HEILSBERG C.3. (Lidzbark Warmiński)
I.
Heylsperg u. ä., Stadt am Zusammenfluß von Simser und Alle im Ermland (bis 1466 unter Schirmherrschaft des → Deutschen Ordens, 1466-1772 des Kgr.s Polen); seit 1251 im Besitz der Bf.e von Ermland, 1315-20 und 1350-1795 Hauptres. - PL, Wojewodschaft Olsztyn.
II.
Nach der Gründung einer ersten Burg durch den → Deutschen Orden i. J. 1241 fiel der Ort 1251 an den Bf. von Ermland, als dieser das mittlere Drittel seiner Diöz. zu seinem Stiftsgebiet wählte. Als Ausstellungsort erscheint H. erstmals i. J. 1260. Ein Jahr später wurde er von den aufständ. Prußen belagert und erobert, 1273 aber vom Orden für den Bf. zurückgewonnen. Eine systemat. Besiedelung Pogesaniens mit den Hauptorten H. und Wormditt setzte erst unter Bf. Eberhard von Neiße (1301-26) ein. Er stattete Siedler mit Land aus und erteilte i. J.1308 nach kulm. Recht die erste Handfeste für H. Nach anfängl. Beteiligung des Lokators und seiner Erben an der Schloßmühle erwarb Eberhard wenige Jahre später das alleinige Nutzungsrecht, und 1311 verpflichtete er die Empfänger einer Landverschreibung zum Schutz und zur Verteidigung der Burg in Kriegszeiten. Vermutl. standen diese Maßnahmen im Zusammenhang mit der Residenzverlegung von → Braunsberg nach H. zw. 1315 und 1320. Auch nach dem erneuten Weggang des Bf.s aus H. entwickelten sich Stadt und Burg weiter. Seit ungefähr 1335 saßen auf der Burg die bfl. Vögte, und für das Jahr 1338ist erstmals ein Bürgermeister nachweisbar. Bf. Johann II. Streifrock (1355-72) ließ eine Wasserleitung errichten, die von einem ihm gehörenden Hügel hinab über den Fluß Alle in die Stadt hineinführte. Sein Nachfolger Heinrich III. Sorbom (1372-1401) übergab i. J. 1390 dieses Bauwerk der Bürgerschaft und verpflichtete sie zur Instandhaltung eines Steges, der neben der Wasserröhre über den Fluß hinüber zur Stadt führte und die kürzeste Verbindung für den Bf. und seine familia zw. Burg und Stadt darstellte. Der Beitritt H.s zum Städtebund i. J. 1440 leitete eine zunehmendeEntfremdung ein. 1449 verweigerten die Vertreter der Stadt die von Bf. Franz Kuhschmalz (1424-57) verlangten Zinszahlungen. Als 1454 der Ständekrieg ausbrach, befand sich Franz als Ordensgesandter in → Wien und kehrte danach nicht in sein Bm. zurück. Das Schloß wurde mit Bündischen besetzt und später als Pfand für nicht gezahlten Lohn in die Hände von Söldnern gegeben. Als i. J. 1460 Paul von Legendorf (1458-66 Administrator des Bm.s Ermland, 1466-67 Bf.) nach H. kam, mußte er zunächst seine Wohnung im Pfarrhaus nehmen und konnte erst im Jan. 1461 das Schloß von den Söldnernauslösen und beziehen. Nach dem Zweiten Thorner Frieden von 1466 und dem Tod des Bf.s wurde H. zum Schauplatz im ermländ. Bistumsstreit und im sog. Pfaffenkrieg von 1478/79. Im Reiterkrieg des Jahres 1520 wurde das poln. besetzte H. zweimal vergebl. von Hochmeister Albrecht von Brandenburg belagert. Auch Kg. Gustav Adolf von Schweden versuchte 1627 ohne Erfolg die Einnahme der Burg. Sie gelang erst Karl XII. von Schweden i. J. 1703 und führte zu einer weitgehenden Plünderung der Innenausstattung.
III.
Bis zur Mitte des 14. Jh.s war die Burg vermutl. nur eine einfache Holz-Erde-Befestigung, deren Ausbau in Stein erst erfolgte, als Johann I. von Meißen i. J. 1350 die bfl. Res. endgültig nach H. verlegte. Der Chronist Johannes Plastwig hebt die umfangr. Bauvorhaben Johanns und seiner beiden unmittelbaren Nachfolger hervor. Brände in den Jahren 1442 und 1497 machten in einigen Räumen den Bau neuer Gewölbe und neuer Dächer erforderlich. Die aufgesetzten Türme in der Südwest-, Südost- und Nordwestecke des Hauptschlosses wurden im 15. und 16. Jh. auf jeweils dreiGeschosse aufgestockt. Im 16. und 17. Jh. wurden an der Nordseite der Hauptburg sowie zw. Hauptburg und Vorburg weitere Gebäude errichtet, im 18. und 19. Jh. aber wieder niedergelegt. Dem Besucher bietet sich heute somit abgesehen von der Barockbebauung der Vorburg der Eindruck von einer weitgehend einheitl. ma. Anlage.
