EUTIN C.3.
I.
Utin (= Siedlung des Uta); Uthine; Oitin; E. (Marktflecken ab 1143, lüb. Stadtrecht seit 1257). Stadt am Großen Eutiner See in Ostholstein; zentraler Ort des ehemaligen Fsm.s Lübeck; Kollegiatstift (ab 1309); Fbm. (ab 1586); Hauptstadt des Fsm.s Lübeck (ab 1803); Hauptstadt des oldenburg. Landesteils Lübeck (ab 1919); Kreisstadt E. (ab 1937); Kreisstadt des Kreises Ostholstein (seit 1972).
Res. der Bf.e von Lübeck von etwa 1310 bis 1803, der Bischofssitz blieb jedoch Lübeck (ab 1586 Fbf. Hzg. von → Schleswig- → Holstein- → Gottorf; ab 1774 Hzg. bzw. ab 1815 Großhzg. von Oldenburg, ab 1803 Fs. zu Lübeck). Wasserburg ab dem 12. Jh., Schloß seit dem 17. Jh. - D, Schleswig-Holstein, Kr. Ostholstein.
II.
Im Zuge der dt. Ostkolonisation wurde in der ersten Hälfte des 12. Jh.s das zum Bm. Oldenburg/Holstein gehörende, bis dahin slaw. besiedelte Gebiet holländ. Siedlern zur Verfügung gestellt. Das fruchtbare, hügelige und an Seen reiche Ostholstein bot günstige Voraussetzungen für Ackerbau und Fischzucht. 1143 wurde E. Marktflecken und entwickelte sich zögerl. zu einem regionalen Mittelpunkt für Handel und Gewerbe.
Heinrich der Löwe belehnte 1156 Bf. Gerold (1154-63) mit Land im Umkreis des Marktfleckens E. Auf einer an drei Seiten von Wasser und Sumpf umgebenen, topograph. ideal gelegenen, erhöhten Halbinsel entstand fortan der Bischofshof. In die ersten Jahrzehnte des 13. Jh.s fiel der Bau der dreischiffigen St. Michaelis-Kirche und 1257 erhielt E. lüb. Stadtrecht. Bis heute wird das Stadtbild E.s durch die histor. gewachsene Zusammengehörigkeit von Res., Markt und Kirche geprägt.
E. wurde in dieser Zeit bfl. Wohnsitz, während der Amtssitz in Lübeck verblieb. Der Lübecker Bf. übte in der Hansestadt keinerlei polit. Macht oder Grundherrschaft aus, er residierte in E. und kam nur zu kirchl. Festen und Synoden nach Lübeck.
Schon im späten 13. Jh. und in einer zweiten Phase nach der Lockerung des Befestigungsverbotes um 1340 verbesserte man den Schutz der Stadt durch gezielte Ausweitung des Grabens und Anlage eines Palisadenzaunes; zwei Tore kontrollierten den Zugang zur Stadt. Mauern und Wehrtürme fehlten allerdings völlig, was sich mit dem Fortifikationsverbot erklären läßt. Eine Stadtansicht E.s von N aus der Zeit vor 1598 (Oitinense oppidulum et Episcopi Lubecensis sedes, Kupferstich 17,5 × 48,4 cm, Landesbibliothek Schleswig-Holstein, Kiel, abgedruckt in:Braun/Hogenberg, Bd. 5, 1617, S. 34) zeigt noch im wesentl. den Zustand des 14. Jh.s. 1492; 1569 und dreimal im Laufe des 17. Jh.s verwüsteten Brände Teile der Stadt.
Die Reformation hatte nach 1535 die Umwandlung des Hochstifts zum evangel. Fbm. zur Folge. Ab 1586 waren die Hzg.e von → Schleswig- → Holstein- → Gottorf (jüngere Linie) gleichzeitig Fbf.e von Lübeck und damit Herrscher in E. Sie förderten verstärkt den Ausbau von Schloß und Stadt um den Erfordernissen einer angemessenen Hofhaltung genügen zu können.
Die Vergrößerung des Schlosses und Anlage eines prächtigen formalen Schloßgartens fand zur Zeit des Barock in der ersten Hälfte des 18. Jh.s seinen Höhepunkt, während die Stadt nach der Entfestigung sich v. a. im 19. Jh. maßgebl. nach S und W erweiterte. Im Zuge der Säkularisierung wurde das Fbm. 1803 in das weltl. Fsm. Lübeck umgewandelt, das seine eigene Verwaltung behielt, aber mit dem Hzm. Oldenburg i. O. verbunden blieb.
III.
Über die frühesten Gebäude der Kurie ist nichts bekannt. Das erste steinerne Haus der Bf.e von Lübeck in E. entstand zur Zeit des Johannes III. von Tralau (1260-76) um 1270. Für den weiteren Ausbau der Res. war im frühen 14. Jh. v. a. Burkhard von Serkem (1276-1317) verantwortl. Dieser erweiterte das bestehende Haus um einige Anbauten sowie eine Kapelle und befestigte es mit Ringmauer und Graben. Bf. Johannes IV. Muel (1341-50) baute den Hof vor der Mitte des 14. Jh.s zu einer Wasserburg aus; aufgrund der Quellenlage lassen sich über eineAusweitung der Anlage in der zweiten Hälfte desselben Jh.s keine Aussagen treffen. Ab 1420 entstanden unter den Bf.en Johannes VII. Schele (1420-39) und Nikolaus II. Sachau (1439-49) Back- und Braubaus, Mühle, Pferdestall und Torgebäude mit Turm neu.
