DRESDEN C.2.
I.
Dresdene (1206), Dreseden (1216), Dresden (1324), Dresseden (1332), Dressen (1375), Dreßden (1383) (HONB I, 2001, S. 216f.); Burg und Stadt; Mark → Meißen, Hzgm. Sachsen, Kfsm. Sachsen; Burg/Schloß am nordwestl. Rand der Stadt; seit dem 13. Jh. Res. der Mgf.en von → Meißen, der Hzg.e und Kfs.en von Sachsen, um 1500 Beginn der Entwicklung zur Hauptres. der albertin. Hzg.e von Sachsen, ab 1547, mit derÜbertragung der sächs. Kurwürde auf die Albertiner, polit.-administratives Zentrum Kursachsens, ab 1806 Hauptstadt des Kgr.es Sachsen, ab 1920 des Freistaates Sachsen, 1952-90 Bezirkshauptstadt der DDR, seit 1990 wieder Hauptstadt des Freistaates Sachsen. - D, Sachsen, Reg.bez. D., kreisfr. Stadt.
II.
D. entstand inmitten einer Elbtalweitung auf einem Gelände, dessen Höhe bis zu 114 m ü. d. M. betrug. Außer der Elbe flossen auch deren Nebenflüsse Weißeritz, Prießnitz und der Kaitzbach durch das Siedlungsgebiet. Bereits im 13. Jh. ist eine Elbbrücke urkundl. bezeugt. Ihr genauer Entstehungszeitpunkt ist jedoch ungewiß. Innerhalb des ma. Landwegenetzes lag D. an der bedeutenden W-O-Handelsstraße, die von → Nürnberg über Sachsen und → Schlesien nach Krakau führte. In südl. Richtung verlief eine wichtige Straße nach Pirna, in nördl. einenach → Meißen. Mit seinem milden, gemäßigt-mitteleurop. Klima wurde D. in einem naturräuml. begünstigten Gebiet angelegt, dessen Umgebung neben Ackerbau und Viehzucht auch Weinbau, durch angrenzende Wald- und Heidegebiete zudem Forstwirtschaft und Jagd erlaubte. Außerdem boten die genannten Fließgewässer und einige die Stadt umgebende Seen günstige Bedingungen für Fluß- und Teichfischerei.
Im 12. Jh. war das Gelände, in dem die Stadt entstand, Teil des Gaues Nisan. Ab 1144 sind dort - anfangs jedoch mit größeren Lücken in der Überlieferung - wettin. Herrschaftsträger nachweisbar. Die älteste urkundl. Erwähnung D.s stammt aus dem Jahr 1206, die erste Bezeichnung als civitas findet sich 10 Jahre später.
Vermutl. zur Sicherung des Flußübergangs wurde am linken Elbufer eine Burg errichtet, deren Entstehung nach archäolog. Untersuchungen wohl in die zweite Hälfte des 12. Jh.s. fällt. Weiter östl. lag die Frauenkirche, die möglicherw. als Missionskirche gedient hat und deren Ursprünge sogar über die der Burg zurückreichen könnten. Trotz ihrer Lage vor den Mauern der Stadt, war sie bis zur Einführung der Reformation 1539 Parochialkirche des D.er Raumes. Erst durch eine Stadterweiterung im 16. Jh. wurde sie Teil der inneren Stadt. Obgleich der Frauenkirche rechtl. untergeordnet, war dieNikolaikirche, etwas zurückgesetzt am südöstl. Eck des alten Marktplatzes gelegen, die wichtigste Kirche der Bürgergemeinde. Bedingt durch eine intensive Kreuzverehrung kam es im 14. Jh. zu einem Wechsel des Patroziniums, aus der Nikolaikirche wurde die Kreuzkirche. Mit der Reformation wurde sie Hauptpfarrkirche und Sitz einer Superintendentur. Eng mit der Kreuzkirche verbunden war das Brückenamt, dem sowohl die Elbbrücke mit allen Herrschaftsrechten als auch die Verwaltung der Vermögenswerte der Kreuzkirche unterstanden. Am nordwestl. Rand der Stadt lag ein 1272 erstmalserwähntes Kl. der Franziskaner. D. gehörte zum Kreis der Städte mit Magdeburger Stadtrecht. Wahrscheinl. gegen Ende des 13. Jh.s etablierte sich ein Rat, das Amt des Bürgermeisters ist seit 1292 bezeugt. Ab 1471 nahm man Handwerker in das Ratskollegium auf. Die Niedergerichtsbarkeit erlangte die Stadt 1412, die Halsgerichtsbarkeit 1484. Das Stapelrecht wurde D. 1455 verliehen. Ein Brand vernichtete 1491 große Teile der Stadt. Hzg. Albrecht förderte den Wiederaufbau durch finanzielle Vergünstigungen, griff aber auch über Bauvorschriften in die Baugestaltung ein.
