FISCHHAUSEN C.3. (Primorsk)
I.
Schonewik (erstmals 1268), seit ca. 1320 Vischhausen, Wyshusyn, Fischawszen, Bischoeshusen u. ä.; 32 km westl. von → Königsberg; ca. 1297 bis zur Säkularisierung des Deutschordenslandes i. J. 1525 Hauptres. der Bf.e von Samland. - RUS, Oblast Kaliningrad.
II.
Die ehemalige Stadt F. liegt in der histor. Landschaft Samland, am Ufer des Frischen Haffes. Strateg. war diese Stelle weniger bedeutend als jene an der Durchfahrt durch die Nehrung von der Ostsee in das Haff. Bf. Heinrich Strittberg (1254-74) trat daher 1264 sein Landstück an diesem Tief zur Erbauung der Burg Lochstädt an den → Deutschen Orden ab und erhielt dafür den Ort, an dem er die Errichtung seines Kathedralsitzes plante. Erstmals namentl. gen. wird er vier Jahre später, als der Bf. Land zu einem Teil gegen Zins, zum anderen Teil alsBurglehen ausgab mit der Verpflichtung, innerhalb der Burgfreiheit des castrum Schonewik zu wohnen und dieses im Kriegsfall zu verteidigen. Nach dem Ausbau der Anlage in Stein wurde 1294 das neu gegründete Domkapitel ebenfalls in Schönwik angesiedelt. Auch als es vom → Deutschen Orden schon zwei Jahre später das Patronat über die Pfarrkirche in Altstadt-Königsberg erhielt und dorthin verlegt wurde, schritt der Ausbau Schönwiks voran. 1297 urkundete Bf. Siegfried von Regenstein (1296-1310) erstmals in dem Ort, nachdem er in domo nostra Schonewikemit Landmeister Meinhard von Querfurt einen Tauschvertrag ausgehandelt hatte, um seinen Besitz am Frischen Haff ausdehnen zu können. 1299 bestellte er vier Lokatoren und gab die erste Handfeste für die Stadt aus, die die ganze Ordenszeit hindurch die einzige im Territorium der samländ. Bf.e blieb. Der Status von Schönwik als Residenzstadt kommt in der Urk. allein durch die Abgrenzung städt. und bfl. Nutzungsrechte sowie durch Einschränkungen der städt. Gerichtsbarkeit gegenüber der bfl. familia zum Ausdruck. Mit wenigen Abweichungen wurde die Handfestei. J. 1305 erneuert. Im Ständekrieg von 1454 bis 1466 huldigten Bf. und Stadt 1454 gemeinsam mit dem Preußischen Bund dem poln. Kg., traten im April 1455 aber wieder zum Orden über. Daraufhin kam es mehrfach zu Plünderungen F. durch die Städte Danzig und → Elbing. Bei der großen Brandschatzung i. J. 1462 ging auch die Handfeste verloren, und 1475 ließen sich Vertreter der Stadt diese von Bf. Johann Rehwinkel (1474-97) durch eine neue Ausfertigung ersetzen.
III.
Die nach 1263 mit Hilfe des → Deutschen Ordens errichtete Holz-Erde-Befestigung wurde ab ca. 1280 durch einen gemauerten Bau ersetzt. Es entstand in enger Anlehnung an die Burg → Königsberg eine rechteckige wehrhafte Anlage mit Vor- und Hauptburg, in deren Zentrum das vierflügelige Haupthaus errichtet wurde. Die gesamte Ordenszeit hindurch muß F. repräsentatives Zentrum der bfl. Landesherrschaft gewesen sein, auch wenn darüber nur wenige schriftl. Zeugnisse vorliegen. Nach der Säkularisierung des Ordenslandes übergab Bf. Georg vonPolentz (1519-24) das Schloß an Hzg. Albrecht, der es zu seinem Sommerschloß ausbauen ließ. Starke baul. Mängel sind bereits für das frühe 17. Jh. belegt, und zur Zeit der schwed. Besatzung von 1627 bis 1635 ging vermutl. ein Großteil des Inventars verloren. 1701 begannen die Niederlegungsarbeiten zur Gewinnung von Baumaterial für die Seefestung Pillau, Abriß und Verfall setzten sich im 18. und 19. Jh. kontinuierl. fort. Nach weiteren Zerstörungen der Burg im Zweiten Weltkrieg sind heute nur wenige Mauerreste von ihr erhalten geblieben. Alle Rekonstruktionsversuche der ma. Anlage sind daherauf die überlieferten Pläne und Ansichten aus dem 17. und 18. Jh. angewiesen, von denen der Grdr. des holländ. Ingenieurs Johann De Kemp aus dem Jahr 1603 das älteste und zugl. zuverlässigste Zeugnis ist (abgebildet bei Clasen 1927, S. 162). Die Anlage grenzte im S direkt mit der Umfassungsmauer der Vorburg an das Frische Haff. Flankiert wurde die Mauer an der Küste durch zwei Wehrtürme an beiden Ecken der Befestigung. Im W grenzte der Mühlgraben die Burg von der Stadt ab, über den eine Brücke durch eine Einfahrt in den annähernd quadrat. Hof der Vorburgführte. Dieser war zu drei Seiten von Wirtschaftsgebäuden umgeben und nach N hin durch den Hausgraben begrenzt. Über eine Brükke erfolgte der Zugang zur Hauptburg. Das vierflügelige Haupthaus schloß direkt an die nördl. Umfassung der Gesamtanlage an. Im Südflügel befand sich die Durchfahrt zum Innenhof. An der Südwestecke des Gebäudes stand ein Turm auf quadrat. Grdr., doch die Gesamtanlage beherrschte ein hoher Uhrturm. Der verzerrten und sonst wenig aussagekräftigen Ansicht des Ingenieurs John von Collas aus den Jahren vor 1713 zufolge stand dieser an der Westseite der Befestigung zumMühlgraben hin zw. Vor- und Hauptburg. Vollkommen wertlos für die Rekonstruktion der Anlage ist ein Holzstich von Christian Hartknoch aus seiner Geschichte Preußens von 1684, der eine sehr freie Ansicht von Burg und Stadt F. zeigt. Fehlerhaft ist auch eine Zeichnung von J. M. Giese von 1826, auf der Vorburg und Hauptburg vertauscht dargestellt sind.
