Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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FREIBERG C.2 / C.7.

I.

Vriberge (1195); Friberch (1218); Vriberg (1319); Freiberg (1466). Der Name ist eine Zusammensetzung aus dem Grundwort -berg und dem mhd. Bezugswort vri und erklärt sich aus einer »Siedlung am freien Berg«. Das heißt, gegen eine Abgabe an den Regalienbesitzer konnte jedermann die Konzession nach Erzen zu schürfen erlangen. Am NW-Ende der durch eine Stadtmauer vereinigten histor. Siedlungsteile kann die histor. Burglokalisiert werden mit dem heutigen Schloß Freudenstein. F. ist die Vereinigung älterer Siedlungsschichten zu einer Rechtsstadt um 1185 durch den Mgf.en von → Meißen, nachdem auf der Flur der Vorgängersiedlung Christiansdorf Silbererz gefunden wurde. Die Stadtherrschaft wechselte mehrfach, ehe die Wettiner nach 1315 unangefochten ihre Rechte durchsetzen konnten. Mit der Leipziger Teilung von 1485 fiel sie an die Albertiner. Heute Kreisstadt des gleichnamigen Kreises. Nebenres. der Albertiner ab 1503, die ab der zweiten Hälfte des 16. Jh.s im F.er Dom ihre Familiengrablegeeinrichteten. - D, Sachsen, Reg.bez. Chemnitz, Kr. F.

II.

Im Zuge der Kolonisation durch den Wettiner Mgf. Otto den Reichen dürfte nach 1156 auch Christiansdorf entstanden sein. Als 1168 auf der Flur, die gemäß der 1162 erfolgten Gründungsdotation an das Zisterzienserkl. Altzella nunmehr zu dessen Grundherrschaft gehörte, silberhaltige Erze entdeckt wurden, tauschte er 1185 mehrere Dörfer vom Kl. wieder ein, um die Rechtsstadt gründen zu können. Sie sollte die vorgezeichneten frühstädt. Strukturen kanalisieren, die sich nach der Ansiedlung wohl durch Goslarer Bergleute (daher Sächsstadt, civitasSaxonum) und einem Marktgeschehen in der kaufmänn. Siedlung bei der Nikolaikirche herausbildeten.

Schon um 1175 dürfte die Burg am NW-Ende des ma. Stadtgrundrisses errichtet worden sein, um die mgfl. Rechte zu sichern. Als ca. 1215 eine Stadtmauer um die einzelnen Siedlungskomplexe, wozu auch noch das Burglehen um die ca. 1180 erbaute Marienkirche zu zählen ist, gezogen wurde, war auch äußerl. das 1218 erstmals urkundl. benannte F. als einheitl. Stadt hergestellt.

Das Interesse am ökonom. Reichtum durch die ergiebigen Silberfunde mit dem prosperierenden F. als Zentrum sowie wettin. Familienstreitigkeiten führten 1195 zur Einziehung der Mgft. → Meißen als erledigtes Reichslehen durch Kg. Heinrich VI. F. erklärte er zur Reichsstadt. Auch → Adolf von Nassau gelang es rund 100 Jahre später (1296), die Stadt einzunehmen und so die Wettiner erneut zu verdrängen, nachdem sich namentl. Mgf. Heinrich der Erlauchte zw. 1265 und 1271 häufig auf der Burg aufhielt. Die Wettiner konnten erst 1317 ihre Herrschaft konsolidieren und behieltendie Stadt fortan in gemeinsamer Hand. Dies führte zu einer grotesken Situation, daß F. nach mehreren Landesteilungen 1381 für kurze Zeit fünf Stadtherren hatte: Baltasar, Wilhelm I., Friedrich IV., Wilhelm II. und Georg. Erst 1454 kam es zur Teilung der Burg zw. Kfs. Friedrich II. und Hzg. Wilhelm III. Nach der Teilung von 1485 fiel F. an die albertin. Linie und als Hzg. Heinrich der Fromme resigniert seine friesländ. Ansprüche an seinen Bruder abtrat, wählte er F. als Sitz der ihm zugewiesenen Ämter F. und Wolkenstein. F. war damals die größte sächs. Stadt mit über 5000 Einw.n.Hier wurden 1521 und 1526 seine Söhne Moritz und August geboren, die die Kurwürde für die Albertiner erwarben und sicherten. Noch für Hzg. Heinrich entwarf der F.er Stadtphysikus und viell. auch spätere Bürgermeister Ulrich Rülein von Calw die Bergstadt Marienberg auf schachbrettartigem Grdr. F. erfuhr eine neue Aufwertung, als der Dom zur Familiengrablege umfunktioniert wurde und Schloß Freudenstein fortan bei den feierl. Begräbnisumzügen die kfsl. Familie beherbergte.

Eine städt. Selbstverwaltung hat es offenbar von Beginn an gegeben, denn bereits 1227 tritt der gesamte Rat unter der Bezeichnung »die 24 der Stadt« auf, was zu einer Verdrängung des mgfl. Stadtvogtes geführt hat. Dieses Selbstbewußtsein verdeutlicht auch das Stadtsiegel, welches Mauer, Tor und Türme führt. 1244 wird erstmals die mgfl. Münze erwähnt, die von einem Münzmeister, zuständig für sämtl. finanzielle Transaktionen der Mgft., geleitet wurde und der auf der Burg residierte. Schließl. verlegte Kfs. August die Münze 1556 nach → Dresden. Der Niedergang des Bergbausdrängte allmähl. auch F. an die Peripherie sächs. Städtewesens.

