LÜTTICH C.3. (Liège)
I.
Leodio, Leodius, Leodeo (ca. 718, Kop. 8. Jh.); Leodico (768-94); Lethgia (kurz vor 980, Kop. 12. Jh.) - Marktflecken (befestigter Ort) und Stadt - »Hauptstadt« eines Fbm.s des Reichs und einer der Erzdiöz. → Köln unterstehenden Diöz. - wichtigste der zwölf Res.en (L., Huy, Dinant, Tongern, Fosses, Couvin, Thuin, Halloy, Moha, Seraing, Franchimont und die Abtei Aulne), denen traditionell eine Nutzung durch den Fbf. von L. zugeschrieben wird, allerdings mit Unterbrechungen und inAbhängigkeit von seiner Reisetätigkeit - bfl. Res. von ca. 800 bis in unsere Zeit. - B, Prov. L.
II.
Die Anfänge L.s lagen am Zusammenfluß der Maas und eines reißenden Wildbaches, der Légia; die Stadt entstand offenbar an der Stelle einer zerstörten (zweite Hälfte des 3. Jh.s) röm. villa (mansio?, mutatio?). Etwa um 800, nachdem der Bf. von Tongern und Maastricht, der hl. Hubert († 727), die Reliquien seines spätestens am 17. Sept. 705 in seinem vicus leudicus ermordeten Vorgängers, des hl. Lambert, in die Stadt überführt hatte, wurde L. nach Tongern (bis zum 6. Jh.)und Maastricht (6.-8. Jh.) zur cathedra, zum Sitz des Bm.s, zum Zentrum der Verwaltung und zur wichtigsten bfl. Res. (civitas). Im Jahr 881 wurde L. von den Ungarn zer- stört, im Verlauf des 10. Jh.s aber unter dem Bf. Notger (972-1008) wiederaufgebaut, dessen Amtszeit von einer regen Bautätigkeit geprägt war.
Innerhalb des sich ausdehnenden Systems der Reichskirche, das in L. bis Ende des 12. Jh.s Bestand hatte, erwarb der Prälat von L. von 950 an Güter und Rechte in L., Tongern, Maastricht, Huy, Namur und Dinant, ländl. Domänen und Abteien (Saint-Hubert, Lobbes) sowie vom Ende des 10. bis zum Anfang des 11. Jh.s eine größere Zahl zusammenhängender Gft.en (bes. zu erwähnen ist Huy i. J. 985); die letzte, Looz, wurde dem Fbm. i. J. 1366 eingegliedert. Durch diese Erwerbungen wurde der Prälat de facto zu einem Territorialherren (13. Jh.), schließl. zum Haupt eines im Werden begriffenenmodernen (erstes Drittel des 14. Jh.s), dabei stets monokrat. verfaßten Staatswesens.
Die ma. Geschichte L.s ist bestimmt vom prakt. ununterbrochenen Kampf zw. dem Fbf. und den Städten seiner Territorien wie auch vom Kampf zw. den Städten untereinander. Die Großen, die »Patrizier«, zu Reichtum gelangt durch Industrie und Handel (Stoffe, Wein, Silber, Kohle), regieren die Stadt bis 1312; in diesem Jahr wurden sie gezwungen, die Macht mit den »Kleinen« zu teilen, die sich in Zünften zusammengeschlossen hatten, aber die Großen bewahrten das gesamte MA hindurch einen bestimmenden Einfluß. Die regelmäßig auftretenden Streitigkeiten zw. dem Fs.en und der Stadt, die ingewissen Situationen eine für die Stadt vorteilhafte Wendung nahmen - so z. B. im Fall der Ende des 12. Jh.s von Albert II. von Cuyk (1194-1200) bewilligten charte de franchises oder des i. J. 1316 von Bf. Adolf von der Marck (1313-44) zugestandenen Friedens von Fexhe - erlebten ihren Höhepunkt in der Schlacht von Othée (1408); in ihrem Verlauf wurde der überwiegende Teil der Streitkräfte des Fsm.s vom Elekten Johann von Bayern besiegt, der mit dem Hzg. von → Burgund verbündet war, welcher i. J. 1468 L. plünderte und die Stadt zu zwei Dritteln zerstörte.Seit 1477 befreite sich L. allmähl. von dem fast hundertjährigen burgund. Protektorat und erblühte zu neuer Bedeutung, unverändert in ihren sozialen und wirtschaftl. Strukturen, ihrem polit. Gefüge und ihrer städt. Infrastruktur.
III.
