Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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KÖNIGSBERG C.5. (Kaliningrad)

I.

K. (mhd./mnd. Koningesborch, Konigspergk, Kinsberg u.ä., lat. Mons regius, Regiomontum, poln. Królewiecz, lit. Karaliauèiaus) liegt am Pregel etwa 10 km vor dessen Einmündung in das Frische Haff. Dieser trennt die Landschaften → Samland im N und Natangen im S, wobei K. selbst zum → Samland gehört. Während der Deutschordenszeit unterstand die Stadtlandschaft weitgehend derDeutschordensherrschaft, nur der Kathedralbezirk dem Hochstift → Samland. Während des längsten Teils der Ordenszeit gehörte K. zur Komturei K. (Marschallamt), während seiner Zeit als Res. unmittelbar zum Hochmeistertum. Deutschordensres. war K. von 1457-1525, danach Res. der Hzg.e in Preußen. - RUS, Oblast Kaliningrad.

II.

K. entstand an der Stelle, an der der Schloßberg und der Haberberg das Pregeltal verengen, während der Fluß in diesem Bereich durch Verzweigungen mehrere Inseln bildete, die seit alter Zeit den Flußübergang erleichterten. Hier trafen sich mehrere Handelsstraßen. Von S kamen je eine vom Frischen Haff und aus Natangen, nördl. des Pregels gingen je eine zur samländ. Bernsteinküste, zur Kurischen Nehrung und pregelaufwärts Richtung Litauen. Die nach N ansteigende Landschaft bot die Möglichkeit, Siedlungen und Befestigungen anzulegen. Für Ackerbau war die Umgebungnicht übermäßig günstig geeignet.

Der Raum des späteren K. war schon in vorgeschichtl. Zeit von Jägern und Fischern bewohnt. Auf der höchsten Erhebung nördl. des Pregels befand sich die pruß. Feste Tuwangste. Darunter lag das Fischerdorf Lipnick. Wikinger sind wohl auch hierhin gekommen. Nach → Elbing (1237) versuchten Lübecker Bürger 1242 auch hier (in Portu Lipze) die Gründung einer Handelsstadt. Doch konnte der Orden eine eigene Stadtgründung durchsetzen, bei der die Lübecker ledigl. mitgewirkt haben. 1255 führte der Orden einen erfolgreichen Feldzug gegen die samländ. Prußen durch. Auf der Feste Tuwangste,wo seit 1926 ein Reichsbankgebäude errichtet wurde und heute die Betonruine des Gebietssowjets steht, wurde die erste Ordensburg angelegt. Nordwestl. am Steindamm entstand eine erste städt. Siedlung mit der ersten Pfarrkirche St. Nikolai. Burg und Siedlung wurden K. gen. Traditioneller Weise wird die Namengebung auf die Beteiligung des böhm. Kg.s Ottokar II. zurückgeführt, während neuerdings die Amtsbezeichnung eines pruß. Kleinkg.s als Anlaß gesehen worden ist. Infolge der Zirkumskriptionsbulle von 1243 entstand nördl. des Pregels das Bm. → Samland. Der Bf. mit seinemDrittelanspruch erhielt die erste Burg, zugl. hat der Orden 1257 westl. davon eine größere Burganlage zu bauen begonnen. Während diese dem Ansturm der Prußen 1260/62 standhalten konnte, ist die städt. Siedlung von den Prußen wieder zerstört worden. Die dauerhafte Stadtgründung der Altstadt K. erfolgte nach der endgültigen Unterwerfung der Prußen unterhalb der neuen Burg mit der Verleihung des Kulmer Rechts 1286. Die Stadt entwickelte sich mit ihren Neustädten Löbenicht und Kneiphof zum bedeutendsten Zentrum für Handel und Handwerk im nördl. und östl. Teil des Preußenlandes. Jede der dreiStädte erhielt ihre eigene Pfarrkirche. In der Altstadt wurde neben der Pfarrkirche St. Nikolai 1296 mit dem Bau einer ersten Kathedrale als Domkapitelssitz begonnen, ehe um 1325 nach einem Besitztausch die Kneiphofer Pfarrkirche endgültig die Kathedrale des Samlandes wurde. K. war Zentrum der Komturei K., die aus der stärker bevölkerten Vogtei → Samland und den schwächer besiedelten östl. Pflegeämtern bestand. Während der Zeit als Hochmeistersitz wurden unter Friedrich von Sachsen die Komtureien Balga und Brandenburg zur Kammer gezogen, um deren Einkünfte zu vergrößern.

