GOTHA C.2.
I.
775: villa Gothaha, seit 1168 G. Der Ortsname bedeutet wohl »gutes Wasser«, obschon wg. Wassermangels der - 1369 unter Lgf. Balthasar vollendete - 30 km lange Leinakanal gebaut wurde, der Wasser aus dem Thüringer Wald heranschaffte und der auch eine Mühle am Schloßberg speiste. Der im Stadtsiegel erscheinende hl. Godehard (Gotthard) dürfte eher dank volksetymolog. Namensdeutung gewählt worden sein als aufgrund bes. enger Beziehungen zu → Hersfeld (trotz dem Königszehnt des Kl.s 775) oder → Hildesheim. Vielmehr war G. bis ins15. Jh. mainz. Lehen. Eine zw. 1180-89 entstandene Urk. nennt G. civitas. Als solche ist sie eine Gründung der Lgf.en von Thüringen aus dem Hause der → Ludowinger, die in der Nähe G.s die Schauenburg und ihr Hauskl. Reinhardsbrunn samt Grablege, gestiftet 1085, besaßen. Die Stadt erhielt das Eisenacher Stadtrecht.
G. war eine der Res.en der Lgf.en von Thüringen und, nach deren Aussterben 1247, der wettin. Mgf.en von → Meißen, zeitweilig auch Witwensitz (1324-59 Mgf.in Elisabeth, Wwe. Friedrichs des Freidigen [oder: mit der gebissenen Wange], »Domina in Gotha«), nach der Leipziger Hauptlandesteilung 1485 der ernestin. Kfs.en bzw., nach 1547, Hzg.e. Alleinige Res. wurde G. erst nach Gründung des Hzm.s G. 1640/41 (Haus Sachsen-G.[-Altenburg] bis 1825, 1826-1918 eine der beiden Res.en der Linie Sachsen-Coburg und Gotha). Die städt. Ansiedlung ist im Anschluß an die schon für Anfang des12. Jh.s zu vermutende Burg entstanden, möglicherw. planmäßig angelegt worden. Die Bevölkerung kam u. a. aus sechs nahegelegenen Dörfern, die im späten MA allmähl. wüst wurden. - D, Thüringen, Landkr. G.
II.
G. liegt auf einer Hochfläche, dem Thüringer Becken, nördl. des Thüringer Waldes, auf einer mittleren Höhe von 310 m ü. d. M. Der Schloßberg, ein Kalkfelsen, erhebt sich 331 m hoch und beherrscht die Umgebung nach allen Richtungen. An seinem Fuß zieht sich die alte Fernstraße von Frankfurt am Main und → Eisenach nach Erfurt und → Leipzig, die Via regia. Weniger bedeutsam war die N-S-Straße von Ohrdruf und dem Thüringer Wald Richtung Mühlhausen und weiter nach Hamburg. Die das spätere Hzm. berührenden Flüsse Werra und Unstrut haterst Ernst der Fromme von 1648 an (erfolglos) zu erschließen versucht.
Ob 775 ein Königshof auf dem Schloßberg stand, ist unsicher; eine dörfl. Ansiedlung (Hersdorf) mit der ältesten Kapelle St. Wolfgang wird an dem Bach Wiegwasser vermutet. Der älteste Teil der Stadt erstreckte sich zw. Brühl (Straße → Eisenach-Erfurt), in dem Lgf. Ludwig IV., der Gemahl der hl. Elisabeth, ca. 1223-26 das Spital Mariae Magdalenae stiftete (1231 den Lazariten, nach deren Auflösung 1489 den Johannitern gehörig), und der Jüdengasse bzw. dem Schloßberg. An dessen Fuß stand die älteste Pfarrkirche, die Marienkirche (1344 an die aus Ohrdruf übersiedeltenAugustiner-Chorherrn übertragen, 1530 bei der Neubefestigung der Burg abgerissen). In der Jüdengasse befand sich das Zisterzienserinnenkl. zum hl. Kreuz, das 1251 vor das Brühler Tor zog und den Augustiner-Eremiten Platz machte. Der erste, der Alte Markt lag an der Einmündung des Brühls in den heutigen Hauptmarkt, mit der Jakobskapelle. Dort stand auch am Platz des heutigen Rathauses das Kaufhaus. Im O reichte die Stadt bis zur Querstraße, daran schloß sich im 13. Jh. eine Neustadt (1428 Nennung des Neuen Marktes) mit der zweiten Pfarrkirche, St. Margarethen.
G. gehörte zu den fünf thüring. Waidstädten und exportierte Färberwaid bis in die niederländ. und andere Hansestädte, in die Lausitz und nach → Nürnberg. Andere Handelsartikel waren v. a. Getreide, ferner Holzerzeugnisse aus dem Thüringer Wald (1411 Holzmarkt auf dem oberen Hauptmarkt). Die Lgf.en haben mind. von Ludwig II., also von der Mitte des 12. Jh.s an, bis Ludwig IV. (gefallen auf dem Kreuzzug 1227) in G. Münzen (Brakteaten) geschlagen, ab 1340 wurde die Münze immer wieder an die Stadt verpachtet, seit 1425 prägten die Kfs.en wieder selbst (G.er Pfennige undGroschen).