Etwas erhöht auf dem linken Ufer der Maas gelegen, war die Wohnstätte des hl. Lambert ein bescheidenes Gebäude mit Mauern aus Kleiberlehm und einem Strohdach; es verfügte über mehrere Räume (Zimmer des Bf.s und Schlafsaal seiner Geistlichen) und einen Säulengang (accubitus) und war geschützt durch eine Umzäunung; an seiner Seite befand sich ein kleines, der Jungfrau Maria geweihtes Oratorium. Diese und das Sanktuarium, das vom hl. Hubert zur Verwahrung der Reliquien des als Märtyrers gestorbenen Bf.s begr. worden war(Errichtung 714), stellen den Ursprung der zweifachen Kathedrale Notre-Dame und Saint-Lambert dar. Dem ir. Poeten Sedulius Scott zufolge wandelte Bf. Hartgar (838/40-ca. 857) das bfl. Haus im Bereich des Alten Marktes in einen mit einem Turm verzierten Bischofspalast um, der mit einem Dach aus verschiedenfarbigen Dachziegeln, mit Glasscheiben und mit vielfältigen Verzierungen (mit Wandbehängen dekorierte und mit Täfelungen geschmückte Mauern, Gewölbe mit Fresken, Türen mit sorgfältig gearbeiteten Türbeschlägen, Türschlössern und Schlüsseln) ausgestattet war. Obwohl der Palast während dernormann. Einfälle von 881 keinen großen Schaden erlitten hatte - es sei denn, er sei schnell repariert oder wiederaufgebaut worden -, verließ die domus episcopalis den Talkessel von L., um sich auf einem Bergrücken anzusiedeln, der mehr Sicherheit versprach, nämlich auf dem Publémont. Bf. Heraclius (959-71) erbaute dort (965) eine Gruppe bfl. Gebäude, die neben dem mit Weinkellern ausgestatteten Bischofspalast noch aus drei Kirchen bestand, u. a. die Kathedrale Saint-Lambert. Unter Bf. Notger entstand eine Stadtmauer und ein Komplex religiöser Gebäude, darunter eineneue, an der Stelle der alten erbaute Kathedrale; an ihrer Seite erbaute er ein palatium, das in das Verteidigungssystem der Stadt integriert war und das folgl. eine bedeutende strateg. Rolle spielte. Außer dem Zimmer des Bf.s befand sich hier wahrscheinl. ein Audienzraum im ersten Geschoß, ein Schlafsaal, Gemeinschaftsräume für das Personal und ein Garten (pomarium). Restauriert und vergrößert durch Heinrich II. von Leez, wurde dieser Palast am 28. April 1185 zusammen mit der Kathedrale ein Raub der Flammen. Bereits im März 1188 war er von Bf.Rudolf von Zähringen größer und prächtiger (magnum et decorum) als je zuvor wiederaufgebaut worden. Er zeigte eine südländ. anmutende Fassade im roman. Stil und umfaßte ein Gebäude mit zwei Schiffen. Von zwei Bauten beherbergte der eine die zur Domäne gehörige Kapelle des Palasts (Sainte-Ursule), in unmittelbarer Nähe die bfl. Kapelle, vier Türme mit rechteckigem Grdr., die einen ersten Hof einrahmten, denen ein zweiter Hof und ein Garten folgten; jenseits lagen zwei Wachtürme, von denen der eine als ein dem Offizial unterstehendes Gefängnis diente. Der andere Bau,an der nordöstl. Ecke des Fürstengartens, war ein feierl. Ort der polit. und gerichtl. Entscheidungen, an dem sich das Volk beim Läuten der Glocke »am Palast« versammelte. Von einem Arm der Légia durchflossen, verfügte der Gebäudekomplex über Pferdeställe, einen Hundezwinger, einen Fischteich, Weinkeller und Kellerräume, in denen getrocknetes Fleisch aufbewahrt wurde, sowie über Getreidespeicher usw. Im Jahr 1343 ließ Bf. Adolf von der Mark einen hohen Wandelgang erbauen, der von der Kathedrale zum Palast führte; an diesen baute Johann von Heinsberg (1419-55) ein got. Portal (1449) undweiträumige Pferdeställe. Verheert 1465 von jungen Leuten, die die Glasfenster mit dem Wappen des Fbf.s zerstörten, geplündert i. J. 1468 und ein weiteres Mal teilw. in Brand gesteckt i. J. 1505, wurde das Gebäude unter Bf. Johann von Horn (1482-1505) aufgegeben.