Am rechten Elbufer lag die lange eigenständige Siedlung Altendresden, die erst 1350 als antiqua Dressdin erwähnt wurde. 1403 erhielt der Ort von Mgf. Wilhelm I. Weichbildrecht, 1404 (oder wenig später) stiftete er dort ein Augustinereremitenkl. Altendresden besaß einen eigenen Markt und eine den Heiligen Drei Königen geweihte Pfarrkirche, die 1421 erstmals erwähnt und 1481 dem Augustinereremitenkl. übereignet wurde. 1549 wurde Altendresden auf Befehl des Kfs.en Moritz dem Rat der Stadt D. unterstellt. Renitente Altendresdner wurden durch Inhaftierung undStrafandrohung vom Landesherren zur Aufgabe des Widerstandes gezwungen. Der Status Altendresdens entsprach in der Folgezeit dem einer besseren Vorstadt. 1685 brannte der Stadtteil fast vollständig nieder und wurde als barocke Neustadt wieder aufgebaut.
Die Bevölkerung D.s ist vom späten 14. Jh. (1396: ca. 3600 Einw.) bis zum zweiten Drittel des 15. Jh.s durch Rückgang (1421: ca. 2500 Einw.), dann lange durch Wachstum gekennzeichnet (1489: ca. 4000 Einw.). Nur der Stadtbrand von 1491 konnte diese Entwicklung zeitweilig unterbrechen. Zw. ca. 1500 und 1600 hat die Bevölkerung rasch zugenommen (1603: ca. 15 000 Einw.), was sich nicht zuletzt in der Vergrößerung und Verdichtung der vorstädt. Besiedlung um D. niederschlug. Der Dreißigjährige Krieg dämpfte das Bevölkerungswachstum zwischenzeitlich, doch setzte sich die Expansion bald darauffort. Ab dem 16. Jh. ist eine zunehmende Ausrichtung der Wirtschaftsstruktur an den Bedürfnissen der Hofhaltung und Territorialbehörden erkennbar. Die sozialen Strukturen gewannen zunehmend residenzspezif. Konturen. Verflechtungen der Hof- und Stadtgesellschaft, die sich zunächst noch als zwei weitgehend getrennte Sphären gegenübergestanden hatten, lassen sich ab der Mitte des 16. Jh.s deutl. greifen; v. a. in Bürgerrechts- und Immobilienerwerbungen durch das fs. Personal, im Eintritt von höf. Beamten in den Kreis der ratsfähigen Familien sowie in ehel. und patenschaftl. Verflechtungen zeigtsich die wachsende Integration von Stadt und Hof.
III.
