LUXEMBURG C.7. (Luxembourg)
I.
- 963/87 Lucilinburhuc; 987 Lucilenburcum; 1115 Lucelemburch; 1128 Lutzelnbuorch; 1238 Lucemborc - 963/87 Höhenburg im Methingau am Fluß Alzette gelegen; 987 Kollegiatstift; 1083 Benediktinerkl. mit dynast. Grablege (bis 1136); 1166 civis; 1175 burgenses; 1225 burgus/opidum; 1238civitas/villa. - L. war seit dem letzten Drittel des 11. Jh.s Mittelpunkt der gleichnamigen Gft., ab 1354 Hzm. 1340 Bezeichnung L. als ›Haupt‹stadt. - Seit Konrad I. (ca.1059-86) nannten sich die Nachfolger Gf. Sigfrids aus dem Ardennen-Moselraum nach der um 963 auf einem Felssporn in einem nach O ausholenden Flußmeander der Alzette gebauten Burg. Bezeichnungen nach zweitrangigen Burgen fielen in der ersten Hälfte des 12. Jh.s aus; im Lauf des 13. Jh.s überflügelte L. dank landesherrl. Ausstattung des Ortes mit zentralörtl. Funktionen andere Res.en wie die Abteistadt→ Echternach, die alte Königspfalz Diedenhofen oder die ehemaligen Grafschaftszentren Laroche, Durbuy, Arlon, wo der Landesherr sich nur noch selten aufhielt. Die Reiseherrschaft blieb auch im 14. Jh. übl., ein permanentes Hofleben und eine dauerhafte Kanzlei waren unterentwickelt. Die Königswahl → Heinrichs VII. und die Übertragung des Kgr.s → Böhmen an dessen Sohn Johann verhinderten den Ausbau der Burgstadt L. zu einer regelrechten Residenzstadt, nicht aber zur Landeshauptstadt. Im Itinerar Johanns war L. der am zweithäufigsten besuchte Ort. → KarlIV. ließ seinen Vater Johann den Blinden wieder in der dortigen Altmünsterabtei bestatten, ohne aber eine dauerhafte Tradition begründen zu können. Nach dem Aussterben der L.er (1437) und dem Übergang des Hzm.s an die Burgunder (1443) und Habsburger (1480) wurde die Burg zur Res. eines Statthalters bzw. dessen Stellvertreters, die nur noch kurzzeitig vom Generalgouverneur der Niederlande bzw. vom Kg. selbst mit ihrem Gefolge aufgesucht wurde. - L, Hauptstadt des gleichnamigen Großhzm.s.
II.
L. liegt an der Stelle, wo die alte Römerstraße Reims-Trier eine vorröm. N-S-Verbindung kreuzt und an der engsten Talstelle die Alzette überquert. Während im Tal eine frühma. Besiedlung nachzuweisen ist, entwickelte sich die vorstädt. Burgsiedlung auf dem Sandstein-Plateau westl. der Burg erst im 12. Jh. über die erste Umwallung hinaus zu einer Stadt. Ein 1166 belegtes novum forum läßt vermuten, daß der Altmarkt bei der Stiftskirche in der Vorburg, in unmittelbarer Nähe zur erwähnten Straßenkreuzung, schon seit dem 10. Jh. funktionierte.Die ursprgl. Trennung zw. Handwerkerviertel in der Unterstadt und Burgmannen- und Händlersiedlung in der Oberstadt - letztere in der zweiten Hälfte des 12. Jh.s um eine Neustadt mit Nikolauskirche erweitert und mit einer Stadtmauer versehen - verwischte sich allmähl., ohne daß die soziale Differenzierung ganz verschwand. Die unter Gf. Heinrich IV. (1136-96) wahrscheinl. mündl. der Neustadt gewährten Freiheitsrechte wurden 1244 von Gf.in Ermesinde (1196-1246) auf die gesamte Stadt ausgedehnt und schriftl. festgehalten. Ein gewählter Richter und sieben vom Stadtherrn ernannte Schöffen übten seitdem frühen 13. Jh. neben gerichtl. auch administrativ-polit. und zunehmend repräsentative Aufgaben aus. Die Autonomie der Stadtverwaltung, gefördert durch die immer häufigeren und längeren Abwesenheiten des Stadt- und Landesherrn, führte zur Kooptation der Schöffen und zum Erwerb der Hochgerichtsbarkeit (1411), aber nie zu einer Ratsverfassung. Die burgund. Eroberung (1443) setzte der städt. Autonomie ein jähes Ende. Bis 1480 konnte die Stadt ihre Freiheiten mit Ausnahme der Hochgerichtsbarkeit nach und nach zurückgewinnen. In milit. Belangen konnte der (burgund.-habsburg.) Burghauptmann seineMitwirkung bei der Stadtverteidigung durchsetzen.