Der Wiederaufbau erfolgte zw. 1526 und 1536 auf Initiative des Fbf.s Eberhard von der Mark (1505-38) durch Arnold van Mulkim oder Mulcken. Der erhaltene Palast umfaßte zwei Höfe und vereinigte Elemente der frz. und der ital. Renaissance mit einer traditionellen got. Struktur. Mehrere Reparaturen der Bögen sind durch die Bf.e Gerhard von Groesbeek (1564-80) und Ernst von Bayern (1581-1612) durchgeführt worden.
Im MA Festung, wirtschaftl. Zentrum der Domäne, fsl. Res., Hauptstadt eines Fürstenstaates, Sitz eines Bm.s, einer Diöz., eines Lehnsgerichtshofs und eines fsl. Gerichts für Fälle von Majestätsbeleidigung, »Anneau du Palais« gen., nahm der Palast von L. in der Neuzeit verschiedene Institutionen auf (Conseil ordinaire, Chambre des comptes, Conseil privé du prince etc.) und ist bis auf den heutigen Tag die offizielle Res. des Gouverneurs der Provinz L., der Sitz der Provinzialregierung und des Berufungsgerichts von L.
Quellen
Eine Aufführung der einschlägig relevanten Quellen würde jeden Rahmen sprengen, siehe deshalb die entspr. Angaben in der unten genannten Literatur.
Literatur
Collon-Gevaert, Suzanne: Érard de la Marck et le palais des Princes-Évêques à Liège, Lüttich 1975. - Collon-Gevaert, Suzanne: La Renaissance. Le palais d'Érard de la Marck, in: Liège et son Palais, 1980, S. 107-146. - Forgeur, Richard: De la Renaissance à la fin de l'Ancien Régime, in: Liège et son Palais, 1980, S. 147-206. - Genicot, Luc Francis: Un groupe épiscopalmérovingien à Liège? Contribution à l'étude du transfert du siège épiscopal par saint Hubert, in: Bulletin de la Commission royale des Monuments et des Sites 15 (1964) S. 263-283. - Gobert, Théodore: Palais, in: Gobert, Théodore: Liège à travers les âges. Les rues de Liège, Bd. 4, 1. Aufl., Lüttich 1926, S. 390-452. - Kupper 1981. - Kupper, Jean-Louis: Sources écrites: des origines à 1185, in: Les fouilles de la place Saint-Lambert à Liège, hg.von Marcel Otte, Bd. 1, Lüttich 1984 (Études et recherches archéologiques de l'Université de Liège, 18,1), S. 31-34. - Kupper, Jean-Louis: Archéologie et histoire: aux origines de la cité de Liège (VIIIe-XIe siècle), in: La genèse et les premiers siècles des villes médiévales dans les Pays-Bas méridionaux. Un problème archéologique et historique. 14e colloque international, Spa, 6-8 septembre 1988 = Ontstaan en vroegste geschiedenis van demiddeleeuwse steden in de zuidelijke Nederlanden, Brüssel 1990 (Collection histoire. Série in-8°, 83), S. 377-389. - Kupper 1993. - Kupper, Jean-Louis: Notger de Liège. Un évêque lotharingien aux alentours de l'an Mille, in: Lotharingia. Eine europäische Kernlandschaft um das Jahr 1000. Referate eines Kolloquiums vom 24. bis 26. Mai 1994 in Saarbrücken, hg. von Hans-Walter Herrmann und Reinhard Schneider, Saarbrücken 1995 (Veröffentlichungen der Kommission fürSaarländische Landesgeschichte und Volksforschung, 26), S. 143-154. - Kupper, Jean-Louis: Art. »Liège«, in: Dictionnaire encyclopédique du Moyen Âge, hg. von André Vauchez, Bd. 2, Cambridge u. a. 1997, S. 894. - Kupper, Jean-Louis: Liège au VIIIe siècle. Naissance d'une ville sanctuaire, in: L'évangélisation des régions entre Meuse et Moselle et la fondation de l'abbaye d'Echternach (Ve-IXe siècle). Actes des10es Journées Lotharingiennes, 28-30 octobre 1998, Centre Universitaire de Luxembourg, hg. von Michel Polfer, Luxemburg 2000 (Publications de la Section historique de l'Institut grand-ducal de Luxembourg, 117; Publications du CLUDEM, 16), S. 357-364. - Lejeune, Jean: Des temps ro- mans à la Renaissance, in: Liège et son Palais, 1980, S. 53-105. - Marchandisse 1998, S. 463-474. - Stiennon, Jacques: Des temps romains aux temps romans, in:Liège et son Palais, 1980, S. 13-51.