Wichtigstes Element der Residenzarchitektur war die Schloßanlage. Entwickelt wurde sie aus der bereits erwähnten Burg am nordwestl. Rand der Stadt. Frühe bauhistor. Zeugnisse sind rar und ihre Interpretation umstritten. Der erste sichere schriftl. Nachweis der Burg findet sich in einer Urk. Friedrichs des Kl. aus dem Jahr 1289, in der ein castrum Dresden erwähnt wird. Bei der ursprgl. Anlage soll es sich um einen rechteckigen Hof, umgeben von einer spätroman. Kemenate, Palas und Türmen gehandelt haben. Im 14. Jh. soll ein Umbau zur got.Burganlage erfolgt sein. Um 1400 wurde der Hausmannsturm als Eckturm, auf den ein Nord- und ein Westflügel zusammenliefen, errichtet. Ungefähr 1468-80 wurde der alte Bau zu einer geschlossenen Vierflügelanlage mit Torhaus auf der Südseite umgestaltet. Mit diesem Umbau wurde der Wehrcharakter zugunsten der Wohn- und Wirtschaftsbelange in den Hintergrund gedrängt. Hzg. Georg ließ das Schloß 1530-35 um den Georgenbau nach O erweitern. Nach Erlangung der Kurwürde leitete Moritz von Sachsen 1548 umfassende Um- und Ausbauten im Stil der Renaissance ein, die erst unter der Regentschaft seines BrudersAugust 1556 zum Abschluß gebracht werden konnten. Neu errichtet wurde der westl. Teil des Nordflügels mit Schloßkapelle, ein neuer Westflügel und der westl. Teil des Südflügels sowie drei Wendelsteine im Schloßhof. Umfangr. Umbauten erfuhren der Ostflügel mit dem als Riesensaal bezeichneten Festraum, der Schössereiturm, der Ostteil des Nordflügels mit dem Hausmannsturm und der östl. Südflügel mit dem alten Torhaus. Westl. vor dem Südflügel des Schlosses legte man 1576-77 einen Schloßgarten an. Kfs. Christian I. ließ das Schloß ab 1589 noch um den Kleinen Schloßhof mit neuemTorhaus nach S erweitern. 1594 wurde der Anbau fertiggestellt. Damit fand der Schloßbau in D. seinen vorläufigen Abschluß. Die einzige größere Veränderung, die danach bis 1650 noch erfolgte, stellt die Umgestaltung des Riesensaals in den Jahren 1627-33 dar.
Im Residenzschloß fanden neben Wohn- und Wirtschaftsräumen auch ab 1556 die Hofbibliothek (1574-86 nach Schloß Annaburg ausgelagert), die Kunstkammer (angebl. 1560 gegr.), die 1572 als »Geheime Verwahrung« erwähnte Schatzkammer (»Grünes Gewölbe«), die Silberkammer und die Schösserei ihren Platz.
1519-29 ließ Hzg. Georg einen Rempart um die Stadt errichten, der erstmals das östl. Vorstadtgebiet um die Frauenkirche in den Innenraum der Befestigungsanlagen einschloß und die Anlage des Neumarktes als zweiten großen Platz der Stadt ermöglichte. Unter Hzg. Moritz (ab 1547 Kfs.) begann man mit dem Bau frühmoderner Festungsanlagen nach niederländ., ursprgl. ital. Vorbild, durch welche die erhebl. Osterweiterung der Stadt fortentwickelt wurde. 1591 waren die umfassenden Baumaßnahmen weitgehend abgeschlossen. 1555 markierte man die Stelle, bis zu der die Arbeiten an den Festungswerken biszum Tod des Kfs. Moritz 1553 gediehen waren, mit dem Moritzmonument, einem Sandsteindenkmal, das im Zentrum die Weitergabe des Kurschwertes von Moritz an seinen Bruder August darstellt. Auf der Jungfernbastei der Festungsanlage schuf man ab 1590 ein Lusthaus, das die Verbindung von fortifikator. und repräsentativen Überlegungen beim Festungsbau bes. deutl. aufzeigt.
