Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

DORPAT C.3. (Tartu)

I.

Dorpat (lat. Tarbatum, mnd. Darpt) liegt am rechten Ufer des Embachs zw. Würzsee (Wirzjärw) und Peipus. Es lag damit am Nordrand der estn. Landschaft Ugaunia, die in das Hochstift D. eingegliedert wurde. Die Res. befand sich in Stadtrandlage auf einer Anhöhe. Diese Funktion hatte D. seit 1224 und endete prakt. mit dem Russeneinfall 1558, rechtl. mit dem Übergang des überdünaschen Livlands an die Krone Polen 1561. - EST.

II.

Durch D. führten Handelswege von der Ostsee zu den russ. Stadtrepubliken Pleskau und Novgorod, die in hans. Zeit zunehmende Bedeutung hatten. Der Embach und der Peipus ließen sich dabei auch als Wasserweg nutzen. Die Blütezeit des Rußlandhandels brachte das 15. Jh., dessen Gewinnaussichten gelegentl. dazu führten, daß D. die Solidarität mit den anderen livländ. Mächten zurückstellte.

D. war eine frühgeschichtl. estn. Befestigung, die 1030 von den Russen erobert und Jurjew gen. wurde, ehe 1061 die Russen wieder vertrieben wurden. In den 1220er Jahren wurde Südestland von Bf. Albert und den Schwertbrüdern unterworfen, so daß nunmehr D. 1224 als bfl. Burg und bald auch als Res. von Bf. Hermann von Bekeshovede in Besitz genommen wurde. Hier entstand auch die Kathedrale und damit der Sitz des Domkapitels. In den folgenden Jahren entstand die Stadt, die polit. und wirtschaftl. Zentrum des Hochstifts wurde. Die Stadt bildete mit dem Domberg im W, der bfl. Burg im S und demEmbach im O eine Befestigungseinheit. In der Stadt entstanden außerhalb der bfl. Immunität die Stadtpfarrkirche St. Marien und die heute restaurierte ursprgl. Landkirchspielskirche St. Johannis. Kl. und Spitäler hatten weitere Kirchen. Das Hochstift war bei der Teilung der Diöz. zw. Bf. und Schwertbrüdern als geschlossenes Gebiet im O hervorgegangen.

Schon im 13. Jh. standen der bfl. Vogt und der Rat an der Spitze der städt. Verwaltung. Die Bürgerschaft war in Gilden und Zünfte gegliedert. Ein Bürgermeister ist erstmalig für 1326 belegt. Seit 1375 ist das Rigische Recht für D. nachweisbar, somit war der Rat von → Riga Appellationsinstanz für die städt. Gerichtsbarkeit. Hansestadt ist D. spätestens in den 1360er Jahren gewesen. Im 15. Jh. kämpfte die Stadt um eine Beteiligung an der Regentschaft im Hochstift. Dies gelang nach den Vasallen nur im begrenztem Maße.

Spannungen mit der Landesherrschaft wurden durch das zunehmende Streben der Stadt nach Mitsprache ausgelöst. Dies nahm im 16. Jh. zu, als die Bürgerschaft von der reformator. Bewegung erfaßt wurde, während die Bf.e altgläubig blieben und diesen Bekenntnisstand nur für die Bischofsimmunität bewahren konnten.

III.

Die im S der Stadt auf einer Anhöhe stehende Burg hatte mit ihren Umfassungsmauern einen längl. unregelmäßigen Grdr., in dessen östl. Teil das Haupthaus stand, an den sich westl. der Vorburgbereich anschloß.

Namen von Architekten und Künstlern, die den Bau und die Ausstattung der Burg ausgeführt haben, sind nicht überliefert.

Schriftl. Quellen sprechen dafür, daß eine erste bfl. Burg bereits 1234 fertig geworden ist. Nach einem Russeneinfall 1262 sind die Burg und die Stadtmauer weiter ausgebaut worden, wobei die Burg mit dem Wehrsystem der Stadt verbunden wurde. Am Ostende des Haupthauses wurde zu dessen Schutz ein runder Eckturm (»Bischofsturm«) hinzugefügt, der seinerseits nach außen hin durch einen kleinen Zwinger gedeckt wurde. Während des Nordischen Krieges wurden die Burg und auch die Stadtmauer stark zerstört, um 1765 wurden schließl. die Burgruinen abgebrochen.

Das Haupthaus stand auf der Anhöhe mit nach drei Seiten abfallenden Hängen, wo sich ursprgl. die estn. Burg befunden hatte und im 20. Jh. die Sternwarte stand. Das Gelände nötigte zu einem unregelmäßigen Grdr. Vom Haupthaus war im 20. Jh. außer dem sog. Pulverkeller nichts erhalten. Das Haupthaus hatte einen fast rechteckigen Grdr., grenzte an die Außenmauer und wurde nach O hin durch einen Rundturm mit einem davor befindl. Zwinger gedeckt. Das Haupthaus, das wohl auf den frühsten Bau der Bischofsburg zurückgeht, wurde im Laufe der folgenden Jh.e durch andere Gebäude um denBurghof ergänzt. Ein Abschnittsgraben trennte den Haupthausbereich von dem der Vorburg. Zur Verbindung wurde eine Steinbrücke gebaut. Der Abschnittsgraben wurde nach außen durch je einen Turm rechts und links geschützt. Zur Abwehr von Feuerwaffen wurde vermutl. im frühen 16. Jh. der breite, halbrunde »Weiße Turm« (»Weißes Rondell«) außen vor die Vorburg gesetzt.

Allein schon die Höhenlage der D.er Bischofsburg oberhalb der Stadt wird dieser Res. den Charakter von Herrschaftsarchitektur gegeben haben. Die Burg dürfte aber von der Kathedrale auf dem benachbarten Domberg an Eindrücklichkeit übertroffen worden sein, als diese gegen Ende des 15. Jh.s nach mehreren Umbauten ihre endgültige Gestalt als Hallenkirche mit Doppelturmfassade erhalten hatte.

Quellen

Liv-, Est- und Kurländisches Urkundenbuch I,1-12, 1853-1910; II,1-3, 1900-14; III,1-3, 1910-38.

Baltisches historisches Ortslexikon, 1, 1985, S. 53-56. - Burgenlexikon für Alt-Livland, 1, 1922, Nr. 20, S. 50-53; 2, 1922, Nr. 20. - Zur Geschichte der Deutschen in Dorpat, hg. von Helmut Piirimäe und Claus Sommerhage, 2. Aufl., Dorpat, 2000. - Rauch 1975. -         Tuulse 1942, S. 50-55.