Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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MAINZ C.2.

I.

Mogontiacum, röm. Lager gegr. Ende des 1. Jh.s vor Chr., Name enthält kelt. Wurzel: Gottheit Mogon (= röm. Apollo). Seit dem 6. Jh. Mogontia, Maguntia. Der dt. Name entwickelte sich aus Maginza (9./10. Jh.) über Megunze (12. Jh.), Megenze, Meintze (1320) zu Meintz, Mentz, Mainz.

Stadt an der Mündung des Mains in den Rhein. Hauptstadt des Erzstifts und Kfsm.s M., dann 1797 des Departements Mont-Tonnerre, 1811 zur bonne ville de l'empire ernannt, 1816 dem Großhzm. Hessen-Darmstadt zugeschlagen, Hauptstadt der Prov. Rheinhessen, Kreisstadt, dann 1938 kreisfreie Stadt. 1945 Abtrennung der rechtsrhein. Vororte, seit 1950 Hauptstadt des Bundeslandes Rheinland-Pfalz.

Bf.e von M. sind seit dem 4. Jh. nachweisbar, i. J. 782 Erhebung zum Ebm. Die Stadtherrschaft liegt seit dem späten 9. Jh. bei den Ebf.en. Das Streben der Bürger zur freien Stadt (Privilegien von 1119 und 1244) wird 1462 mit der Einnahme der Stadt durch Ebf. Adolf II. von Nassau im Verlauf der M.er Stiftsfehde zunichte gemacht. Hauptres. der Ebf.e 1462-1797. - D, Rheinland-Pfalz, Reg.Bez. Rheinhessen-Pfalz, kreisfr. Stadt M.

II.

Die Kontinuität von der röm. civitas zur fränk. Stadt an dieser wichtigen Kreuzung der Handelswege von der Champagne nach O und dem Rheinlauf von S nach NW wurde gewahrt. Trotz des von → Ludwig dem Bayern gewährten Stapelrechts ist M. in seiner wirtschaftl. Bedeutung spätestens im 15. Jh. hinter die Reichs- und Messestadt Frankfurt zurückgefallen und spielte nur noch im Weinhandel eine gewisse Rolle, bis sich mit der Versorgung des Hofes und auch der Garnison neue Perspektiven eröffneten. Der Verlust der städt. Freiheit,gepaart mit der Vertreibung der städt. Oberschicht 1462, öffnete den Weg zu einer geistl. Residenzstadt, die zusätzl. noch durch die 1477 gegründete Universität und die seit dem 17. Jh. immer stärker hervortretende Funktion als wichtigste linksrhein. Festung des Reiches gekennzeichnet war. Charakterist. für eine geistl. Res. waren die Besitzverhältnisse innerhalb des Mauerrings auf der ca 110 ha großen Stadtfläche. Um die Mitte des 17. Jh. befanden sich 42,9% der bebauten Fläche im Besitz des Klerus, 14,7% in dem des Kfs.en und des Adels, die restl. 42,4% gehörten den Bürgern. Der Anteildes Adels betrug etwa 1,5% und der des Klerus etwa 3,5% an der Gesamtbevölkerung, was impliziert, daß 5% der Bevölkerung ungefähr 57% des städt. bebauten Areals besaßen, während sich die restl. 95% mit 43% dieser Fläche begnügen mußten, auf der allerdings 80% der vorhandenen Häuser standen. Der weitere Ausbau der Res. spiegelt sich darin, daß bis zum Ende der kfsl. Zeit eine Verschiebung zugunsten des Adels und des Landesherrn (22% der bebauten Fläche) zu Lasten des Klerus (35%) stattfand, während der Anteil der Bürger an der bebauten Stadtfläche trotz beträchtl. Bevölkerungswachstums (1694 ca15 000, 1786 ca. 28 000 Einw. ohne Garnison) unv. blieb.

III.