Innerhalb der Stadt errichtete man ab der Mitte des 16. Jh.s zahlr. Gebäude, die - separiert vom Schloß - Teile der Hofhaltung, Landesverwaltung und Regierung aufnahmen. Im O der Stadt, gelegen im durch die Erweiterung der Stadt hinzugewonnenen Areal, entstand 1559-63 das Zeughaus, in dessen Untergeschoß der Hofkeller seinen Platz fand. Ebenfalls im Erweiterungsgebiet wurde 1573 ein Wagenhof und 1589 ein Kufenhaus erbaut. Unweit des Schlosses entstand 1565-67 das Kanzleihaus, in dessen Westflügel 1581-90 auch die Hofapotheke untergebracht wurde, bevor sie an den südl. vom Schloßgelegenen Taschenberg verlegt wurde. 1586-91 wurde an der Westseite des Neumarktes ein Stallgebäude mit Rennbahn geschaffen, dem 24 Bürgerhäuser weichen mußten. In dem bes. repräsentativen Baukomplex richtete man auch Gästequartiere und die Rüst- und Harnischkammer ein. 1602 wurde die Kirche des in der Reformation aufgelösten Franziskanerkl.s - nachdem sie dem Hof zeitweilig als Speicher und Stall gedient hatte - als Sophienkirche neu geweiht. Fortan nutzte man sie als ev. Hofkirche und Begräbnisstätte für Teile des Hofpersonals. Im SO der Stadt, hinter der Kreuzkirche, fast diametral zumSchloß gelegen, erwarb der Hof 1571 ein Gebäude, in dem Christian I. bis zu seinem Herrschaftsantritt 1586 einen eigenen Haushalt führte. 1611 bezog seine 1591 verwitwete Gemahlin Sophie von Brandenburg das Gebäude. In einem Nebengebäude des aufgelösten Franziskanerkl.s wurde die Hofwäscherei untergebracht. Zw. dem Schloßgarten und dem Klosterareal lag die Hofbrauerei. Außerdem besaß der Hof in der Stadt eigens Gebäude für die 1548 begründete Kantorei, angeworbene Landsknechte sowie die Hofsattler und Hofriemer (Nachweis der Gebäude: 1585-95). Nördl. des Schlosses schuf man 1556 am Rand derFestungsanlage neue Werkstätten für die kursächs. Münze, ganz in deren Nähe befand sich ein Schmelzhaus. Außerhalb der Stadt betrieb man eine Pulvermühle. In Altendresden wurde 1568 auf dem Grund des 1546 abgerissenen Augustinereremitenkl.s der Gebäudekomplex des Jägerhofes erbaut. Erweiterungen erfolgten 1582 und 1611.
Quellen
CDSR I,A, 3, 1898; I,B, 1-4, 1899-1941. - Hasche, Johann Christian: Urkundenbuch zur Dresdner Geschichte. (Diplomatische Geschichte Dresdens von seiner Entstehung bis auf unsere Tage, 5,2), Dresden 1822. - HONB I, 2001, S. 216f. - Lehnbuch Friedrichs des Strengen, 1903. - Urkundenbuch des Hochstifts Meißen, hg. von Ernst Gotthelf Gersdorf, Leipzig 1864-67 (CDSR II, 1-3). - Urkundenbuch der Städte Dresden und Pirna, hg. von Karl Friedrich von Posern-Klett, Leipzig 1875 (CDSR II, 5).
Literatur
Butte, Heinrich: Geschichte Dresdens bis zur Reformationszeit, hg. von Herbert Wolf, Köln u. a. 1967 (Mitteldeutsche Forschungen, 54). - Dresden. Die Geschichte der Stadt. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, hg. vom Dresdner Geschichtsverein e. V., Dresden 2002. - Das Dresdner Schloß, 1992. - Gurlitt, Cornelius: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreiches Sachsen, Heft 21-23: Stadt Dresden, Dresden 1900-01. - Hennig,Gotthard: Verfassung, Wirtschaft und Sozial-Ökonomik der Landeshauptstadt Dresden unter der Regierung des Kurfürsten August von Sachsen, Offenbach 1936. - Löffler, Fritz: Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten, 14. Aufl., Leipzig 1999. - Meinhardt, Matthias: Die Erforschung der Geschichte Dresdens von den Anfängen bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Forschungsgeschichte, Literaturbericht und Bibliographie, in: Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege 39 (1997) S. 79-142. -Meinhardt, Matthias: Dresden im Wandel. Raum und Bevölkerung der Stadt im Residenzbildungsprozeß des 15. und 16. Jahrhunderts (in Vorbereitung). - Oexle, Judith: Die Stadtwerdung Dresdens aus Sicht der Archäologie, in: Dresdner Hefte 65 (2001) S. 13-21. - Richter, Otto: Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte der Stadt Dresden, 3 Bde., Dresden 1885-91. - Streich 1989. - Watanabe-O'kelly, Helen: Court Culture in Dresden.From Renaissance to Baroque, Basingstoke 2002. - Werner, Brunhild: Das kurfürstliche Schloß zu Dresden im 16. Jahrhundert, Diss. Univ. Leipzig 1970.