Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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COLDITZ C.2.

I.

Cholidistcha (1046); Cullidiz (1103); Colidiz (1158); Coldiz, Koldiz (1168); Colditz (1485). Name sprachl. ident. mit dem altsorb. Stammes- bzw. Landschaftsnamen Colodici, nicht der Fuhne; wohl von dort übertragen, Herleitung schwierig (HONB I, 2001, S. 148). - Schloß und Stadt an der Zwickauer Mulde/Freistaat Sachsen - ma. Höhenburg auf Felszunge im NO der Stadt, von Renaissanceanlage überbaut - Mgf.envon Meißen/Kfs.en von Sachsen, → Wettiner - Nebenres. und Witwensitz.

Seit 1158 Reichsland Pleißen (1243-90 wettin. Pfandhft.); Geschlechtersitz, 13./14. Jh. Hft. C. (seit 1368 böhm. Reichsafterlehen) - 1404 Mgft. Meißen, seit 1423 Kfsm. Sachsen, 1485- 1547 → ernestin. Linie, seitdem albertin. Linie.

Anfang 15. Jh. bis erste Hälfte 18. Jh.s beliebter Aufenthaltsort bzw. Jagdres. der → Wettiner - Sterbeort des Kfs.en Ernst (1486) - Leibgedinge bzw. Witwensitz bis 1694, insbes. für Mgf.in/ Kfs.in Katharina (1414-42) - Kfs.in Margaretha (nach 1443-86) - Kfs.in Sophia (1591-1622, seit 1602 ständiger Wohnsitz auf C.). - D, Sachsen, Reg.bez. Leipzig, Muldentalkr.

II.

Im N vom Zusammenfluß der Zwickauer und der Freiberger Mulde bestimmt, gehörte der Kleinraum um C. im frühen MA zu einem südöstl. Ausläufer der sorb. Landschaft Chutizi. Als Burgward im otton. Markengebiet wurde die Burg C. auf dem Sporn am östl. Ufer über dem Tal der Zwickauer Mulde (170 m ü. d. M.) vermutl. in der zweiten. Hälfte des 10. Jh.s erbaut. Mit der Ersterwähnung 1046 erscheint C., zuvor im Besitz der Mgf.en von Meißen, als Teil des sal. Reichsgutes an der Mulde, benachbart zu den Burgwarden → Leisnig im O und → Rochlitz alsHauptort im S. Kirchl. war C. dem Bm. → Meißen unterstellt und gehörte ursprgl. zum Leisniger Kirchsprengel. Um 1084 kam es als Zubehör von → Leisnig zur Herrschaft Wiprechts von Groitzsch und aus dessen Erbe 1147 in stauf. Hausbesitz. Als Ks. Friedrich I. 1158 → Leisnig, C. und Lausick in Reichsgut überführte, erweiterte er damit das Reichsland Pleißen an der nördl Flanke.

Bereits 1103 ist C. als früher Adelssitz überliefert, seit 1158 als Sitz des gleichnamigen Reichsministerialengeschlechts. Maßgebl. von diesem gefördert entstand nach 1200 südl. der Burg im Schnittfeld zweier Verkehrswege, die über Brücke bzw. Furt die Mulde querten, die planmäßige, befestigte Stadtanlage (1265 civitas; 1318 Münze) mit der Pfarrkirche St. Ägidien. Bereits zuvor sind präurbane Siedlungen nahe der Burg festzustellen: zunächst das Suburbium um die Jakobikapelle in der Vorburg, zu dem vmtl. auch der Bereich um die Badergasse im W zw. Burg und spätererMuldenbrücke gehörte; weiterhin die um 1150 entstandene Kaufmannssiedlung mit Nikolaikirche und dem Bezug zur Muldenfurt im SW.

