Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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ECHTERNACH C.4.1.

I.

Villa Epternacus, Epternacum (ursprgl. kelt. Suffix -iacum weist auf röm. Landgut hin, PN Epternus bezeichnet ehemaligen Besitzer), Echternach. Stadt am Unterlauf der Sauer gelegen, etwa 20 km westl. von → Trier. Der Ort bildete zusammen mit den umliegenden Dörfern den Kern der klösterl. Grundherrschaft; lag in der zur Gft. → Luxemburg (ab 1354 Hzm.) gehörenden Propstei Bitburg. Abtei (OSB), ab 697/98 bis zur Aufösung1794/97. - L, Kanton E.

II.

Im Tal der Sauer, am rechten Flußufer gelegen, an einer Querverbindung zw. zwei ehemaligen röm. Fernstraßen. Die Brücke über die Sauer geht vermutl. auf die spätröm. Zeit zurück. Die fruchtbaren Böden einer versandeten Talsohle des Sauerflusses am äußeren Randbereich des Ortes sowie die Ebene am linken Flußufer eigneten sich bes. für Ackerbau und Viehzucht. Intensive Weinwirtschaft (vermutl. auf die röm. Zeit zurückgehend) seit dem frühen MA nachgewiesen.

Die frühma. Siedlung knüpfte an die bis in die Mitte des 5. Jh.s belegten röm. Siedlungsstrukturen (villa, Kastell, vermutl. vicus) an. Ende des 7. Jh.s ist ein z. T. mit wiederverwendetem röm. Baumaterial errichtetes Dorf (villa) nachweisbar. Keimzelle der weiteren Entwicklung war die 697/98 gegründete Abtei St.-Willibrord. Markt und Jahrmarkt bestanden vermutl. seit Ende des 8. Jh.s. Zu diesem Zeitpunkt auch erste Hinweise auf eine Wallfahrt zum Grab des Klostergründers. Pfarrkirche St.-Peter-und-Paul erstmals 895-98quellenmäßig greifbar. Seit 992 Münzrecht, Prägetätigkeit jedoch nur bis in die erste Hälfte des 12. Jh.s belegt. Ein von der klosterinternen Infirmarie getrenntes Hospital erstmals 907/08 erwähnt. Bis Mitte des 13. Jh.s entwickelte sich ein dynam. Zentrum. Um 1200 ist eine differenzierte Gewerbestruktur faßbar (Textilgewerbe, Leder- und Eisenverarbeitung, Goldschmied). Zu dieser Zeit ist ebenfalls die Rede von einem Wall und von zwei Pforten. 1104/05 oppidum-Bezeichnung. Städt. Mauer aus Stein spätestens um die Mitte des 13. Jh.s. (ummauertes Areal 24 ha). 1207Dotierung und Bau eines neuen Spitals. Leprosorium ab 14. Jh. (1329). Der Aufschwung des urbanen Zentrums zeigte sich v. a. in der gemeindl. Entwicklung. Seit Ende des 12. Jh.s wird das Schöffenkolleg erwähnt, das 1236 gemeinsam mit dem Schultheißen als Vertreter der Bürger anläßl. der Vergabe des Freiheitsbriefes durch die Gf.in von Luxemburg auftrat. Ältestes Stadtsiegel 1239 bezeugt. 1236 wird auch ein Marktzoll gen.; Transitzoll erst 1462 belegt, im Zusammenhang mit fünf Jahrmärkten, die jedoch, mit Ausnahme des sog. Neumarktes, zw. dem 8. und dem 10. Jh. entstanden sein dürften. Wallfahrtzum Grab des Klostergründers seit dem 8. Jh. Ab 1242 ist neben der seit dem 8. Jh. existierenden internen Klosterschule eine äußere Schule (scolae exteriores) nachweisbar. Städt. Schule ab 60er Jahre des 15. Jh.s. Juden und Lombarden erstmals 1332 bezeugt. Klarissenkl. ab 1346.

In administrativer Hinsicht war die Stadt E. Bestandteil der Propstei Bitburg, wobei der Propst aber auch (bes. zweite Hälfte 14. Jh.) gelegentl. in E. wohnte. Die Pfarrei E., die ebenfalls die Dörfer im Umland (Steinheim, Osweiler, Lauterborn, Bech, Ferschweiler, Prümzurlay, Ernzen, Irrel, Menningen, Minden) umfaßte, gehörte zum Archidiakonat Kyllburg-Bitburg der Diöz. → Trier.

Bis in die Neuzeit hinein postulierte der ortsansässige Abt die Herrschaft über den im Schatten des Kl.s gewachsenen Ort. Spätestens seit dem frühen 13. Jh. strebte die größtenteils aus der Grundherrschaft herausgewachsene Bevölkerung in zunehmenden Maße nach Selbständigkeit. Dies zeigte sich bes. 1236 anläßl. der Vergabe des Feiheitsbriefes durch Ermesinde von Luxemburg an »ihre Bürger«, deren Vertreter (Schöffen, Schultheiß und Richter) sich in einer mehr oder weniger geschlossenen, mittels Nepotismus und Heiratspolitik die städt. Ämter monopolisierende Führungsschicht zusammenfanden.Wiederholt kam es zu Konflikten zw. den städt. Amtsträgern und dem Abt, insbes. in den 30er Jahren des 14. Jh.s und in der zweiten Hälfte des 15. Jh.s. Dabei ging es u. a. um fiskal. Fragen, das Weinrecht, den Bau einer städt. Mühle und die Einrichtung einer städt. Schule. Während der Abt versuchte, die alten Privilegien zu verteidigen, stützte sich die Bürgerschaft immer wieder auf den Landesherrn, der in seiner Eigenschaft als Vogt des Kl.s von außen in die Stadt hineingriff und den Ort in seine Landesherrschaft integrierte. Spätestens ab 1236 waren die Bürger mit landesherrl. Steuernbelastet. Ab 1336 waren Vertreter der Stadt anwesend bei »landespolitischen« Entscheidungen, somit waren sie an den Anfängen der Landständeversammlungen beteiligt.

