Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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LÖBAU C.3. (Lubawa)

I.

Lobaw, Lubavia u. ä. Stadt im Deutschordensland Preußen (bis 1466), dann in Preußen (poln.-)kgl. Anteils (1466-1772), Hauptort der östl. der Drewenz gelegenen Landschaft L., die 1243-1772 mit dem Kulmer Anteil um Briesen/Fredeck das Stiftsgebiet der Bf.e von Kulm bildete, 1326-ca. 1350 und 1416-1781 Hauptres. - PL, Wojewodschaft Olsztyn.

II.

Die Stadt liegt auf einer leichten Anhöhe in ehem. sumpfiger Landschaft an dem kleinen Fluß Sandela, einem Zufluß der Drewenz. Bereits im 13. Jh. war L. wichtiger Handelsplatz an einer Straße, die von Danzig und → Marienburg nach Plozk führte. Eine Urk. aus dem Jahr 1260 bezeichnet den Markt als forum Lubovie (Urkundenbuch des Bisthums Culm, 1, 1884, Nr. 59). 1269 wurde er - vermutl. bereits mit Stadtrecht - ebenso wie die Burg durch die aufständ. Prußen zerstört. Im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau wies Bf. Hermann vonPrizna (1303-11) der Stadt in einer nicht erhaltenen Handfeste 100 Hufen Land zu. In einer Ergänzung dieser Urk. durch Bf. Otto (1323-49) aus dem Jahr 1326 erhielt die Stadt das Recht zur Einrichtung von Fleisch-, Brot- und Schuhbänken. Zweifelhafte Rechtsfälle sollten die Bürger zur Entscheidung an die bfl. Stadt Kulmsee überweisen. Ottos Nachfolger verlegten ihre Hauptres. für rund 65 Jahre in das nahe Kulmsee gelegene Briesen/Fredeck; erst Bf. Johann Marienau (1416-57) urkundete wieder regelmäßig in L. Die Stadt wurde i. J. 1330 von den Litauern unter Großhzg. Gedemin belagert. Dank der ausder Zeit Hermanns stammenden Befestigung (Mauerreste erhalten) konnte der Angriff aber durch den Einsatz des Kulmer Bischofsvogtes Johann von Trier zurückgeschlagen werden. Auch eine Belagerung L.s durch den poln. Kg. Władislaw Jagiello i. J. 1422 schlug fehl. Aus der Zeit des Bf.s Johann Marienau ist der Wortlaut eines Juramentum homagii et fidelitatis civitatis Lubaw überliefert. Die Stadt schloß sich zwei Wochen nach der Gründung des Preußischen Bundes im März des Jahres 1440 jedoch der Ständeopposition an. Marienau hielt zunächst treu zum → Deutschen Orden,schwenkte aber bei Ausbruch des Dreizehnjährigen Krieges im Febr. 1454 gemeinsam mit seinem Domkapitel um. Er verließ die Stadt und ging nach Thorn. Zw. 1454 und 1459 war L. mehrfach schweren Angriffen von Ordenstruppen ausgesetzt. Nach dem Tod Marienaus i. J. 1457 wählte die ordensfeindl. Partei des Domkapitels den Offizial Bartholomäus Rogseri zum Bf. (1460-67). Er trat jedoch auf die Seite des → Deutschen Ordens über und übergab ihm im Juli 1454 die Stadt L. Durch den Zweiten Thorner Frieden von 1466 gelangte sie mit dem gesamten Kulmer Stift unter die Herrschaft des Kgr.sPolen. Nach den Zerstörungen im sog. Reiterkrieg des Jahres 1520 erlebte L. - in den Schwedenkriegen weitgehend verschont geblieben - durch die kgl. Förderung des Stifts, durch eine lange Friedensperiode und durch humanist. gebildete und kunstsinnige Bf.e eine wirtschaftl. und kulturelle Blütezeit.

III.

