die St. Annen-Kapelleals Hochmeistergrablege. Heute sind von den ursprgl. elf Hochmeistergräbern nur noch die von Dietrich von Altenburg, Heinrich Dusemer und Heinrich von Plauen erhalten. Im Hauptgeschoß führt die »Goldene Pforte« von innen in die Kirche; sie stammt noch aus der Zeit der älteren Kapelle vom Ende des 13. Jh.s. Außer der Burgkirche enthält dieses Geschoß den Kapitelsaal. Die verschiedenen Geschosse des Ostflügels dienten nicht nachweisbaren Zwecken, vermutl. als Wirtschaftsräume, viell. auch als Dormitorium des Konvents. Auch im Südflügel werden Schlafräume vermutet. Ein achtjochigerzweischiffiger Raum diente als Remter (Refektorium) des Konvents. Der Westflügel enthielt im Erdgeschoß die Küche und den mutmaßl. ersten Remter. Das Hauptgeschoß mit verhältnismäßig vielen kleineren Räumen beherbergte die Schatzkammer, viell. die ersten Wohnungen von Hochmeister und Treßler. Alle Obergeschosse, umgeben von Wehrgängen, dienten als Speicherraum. Der Dansker als wehrhafte Abortanlage steht vor der Südwestecke des Hochschlosses. - Das Mittelschloß wurde 1320-50 teilw. auf Fundamenten der früheren Vorburg errichtet, wobei die älteren Funktionen umstritten sind. Der Ostflügel wurdezweigeschossig für die Unterbringung der zahlr. Gäste genutzt, die aber im Falle der jährl. Generalkapitel, wenn die Vertreter der anderen Konvente ins Haupthaus des Ordens kamen, oder der Litauerreisen, wenn eine größere Anzahl westeurop. Ritter erschienen, nicht ausgereicht haben dürften, so daß sowohl innerhalb der Burg als auch in der Stadt andere Herbergen zu suchen waren. Das Erdgeschoß des Ostflügels enthielt die Bartholomäuskapelle. Im Nordflügel befindet sich die Toreinfahrt als Durchgang zur Vorburg. Im Westteil des Nordflügels war vermutl. die Firmarie mit ihren verschiedenen Räumenuntergebracht, im Ostteil die Amts- und Wohnräume des Großkomturs. Der Westflügel bestand aus zwei Kellergeschossen, ehe darüber der Große Remter errichtet wurde. Die Decke dieses 30 × 15 × 9 m großen Raums wird von drei Pfeilern gestützt. Dieser Burgteil ist wohl wg. seiner Nachbarschaft zur Nogat durch Senkungserscheinungen im Bestand gefährdet. Am Ende des Westflügels gegen das Hochschloß wurde seit 1382 der endgültige Hochmeisterpalast als querstehendes Gebäude gebaut. Die unteren Geschosse wurden als Amts- und Wohnräume desKanzlei- und Finanzverwaltungspersonals gedeutet. Viell. war hier im Erdgeschoß eine Gebietigerratsstube. Im Hauptgeschoß waren die Amts- und Wohnräume des Hochmeisters. Berühmt sind die jeweils von einer Säule getragenen Sommer- und Winterremter. Der Meister hatte eine eigene Kapelle (St. Katharinen). Von den Gebäuden der Vorburg ist nur ein Teil erhalten und wieder aufgebaut worden. Außer für rein wirtschaftl. Zwecke waren für Fahrzeuge, Waffen, Reittiere, Glocken- und Geschützgießen und anderes mehr Einrichtungen geschaffen worden. Hier befanden sich weitere Versorgungseinrichtungen,soweit sie nicht bereits im Hochschloß untergebracht waren, das Hauptwohnraum des M.er Konvents geblieben ist.
Eigenwirtschaften, die Ackerbau und Viehzucht einschließl. der Arbeit mit den Pferden betrieben, gab es außerhalb der Burg in der Komturei. Diese hatte das Haupthaus zu versorgen. Sie besaß mit der Weichselmündungsniederung das fruchtbarste Gebiet des Landes und erzielte höhere Einnahmen als die anderen großen Komtureien des Landes. - Es waren zum Schutz der gesamten Burg insgesamt vier Umfassungsmauern in rund 150 Jahren einander ergänzend errichtet worden. Die letzte stammt aus der Zeit des Hochmeisters Konrad von Erlichshausen (1441-49). Bereits 1325 wurde die Stadt mit ihrer Ummauerungin dieses System mit einbezogen.
Als Herrschaftsarchitektur ist die M. als Ganzes anzusehen. Die Ausstattung zahlr. bewohnter Burgteile mit Heizungen zeigen das für das innere Leben der Burg. Innerhalb dieses Baukörpers war es der späte Hochmeisterpalast, der sowohl in seiner aufwendigen äußeren Gestaltung als auch in seiner inwendigen Ausstattung mit seinen Repräsentationsräumen Ausdruck der Macht der preuß. Deutschordensherrschaft zur Zeit seiner Blüte Ende des 14. Jh.s war. Hier hatten der Hochmeister und der Treßler als Verwalter seiner Kasse die ihrer Bedeutung angemessenen Räume gefunden, wobei der Treßler zugl.die Kasse des M.er Konvents betreute.
Quellen
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Literatur
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