JENA C.2.
I.
880/99 Jani (?). Die german. (ahd. jân, Reihe, Streifen) bzw. slaw. (Siedlung des Jan/Johannes) Herkunft des Ortsnamens ist umstritten - vor 1236 cives de Gene; 1263 civitas, 1275 consules, 1354 iarmargtiz tage. - J., das 1332 an die Wettiner als Lgf.en von Thüringen fiel, war im MA eine der größten und bedeutendsten Städte (1446 ca. 2 800, 1490 ca. 3 800 Einw.) der wettin.-thüring. Territorien und seit der Mitte des14. Jh.s Kristallisationspunkt eines Amtsbezirkes. 1485 gelangte J. an die ernestin. Linie, infolge der »Wittenberger Kapitulation« 1547 wurde J. Teil des Hzm.s Sachsen, seit 1572 Sachsen-Weimar.
Eine vermutl. Mitte des 14. Jh.s errichtete (Wasser?)Burg in Stadtrandlage (nordöstl. Stadtecke) diente als eine der Nebenres.en der wettin. Fs.en, die sie im 14. und 15. Jh. regelmäßig aufsuchten: bis zur Reformation ca. 100, teilw. mehrwöchige Aufenthalte, wobei sich ein deutl. Schwergewicht unter Balthasar († 1406), Friedrich dem Streitbaren († 1428) und Friedrich dem Friedfertigen († 1440) bzw. in den ersten zwei Jahrzehnten der Herrschaft Wilhelms III. (1440/45-82) abzeichnete, der in J. 1446 seine erste Hochzeit feierte und 1452 den franziskan. Bußprediger Johannes Kapistran empfing.Im Vergleich zu ihren älteren Res.en gründeten die Wettiner in J. jedoch keine bedeutendere religiöse Einrichtung (bis auf ein kleines Karmelitenkl. 1414), bzw. keine mit der Res. verknüpfte geistl. Gemeinschaft. Seit der zweiten Hälfte des 15. Jh.s verlor J. seine Residenzfunktion weitgehend. Im 16. Jh. wurde J. Sitz der infolge des Verlustes von → Wittenberg neugegründeten ernestin. Landesuniversität (1548-57/58) und des Hofgerichts (1566). Von 1662-90 war J. noch einmal Residenzort des kurzfristig bestehenden Teil-Hzm.s Sachsen-Jena.
II.
Der ursprüngl. Siedlungskern J.s befindet sich am westl. Ufer des Mittellaufs der Saale auf dem 40 m ü. d. M. liegenden Schwemmkegel des Leutrabachs. Durch J. führte die von Erfurt bzw.→ Weimar kommende und nach → Meißen führende W-O-Verbindung, die 250 m unterhalb des heutigen Übergangs die Saale querte und bei Lucka (10 km östl. J.s) auf die Franken/Bayern mit dem Harzraum verbindende Handelsstraße traf. Günstige geolog.-klimat. Bedingungen ermöglichten Weinbau (1182/85 erstmals vineae im J.er Raum erwähnt), demJ. im MA seine überregionale wirtschaftl. Bedeutung verdankte.
Der im fränk.-slaw. Grenzraum gelegene Saaleübergang bei J. wurde schon im frühen 10. Jh. durch eine östl. der Saale errichtete otton. Reichsburg (Kirchberg) geschützt. Allerdings läßt sich bisher keine siedlungsgeschichtl. Kontinuität zw. dem im Hersfelder Zehntverzeichnis 880/99 in potestate cesaris genannten Jani und dem 1145 (Folmarus de Gene) bzw. 1184 sicher bezeugten westsaal. Straßendorf Gene nachweisen, aus dem J. erwuchs. Die aus Franken kommenden Herren von Lobdeburg, die im ersten Dritteldes 12. Jh.s in das infolge des Rückzuges des Kgm.s aus Thüringen entstehende Machtvakuum eindrangen und an der mittleren Saale seßhaft wurden, bauten J. zum Zentrum ihrer Herrschaft aus (die planmäßig angelegte Altstadt, in die das Straßendorf einbezogen wurde, umfaßte eine Fläche von 14,6 ha) und verliehen J. vor 1236 das Stadtrecht. Obwohl Münzstätte (1274 Heinricus monetarius, 1332 montze), Stadtbefestigung (1304) und Markt (1354) erst spät bezeugt sind, gehen diese zweifellos auf den Siedlungsausbau durch die Lobdeburger seit dem letztenDrittel des 12. Jh.s zurück. Das im 13. Jh. unter vier lobdeburg. Linien geteilte J. fiel infolge von Heiratsverbindungen der Wettiner mit Witwen und Erbtöchtern der Lobdeburger bzw. durch Verpfändung allmähl. an die Wettiner. 1332 vereinigte die Wwe. Friedrichs des Freidigen († 1324), die Lobdeburgerin Elisabeth von Arnshaugk, ganz J. als ihr Dotalium unter ihrer Herrschaft, führte das Gothaer Stadtrecht ein und trat 1349 J. ihrem Enkel Friedrich dem Strengen ab, womit die Stadt endgültig und dauerhaft in den Besitz der Wettiner kam. J. wurde Kern eines wettin. Amtes, wobei aberder 1274 erstmals erwähnte städt. Rat und die Bürgerschaft im Verlauf des 14./15. Jh.s weitgehende Freiheiten von den Stadtherren erlangten, indem diese allmähl. ihre hoheitl. Rechte an die Stadt verpfändeten bzw. verkauften: Ablösung der stadtherrschaftl. Abgaben durch eine feste Jahrrente im Zusammenhang mit der Verleihung des Gothaer Stadtrechts (1332), Niedere Gerichtsbarkeit und Zoll (1365/1429), Zugriffsrechte auf die Münze (1381), Steuerhoheit/Geschoßprivileg (1406), Hohe Gerichtsbarkeit (1429), Gerichtsrechte innerhalb des J.er Weichbildes (1480).