Ein landesherrl. Schultheiß als Vorsitzender des städt. Gerichts kommt 1250, Schöffen kommen 1253 vor, Ratsherren 1256 und Ratsmeister (später Bürgermeister) als städt. Amtsträger 1286. Im 14. Jh. wirkten auch die Amtleute der Pflege (des Amtes) G. als Gerichtsvorsitzende. Das Schöffen- war mit dem Ratskollegium identisch. Ein neues Rathaus wird 1344 erwähnt. Die Forderung der Handwerker nach Mitwirkung an dem von den Ratsgeschlechtern beherrschten Stadtregiment wurde durch die Stadtrechtsreformation Kfs. Friedrichs des Weisen 1488 insoweit erfüllt, als Vier von der Gemeinde,die Vierherren, das Finanzgebaren des Rats kontrollieren sollten, darin vom Rat allerdings nach Kräften behindert wurden.
Die Lgf.en weilten immer wieder in G. Hermann I., der Freund der Minnesänger, starb hier 1217. Albrecht der Entartete, der Sohn des ersten wettin. Landesherrn G. (Heinrich des Erlauchten), hielt sich öfters in G. auf, brachte aber durch seine andauernden Konflikte mit seiner Familie und dem Kg. Unheil über die Stadt. Auf die G.er Burg, für die erstmals 1316 der Name Grimmenstein gen. wird, entführte Friedrich der Freidige (Albrechts Sohn) seine Braut Elisabeth. Später als Wwe. in G. residierend, holte sie 1344 die Ohrdrufer Chorherrn, auch als Domherren bezeichnet, nach G., die alsBeichtväter und Notare dienten. Die nunmehrige Stiftskirche St. Marien, wie sie einer Res. zukam, wurde allerdings nicht zur Grablege. Von der Silberkammer in Elisabeths Res. ist ein Inventar erhalten, das älteste wettin. solcher Art. In G. hatte sie Friedrich den Ernsthaften geboren, der als Lgf. gern selbst G. anstelle seiner Mutter übernommen hätte. Als seine Schwester Elisabeth von ihrem Gemahl, Lgf. Heinrich II. der Eiserne von Hessen, fälschl. des Ehebruchs geziehen wurde, suchte sie bei ihrer Großmutter in G. Zuflucht. Sein Sohn Friedrich der Strenge aber erwählte G. zu seinerHauptres., was es auch unter der Herrschaft seines Bruders, des bereits genannten Balthasar, blieb, der G. bes. förderte. Mehrere Mitglieder von dessen G.er Hofstaat sind namentl. bekannt. Daß der Hofstaat umfangr. war, zeigt sich daran, daß sich die Stadt G. 1376 vom Lgf.en zusichern ließ, seine Diener nicht von städt. Abgaben und Diensten zu befreien. Balthasars Sohn Friedrich der Friedfertige bevorzugte, bei aller Förderung G.s, doch → Weimar, ein Trend, der sich fortsetzte; er war der letzte Lgf., der sich in Reinhardsbrunn beisetzen ließ. G. spielte in der Folgezeit alsRes. bis 1640 kaum noch eine Rolle. Die Burg Grimmenstein wurde 1530 neu befestigt, nach dem Schmalkaldischen Krieg geschleift, 1552-53 wiederhergestellt. 1564 ließ sich hier Hzg. Johann Friedrich der Mittlere nieder, der dem geächteten Wilhelm von Grumbach Zuflucht gewährt hatte und damit eine Katastrophe auslöste, die mit der vollständigen Zerstörung der Veste 1567 endete. Erst 1643-54 wurde an ihrer Statt von Hzg. Ernst dem Frommen ein frühbarockes Residenzschloß mit dem programmat. Namen Friedenstein neu errichtet. Bei dessen Bau wurden einige Spolien vom Grimmenstein wiederverwendet,insbes. kfsl. Wappen.
Schloß Friedenstein ist eine regelmäßige Anlage in Hufeisenform. Die Burg Grimmenstein dagegen hatte polygonalen Grdr. das Hauptgebäude enthielt Wohnräume, einen Saal, Zeughaus, Stallungen, ferner die Küche, als Anbauten werden das Backhaus, das Brau- und Malzhaus sowie das Zimmerhaus gen. Im Hof befanden sich ein Brunnen und zwei Zisternen. Eine Schloßkapelle hatte Mgf.in Elisabeth, die Domina in G., errichten lassen; sie stiftete auch eine Kaplanei. Auf den Ansichten der Belagerung 1567 tritt ein großer Turm hervor, dessen Bekrönung, der vergoldete »Turmfähndrich«, als Kriegsbeutenach → Dresden geschafft worden sein soll.