Die unter Gf. Johann dem Blinden geplante (sog. dritte) Ringmauer erweiterte das Stadtareal auf 22,74 ha, das aber bis ins 18. Jh. nicht vollständig verbaut war. Der im 15. Jh. einsetzende, nach 1544 systemat. betriebene Bau von Bastionen und Bollwerken schnürte schließl. die Stadt in ein Festungskorsett (»Gibraltar des Nordens«), das sie erst nach der im Londoner Vertrag von 1867 beschlossenen Schleifung zu sprengen vermochte.
Gelegentl. Fürstenbesuche, Turniere und Bälle führten der Stadtbevölkerung nur selten den Glanz einer Res. vor Augen. Für die Entwicklung und das Leben in der Hauptstadt wichtiger waren das seit dem 13. Jh. belegte Rittergericht (bis 1271 getrennt für L. und Arlon), das aber bis ins 14. Jh. hinein noch keinen festen Tagungsort hatte, sowie das Hofgericht, später Conseil provincial, und die Ständeversammlung, die seit 1444 in der Regel im konfiszierten Rathaus von L. tagten, bis zumindest das Hofgericht kurz nach 1477 ein eigenes Gebäude am alten Markt erhielt. An dendrei Institutionen fanden rechtsgelehrte Bürgersöhne neue Aufstiegsmöglichkeiten.
III.
Archäolog. Untersuchungen, die Analyse der Quellenterminologie und der histor. Kontext lassen einen ummauerten Burgkomplex mit domus/palas vermuten, der um 963 an der Stelle eines spätröm. Kastells entstand. Eine größere Umgestaltung der Anlage erfolgte wahrscheinl. um die Mitte des 13. Jh.s. Doppelstöckige Kapelle und Aula waren so klein, daß die Vollversammlung der curia des Gf.en sich im Franziskanerkl. traf. Die Burg überdauerte sowohl die burgund. Eroberung von 1443 als auch die Kriege von 1542-44. DieAuswertung der Rechnungsbücher aus burgund. und habsburg. Zeit in Bezug auf architekton. Angaben steht noch aus. Der Bericht eines engl. Gesandten, der 1553 → Karl V. in L. besuchte, erwähnt flandr. Gobelins im großen Saal des Schlosses. Aus milit. Gründen wurde die Burg um 1554 im Rahmen des Ausbaus der Festung L. abgerissen. Bildl. Darstellungen sind unbekannt.
Statthalter Peter-Ernst von Mansfeld (1545-1604) ließ ab 1563 in der Unterstadt Clausen, unterhalb der ehemaligen Burg, am begradigten Alzette-Ufer aus privaten Mitteln ein Renaissanceschloß namens La Fontaine bauen, das ihm fortan als Res. diente und in dem er auch illustre Gäste wie die Generalstatthalter der Niederlande beherbergte. Eine Auswertung des architekton. und bildhauer. Programms dieser imposanten Anlage, deren Architekt noch unbekannt ist, hat erst vor kurzem begonnen. Zur Schloßanlage gehörten neben Haupt- und Dienstgebäuden ein Badehaus,ein großer Park, ein Lapidarium, ein Wildgehege; in der Galerie hingen 15 Schlachtengemälde und 128 Porträts und standen Bronzebüsten röm. Ks. Nach Mansfelds Tod ließ Kg. Philipp III. sämtl. Kunstschätze nach Spanien schaffen; das Baumaterial aus dem Prachtbau wurde öffentl. versteigert. Die Grabkapelle des Fs.en, die er 1586 bei den Franziskanern in der Oberstadt gestiftet hatte, galt schon 1638 als baufällig. 1648 wurde aber sein Nachfolger Johann Beck ebendort begr.
