HANNOVER C.7.
I.
Hanabriunborgar (um 1150) (= [Siedlung] am hohen Ufer); Hanovere (1163); Honovere (1258); Honover (1441); H. (1502) - Burg (bis 1371) und Stadt - Hzm. Braunschweig-Lüneburg (Linie Lüneburg) - Res. seit 1636. - D, Niedersachsen, Landeshauptstadt.
Die jüngst vorgeschlagene Deutung, die overe schlicht als Erhöhung und konkret als Geestrücken interpretiert und das überwiegend überlieferte hon als hagen-Form auffaßt, stößt auf sprachl. Bedenken und ergibt auch keinen rechten Sinn. Das Argument, wonach honovere gar nicht an einem hohen Ufer läge, verfängt nicht, da der Flußverlauf mit viel tiefer gelegenem Flußbett ein anderer war als heute.
II.
Das flachhügelige hochwasserfreie Gelände der Altstadt H. lag auf einem Geestrücken am rechten Ufer der Leine, für einen Flußübergang äußerst günstig, weil hier die Natur die ansonsten bis zu 2 km breite Flußaue auf knapp 500 m eingeengt hatte. Die Siedlung konnte sich wg. ihrer naturgegebenen Lage zu einem wichtigen Umschlagplatz für den Handel v. a. mit Getreide entwickeln. Zw. 1124 und 1141 hatte Gf. Hildebold von Roden inmitten alten ehemaligen billung. Besitzes das 1150 erstmals genannte Hanovere gegr. Als Heinrich der Löwe hier 1163einen Hoftag abhielt, war die Oberherrscharft über die Stadt offenbar an ihn übergegangen, wofür auch das Patrozinium der seit 1149 erbauten St.-Aegidien-Kirche spricht. Die Stadtbefestigung aus der zweiten Hälfte des 12. Jh.s, ein 12 m breiter und mind. 2,50 m hoher Sandwall, dem ein 5 m breiter Graben vorgelagert war, entspricht der Herrschaftspraxis Heinrichs des Löwen. Bei der Landesteilung des Jahres 1202 erscheint H. als oppidum im Besitz Pfgf. Heinrichs, der hier auch die Münzprägungen seines Vaters fortführte. Zugl. muß H. an Gf. Konrad von Roden verlehntworden sein. Das doppelte Herrschaftsverhältnis scheint problemlos gestaltet gewesen zu sein. Die von Gf. Konrad II. von Roden seit 1227 erbaute Burg Lauenrode, die den alten Herrenhof in der Altstadt (Burgstraße) als Herrschaftssitz ablöste, wurde vom Pfgf. Heinrich mit einer St.-Gallus-Reliquie für die Burgkapelle bedacht. Burgmannenhöfe zu Füßen der Burg bildeten den Kern der nach und nach entstehenden Neustadt H. In der Vogtei Lauenrode wurden die Erwerbungen zusammengefaßt, die den Welfen zw. 1245 und 1260 im Gebiet um H. gelangen.
Das von Otto dem Kind privilegierte H. - eine Gründung der Gf.en von Roden, die schon im frühen 13. Jh. endgültig von den Welfen verdrängt worden waren - entwickelte (städt. Statuten seit 1303) wie alle größeren Städte des Hzm.s eine weitgehend autonome Ratsverfassung. Nachdem 1241 bereits ein Rat erwähnt worden war, ist das älteste Sigillum burgensium in Honovere aus dem Jahre 1255 überliefert. Wg. des Ausbaus der Stadtbefestigung kam es 1297 zu bewaffneten Auseinandersetzungen zw. Bürgern und Hzg. Wenn H. dann 1357 das Befestigungsrecht erhält, so liegt das auf demWeg eines schrittweisen Aufkaufs stadtherrl. Rechte durch den Rat, der 1293 die Münze an sich bringt (die Münzherrenämter gehören seitdem zu den Spitzenämtern der Ratsverfassung) und 1348 den Wortzins, die hzgl. Grundsteuer erwirbt (die landesfsl. Patronatsrechte an den Pfarrkirchen konnte die Stadt bis auf das der Kreuzkirche allerdings nicht aufkaufen). Die polit. Situation des Jahre 1471 nutzten die Bürger aus, indem sie die welf. Burg Lauenrode vor ihrer Stadt zerstörten. Seitdem hatten die Hzg.e ebensowenig wie in → Lüneburg keine Eingriffsmöglichkeiten in die Stadt mehr.Versuche, H. mit Gewalt einzunehmen, scheiterten. H., um 1500 eine Stadt von etwa 5 000 Einw.n, die bis 1670 eigene Münzen prägte, war selbständiges Mitglied der sächs. Städtebünde des ausgehenden MA (erst 1549 wurde dieses Bündnisrecht zugunsten landesfsl. Obrigkeit eingeschränkt). Als die Bürger 1533 die Reformation durchsetzten, hatte der nominelle Stadtherr, der altgläubige Erich I. von Calenberg, keine Möglichkeit, im Verein mit dem ebenfalls altgläubigen, nach → Hildesheim auswandernden Patriziat, diese Entwicklung aufzuhalten. Wie im 15. weigerte sich H. auch im16. Jh., zu den Landessteuern beizutragen.
Es war der Druck der Kriegszeit, der es Hzg. Georg 1636 ermöglichte, in H. sein Hoflager aufzuschlagen und die Stadt am 16. Febr. formell zu seiner Residenzstadt zu erheben. Dabei scheint die Wahl der Stadt allein aus milit. Erfordernissen erfolgt zu sein, lag sie doch dem Kriegsgeschehen näher als → Lüneburg. Für Hzg. Georg, den Sieger der Schlacht von Hessisch-Oldendorf, waren die milit. Gegebenheiten des Tages wichtiger als die der Tradition. Immerhin signalisiert die Erhebung H.s zur Residenzstadt auch den Beginn einer welf. Friedenspolitik, die auf Neutralität selbst um den Preisbedacht war, daß man bei den Friedensverhandlungen nicht als gleichberechtigter Partner teilnehmen konnte.
III.
Von der 1371 zerstörten Burg Lauenrode, die von den ursprgl. Stadtherren, den Gf.en von Roden angelegt worden war, konnten nur 1,5 m starke Grundmauern erschlossen werden. Das von Hzg. Georg 1635 bezogene Hoflager war das ehemalige Franziskanerkl., dessen Ausbau zum »Leineschloß« erst Kfs. Ernst August ausgangs des 17. Jh.s in Angriff nahm.
Literatur
Dringenberg, Bodo: Abschied vom »Hohen Ufer«. Der Name Hannovers, in: Hannoversche Geschichtsblätter. NF 53 (1999; erschienen 2001) S. 5-75. - Geschichte der Stadt Hannover, 1992. - Hauptmeyer, Carl-Hans: Die Residenzstadt Hannover im Rahmen der frühneuzeitlichen Stadtentwicklung, in: NdSächsJbLG 61 (1989) 61-85. - Hauptmeyer, Carl-Hans: Die Residenzstadt, in: Geschichte der Stadt Hannover, 1992, S. 137-264. - Müller, Siegfried: Die Bürgerstadt, in:Geschichte der Stadt Hannover, 1992, S. 67-136. - Plath, Helmut: Namen und Herkunft der Gafen von Roden und die Frühgeschichte Hannovers. NdSächsJbLG 34 (1962) S. 1-32. - Plath, Helmuth: Die Frühgeschichte, in: Geschichte der Stadt Hannover, 1992, S. 11-66.