HERFORD C.4.2.
I.
Monasterium Herivurth (832), Herivurth (838), Herifurd (851), Herford (853), Herfordensis coenobium (940), curtis imperatoria Herivurde (972), Coenobium Herfordernse sanctimonialium (1082), Herfodersis Monasteriii [...] eisque sororibus [...] canonicam vitam professis (1155), Ecclesia Herfordensis (1221),Herivurth, Hervorden, Herford. - Stadt - Sitz der Fürstabtei H. (Reichsstift H.). - D, Nordrhein-Westfalen, Kr. H.
II.
H., gelegen an der Furt nahe beim Zusammenfluß der Flüße Aa und Werre in der Mitte des ravensberg.-lipp. Hügellandes zw. Wiehengebirge (N) und TeutoburgerWald (S). Kreuzungspunkt von alten Handelsstraßen. Nach 789 (um 800) Gründung des ersten Frauenkl.s im sächs.-fränk. Grenzbereich nahe eines Königshofes. Durch enge Verbindung mit dem fränk. Kaiserhaus (spätestens ab 823) Res. der rfsl. Äbtissin von H. Um die Abtei entwickelt sich die Stadt H.
823 wurde das nach 789 durch den sächs.-fränk. Adeligen Waltger (Wolderus) nahe dem fränk. Hof Herivurth zur Versorgung des hohen sächsisch-fränk. Adels gegründete Frauenkl. H. an Ks. Ludwig den Frommen übertragen und bei gleichzeitiger Übertragung zahlr. ksl. Güter mit der neu gegründeten Abtei → Corvey verbunden. Nach der Zerstörung von Abtei und Siedlung durch die Ungarn 926 wurden die Privilegien bestätigt, darunter 973 durch Ks. Otto I. die schon aus dem 9. Jh. stammenden Markt-, Münz- und Zollrechte für den abteil. Hof Odenhausen. Daraus entwickelte sich der Ort H. um dieAbtei und Münsterkirche. Vor 1220 (1191 Magister civium) entwickelt sich die Bürgergemeinde H. zur vollen Blüte. 1224 gründeten Abtei und der Ebf. von → Köln zusammen die H.er Neustadt. 1256 übergab die Äbtissin ihre weltl. Rechte in H. an die Bürgerschaft, die im Reich einmalige Herrschaftsform des »Kondominats« entsteht: Stadt und Abtei regeln alle Angelegenheiten in eigener Verantwortung. Basis ist die Reichsunmittelbarkeit des Stiftes, die die Stadt fakt. gleichermaßen mit ausübte (Bsp. Judengeleit). Stadtrat und Bürgermeister leistetender Abtei den Lehnseid und waren eng mit der Ministerialität der Abtei verbunden. Das Kondominat funktionierte im großen und ganzen gut, Differenzen wurden bis zum 16. Jh. ohne größere Konflikte gelöst. Macht und Sicherheit der Stadt sowie der geistl. Mittelpunkt durch die Abtei veranlassten zahlr. geistl. Einrichtungen zur Niederlassung in H. (Sancta Herfordia: u. a. 1231 Johanniter, 1286 Franziskaner, 1288 Augustiner, 1427 Fraterherren). Ab dem 13. Jh. bestanden enge Beziehungen und Mitwirkung in der Hanse, gehandelt wurde v. a. mit der namenhaften Tuchproduktion. Die Stadt beteiligte sichselbständig an Städtebünden wie dem Ladberger Bund 1246 und dem Rheinischen Landfriedensbund 1255. Die Stadt H. wird 1532 evangel., die Abtei nahm erst 1565 den neuen Glauben an, während sich durch die Übertragung der 1256 der Stadt übertragenen Rechte an den Stiftsvogt (Hzg. von Jülich) an der inneren Herrschaftsverteilung wenig änderte. Die Konflikte zw. Stadt und Abtei nahmen zu (u. a. um die Rechte der Bewohner der Freiheit und um die Besetzung geistl. Ämter). Im Dreißigjährigen Krieg ließ sich die Stadt 1631 zur Abwendung einer Re-Katholisierung durch das Reichskammergericht (bei dem dasReich schon lange die Erhebung der Stadt zur Reichsstadt betrieben hatte) zur Reichsstadt erklären. In der Folge der jül.-klev. Erbfolge brachte → Brandenburg 1647/52 die Stadt und das Stift H. gewaltsam an sich. Die Stadt wurde zur brandenburg.-preuß. Landstadt. Das Stift blieb bis zur Auflösung 1802 reichsunmittelbar und entwickelte sich zu einer »Versorgungsanstalt« für den hohen Adel mit durchaus ausgedehnter Hofhaltung.