1564 begann Mansfeld mit dem Ankauf eines Hauses in der nordöstl. Ecke der Oberstadt, um einen Amtssitz des Gouverneurs einzurichten, in dem 1599 auch die Ehzg.e Albert und Isabella abstiegen. Die Infantin beschreibt das Gebäude als altertüml. und wenig wohnl., aber mit schönen Sälen und Kuriositäten aller Art (Wandteppiche schöner als in → Brüssel). Unter Mansfelds Nachfolger Florent Gf. Berlaymont (1604-26) wurden Nachbarhäuser in den Um- und Ausbau einbezogen. Das Gebäude beherbergt heute den Gerichtspalast.
Quellen
Cartulaire ou recueil des documents politiques et administratifs de la ville de Luxembourg. De 1244 à 1795, hg. von Franois-Xavier Würth-Paquet und Nicolas VanVerweke, Luxemburg 1881 (Publications de la Section historique de l'Institut grand-ducal, 35/1).
Literatur
Lascombes, François: Chronik der Stadt Luxemburg 963-1443, Luxemburg 1968; 1444-1684, 1976. - Leben im Mittelalter: Luxemburg, Metz und Trier. Studien zur mittelalterlichen Stadtgeschichte und Archäologie, Luxemburg 1998 (Publications scientifiques du Musée d'Histoire de la Ville de Luxembourg, 2), S. 7-31. - Margue, Michel: Rayonnement urbain et initiative comtale: l'exemple des chefs-lieux du comté de Luxembourg, in: Villes et campagnes au moyen âge. Mélanges Georges Despy, hg. von Jean-MarieDuvosquel und Alain Dierkens, Lüttich 1991, S. 429-464. - Margue, Michel/ Pauly, Michel: Vom Altmarkt zur Schobermesse. Stadtgeschichtliche Voraussetzungen einer Jahrmarkt- gründung, in: Schueberfouer 1340-1990. Untersuchungen zu Markt, Gewerbe und Stadt in Mittelalter und Neuzeit, hg. von Michel Pauly, Luxemburg 1990 (Publications du CLUDEM, 1), S. 9-40. - Pauly, Michel: Die luxemburgischen Städte in zentralörtlicherPerspektive, in: Les petites villes lotharingiennes. Actes des 6es Journées Lotharingiennes, 25-27 octobre 1990, Luxembourg, Luxemburg 1992 (Publications de la Section Historique de l'Institut Grand-Ducal de Luxembourg, 108; Publications du CLUDEM, 4), S. 117-162. - Pauly, Michel: Luxemburg im späten Mittelalter, Bd. 1: Verfassung und politische Führungsschicht der Stadt Luxemburg im 13.-15. Jahrhundert, Luxemburg 1992 (Publications de la Section Historique de l'Institut Grand-Ducal de Luxembourg, 107; Publications du CLUDEM, 3). -Pauly, Michel: Nostre ville de Lucembourc qui en est chief. L'émergence de la fonction de capitale à l'exemple de Luxembourg, in: Mondes de l'Ouest et villes du monde. Regards sur les sociétés médiévales. Mélanges en l'honneur d'André Chédeville, Rennes 1998, S. 539-550. - An der Schwelle zur Neuzeit? Luxemburg im Europa des ausgehenden 16. Jahrhunderts (Ausstellungskatalog), Luxemburg 1997 (Catalogues du Musée d'Histoire de la Ville de Luxembourg, 2). - La Ville de Luxembourg. Du château des comtes à la métropoleeuropéenne, hg. von Gilbert Trausch, Antwerpen 1994. - Zimmer, John: Die Burgen des Luxemburger Landes, Bd. 1: Die archäologisch und bauhistorisch untersuchten Burgen von Befort, Bourscheid, Fels, Luxemburg und Vianden, Luxemburg 1996.