Am 28. Febr. 1286 stellte Landmeister Konrad von Thierberg d. J. die Handfeste für die Altstadt nach Kulmer Recht aus. Am 27. Mai 1300 erhielt die Neustadt Löbenicht, die in den letzten Jahren des 13. Jh.s als Handwerkerstadt pregelaufwärts neben der Altstadt entstanden war, vom K.er Komtur Berthold Brühaven ihre endgültige Handfeste. Hochmeister Werner von Orseln gab schließl. am 6. April 1327 der Neustadt Kneiphof deren Handfeste mit den gleichen Rechten, wie sie die Altstadt erhalten hatte. An der Spitze der Gemeinde stand zunächst der Schulze, daneben gab es die Mitgliederdes Rates. Seit 1333 sind Bürgermeister belegt. Die Rechtsprechung lag bei den Schöffen unter dem Vorsitz des Schulzen. Oberhof für gescholtene Urteile war bis 1466 Kulm, dann die Altstadt K. Todesurteile beduften der Zustimmung des K.er Hauskomturs. Die Altstadt und der Kneiphof waren Mitglieder der Hanse und waren im späten 14. Jh. an deren Kämpfen mit Dänemark beteiligt. 1454/55 bei Ausbruch des Dreizehnjährigen Krieges standen die Städte zunächst auf Seiten des Bundes und fielen vom Orden ab. Der Widerstand v. a. der Handwerker führte dazu, daß Altstadt und Löbenicht sehr bald, Kneiphofnach dreimonatiger Belagerung, wieder unter die Ordensherrschaft zurückkehrten und auch blieben.

K. stand während der Deutschordenszeit innerhalb des Preußenlandes im Schatten der drei großen Weichselstädte Thorn, → Elbing und Danzig, so daß es im 1440 gegründeten Preußischen Bund keine führende Rolle gespielt hat und bald nach Kriegsausbruch sich wieder der Landesherrschaft unterstellte. Das war dann die Voraussetzung, daß die Ordensleitung 1457 nach dem Verlust der → Marienburg nach K. kommen konnte, um die bisher vom Obersten Marschall und seinem Konvent genutzte Burg zu übernehmen.

III.

Die auf einer Anhöhe über dem Pregeltal liegende Burg unterschied sich von der klass. Deutschordensburg, die gewöhnl. aus Vorburg und Konventshaus bestand, die jeweils eigenständig befestigt waren. In einem großen mit einer Umfassungsmauer umgebenen Burggelände mit rechteckähnl. Grdr. stand das Rechte Haus oder Konventshaus (»Stock« gen.) in der westl. Hälfte ohne Verbindung zur Umfassungsmauer. Die nördl. Längsseite der Umfassungsmauer war seit dem 14. Jh. innen mit Gebäuden bestellt, im W zunächst die Firmarie, dann die Kapelle St. Anna und schließl.die Wohnung des Obersten Marschalls. Im O des Burghofs stand vor der Umfassungsmauer das Kornhaus. Ein großer Schloßturm stand zw. Konventshaus und südl. Umfassungsmauer. Der wirtschaftl. Versorgung dienende Gebäude befanden sich außerhalb der Umfassungsmauer.

Auch bei der K.er Ordensburg sind keine Namen von Architekten und Künstlern bekannt. Ob der wohl aus → Bayern stammende Hofmaler Wolf Rieder aus der Zeit von Hochmeister Albrecht auch mit der Ausstattung der Res. beschäftigt war, hat sich bisher nicht erweisen lassen. Erst für die hzgl. Zeit, als das Schloß stark umgebaut wurde, werden Namen überliefert.