III.
Die ehemalige Klosteranlage besteht nicht mehr. Die zur Abtei gehörende sog. abteil. Freiheit läßt sich im heutigen Stadtgrundriß noch eindeutig ablesen. Zum Residenzbezirk gehörten die Abteigebäude aus verschiedenen Bauperioden, die Münsterkirche, die Wolderuskapelle und der gesamte Bezirk der abteil. Freiheit, in der sich einige Kurien der Kanonissen, weitere Ministerialienhöfe (Adelshöfe) sowie die Verwaltungsgebäude der Abtei sowie ein Armenhaus befanden. Eng verbunden war der Abteibezirk mit der sog. Mühlenfreiheit (heute Linnenbauerplatz). Über dieHäuser auf der Freiheit sind wir durch Archivalien unterrichtet. Eine umfassende Untersuchung dazu steht noch aus.
Bis ins 13. Jh. lag der Kernbereich der Abtei nördl. des Münsters. Er bestand aus einer dreiflügeligen, um einen Kreuzgang gelegenen klosterähnl. Gebäudegruppe. In der ersten Hälfte des 13. Jh.s wurden der alte Nord- und Osttrakt des Klostergevierts nördl. des Münsters und ein Teil der Kirche Opfer eines Brandes. Die abgebrannten Gebäude entstanden nicht in der alten Form wieder. Die Äbtissin begann stattdessen mit dem Bau der jetzt noch vorhandenen Kirche, an die dann ein neues Schlafhaus angebaut wurde. Dieses Schlafhaus nahm nun alle von der Stiftsgemeinde gemeinschaftl. genutztenRäumlichkeiten auf, während die Äbtissin sich ein neues Abteigebäude mit Nebengebäuden westl. der Kirche erbauen ließ. Der Ausbau des Münsters und die Errichtung der Abtei weisen auf das Machtbewußtsein der quasi-bfl. Äbtissin hin. Die Abtei dominierte nun über die Gebäude des Kapitels. Über Architekten, Baumeister und Künstler dieser Bauten für Abteigebäude und Kirchengebäude ist nichts Genaueres bekannt. Für den Bau des Münsters ab 1220 entstand im 13. Jh. eine Bauhütte. Mehrfach werden die Baumeister der Münsterkirche gen. Urkundl. Nachweise und Baurechnungen der Baukasse der Münsterkirche(erst 17. Jh.) belegen die Arbeiten an der Kirche und den Abteigebäuden. Die Ausstattung der Abtei im 13-17. Jh. wird durch die Ausgrabungsergebnisse und Pläne von 1808 verdeutlicht, genaue Zuordnungen von Räumen für diesen Zeitraum sind unklar. In gleicher Zeit entstehen einzelne Kurien der Stiftsdamen. Der alte Klausurbereich verlor trotz des Neubaus des Schlafhauses (13. Jh.) und eines Kreuzganges im 14. Jh. an Bedeutung gegenüber der Abtei, was auch durch die Errichtung des großen Lehnssaales im neuen Abteigebäude spätestens im 14. Jh. verdeutlicht wird. In dem längl. Abteibau befandensich neben dem Saal die Kanzlei und das Archiv. Der Lehnssaal bildete den Mittelpunkt der Anlage, an ihn schlossen sich im O der Wohnbereich der Äbtissin mit Hofkapelle und Küche und im W ein weiterer Wohnbereich für Gäste (worauf die Bezeichnung Königszimmer im Erdgeschoß hindeutet) an. Die genaue innere Gestaltung ist unklar und konnte auch durch die Ausgrabungen der Jahre 1988-91 nicht eindeutig belegt werden. Eine frühere baul. Verbindung zum Münster (Privatzugang für die Äbtissin) wurde vor kurzem bei Renovierungsarbeiten am Münster nachgewiesen.
