Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

Zurück zur Liste

BONN C.2.

I.

Bonna (68/69), Bunna (300), Bunne (651), Bonne (1158), Verona (959). - D, Nordrhein-Westfalen, Reg.bez. Köln.

II.

B. liegt am Ausgang des Rheinlaufs aus den Tälern des Mittelgebirges. Aber im Unterschied zu → Köln führte keine überregionale O-W-Verbindung durch den Ort. Wie schon → Köln war das Hinterland fruchtbar und geeignet für den Getreideanbau wie zur Anlage von Weinbergen. Der nahe Kottenforst lud zur Jagd ein. Die Ausläufer wurden auch als Viehweide genutzt. Die alte Siedlung lag auf einem hochwassergeschützten Plateau.

Die Anfänge der Stadt gehen auf die Römerzeit zurück. Als erster ließ Drusus im 2. Jahrzehnt vor Chr. ein Kastell im heutigen Stadtgebiet errichten. Ihm folgten im Laufe der Zeit weitere Auxiliarkastelle, deren Bedeutungen aber nach der Errichtung des nördl. am ehemaligen Flußübergang errichteten Legionslagers um 40 nach Chr. schwanden. Das befestigte Lager bot der Bevölkerung in der Spätantike und der Völkerwanderungszeit Schutz. Dort entstand in der Südwestecke eine Pfarrkirche, die sog. Dietkirche. Aber nicht das Lager wurde zur Keimzelle der ma. Stadt, sondern die im 4. Jh. errichtetecella memoriae für einen oder mehrere christl. Märtyrer. Die cella wurde erweitert und schließl. spätestens im 8. Jh. zum Stift St. Cassius erhoben. Die Siedlung verlagerte sich bis in das 12. Jh. vom Römerlager zum Markt vor dem Stift. Die Stiftssiedlung wurde spätestens damals befestigt und stieg zur eigentl. Stadt auf, während das Lager zum Suburbium schrumpfte. Im 11. Jh. wurde zunächst der Stiftsbereich mit einer Mauer umgeben. Ebf. Konrad von Hochstaden befahl 1244, die Marktsiedlung mit einer Befestigung zu umgeben. Sie wurde im Laufe derZeit von einer Mauer ersetzt. Der ma. Befestigungsring bot der langsam wachsenden Bevölkerung bis in das 18. Jh. hinein Platz. Erst infolge der damaligen Entfestung und dem Ausbau der Stadt zu einer barocken Res. veränderte sich das ma. Bild der Stadt.

Trotz seiner Lage am wichtigen Handelsweg, dem Rhein, und in einer fruchtbaren Umgebung hat B. kaum Fernhändler und v. a. kein differenziertes Exportgewerbe hervorgebracht. Die häufigere Anwesenheit der Ebf.e und ihrer Begleiter gaben zwar einigen B.er Luxushandwerkern wie Goldschmieden Arbeit und Brot, aber für bes. Anforderungen wandten sich die Ebf.e an Kölner Spezialisten. Der Weinbau und in beschränkterem Maß auch Getreideanbau wurden von B.er Bürgern betrieben. Die Einwohnerschaft blieb daher auch weit hinter der → Kölns zurück. Mit 4000 Menschen jeden Alters im SpätMA wird manwohl schon zu hoch gegriffen haben.

III.

In und bei B. war der Ebf. der größte Grundherr. Ebf. Hermann II. (1036-56) hat möglicherw. auf seinem Grund und Boden den Marktplatz vor der Stiftsburg anlegen lassen. Der Ebf. besaß das Marktrecht, den Zoll und das Münzrecht. Die Bewohner B.s waren ihm zu Hilfe und damit zu Steuerzahlungen verpflichtet. Da die Stadt klein blieb, konnte sie auch nicht zur Konkurrentin der ebfl. Herrschaft werden. Sie bot Annehmlichkeiten wie den Zugang zu handwerkl. Erzeugnissen und in beschränktem Maße auch zu Fernhandelsgütern. Die ebfl. Grundherrschaft erzeugte hinreichendNahrungsmittel, sogar Wein. Jedoch blieb B. lange Zeit im Schatten → Kölns. Erst nachdem die Streitigkeiten zw. dem Ebf. und seiner Kathedralstadt zugenommen hatten, schlug die Stunde B.s. Ebf. Engelbert II. von Falkenberg (1261-74) ließ am Neutor im SW ein palatium mit einer Kapelle ausbauen. Ob Vorgängerbauten vorhanden waren, bleibt ungewiß. Nach der Schlacht bei Worringen 1288 zog sich Siegfried von Westerburg vorzügl. nach B. zurück und ließ dort die sog. Veronapfennige als Kampfansage an → Köln prägen. Siegfrieds Nachfolger bauten die Pfalzoder die domus weiter aus, ließen einen repräsentativen Saal errichten, der aber wohl bei weitem nicht an den in → Köln heranreichte. In dem »Haus« tagte das Mannengericht wie auch der Hofrat. In ihm war ein Teil der »Kanzlei« untergebracht, so daß das Gebäude im 15. Jh. auch schlicht »Kanzlei« hieß. Der Saal diente seit dem 15. Jh. mehr und mehr für Tagungen der Stände und des Landtags. Das spätma. Gebäude war ein großer Block, getrennt von der Stadtmauer durch eine Gasse, wie die Zeichnung Pannensmits von 1588 noch zeigt. Mind. ebensowichtig für die Hofhaltung war das Zollhaus an der Südostecke der Stadt am Rhein. In ihm empfingen die Ebf.e Gesandte, feierten Feste und ließen v. a. dorthin Briefe und Nachrichten schicken, falls sie unterwegs waren. Denn im Zollhaus wußte man zumindest seit dem 15. Jh., wo der Ebf. jeweils zu finden war. Zollhaus und Kanzlei samt dem Schloß wurden im 16. Jh. immer wieder um- und ausgebaut. Nachdem es 1689 vollständig ausgebrannt und zerstört worden war, begann Joseph Clemens 1695 mit dem Bau des Barockschlosses, das keine Rücksicht mehr auf die Lage der spätma. Anlage nahm.

Auf dem Weg zur Hauptres. der Ebf.e war ein entscheidender Schritt, daß 1525 endgültig die Kanzlei und damit der ständige Rat nach B. verlegt wurde, weil damit die Zentralbehörden in B. vereinigt wurden. Nachdem der Statthalter und Koadjutor Ferdinand B. 1597 zur Haupt- und Residenzstadt erklärt und er es später als Kfs. durchgesetzt hatte, nahm die Stadt den ersten Rang ein. In ihr konzentrierten sich die Behörden. Die anderen benachbarten Schlösser wie die in → Poppelsdorf oder → Brühl erhielten spezielle Funktionen. → Poppelsdorf wurde zweite Res. undAusgangspunkt für die Jagd, → Brühl die Sommerres. Die Godesburg, die im 14.-16. Jh. noch häufiger aufgesucht worden war, hatte ihre Funktionen nach der Eroberung und Zerstörung durch bayer. Truppen 1583 eingebüßt und wurde nicht wieder aufgebaut. Dennoch blieb der Ebf. nicht nur in B., sondern reiste mit seinem Hof in seinem Territorium und hielt sich auch in anderen Landesteilen und auf anderen Schlössern auf.