HALLE C.3.
I.
Halla (806, 1064); Halle (1108); Hallo (1154); Hallis (1156) - Stadt - Erzstift Magdeburg; Ebf. von Magdeburg - Schloß St. Moritzburg (Name seit 1504) an der Saale in der nordwestl. Ecke der Stadt; errichtet seit 1484; bezogen 1503; seit ca. 1509 vornehml. Res. des Ebf.s; 1637 zerstört - Neues Gebäude (»Residenz«) an der Saale südl. der Moritzburg; errichtet 1531-39/40; Res. des Administrators August 1643 bis 1680. - D, Sachsen-Anhalt, Reg.bez. Halle, Kr. H.(Saale).
II.
H. liegt am Mittellauf der Saale rechts des Flusses im slaw. Gau Neletici in ebener Landschaft. Westl. der Stadt verzweigt sich die Saale in mehrere flache Arme, die im MA einen problemlosen Übergang ermöglichten. Das Gebiet um H. befand sich seit 961 im Besitz des Magdeburger Moritzkl.s und ging mit diesem 968 an das neuerrichtete Ebm. Magdeburg über. Auch kirchl. gehörte H. seither zur Erzdiöz. Magdeburg. Der Archidiakonat H. war seit 1121 mit der Augustiner-Chorherrenstift Neuwerk nördl. der Stadt verbunden.
Die Stadt H. verdankt ihre Entstehung und ihren Namen der Salzgewinnung, die im Gebiet um H. und → Giebichenstein schon in vorgeschichtl. Zeit nachweisbar ist. Ursprgl. in erzbfl. Besitz, lag die Bewirtschaftung der Saline spätestens seit dem 13. Jh. bei den sog. Pfannern, die als Lehns- oder Afterlehnsleute des Ebf.s das alleinige Recht dazu besaßen.
Der Name H. erscheint erstmals zum Jahr 806, als Kg. Karl d. J., Sohn Karls des Großen, einen Kriegszug ins Slawenland unternahm und dabei u. a. ein Kastell am östl. Ufer der Saale ad locam, qui vocatur Halla errichten ließ. Allerdings stammt die nächste Erwähnung erst aus dem Jahr 1064. Die erste städt. Siedlung scheint sich im Anschluß an die Saline entwickelt zu haben. Die entscheidende Entwicklung der Stadt vollzog sich im 12. Jh., als eine planmäßige Erweiterung angelegt wurde und auch die ersten städt. Organe erscheinen: belegt ist seit 1145 einSchultheiß. Das seit 1235 bezeugte Schöffenkollegium wurde offenbar bald von den seit 1258 belegten consules auf richterl. Befugnisse beschränkt. Einen Meilenstein in Richtung Autonomie der Stadt bildete ein Vertrag mit dem Ebf. aus dem Jahr 1263, in dem u. a. die Zahl der Solbrunnen auf vier festgeschrieben wurde und der Ebf. darauf verzichtete, in und innerhalb einer Meile um die Stadt eine Befestigung zu errichten.
Das Ende der weitgehenden Unabhängigkeit H.s vom Landesherren bahnte sich in den langanhaltenden Streitigkeiten des 15. Jh.s an. Durch Aktivierung der eigenen Rechtstitel und durch ein geschicktes Ausnutzen eines innerstädt. Konfliktes konnte unter Ebf. Ernst von Sachsen schließl. erreicht werden, daß am 20. Sept. 1478 die Stadt durch ebfl. Truppen besetzt wurde. Folge dieser Unterwerfung war neben Einschnitten in der Selbstverwaltung seit 1484 die Errichtung einer erzbfl. Burg in der nordwestl. Ecke der Stadt. Diese wurde seit etwa 1509 zum bevorzugten Aufenthaltsort des Erzbischofs undlöste damit die Burg → Giebichenstein nördl. von H. ab. Bevorzugt wurde H. auch unter Ernsts Nachfolger Albrecht von Brandenburg, der den Ausbau der Res. v. a. durch die Errichtung eines Stiftes sowie den Bau eines Stadtpalastes und den Neubau der Marktkirche betrieb. Für Spannungen zw. dem Ebf. und der städt. Bürgerschaft sorgte die Tatsache, daß sich letztere seit den zwanziger Jahren mehr und mehr der Reformation zuwandte. Die Ausbreitung der Reformation im Erzstift und in den Nachbarterritonen sorgte, verbunden mit der chron. Verschuldung Albrechts, schließl. dafür, daß sichder Ebf. 1541 aus H. zurückzog und fortan im Erzstift → Mainz residierte. Das Residenzstift wurde aufgelöst, die reiche Sammlung an Reliquien und Kunstschätzen, soweit sie nicht verkauft wurde, nach → Aschaffenburg verbracht. Zurück in H. blieb die ebfl. Verwaltung, insbes. Rat und Kanzlei.
Unter den späteren Ebf.en und Administratoren blieb H. bevorzugte Res., doch blieb eine baul. Gestaltung weitgehend aus. Die Administratoren Joachim Friedrich (1566-98) und Christian Wilhelm (1598/1608-28) aus dem Hause → Brandenburg bevorzugten als persönl. Aufenthaltsort neben H. v. a. → Wolmirstedt, doch blieb die Verwaltung des Territoriums in H.
III.
Das ebfl. Schloß St. Moritzburg wurde, ohne an einen Vorgängerbau anzuknüpfen, von 1484 bis 1503 errichtet. Der Grdr. umfaßt ein unregelmäßiges Viereck, dessen Ecken durch vier starke Rundtürme geschützt wurden. Der Hauptzugang befand sich anfangs an der Nordseite, seit den 1530er Jahren an der Ostseite von der Stadt her. Als erzbfl. Wohnung diente der zur Saale hin liegende Westflügel in seinen oberen beiden Geschossen. Nach S zu befanden sich zwei größere Repräsentationssäle, während die eigentl. Wohnräume des Ebf.s offenbar im nördl. Teil zu suchen sind,getrennt von den Sälen durch eine got. Innentreppe.