III.

Über die Architektur der frühesten Abteigebäude ist nur sehr wenig bekannt. Nach neueren archäolog. Erkenntnissen lag die Abtei seit ihrer Gründung am Fuße des Felskegels, auf dem sich das ehemalige röm. Kastell befand und wo spätestens ab Ende des 9. Jh.s die Kirche St- Peter-und-Paul nachgewiesen ist. Das Kl. wurde in der Talniederung gebaut, an der Stelle, wo sich eine fränk. Siedlung entwickelt hatte, die z. T. mit wiederverwendetem röm. Baumaterial errichtet worden war. Kirche und Wohngebäude der ältesten Klosteranlage wiesen eineunterschiedl. Orientierung auf. Die Vorderfront des Kl.s war auf den Damm der Römerstraße Altrier-Bitburg ausgerichtet. Umbauten in karoling. und in otton. Zeit. Neubau nach dem Brand von 1016, dabei neue Orientierung von den Wohngebäuden zur Kirche (in etwa der heutigen Bausituation entspr.). Einfügung got. Bauelemente Mitte 13. Jh. und zweite Hälfte 15. Jh. Umbau und erste Elemente der Renaissanceornamentik unter Abt Robert von Monréal (1506-39). Abbruch der Klostergebäude - mit Ausnahme der Klosterkirche - und vollstängiger Neubau ab 1727. Nach den Plänen des lothring. ArchitektenLéopold Durand entstanden Wohnkomplex und Wirtschaftsgebäude im frz.-klassizist. Stil. 1735 entstand im Abteibezirk, im sogen. Prälatengarten, eine Orangerie, die aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls auf Léopold Durand zurückgeht. Unter den beiden letzten E.er Äbten Michael Horman (1751-75) und Emmanuel Limpach (1775-93) entstanden das Rokokobelvedere im Bereich des abteil. Gartens sowie die vom Barock geprägten, schloßähnl. Res.en von Lauterborn (etwa 2 km vom Kl. entfernt), Weilerbach (etwa 6 km von E. entfernt) und Dreis an der Salm. Die Klosterkirche wurde nach der Auflösung derAbtei im Zuge der Französischen Revolution weitgehend zerstört; Wohn- und Wirtschaftsgebäude wurden zweckentfremdet und umgebaut. Nach Restaurierung erneute Zerstörungen 1944/45. Wiederaufbau 1948-53, in enger Anlehnung an das lothringisch-klassizist. Vorbild des 18. Jh.s.

Die Raumaufteilung der ma. Klosteranlage bleibt weitgehend im dunkeln. Archäolog. und schriftl. Quellen geben ledigl. Aufschluß über die Existenz von Wohnkomplex (mit u. a. Refektorium und Dormitorium), Wirtschaftsgebäuden (u. a. Getreidespeicher, Mühle, Kelter, Backhaus) sowie Skriptorium, Schule, Bibliothek, Archiv (Neuordnung der Archivbestände um die Mitte des 15. Jh.s sowie in den 30er Jahren des 16. Jh.s) und Klosterinternes Hospital. Die Architektur von Kreuzgang und Kirche ist hingegen etwas näher erforscht worden. Der älteste Stadtplan E.s aus der Mitte des 16. Jh.s zeigt, daßdie gesamte Klosteranlage ummauert war. Der zw. Kl. und Sauer liegende Gemüse- und Obstgarten war, lt. schriftl. Zeugnissen aus dem 15. Jh., ebenfalls ummauert, wobei dieser Mauerabschnitt Bestandteil der Stadtmauer war.

Die den normativen Quellen zufolge vom Abt ernannten, in der Rechtspraxis jedoch zumeist durch Kooptation bestimmten städt. Schöffen hatten ihren Amtssitz in dem auf dem Marktplatz gelegenen Haus gen. »Dingstuhl«, das die Abtei 1374 gekauft hatte.

Quellen

Archives Nationales, Luxemburg, A 29, Abbaye Saint-Willibrord d'Echternach. - LHA Koblenz, 231, 15, Abtei St. Willibrord Echternach. - Urkunden- und Quellenbuch zur Geschichte der altluxemburgischen Territorien, 8-10,2, 1951-55.

Krier, Jean/Wagner, Robert: Zur Frühgeschichte des Willibrordus-Klosters in Echternach, in: Hémecht 37 (1985) S. 15-51. - Schmit, Michel: Die Bautätigkeit der Abtei Echternach im 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Geschichte des luxemburgischen Bauwesens im Barockzeitalter, Luxemburg 1970. - Staud/Reuter 1952. - Trauffler 1996. - Trauffler, Henri: Von der villaEpternacus zur Abteistadt, in: Abtei Echternach, 1999, S. 247-260.