Auch in den Jahrzehnten nach 1470 fanden Umbau- und Reparaturarbeiten sowie Erweiterungen der Residenzanlage statt. V. a. Albert II. von Krummendiek (1466-89) verbesserte den Wehrcharakter der Burg, indem er sie mit einer Mauer umgab und zwei Türme hinzufügte. Um 1500 wurde durch Bf. Dietrich II. Arndes (1492-1506) das 1486 verpfändete, inzw. teilw. verfallene Schloß wieder eingelöst und instand gesetzt. Über bedeutende Baumaßnahmen in der folgenden Zeit ist nichts bekannt, im Gegenteil: mit den Wirren der Reformationszeit ging eine Besetzung durch holstein. Adlige und den dän. Kg. sowiedie Verwahrlosung der Res. einher.
Erst den Bf.en Johannes IX. Tiedemann (1559-61) und Eberhard II. von Holle (1561-86) gelang es nach 1560, das E.er Schloß wieder aufzubauen. Der bereits oben gen. Kupferstich gibt einen Eindruck vom Zustand des Gebäudes nach diesen Erneuerungsmaßnahmen. Dargestellt ist eine wehrhafte Burganlage, deren vier ganz unterschiedl. Flügel sich um einen Innenhof gruppieren: Torhaus, Kavalierhäuser, ein durch schmückenden Treppengiebel und zahlr. Schornsteine hervorgehobenes Gebäude sowie zugehörige Wirtschaftsgebäude lassen sich deutl. erkennen.
Der erste Gottorfer Fbf. Johann Adolf (1586-1607) und sein Nachfolger Johann Friedrich (1607-34) ließen ab etwa 1600 die Anlage erneut grundlegend sanieren. Nacheinander wurden die Türme aufgestockt und die Flügel aus- und umgebaut. Zur Neugestaltung gehörte auch die Anlage eines Renaissancegartens und ab 1620 in Folge des Dreißigjährigen Krieges eine zeitgemäße Befestigung des Schloßgebietes.
Nach dem letzten großen Stadtbrand von 1689, der auch auf das Schloß übergriff, fand ab 1716 ein durchgreifender Umbau unter dem Fbf. Christian August (1705-26) statt (Abb. siehe Schulze 1991, S. 184). Die weitaus wichtigste Veränderung erfuhren das Schloß und der zugehörige Garten in der ersten Hälfte des 18. Jh.s. Das E.er Schloß ist heute, nicht zuletzt wg. seines Erhaltungszustandes, neben dem → Gottorfer das bedeutendste Bauwerk eines Landesherrn in Schleswig-Holstein.
Quellen
LA Schleswig-Holstein, Abt. 260: Regierung des Bistums/Fürstentums/Landesteils Lübeck zu Eutin (Findbuch Nordmann/Prange/Wenn 1997); Abt. 268: Lübecker Domkapitel (Findbuch Prange 1975); Abt. 269: Kollegiatstift Eutin 1565-1804 (Findbuch als Typoskript, Schleswig 1976); Abt. 400 IV: Handschriften des Bistums Lübeck (Findbuch als Typoskript, Schleswig 1993). - Oldenburgisches Privatarchiv SchloßEutin.
Literatur
800 Jahre Dom zu Lübeck, Lübeck 1973 (Schriften des Vereins für Schleswig-Holstein. Kirchengeschichte, Reihe I, 24). - Aye, Heinrich: Aus Eutins vergangenen Tagen. Eine Vortragsreihe in zwei Bänden, Eutin 1891-92. - Braun/Hogenberg 1572-1618. - Braunfels, Wolfgang: Lübeck-Eutin, in: Die Kunst im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, hg. von Wolfgang Braunfels, 6 Bde., München 1980, hier: Bd. 2. Die geistlichenFürstentümer, S. 375-384. - Kiel-Eutin-St. Petersburg. Die Verbindung zwischen dem Haus Holstein-Gottorf und dem russischen Zarenhaus im 18. Jh. Politik und Kultur, 2., durchges. Aufl., Heide 1987 (Schriften der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek, 2). - Kollmann 1901. - Nordmann, Gertrud/Wolfgang Prange/Konrad Wenn. Findbuch des Bestandes Abt. 260. Regierung des Bistums/Fürstentums/Landesteils Lübeck zu Eutin, 4 Bde., Schleswig 1997 (Veröffentlichungen desSchleswig-Holsteinischen Landesarchivs, 50-53). - Peters, Gustav: Geschichte von Eutin, 2., erw. Aufl., Neumünster 1971. - Prange 1975. - Prange 1987. - Prühs, Ernst-Günther: Geschichte der Stadt Eutin, Eutin 1993. - Röpcke, Andreas: Das Eutiner Kollegiatstift im Mittelalter 1309-1535, Neumünster 1977 (Quellen und Forschungen zur Geschichte Sehleswig-Holsteins, 71). - Rudloff, Diether: Die mittelalterliche Bautätigkeit derLübecker Bischöfe am Eutiner Schloß, in: Nordelbingen 27 (1958) S. 56-66. - Schulze, Heiko K. L.: Schloß Eutin, Eutin 1991. - Schleswig-Holsteini- sche Kirchengeschichte, 2/2, 1978. - Thietje, Gisela: Der Eutiner Schloßgarten. Gestalt, Geschichte und Bedeutung im Wandel der Jahrhunderte, Neumünster 1994 (Studien zur Schleswig-Holsteinischen Kunstgeschichte, 17).