Neben C. verfügten die C.er im 14. Jh. über weitere Herrschaften im Pleißenland, in → Böhmen und der Mgft. Meißen. Als kleinere Dynasten im Spannungsfeld zw. → Wettinern und → Luxemburgern agierend, trugen sie 1368 ihr Reichslehen an C. (dominium mit zwei Städten und 51 Dörfern) der → böhm. Krone zu Lehen auf, erlagen letztl. aber der Mediatisierung durch die → Wettiner: Den Verpfändungen der Herrschaft C. seit den 1390er Jahren folgte 1404 der Verkauf, wobei → Leisnig (seit 1365 Mgft. Meißen; Nebenres.)als Pfandobjekt eingesetzt wurde.

Seitdem Mittelpunkt eines wettin. Amtes blieb C. eine Kleinstadt, deren wirtschaftl. Grundlage auf Kleinhandel und Handwerk (Tuchmacher, seit 16. Jh. v. a. Leineweber) beruhte. 1408 werden Rat und Bürgermeister erwähnt; seit 1463 ist unter Kfs.in Margaretha eine Münze in C. überliefert. 1545 erwarb der Rat die Erbgerichts- und Lehnbarkeit über die fünf Vorstädte, 1557 die Obergerichtsbarkeit über die Stadt. Zerstörungen von Schloß und Stadt sind um 1430 (Hussiten) und 1504 (Großer Stadtbrand) zu verzeichnen.

Der Reformation, im Amt C. seit 1518, folgte 1529 die Einrichtung einer Superintendentur (bis 1842). Bereits um 1500 ist St. Nikolai nach St. Ägidien eingepfarrt und begegnet seit 1567 nur noch als Friedhofskapelle. Die Jakobikapelle im vorderen Schloß (lange vor 1500 aufgegeben) wurde vmtl. der fsl. Kapelle im hinteren Schloß zugeordnet; baul. Erneuerungen an der ehem. Burgkapelle (1286 St. Marien) waren von Patrozinienwechseln unter Kfs.in Margaretha im 15. Jh. (Allerheiligen) sowie unter Kfs. August um 1584 (Zur Hl. Dreifaltigkeit)begleitet. Nach dem Erwerb der Res. durch Kfs. Friedrich August I. 1694 wurde C. seltener und nach 1753 nicht mehr als Res. genutzt.

III.

Die mehrteilige Residenzanlage, unter Verwendung spätgot. Bausubstanz zum Renaissanceschloß erweitert, umfaßt den gesamten Sporn mit einer Ausdehnung von ca. 150 × 90 m. Erscheinungsbild und Struktur gehen v. a. auf die Bautätigkeit der → Wettiner um bzw. nach Mitte des 15. Jh. und während des 16. Jh. zurück.    

Das äußere Burgtor mit Brücke über den Graben zur Stadt und Zugang zum Zwinger führt in das vordere Schloß (ehem. Vorburgbereich) und durch eine zweite Toranlage nach N in das hintere Schloß (MA Hauptburg), das um 1500 mehrere Steingebäude aufwies: das Alte oder Untere Haus mit Kellern, das Obere Haus, u. a. mit Silberkammer, fsl. Wohngemächern und Hofstube, das Große Haus mit Großer Hofstube und die für Kfsn. Margaretha neuerbaute Kapelle; weiterhinKüche, Back-, Brau- und Schütthaus sowie der Bergfried (im 16. Jh. abgebrochen). Im vorderen Schloß sind Marstall, wüste Kapelle (St. Jakob), Gefangenenturm und Wohnbereich des Amtmanns am äußeren Tor überliefert.

