Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ESSEN C.4.2.

I.

Astnide (898); Asnide (947); Essende (1220) - Stadt - Reichsabtei E., Reichsäbtissinen von E. - D, Nordrhein-Westfalen, Kr. E.

II.

E., im lößbedeckten Nordabfall des rhein. Schiefergebirges, etwa 6 km nördl. der Ruhr gelegen, auf einem schildförmigen Buckel der Mittelterrasse zw. den Talsenken der Berne und der Limbecke, zwei südl. Zuläufen der Emscher (heute durch den Bergbau verschwunden). Hier trafen zwei der Straßen von → Köln, von S über die Ruhrübergänge in → Werden und Kettwig her kommend, auf den Hellweg, einen der Hauptverkehrswege des frühen MA zw. Rheinland (Aachen) und Elbe (→ Magdeburg). E. lag im Ebm. → Köln.

Die Einrichtung des claustrum fand in den späten 840er Jahren statt, sicher vor dem erst im ausgehenden 14. Jh. überlieferten sog. Gründungsdatum 852. Als Gründer galt schon im 10. Jh. der Hildesheimer Bf. Altfrid (851-72); vermutl. handelte er zusammen mit der ersten Äbtissin Gerswid, die eine nahe Verwandte gewesen sein dürfte. Zw. dem Tod des Bf.s in den 870er Jahren und 900 fand vermutl. der Übergang in den Schutz des Reichs statt. Kgl. Schenkungen an das Stift sind schon unter Äbtissin Adalwif (880?-95) belegt. Immunität und Exemtion werden nach dem großenStiftsbrand von 946 bestätigt. Der reiche Grundbesitz wurde bis zum 12. Jh. aus kgl. und privaten Schenkungen erworben. Durch die Arrondierung eines kleinen Territoriums im Umkreis von 3 km erlangte das Stift seit dem 13. Jh. den Status eines Rfsm.s. 1228 wird die Äbtissin erstmals princeps gen. Außerhalb des kleinen Territoriums erlangten sie nur in Huckarde (Dortmund) und Breisig Landesherrschaft. Die Säkularisation durch den Stiftsvogt, den Kg. von Preußen, erfolgte 1802/03.

Unmittelbar im N des Stifts entwickelte sich vom 10. bis 13. Jh. auf dem Gelände des stift. Viehofs eine Siedlung, die 1041 mit einem Jahrmarkt versehen und 1244 erstmals in einem Vertrag zw. Bürgern und Ministerialen über den Mauerbau als siegelführende Bürgergemeinde in Erscheinung tritt. Das Stift bildete fortan im südöstl. Viertel eine mit Mauerring eingefriedete Enklave (Stiftsfreiheit). Die Einwohnerzahl der Stadt bewegte sich vom 14. bis 18. Jh. zw. 2000 und 4000 Einw.n. Die Stadtherrschaft der Äbtissin wurde von der Stadt im 14. Jh. erfolgreich angefochten (1372/77 erkennt→ Karl IV. die Ansprüche sowohl des Stifts wie der Stadt an) und bis zur Säkularisation des Stifts 1802 nicht eindeutig geklärt. Eine formelle Huldigung der Bürger erfolgte nach 1337 nicht mehr. Die Bürgerschaft setzte in den 1560er Jahren die Reformation durch, die - mit kurzer Unterbrechung im Dreißigjährigen Krieg - bis zum 19. Jh. in der Stadt dominierte.

III.

Spätestens seit 966 waren die Haushalte von Äbtissin und Konvent getrennt, und die Äbtissin verfügt über eine eigene Wohnung in der Klausur. Während die Konventsgebäude von Beginn an im N der Klosterkiche lagen, wo sich heute noch der Kreuzgang befindet, ist die Res. der Äbtissin in den ersten vier Jh.en der Stiftsgeschichte nicht sicher lokalisierbar. Spätestens seit dem 13. Jh. hat sich die eigene Wohnung der Äbtissin im O der Stiftskirche befunden, ungefähr 8,50 m vom (got.) Chor entfernt. Der 1883 abgerissene Gebäudekomplex bestand aus einemälteren nördl. Bau, der etwa aus dem 13. Jh. stammte (ca. 13 m breit, 25 m lang) und einem direkt angrenzenden südl. Bau (12 mal 32 m), der die Jahreszahl 1658 trug. Im Nordbau befand sich über dem Erdgeschoß ein großer Saal von 23 m Länge, der unter Elisabeth von Beek (1426-45) als großer Saal an der Abteyen erneuert wurde und 1589 als Kaisersaal angesprochen wird. - Eine Kapelle der Äbtissin ist im »Testament« Theophanus (vor 1058) erwähnt. Sie könnte ident. sein mit der gleichzeitig bezeugten Pantaleons-Kapelle (1480 als capella sanctiPantaleonis in abbatia sita angesprochen, renoviert 1588). - Die Gräber der Äbtissinnen lagen in der Krypta und im Schiff der Stiftskirche.