Die Rekonstruktion der Baugeschichte ist durch den starken Umbau der Herzogszeit und wg. der Zerstörungen 1944-69 stark erschwert. Das gilt bes. für das nach 1525 abgerissene Konventshaus, das in den 1920er Jahren nur in seiner östl. Hälfte ergraben werden konnte. Es besaß wenigstens drei Flügel um einen Hof mit Kreuzgang. Ein Gang führte zu einem Danzker, der außen an die Umfassungsmauer angelehnt war. Das Rechte Haus ist nach heutigem Forschungsstand in den Jahren 1275-1312 errichtet worden. Es ist weder durch Graben noch durch Parcham umgeben. Älter ist wenigstens in ihrem unregelmäßigenVerlauf die Umfassungsmauer. Im 13. Jh. werden im Burghof Wirtschaftsgebäude gestanden haben, über deren Standort nichts ermittelt worden ist. Sie sind im 14. Jh. durch die Gebäude verdrängt worden, die als repräsentative Bauten an die nördl. Umfassungsmauer angelehnt wurden. Der Hof dürfte im 14. Jh. vielfach auch als Versammlungsraum für die zahlr. aus Westeuropa gekommenen Litauenreisenden gedient haben, die sich hier zu ihren krieger. Unternehmungen versammelt haben. Auch von der Firmarie ging nach W ein Danzkergang ab. Der Große Schloßturm wird auf etwa 1350 dat. Nachdem die ersten in K.residierenden Hochmeister sich mit dem Haus des Obersten Marschall zufrieden gegeben haben, baute Hochmeister Friedrich von Sachsen dies als Res. um.

Das Konventshaus wird die Räume für die übl. Funktionen eines Konvents gehabt haben, also Kapitelsaal, Remter, Dormitorium, Kapelle, Küche und Vorratsräume, wobei sich die Anzahl der Ordensbrüder in der Residenzzeit des späten 15. und frühen 16. Jh.s stark vermindert hat. Entsprechendes gilt hinsichtl. der Raumnutzung auch für die Firmarie und für das Marschallhaus. Letzteres war verständlicherweise prächtiger gestaltet. So haben sich im Marschallhaus noch Reste von Wandmalereien des 15. Jh.s im 20. Jh. finden lassen. Hier befanden sich auch die Rüstkammern. Zur Zeit vonHochmeister Friedrich (1500/03) wurde eine neue Harnischkammer geschaffen. Die Kapelle St. Anna gehörte zur Firmarie. Vor der Burg haben sich als Reste ma. Bauwerke ein Gießhaus sowie die Ober- und Mittelmühle feststellen lassen. Im »Großen Ämterbuch« werden Armbrustkammer, Backhaus, Brauhaus, Gerbhof, Schmiede, Schnitzhaus und andere mit Inventarteilen aufgeführt, ohne daß sich sagen läßt, wo sich diese Einrichtungen im Burggelände befunden haben.

Die Herrschaftsarchitektur ergibt sich bei der K.er Burg wie bei allen Ordensburgen durch den Anblick der Gesamtanlage seitens der Untertanen. Im Blick auf polit. Gäste, zu denen in erster Linie die zahlr. Litauenreisenden im 14. Jh., später die diplomat. Besucher der ausgehenden Ordenszeit gehörten, ist v. a. das Wohnhaus des Obersten Marschalls und damit das spätere Haus des Hochmeisters prächtig gestaltet worden. Die Ausstattung mit Hypocaustumheizung gehörte auch hier zum Standard, auch wenn die → Marienburg in keiner Hinsicht erreicht worden ist.

Quellen

Großes Ämterbuch des Deutschen Ordens, hg. von Walther Ziesemer, Danzig 1921, S. 1-45. - Urkundenbuch der Stadt Königsberg, hg. von Hans Mendthal, Bd. 1, Königsberg i. Pr. 1910.

Franz, Walter: Geschichte der Stadt Königsberg, Königsberg i. Pr. 1934. - Franz, Walter: Köngsberg Pr., Stadtkreis, in: Deutsches Städtebuch, 1: Norddeutschland, 1939, S. 68-73. - Gause, Fritz: Die Geschichte der Stadt Königsberg in Preußen, Bd. 1, 3. Aufl., Köln u. a. 1996. - Lahrs, Friedrich: Das Königsberger Schloß, Stuttgart 1956 (Bau- und Kunstdenkmäler des deutschen Ostens. B, 1). - Torbus 1998, S. 116-124, 288-294,447-461, Abb. 322-327.