Nach dem Brand von 1504 folgte auf Betreiben des Kfs.en Friedrich d. Weisen von 1519 bis 1527/8 eine umfassende Erneuerung; als Baumeister wirkte Hans Zinkeisen. Das hintere Schloß erhielt seine nahezu geschlossene Gebäudefront. Um den Innenhof reihten sich über umlaufende Gänge in 12-14 m Höhe miteinander verbundene Häuser: Kellerhaus, Kirchenhaus (mit Badestube im ersten Obergeschoß), Fürstenhaus und südl. Querhaus; losgelöst erscheinen Küchenhaus undSaalhaus an der SW-Ecke, u. a. mit Hof- und Tafelstube sowie einem großen Saal, an den vier Ecken des Gebäudekomplexes jeweils ein Wendelstein; im vorderen{ Schloß, nun mit geschlossener Randbebauung, zwei große Pferdeställe; Bemalung und Schmuck an der Außenanlage. Am W-Hang wurde ein Obstgarten (sog. Weißenburg) angelegt, der ummauerte Tiergarten ö. vom Schloß 1519/20 repariert (Abb. bei Lucas Cranach d. Ä.: Das goldene Zeitalter, um 1530, vgl. Schade 1974, Tf. 159f.).

Von ca. 1577 bis 1591 erfuhr Schloß C. erneut prägende Umbauten, zunächst v. a. als Jagdres. Zu Baumeistern wurden Hans Irmisch (bis 1582) und nach ihm Peter Kummer d. Ä. berufen. Kfs. August veranlaßte eine prachtvolle Innenausstattung (u. a. durch Pankraz Zeller), den Umbau der Schloßkapelle (1582-84), versehen mit einem Altarwerk von Lucas Cranach d. J. und Wolfgang Schreckenfuchs (heut. Ausstattung 19. Jh.), den Bau des Kanzlei- und des Beamtenhauses (1583, 1586). Kfs. Christian ließ den Zwinger zu einem Lustgarten mit Springbrunnen und Lusthäusern umgestalten, die Außenanlage erhielteine illusionist. Bemalung; ein Lustschlößchen befand sich auch im Tiergarten. Der Jägerhof und ein Küchengarten mit Hopfgärtlein lagen westl. der Mulde. Die repräsentative Ausgestaltung der Res. reichte bis in das 17. Jh. So »weihte« Kfs.in Sophia 1604 die renovierte Schloßkapelle ein (das Renaissanceportal mit kursächs. und kfsl.-brandenburg. Wappen dat. Ende 16. Jh.). Kfs. Johann Georg II. ließ 1658 das Dachwerk erneuern. Jüngere Baumaßnahmen entsprachen schließl. dem Funktionswandel der Anlage seit 1800 (Armen- und Arbeitshaus, Heil- und sp. Haftanstalt etc.).

Quellen

CDSR I,A, 1-3, 1882-98; I,B, 1-4, 1899-1941. - Köhler, Johann Christian: Der Burgk zu Colditz Bau und Zier stellt dieser Blätter Inhalt für, Leipzig 1692.

Bellger, Heinrich F.: Historische Beschreibung der Stadt Colditz und des dasigen königlichen Schloßes in älterer und neuerer Zeit, Leipzig 1832. - Gurlitt 1897, S. 36-50. - Blaschke 2001, S. 207-224. - Blaschke, Karlheinz: Die Frühgeschichte der Stadt Colditz, in: Stadtgrundriß, 2001 S. 207-224. - Bräuer, Albert Peter: Schloß Colditz, 2. Auflage, Leipzig 1991 (Baudenkmale, 56). - Brugmann,Dietlinde: Art. »Colditz«, in: Dehio, Kunstdenkmäler, Sachsen, 2, 1998, S. 158-161. - HONB I, 2001, S. 148. - Naumann, Horst: Zur Geschichte des Colditzer Schlosses, in: 700 Jahre Stadt Colditz, Red. Horst Naumann, Colditz 1965, S. 129-147. - Rübsamen, Dieter: Kleine Herrschaftsträger im Pleißenland. Studien zur Geschichte des mitteldeutschen Adels im 13. Jahrhundert, Köln u. a. 1987 (Mitteldeutsche Forschung, 95). -Schaade 1974. - Streich 1989.