Ursprgl. war der Abteibezirk, die Freiheit, durch Mauer und Graben von dem städt. Bereich abgetrennt und nur durch einen kleinen Gang (die Mausefalle) zugänglich. Ab dem Ende des 13. Jh.s war der Abteibezirk mit in die Befestigungsanlagen der Stadt einbezogen. Versorgungsgebäude wie Frucht-, Salz-, Back-, Brauhaus sind auf dem Gelände teilw. unsicher nachweisbar. In der Freiheit befand sich auch die abteil. Münze. Eine Bibliothek befand sich wohl in der Abtei, das Archiv war wahrscheinl. im Münster untergebracht. Die früh nachgewiesene Schule am Münster ist nicht eindeutig lokalisierbar, ab1540 wurde sie mit der aus dem Augustinerkl. entstandenen (abteil./städt.) Lateinschule zusammengelegt.
Integraler Bestandteil der Abteires. ist das Münster zu H. Mit dem Bau wurde um 1220 begonnen, der größte Bauabschnitt wurde gegen 1260 beendet, späterer ergänzt wurden im S der Krämerchor (um 1340) im O die Beichtkammer sowie das letzte Chorjoch (beide Anfang 15. Jh.). Innerhalb des Münsters befanden sich bis zur Reformation zahlr. mit Pfründen versehene Kapellen und Altäre.
In der Freiheit befanden sich zwei weitere Kapellen, die Cosmas- und Damian-Kapelle (erwähnt 1305) als Anbau an der Abtei und die Wolderuskapelle als Bestandteil des Kreuzganges. In dieser Kapelle, deren Bauphasen ab dem 10. Jh. durch Ausgrabungen nachweisbar sind, soll sich die Grablege des Klostergründers befinden. Dort sind wie in der Münsterkirche einige Äbt.nen und Kanonissen sowie Personen aus dem Münsterklerus und der Ministerialität begraben und durch Grabsteine und Tomben nachweisbar. Eine Krypta bestand nicht.
Im Zuge der Reformation verlor im 16. Jh. das Schlafhaus endgültig seine Funktion. Nach dem großen Stadtbrand von 1638 wurden dann auch das Schlafhaus und andere Gebäude nördl. des Münsters nicht wieder aufgebaut, weil sich die Bedürfnisse der Abtei völlig verändert hatten. Die Äbtissin hielt trotz der im 16. und 17. Jh. geringer werdenden polit. Bedeutung Hof in H. und pflegte ihre Res. Die Abtei wurde bis zur Mitte des 18. Jh.s immer weiter um- und ausgebaut. Der Höhepunkt ist dann die durch einen zweiten Flügel ergänzte barocke schloßartige Anlage in der Mitte des 18. Jh.s. Über die(Außen-)Anlagen mit Abteigarten und Orangerien existieren erst Darstellungen aus späterer barocker Zeit. Eine genauere Baubeschreibung existiert erst aus dem Jahre 1808. Die Gebäude wurden nach der Säkularisierung 1802 als Fabrik umgenutzt, brannten Ende des 19. Jh. ab. Heute befindet sich an gleicher Stelle das 1913-17 erbaute H.er Rathaus.
Quellen
SA Münster, Fürstabtei Herford, Rep. A 230 I-III (Urkunde, Lehnsregistratur, Landesarchiv), Msc. VII 3301, 3302, 3325, 3327 etc.). - Kommunalarchiv Herford, Urkunde, Msc., Rep. A und B.
Literatur
Fromme Frauen und Ordensmänner, Klöster und Stifte im heiligen Herford, hg. von Olaf Schirmeister, Bielefeld 2000. - Fürstenberg 1995. - Pohl, Meinhard: Ministerialität und Landesherrschaft, Berlin 1979. - Pohl, Meinhard: Herford - Reichsabtei, in: Westfälisches Klosterbuch, hg. von Karl Hengst, Bd. 1, Münster 1992, S. 404ff. - Schirmeister 1992. - Schirmeister 1993. -Wemhoff 1993.