Im Nordflügel ist ledigl. die Kanzleikammer bezeugt; möglicherw. ist auch die ebfl. Bibliothek hier zu suchen. Östl. der Durchfahrt befindet sich die 1509 vollendete Marien-Magdalenen-Kapelle, eine dreischiffige got. Hallenkirche mit umlaufender Empore. Wie der Westflügel und der westl. Nordflügel war auch sie in das Verteidigungswerk einbezogen. In einem Gewölbe innerhalb der Kapelle befand sich das ebfl. Archiv. Die zur Stadt hin gerichteten Seiten im O und S besitzen keine Randhausbebauung.
Außerhalb der Burg wurden seit 1536 verstärkte Befestigungsanlagen begonnen, von denen der heutige Jägerberg nördl. der Burg einen letzten Rest darstellt. Östl. der Moritzburg vorgelagert lag innerbalb der Stadt seit den 1520er Jahren der Marstall, der in der zweiten Hälfte des 17. Jh.s als Ballhaus genutzt wurde.
Den geistl. Mittelpunkt der Res. bildete seit 1520 das Kollegiatstift St. Mauritii et Marie Magdalene ad Sudarium Domini in der ehemaligen Klosterkirche der Dominikaner, die 1520 bis 1523 dazu umgebaut worden war. Äußerl. versehen mit einem Kranz von Renaissancegiebeln, hatte die got. Hallenkirche im Innern insbes. durch einen Zyklus von Pfeilerfiguren der Mainzer Bildhauers Peter Schro und einen Zyklus von Altarbildern des Cranachschülers Simon Pranck, deren Inhalt die Passion Christi war, eine reiche Innenausstattung erhalten. Zur Ausstattung der Stiftskirchegehörte auch die reiche Sammlung von Reliquien und Kleinodien, die Ebf. Albrecht aufgebaut hatte. Zur ebfl. Grablege, wie es Albrecht geplant hatte, wurde die Kirche infolge seines Rückzuges aus H. nicht mehr. Über einen Gang auf der Stadtmauer war die Stiftskirche mit der Moritzburg verbunden.
Unmittelbar südl. der Stiftskirche entstand seit 1531 auf dem ehemaligen Gelände des städt. Hospitals mit dem sog. Neuen Gebäude ein erzbfl. Stadtpalast. Die Bauarbeiten wurden seit 1533 von Andreas Günther geleitet. Das Gebäude, das zw. Saale und Stadt ein unregelmäßiges Viereck bildete, wurde am Ende der dreißiger Jahre nur notdürftig fertiggestellt und vom Ebf. nicht mehr bezogen. Nach dem Rückzug Albrechts wurde hier die Kanzlei untergebracht. Nachdem die Moritzburg im Dreißigährigen Krieg 1637 zerstört worden war, wurde es unter dem Administrator August von Sachsen (1628/35-80) zurRes. hergerichtet Der heutige Gebäudebestand ist stark durch Veränderungen des 19. Jh.s geprägt Die Kanzlei erhielt im 17. Jh. ein Gebäude am Domplatz gegenüber der Res.
Quellen
Denkwürdigkeiten des hallischen Ratsmeisters Spittendorff, hg. von Julius Opel, Halle 1880 (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete, 113). - Dreyhaupt, Johann Christoph von: Pagus Neletici et Nudzici oder [...] Beschreibung des [...] Saal-Creyses, 2 Tle., Halle 1749-50. - Urkundenbuch der Stadt Halle, ihrer Stifter und Klöster, bearb. von Arthur Bierbach, 3 Tle., Magdeburg u. a. 1930-1957 (Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete, N.R.10.20; Quellen zur Geschichte Sachsen-Anhalts, 1-2).
Literatur
Delius, Walter: Die Reformationsgeschichte der Stadt Halle a. S., Berlin 1953 (Beiträge zur Kirchengeschichte Deutschlands, 1). - Hertzberg, Gustav Friedrich: Geschichte der Stadt Halle a. d. Saale von den Anfängen bis zur Neuzeit, 3 Bde., Halle 1889-93. - Hunikken, Rolf: Halle in der mitteldeutschen Plastik und Architektur der Spätgotik und Frührenaissance bis 1550, Halle 1936 (Studien zur thüringisch-sächsischen Kunstgeschichte, 4). - Hunicken, Rolf:Geschichte der Stadt Halle, Tl. 1: Halle in deutscher Kaiserzeit, Halle 1941. - Krause, Hans-Joachim: Albrecht von Brandenburg und Halle, in: Erzbischof Albrecht von Brandenburg, 1991, S. 296-356. - Redlich 1900. - Scholz 1998. - Schönermark, Gustav: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Halle und des Saalkreises, Halle 1886 (Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen. NF 1). -Schultze-Gallera, Siegmar: Topographie oder Häuser- und Strassen-Geschichte der Stadt Halle a. d. Saale, Bd. 1: Altstadt, Halle 1920. - Schultze-Gallera, Siegmar: Geschichte der Stadt Halle: Das mittelalterliche Halle, 2 Bde., Halle 1925-29. - Tacke, Andreas: Der katholische Cranach. Zu zwei Großaufträgen von Lucas Cranach d. Ä., Simon Franck und der Cranach-Werkstatt (1520-1540), Mainz 1992 (Berliner Schriften zur Kunst, 2).