Ebf. Willigis hat zur Betonung seiner Stellung als Primas Germaniae 978 mit dem Bau einer neuen Kathedrale begonnen, wobei er auf die Pläne von Alt-St. Peter in Rom zurückgriff. Nordwestl. davon wurde eine - wohl befestigte - Pfalz als Hofhaltung errichtet, deren Lage auf dem Stadtplan von 1575 noch gut zu erkennen ist. Diese Pfalz verlor ihre Bedeutung als Wohnsitz und zentrale Hofhaltung (heute noch Bezeichnung als »Höfchen«) des Ebf.s allerdings durch die Erteilung der Privilegien von 1119 und 1244 an die Bürger der Stadt M. DieZusage Ebf. Siegfrieds III. von Eppstein von 1244, daß er und seine Nachfolger nur mit soviel Gefolge in die Stadt einreiten dürften, wie es dem M.er Stadtrat genehm sei, wurde bis 1462 immer wieder bestätigt. Nach Plünderung und Niederbrennung der erzbfl. Pfalz kurz vor 1275, die Hofhaltung war wohl schon bald nach 1244 aufgelöst worden, hielten sich die Ebf.e trotz eines Wiederaufbaus bis zur Rückgewinnung der Stadtherrschaft 1462 nur selten in M. auf (→ Eltville, → Aschaffenburg, das noch bis zum Beginn des 17. Jh. eine wichtige Rolle als Zweitres. inne hatte). Alskfsl. Res. und gleichzeitig Zwingburg wurde die Martinsburg (Wasserburg am nordöstl. Stadtrand) 1478-81 erbaut, 1552 zerstört, von Ebf. Daniel Brendel von Homburg (1555-82) wiederaufgebaut; der westl. Teil beim Bau des kfsl. Schlosses nach 1627, der Rest 1807 abgebrochen. Das kfsl. Schloß wurde von Ebf. Richard von Greiffenklau mit dem Südflügel 1627 begonnen, nach zahlr. Unterbrechungen mit dem Nordflügel von Ebf. Johann Friedrich Karl von Ostein 1750-52 vollendet. 1792/93 wurde es geplündert und beschädigt, nach Verwendung als Lazarett, Kaserne und Zoll-Lagerhaus befand es sichseit 1827 im Besitz der Stadt, die das Gebäude ab 1845 als Stadtbibliothek, Gemäldegalerie und Museum nutzte. 1942 ausgebrannt, bis 1961 unter starker Veränderung der Innenräume wiederhergestellt, dient es heute als Römisch-Germanisches. Zentralmuseum und als Kongress-Zentrum. Benachbart befanden sich das Kanzleigebäude (1555-58), in dem auch das Reichserzkanzlerarchiv verwahrt wurde, und die Schloßkirche St. Gangolf, erbaut von Joris Robyn 1570-81, um 1826 niedergelegt. Dem Schloß zugeordnet waren neben dem Schloßgarten der Marstall/Golden-Roß Kaserne (1765-67, heute Landesmuseum), dasWaschhaus und der kfsl. Bauhof. Das Lustschloß »Favorite« wurde durch Ebf. Lothar Franz von Schönborn 1705-20 im S der Stadt errichtet, umfaßte sechs Pavillons, Orangerie, Wasserspiele und Park im frz. Stil; im Zuge der Belagerung 1793 zerstört und später in einen engl. Garten umgewandelt. In der Stadt wurden neben den repräsentativen Gebäuden der zahlr. Stifte und Kl., der Domherrenhäuser und der Kommenden des → Johanniter- und des → Deutschen Ordens seit der Mitte des 17. Jh. die großen Adelspalais der im Domkapitel, den Stiften, den weltl. und milit. Führungspositionen am Hofund in der Verwaltung des Erzstifts tätigen Familien erbaut. Zu erwähnen sind ferner das alte (1601) und das neue Zeughaus (1738-40, geplant von Maximilian von Welsch, der auch den Ausbau der Festungsanlagen durchgeführt hat, heute Staatskanzlei), sowie das 1722 errichtete St. Rochus-Spital. Die barocken Befestigungsanlagen wurden weiterhin verstärkt und erst zu Beginn des 20. Jh. offen gelassen.

Der M.er Dom diente als Grablege der Ebf.e; von den 46 von 1200 bis 1802 amtierenden Inhabern der Sancta Sedes Moguntina wurden 32 in ihrer Kathedralkirche bestattet. Sämtl. Zentralbehörden und Gerichte des Erzstifts und der Erzdiöz., die mit bis zu 15 Suffraganen die größte Kirchenprovinz diesseits der Alpen bildete, waren in M. angesiedelt.

Quellen

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Brück, Anton Philipp: Mainz vom Verlust der Stadtfreiheit bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges (1462-1648), Düsseldorf 1972 (Geschichte der Stadt Mainz, 5). - Christ 1993. - Falck, Ludwig: Mainz in seiner Blütezeit als freie Stadt 1244 bis 1328, Düsseldorf 1972 (Geschichte der Stadt Mainz, 3). - Falck, Ludwig: Das spätmittelalterliche Mainz - Erzbischofsmetropole und freie Bürgerstadt, in: BDLG 112 (1976) S. 106-122. -Falck 1993. - Handbuch der Mainzer Kirchengeschichte, 1, 2000. - Mainz. Die Geschichte der Stadt, hg. von Franz Dumont, 2. Aufl., Mainz 1999. - Rödel, Walter G.: Mainz und seine Bevölkerung im 17. und 18. Jahrhundert. Demographische Entwicklung, Lebensverhältnisse und soziale Strukturen in einer geistlichen Residenzstadt, Stuttgart 1985 (Geschichtliche Landeskunde, 28). - Rödel, Walter G.: Im Schatten des Hofes - die Bevölkerung der frühneuzeitlichen Residenzstadt, in: Aspektehauptstädtischer Zentralität, 1992, S. 83-111. - Rödel, Walter G.: Mainz als kurfürstliche Residenzstadt im 16. und 17. Jahrhundert, in: Kurmainz, das Reichserzkanzleramt und das Reich am Ende des Mittelalters und im 16. und 17. Jahrhundert, hg. von Peter Claus Hartmann, Stuttgart 1998 (Geschichtliche Landeskunde, 47), S. 223-237. - Rödel, Walter G.: Die Bevölkerung der Residenz- und Festungsstadt Mainz im 17. und 18. Jahrhundert, in: Landesgeschichte und historische Demographie, hg. von MichaelMatheus und Walter G. Rödel, Stuttgart 2000 (Geschichtliche Landeskunde, 50), S. 9-15. - Rödel, Walter G.: Überlegungen zur Residenzunktion der Stadt Mainz, in: Mainzer Zeitschrift 96/97 (2002) S. 115-123. - Schrohe, Heinrich: Die Stadt Mainz unter kurfürstlicher Verwaltung (1462-1792), Mainz 1920 (Beitr. zur Geschichte der Stadt Mainz, 5).