An der Stelle einer Holz-Erde-Befestigung ließen Bf. Hermann von Prizna und seine Nachfolger auf einer Anhöhe in unmittelbarer Nachbarschaft zur Stadt eine Vierflügel-Anlage nach dem Vorbild der Deutschordensburgen in Stein errichten. Zu Beginn des 15. Jh.s wurde sie durch den Bau des Westflügels unter Bf. Arnold Stapil (1401-16) vollendet. Nach dem Katalog der Kulmer Bf.e starb Stapil in castro novo Lubavie. Vor dem Dreizehnjährigen Krieg ließ Bf. Johann Marienau die Verteidigungsanlagen für den Einsatz von Artillerie erweitern. Nachdem Zweiten Thorner Frieden von 1466 erfolgten zahlr. Veränderungen in den Räumen der Burg; deren Baukörper blieb aber unv. erhalten. Durch barocke Umgestaltungen in der Kapelle, der bfl. Kammer und den Schloßsälen taten sich bes. die Bf.e Jakub Zadzik (1624-35) und Jan Lipski (1635-38) als Baumeister in L. hervor. Der an der Nordwestecke des Hauptgebäudes gelegene Turm wurde aufgestockt und mit einem barokken Helm versehen. Seit der Mitte des 18. Jh.s verfiel das Schloß zunehmend und wurde nach der Residenzverlegung der Kulmer Bf.e nach Kulmsee i. J. 1781 schließl. 1826 abgetragen. Bis vorkurzem zeugten nur Reste des Unterbaus und das im 19. Jh. neu zusammengefügte Portal im ehemaligen Westflügel von der einst prachtvollen Res. der Kulmer Bf.e. In den Jahren 1998-2002 erfolgten auf dem Gelände umfangr. Grabungsarbeiten unter Leszek Kajzer von der Universität Łódź. Im Anschluß daran sollen die aufgefundenen Reste der Gebäude und ihrer Innenausstattung konserviert und der Öffentlichkeit zugängl. gemacht werden. Von großer Bedeutung für eine Rekonstruktion der Schloßgebäude ist außerdem eine Reihe neuzeitl. Inventare, von denen das älteste aus dem Jahr 1614 stammt.

Von allen vier Seiten mit Wassergräben umgeben, erhoben sich - mit einer Geschützbastion an der Nordostecke - die Außenmauern der Burg auf einer Fläche von 70 × 74 m. Innerhalb dieser Mauern stand auf annähernd quadrat. Grdr. das Haupthaus mit einer Seitenlänge von rund 50 m und mit leicht vorspringenden Ecktürmen. Durch eine Tordurchfahrt im Westflügel gelangte man von der Vorburg und über eine Brücke kommend in den gepflasterten und mit einem Brunnen ausgestatteten Innenhof, der wie die meisten Räume des Erdgeschosses der Bewirtschaftung des Schlosses diente. Um ihnherum verlief ein zweistöckiger Umgang aus Holz, von dem aus der Zugang in die einzelnen Räume des Erd- und Obergeschosses erfolgte. Im Erdgeschoß befanden sich nach dem Inventar von 1614 ein Gefängnis, die Wohnung des Bgf.en, Bäckerei, Brauerei, Küche, Speisekammer, die Kammer des Küchenmeisters, das Gesinderefektorium sowie weitere Wirtschaftsräume. Im Obergeschoß des Süd- und Ostflügels waren die bfl. Wohn- und Repräsentationsräume untergebracht, darunter die Schloßkapelle mit der Sakristei, der große Remter mit einer Empore für Musiker und an den Wänden hängenden Bischofsporträts, einweiterer Remter, die Bibliothek mit Schränken für Bücher, Gemälde, Hirschgeweihe usw. und zwei Säle. Außerdem werden zahlr. weitere zum Teil gewölbte und durch Kachelöfen beheizbare Räume gen. sowie die Kammer des Marschalls, ein zweites Gefängnis und die Kanzlei. Die Raumaufteilung der Schloßflügel und die genaue Lage der aufgezählten Räume sind nicht genau rekonstruierbar, Kajzer errechnet für das Erdgeschoß 26 und für das Obergeschoß 29 Kammern, Stuben und Säle. In der zw. Burg und Stadt liegenden Vorburg befanden sich Wirschaftsgebäude wie ein Malzhaus, ein Getreidespeicher, eine Schmiedesowie die Stallungen mit den Unterkünften für das Gesinde.

Quellen

Inwentarz dóbr biskupstwa chełmińskiego y r. 1614 y uwzględnieniem późniejszych do r. 1759 inwen- tarzy, hg. von Alfons Mańkowski, Thorn 1927. - Urkundenbuch des Bisthums Culm, 1-2, 1884/85.

Dehio, Kunstdenkmäler, West- und Ostpreußen, 1993, S. 372f. [fehlerhaft]. - Haftka 1999, S. 160-164. - Heise, Johann/Schmid, Bernhard: Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Löbau, Danzig 1895 (Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Westpreußen, 10), S. 634-639. - Lieck, Gustav: Die Stadt Löbau mit Berücksichtigung des Landes Löbau, Marienwerder 1892 (Zeitschrift des historischen Vereins für den Regierung-BezirkMarienwerder, 25-29). - Śliwiński, Jósef: Löbau - Lubawa, Kassel 1995 (Übers. der poln. Ausg. Allenstein 1982). - Zamek w Lubawie. Dawniej i dziś, hg. von Leszek Kajzer, Löbau 2001.