III.
Die wettin. Residenzburg in J. tritt erstmals in einer heute verlorenen Bauinschrift von 1471 entgegen, die den Ausbau des Palas an der Nordseite durch Wilhelm III. vermeldet (der Beleg zu 1447: sloße, Urkundenbuch der Stadt Jena III, 1936, Nr. 204, ist strittig). Die Burg ist jedoch mit Hinblick auf die Hochzeit Wilhelms III. 1446 in J. zweifellos älteren Ursprungs. Der Umbau der Burg zum Residenzschloß im 16./17. Jh. und dessen endgültige Niederlegung zugunsten des Neubaus des Universitätshauptgebäudes (1905-08)machen eine Altersbestimmung schwierig; die beim Abbruch zu Beginn des 20. Jh.s erfolgte Bauuntersuchung läßt aber eine Datierung auf Mitte des 14. Jh.s zu (Weber 1901). Gestalt und Ausstattung der Residenzburg des 15. Jh.s bleiben spekulativ und basieren in der Literatur auf der Interpretation der ersten J.er Stadtansicht von J. Mellinger (1571). Ledigl. eine der hl. Elisabeth geweihte und mit 4 Weinbergen ausgestattete Kapelle ist bezeugt (um 1511). 1570 leitete Hzg. Johann Wilhelm (1554-73) mit der Errichtung eines schlichten, dreigeschossigen Wohnbaus(Johann-Wilhelmerbau) die Umgestaltung der Burg ein, die im 17. Jh. zum Schloß umgebaut wurde (ab 1620 Abbruch/Umbau des ma. Palasbaus, ab 1659 Neubau eines Residenzhauses, ab 1662 Ausbau als Res. Hzg. Bernhards von Sachsen-Jena).
Quellen
Urkundenbuch der Stadt Jena und ihrer geistlichen Anstalten, hg. von Johann Ernst August Martin und Ernst Devrient, 3 Bde., Jena 1888-1936 (Thüringische Geschichtsquellen. NF 3; Ganze Folge 6, 1-3).
Literatur
Aufbrüche. 450 Jahre Hohe Schule Jena (Ausstellungskatalog), Jena 1998. - Endler, Dirk: Das Jenaer Schloß. Die Residenz des Herzogtums Sachsen-Jena, Jena 1999 (Reihe Dokumentation der Städtischen Museen Jena, 6). - Gockel, Michael: Kirchberg, in: Pfalzenrepertorium, 2, 2000, S. 234-257. - Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 9, 1989, S. 215-225. - Inmitten der Stadt. St. Michael in Jena, hg. von Volker Leppin und Matthias Werner (erscheint2004). - Die Inschriften der Stadt Jena bis 1650, ges. und bearb. von Luise und Klaus Hallof, Berlin u. a. 1992 (Die deutschen Inschriften, 33: Berliner Reihe, 5). - Über Jena. Das Rätsel eines Ortsnamens. Alte und neue Beiträge, hg. von Norbert Nail und Joachim Göschel, Stuttgart 1999 (Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik, Beiheft 104). - Koch, Herbert: Herzog Wilhelms von Sachsen erste Hochzeit vom 20. Juni 1446, in: Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichteund Altertumskunde. NF 22 = Ganze Folge 30 (1915) S. 293-326. - Koch, Herbert: Geschichte der Stadt Jena, Jena 1966; unveränd. ND der Ausg. von 1966 mit einem Nachw. von Jürgen John und einer Bibliogr. zur Jenaer Stadtgeschichte von Reinhard Jonscher, Jena 1996. - Lehmann, Paul: Jena, in: Deutsches Städtebuch, 2: Mitteldeutschland, 1941, S. 316-320. - Müller, Herbert: Das Doppelamt Jena-Burgau betrachtet nach Entstehung, Ausbau und Umfang derwettinischen Landesherrschaft von den Anfängen bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts, Coburg 1929. - Röblitz, Günther: Die Brakteaten der Herren von Lobdeburg, Berlin 1984. - Schultze, Joachim H.: Werden, Wachstum und Entwicklungsmöglichkeiten der Universitäts- und Industriestadt Jena, Jena 1955, S. 1f., 54-79. - Streich 1989. - Weber, Paul: Das Jenaer Schloß, in: Jenaer Jahrbuch 1 (1901) S. 22-38. - Werner, Matthias: Johannes Kapistran in Jena, in:Festschrift Erich Meuthen, 1994, S. 505-520.