III.

Über die Baumaßnahmen in der Zeit Heinrichs des Frommen sind wir nur schlecht unterrichtet, obgleich Modernisierungen stattgefunden haben müssen, die der aus einem Doppelkastell bestehenden Anlage ihren wehrhaften Charakter nahm, wie letztl. auch der 1525 erstmals bezeugt Namenswandel zu »Schloß Freudenstein« erkennen läßt. Belegt ist auch eine kostspielige Hofhaltung Heinrichs. So ließ er sich prunkvolle Geschütze nach Entwürfen Lucas Cranachs anfertigen. Heinrich wurde auf seinen persönl. Wunsch hin in F. begraben.

Erst seine Söhne, die allerdings nicht in F. ihre Prinzenerziehung erfahren hatten, gestalteten die Anlage um. So erfahren wir über Kfs. Moritz von Anweisungen an den Landbaumeister Caspar Vogt von Wierandt über eine geplante Modernisierung der Schloßanlage. Die Realisierung ließ freilich auf sich warten und erfolgte erst ab 1566 auf Weisung seines Bruders und Nachfolgers Kfs. August. Die Arbeiten standen unter der Leitung des Landbaumeisters Hans Irmisch und der Oberaufsicht des florentin. Architekten Rochus Guerini Gf. von Lynar. 1579 war das Vorhaben weitgehend beendet.

Auch wenn Schloß Freudenberg nur den Charakter einer Nebenres. aufweisen konnte, so liegt seine Bedeutung alsbald in der veränderten Perspektive albertin. dynast. Denkens: Der F.er Dom wurde nun durch bewußte Abkehr von der kathol. Tradition in → Meißen zur neuen, nunmehr luther. begründeten, Familiengrablege ausgebaut. Viell. hatte der Wunsch Hzg. Heinrichs des Frommen, in F. begraben zu werden, den Blick auf diese Stadt gerichtet, in dessen Kathedrale schon zw. 1560-63 das sog. Moritzmonument, das erste monumentale Freigrab sächs. Provenienz im Renaissancestil, aufgestelltwurde. Nach seiner manierist. Umgestaltung zw. 1589-94 durch Giovanni Maria Nosseni hat die Kirche jedenfalls über 30 protestant. Mitglieder der Fürstenfamilie aufgenommen.

Das Schloß dagegen behielt auch nach seiner Umgestaltung seinen Grdr.: eine rechtekkige vierflügelige Anlage umgibt einen großen Innenhof (Neuer Schloßhof); vor dem Ostflügel liegt der Alte Schloßhof, ein von mehreren Wirtschaftsgebäuden und einem Amtshaus nebst Gefängnis umrahmter Hof. Jener Doppelkomplex dürfte in seinen Grundzügen noch die ma. Maße wiedergeben, wobei dann offenbar der östl. Teil (Alter Schloßhof) unvollendet blieb. Bei Grabungen im Neuen Schloßhof fand man Fundamente eines Turmes, der als ma. Burgfried zu identifizieren ist.

Die künstler. Ausgestaltung des Umbaus im 16. Jh. nahmen die Maler Heinrich Göding, Erhart Gaulrappe und Hans Schröer sowie der Holzbildschnitzer Georg Fleischer vor. Die Steinmetzarbeiten oblagen Andreas Lorentz. Der geplante Schloßgarten wurde allerdings nie ausgeführt. Der Zugang führt an der Südseite über Brücken zum Hauptportal mit Wappenkartusche hin. Der Nord- und der Ostflügel des Neuen Schloßhofkomplexes sind hohe fünfgeschossige Flügel, dagegen fallen die niedrigeren Gebäudekomplexe im S und W merkl. ab. Das westl. Gebäude flankieren dreieckig hervorspringende Türme. Der Ostflügelbeherbergte ursprgl. die Schloßkapelle - ein hoher Saal mit Kreuzgratgewölbe.

Von dieser Formgebung im Inneren der Anlage zeugen nur noch das große Treppenhaus im Nordflügel sowie Reste des Torhauses im südl. Flügel, da schwerste Verwüstungen sie im Siebenjährigen Krieg beschädigten. Vom Schnitzaltar des Georg Fleischer haben sich so nur noch Reste der Bekrönung erhalten.

Quellen

Möller, Andreas, Teatrum Chronicum Freibergense, Freiberg 1653. - CDSR II, 12-14, 1883, 1886, 1891.

Douffet, Heinrich/Gühne, Arndt: Die Entwicklung des Freiberger Stadtgrundrisses im 12. und 13. Jahrhundert, in: Schriftenreihe des Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg 4 (1982) S. 15-40. - Gurlitt, Cornelius: Der Bau des Freiberger Schlosses »Freudenstein«. Mit Grundriß. Ein Beitrag zur Geschichte der Renaissance in Sachsen, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 15 (1878) S. 1397-1428. - Hingst, Carl: Herzog Heinrich's und seiner GemahlinKatharina Hofhaltung in Freiberg, in: Mitteilungen des Freiberger Altertumsvereins 10 (1873) S. 881-896. - Geschichte der Bergstadt Freiberg, hg. von Hans-Heinrich Kasper und Eberhardt Wächtler, Weimar 1986. - Stadt Freiberg. Bd. 1: Berichte (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland), hg. von Yves Hoffmann und Uwe Richter, Freiberg 2002.