Südl. an den jüngeren Abteitrakt anschl. befand sich das Kanzleigebäude. Eine erste Kanzlei ließ Elisabeth von Sayn (1578-88) errichten; sie wurde 1697 erneuert (1954/55 abgerissen).

Die Wirtschaftsgebäude des Stifts schlossen sich im NW und W an die Klausur an, die Wohnungen (Kurien) der Stiftsdamen und Kanoniker lagen im S und W der Stiftsimmunität. Das Haus des Stiftsvogts ist als Klevischer Hof erst im 16. Jh. bezeugt; es lag außerhalb der Stiftsimmunität, im südöstl. Viertel der Stadt.

Nebenres.en unterhielten die Äbtissinnen von E. seit dem 13. Jh., als die Stadt sich rechtl. emanzipierte und die Macht der Ministerialen zurückgedrängt wurde. Außer der »Kemenate« in (Burg-)Altendorf, wo die Äbtissinnen in der Burg der erbl. Stiftsdrosten seit dem Ende des 13. Jh. eine beheizbare Behausung unterhielt, ragt das Haus der Äbtissin in Borbeck heraus. Der Ort liegt in ca. 3 km Entfernung (nord-)westl. des Stifts. Dieser alte Oberhof in der stift. Güterverwaltung wurde 1288 von den Herren von Altendorf eingelöst, an die es verpfändet worden war. Seit 1309 urkundeten E.erÄbtissinnen auch auf Haus Borbeck. Von Katharina von der Mark (1337-60) berichten neuzeitl. Quellen, daß sie in Borbeck und Altendorf hoff gehalten habe. Zum Oberhof gehörte eine Pfarrkirche (Dionysius), eine Tochter der E.er Johannes-Pfarre, die ihrerseits von der Stiftskirche abhing, und Äbtissin Katharina wird 1348 bei der Stiftung einer zweiten Vikarie als deren Herrin (tamquam patrona) bezeichnet. 1372 ließ Äbtissin Elisabeth von Nassau den Freistuhl von E. in ihre »Burg« (castrum) Borbeck verlegen, um dasGericht dem Zugriff der aufsässigen Bürger zu entziehen. Münzprägungen der Äbtissinnen in Borbeck sind unter Sophia von Gleichen (1459-89) erstmals bezeugt. Im 15. Jh. wurde Borbeck die bevorzugte Res. der E.er Äbtissin und nahm zeitw. (etwa im ersten Äbtissinnenstreit 1426-36) auch den Damenkonvent auf. Äbtissin Sophia nahm hier 1459 in Gegenwart von Stadtrat und Vierundzwanzig ihre Amtseinführung vor. Borbeck wurde nun Mittelpunkt der »abteilichen Küchengüter«, die für die materielle Versorgung der Fürstäbt. zuständig waren. Elisabeth von Manderscheid-Blankenheim (1588-98) ließ das Hausnach schweren Verwüstungen durch span. Truppen 1592 und 1594 reparieren und wohnte nach dem wehrhaften Ausbau ständig dort. Im Dreißigjährigen Krieg erneut zerstört, ließ es Äbtissin Anna-Salome von Salm-Reifferscheidt (1646-88) bis 1656 von Grund auf neu errichten. Es umfaßte mit nur einem Obergeschoß, Vorhaus und Turm insgesamt nur wenige Räume. Der heute (in Grundzügen) erhaltene barocke Neubau stammt aus der Zeit Äbtissin Franziska Christines (1727-76). Für das 17. und 18. Jh. ist der Hin- und Hertransport der Möbel und des Geschirrs der Hofhaltung zw. E. und Borbeck bezeugt.

Äbtissin Franziska-Christine Steele ließ 1764-69 eine weitere Res. in Steele am Ostrand des Stiftsterritoriums errichten, kombiniert mit einer Waisenhausstiftung. Die barocken Gebäude entwarf der E.er Hofbaumeister Kees, der auch Schloß Borbeck errichtete, die Ausstattung der Kapelle stammt u. a. von Januarius Zick. Steele war schon im SpätMA ein bevorzugter Ort für Gerichtstage der Äbtissin geworden und hatte 1699 neben der Laurentius-Pfarrkirche ein Schloss auf der Lucht erhalten.

Allg. zu E. siehe den Art. B.4.2. E. - Gerchow, Jan: Vom Oberhof zur Residenz der Essener Äbtissin: »Haus« Borbeck im Mittelalter, in: Schloß Borbeck, 1999, S. 13-22. - Humann, Georg: Die ehemaligen Abteige- bäude zu Essen, in: Beiträge zur Geschichte von Stadt und Stift Essen 15 (1892) S. 77-85. - Junk, Heinz-K.: Essen, Altenbeken 1989 (Deutscher Städteatlas, Liefg. 4, 6). - Küppers-Braun, Ute: »Haus«und Schloß Borbeck in der Frühen Neuzeit (16.-18. Jh.), in: Schloß Borbeck, 1999, S. 23-40. - Rheinisches Städtebuch 1956, S. 154-166. - Zimmermann, Walther: Das Münster zu Essen, Essen 1956 (Die Kunstdenkmäler des Rheinlandes. Beih., 3), S. 150ff.