Das Hauptschloß ist ein massiver quadrat. Vierflügelbau (Seitenlänge 48,5 m) mit dem für Wirtschaftszwecke genutzten Erdgeschoß, repräsentativem ersten Hauptstockwerk sowie mehreren Keller-, Speicher- und Wehrgeschossen. An der Nordostecke steht auf quadrat. Grdr. ein massiver oktogonaler Bergfried. Vom Hof der südl. gelegenen Vorburg aus erfolgt der Zugang zum Innenhof des Hauptschlosses über eine den Hausgraben überspannende Brücke und durch eine Tordurchfahrt im Südflügel. Von dem als Wirtschaftsfläche konzipierten Innenhof aus führt eine Treppe zum Obergeschoß eines zweistöckigenUmgangs, von dem aus man ursprgl. in die einzelnen Räume des Hauptgeschosses gelangte. Im Hauptgeschoß des Südflügels liegen der Süd- oder Sommerremter sowie die Schloßkapelle. Der sterngewölbte Remter mit einer Länge von 23 m zeigt noch große Teile der ma. Ausmalung, neben einer Kreuzigung und einer Majestas überlebensgroß die zehn ersten Bf.e (Anselm bis Heinrich IV. von H., † 1415). Die östl. angrenzende Schloßkapelle ist nicht in ihrem Anfangszustand erhalten. Das Gewölbe stammt aus der Zeit nach dem Brand i. J. 1497, die Innenausstattung aus der Mitte des 18. Jh.s. Über die gesamteLänge des Ostflügels von 27 m erstreckt sich der sterngewölbte Große Remter. Von einer flexiblen Raumnutzung zeugen Spuren eingezogener Zwischenwände, die den Gesamtraum zeitw. in bis zu vier kleinere Räume aufteilten. Die Bemalung aus der Zeit um 1370 zeigt an den Wänden ein grün-rotes Schachbrettmuster, an der Südwand eine Marienkrönung. Der Fries mit den Wappen der Bf.e in Grisaille an der Westlängswand vom Ende des 17. Jh.s wird bis heute in den Fensterlaibungen der Ostwand fortges. Im Bergfried befinden sich mehrere übereinanderliegende gewölbte Räume, von denen jener im Hauptgeschoßunter Bf. Lukas Watzenrode (1489-1512) zur Privatkapelle umgestaltet und mit Fresken bibl. Szenen ausgemalt wurde. Durch eine der erwähnten Trennwände im Großen Remter war sie direkt von der bfl. Wohnung aus erreichbar, die den gesamten Nordflügel einnahm. Der nahezu quadrat. Kleine Remter mit einem reichen Sterngewölbe aus der Mitte des 15. Jh.s diente als Audienzzimmer und Bibliothek. Westl. daran schließen sich vier weitere Räume an. Von dem letzten aus gelangte man durch eine (heute vermauerte) Öffnung über einen auf zwei Bögen ruhenden Gang in den Danzker über der Alle. Er war vermutl.dem Bf. allein vorbehalten; wenige Meter weiter südl. befand sich ein kleinerer zweiter Danzker, den man über einen schmalen Gang vom Kreuzgang im Innenhof aus erreichte. Der eingeschobene Westflügel wird nahezu vollständig durch das auch als Kreuzstube bezeichnete Refektorium ausgefüllt, einem dreijochigen Raum mit einem dem des Kleinen Remters ähnl. Sterngewölbe aus der Mitte des 15. Jh.s.
Die Wehrluken über dem Hauptgeschoß und der Bergfried betonen den wehrhaften Charakter des Hauptschlosses. Außerdem war die Anlage durch einen massiven Geschützturm in der Südostecke (Ende 14. Jh.) sowie nach W zur Alle hin durch eine Wehrmauer und nach O (zw. der Burg und dem Lauf der Simser) und S durch einen Wassergraben gesichert. Der Graben zw. Haupt- und Vorburg konnte bei Bedarf geflutet werden.
Quellen
CDW I-IV, 1860-1935. - Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin: 20. Hauptabteilung (ehem. SA Königsberg): Bestände des Ordensbriefarchivs (OBA), der Ordensfolianten und des Etatsministeriums (EM). - Plastwig 1866. - Regesta historico-diplomatica Ordinis S. Mariae Theutonicorum, 1-2, 1948-73.
Literatur
Dehio, Kunstdenkmäler, West- und Ostpreußen, 1993, S. 255-261. - Haftka 1999, S. 152-156. - Hauke, Karl/Thimm, Werner: Schloß Heilsberg. Residenz der Bischöfe von Ermland. Geschichte und Wiederherstellung 1927-1944, Osnabrück 1981. - Rzempołuch, Andrzej: Lidzbark Warmiński, Warschau 1989. - Steinbrecht, Conrad: Beiträge zur Kunstgeschichte der Burg Heilsberg im Ermland, in: Zeitschrift fürchristliche Kunst 25 (1912) Sp. 25-36.