Über die einzelnen Räumlichkeiten des mit Erd-, Haupt- und Speichergeschoß dreistöckigen Haupthauses liegen nur sehr vereinzelte Nachrichten vor. Zu den Zimmern der bfl. Kammer zählten eine 1416 genannte kleine Privatkapelle und eine 1497 erwähnte camera aestivalis. In ihnen wurden u. a. wichtige Geschäfte getätigt und Teile des samländ. Kirchenschatzes aufbewahrt. Aus den Jahren 1526 und 1528 haben sich zwei ausführl. Inventare erhalten (EM 34h Nr. 105). Etwa 30 der in ihnen genannten Räumlichkeiten können dem Haupthaus zugeordnet werden, von denen am ehesten dieFunktions- und Wirtschaftsräume bereits in bfl. Zeit als solche bestanden haben dürften, also die Kanzlei, die - bereits 1522 in einem Brief erwähnte - Bernsteinkammer, die alte Rüstkammer sowie die alte Hofstube - also der ordenszeitl. Remter -, das Backhaus, der Keller (mit gesonderter Schenkkammer), die Küche, die Speisekammer, der Söller (Kornspeicher) sowie wohl in Nebengebäuden bzw. in der Vorburg das Brau- und Malzhaus und die Ställe mit den Kammern der Halbdiener. Außerdem listet das Inventar von 1526 die Kammern und Gemächer von Hofbeamten und -bediensteten auf, die -außer im Fall des Kornschreibers und des Kellerknechts - auch bereits für die Bischofszeit nachgewiesen sind: die des Vogts, des Hausmeisters und des Kaplans. Im östl. Teil des Südflügels lag die Schloßkapelle. Sie wird 1321 zum ersten Mal urkundl. erwähnt, jedoch deuten zwei aus ihr stammende Konsolen, die sich bis 1944 in der Sammlung des Königsberger Schlosses befanden (abgebildet bei Clasen 1927 S. 163), eher auf eine Datierung in die Mitte des 14. Jh.s hin. Die St.-Annen-Kapelle hatte vier Joche mit einem Kreuzrippengewölbe, westl. von ihr schlossen sich einVorraum und mehrere ungewölbte Räume an. Außerdem befand sich in dem Südflügel des Haupthauses, der durch seine spätere Nutzung als Amtshaus und Wirtschaftsgebäude vor der Zerstörung zu Beginn des 18. Jh.s bewahrt wurde, das Gefängnis. Der wirtschaftl. Versorgung des bfl. Hofes diente neben den bereits genannten Gebäuden und Räumlichkeiten auch die Schloßmühle. Sie wurde in der ersten Hälfte des 14. Jh.s auf dem Gelände des Schlosses errichtet, während eine erstmals 1297 erwähnte Wassermühle vor den Toren der Stadt lag und bis ins 15. Jh. hinein nur zur Hälfte in bfl. Besitz war. Eine umfangr.Viehwirtschaft wurde in dem suburbium des Schlosses sowie in dem 1326 erstmals genannten rund 8 km östl. davon gelegenen Hof Kobbelbude betrieben.
Quellen
Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin: 20. Hauptabteilung (ehem. SA Königsberg): Bestände des Ordensbriefarchivs (OBA), der Ordensfolianten (OF) und des Etatsministeriums (EM). - Regesta historico-diplomatica Ordinis S. Mariae Theutonicorum, 1-2, 1948-73. - Urkundenbuch des Bisthums Samland, 1891.