Höfe und Residenzen im spätmittelalterlichen Reich

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BARTH C.7.

I.

Die provincia Barta wird erstmals bei Saxo Grammaticus zum Jahre 1159 erwähnt, 1193 ist das Land B. urkundl. im Besitz der Fs.en von Rügen. Herkunft und Bedeutung des Namens, auch Bard, Bardt, Bart, Barte, Bartte, Bahrtt, sind dunkel. Er leitet sich vermutl. von dem westl. der Stadt gelegenen Flüßchen Barthe ab. - D, Mecklenburg-Vorpommern, Kr. Nordvorpommern.

Mittelpunkt des Landes war südl. der späteren Stadt die alte Burg, welche den Rügenfs.en gelegentl. als Aufenthaltsort diente. Sie wurde abgelöst von einem wohl am Ort des neuzeitl. Schlosses am nordöstl. Stadtrand gelegenen Fürstensitz, als curia principum erstmals 1325 erwähnt. Er wurde vermutl. schon um 1315 unter dem letzten Fs.en von Rügen Wizlaw III. errichtet und bildete seitdem den Rahmen für dessen Hofhaltung, die einen kulturellen Höhepunkt in der B.er Residenzgeschichte bezeichnet. Der Fs. war selbst literar. interessiert und als Minnesängerüber die Grenzen seines Fsm.s hinaus bekannt. Zur Jagd wechselte man gerne auf die nahegelegene Hertesburg am Prerower Strom. Mit dem Tode Wizlaws III. 1325 fiel das unter dän. Lehensoberhoheit stehende Fsm. Rügen an Wartislaw IV. aus der Wolgaster Linie der Hzg.e von Pommern, der 1326 mit dem Fsm. vom dän. Kg. Christoph belehnt wurde. Wartislaws früher Tod im selben Jahr und die Lehnsvergabe des Fsm.s an die → Mecklenburger durch den Dänenkönig führten zum Rügischen Erbfolgekrieg, in dessen Folge sich diese zeitw. in den Besitz des Landes B. setzten, den sie aber endgültig 1354 imFrieden von Stralsund zugunsten der pommerschen Ansprüche aufgeben mußten. Bis zum Erlöschen der Greifendynastie 1637 blieb es in deren Besitz. B. war hzgl. Münzstätte, Vogteisitz, Witwensitz und zeitw. Mittelpunkt eines Hzm.s, welches durch Teilungen des Hzm.s Wolgast westl. der Svine 1376 und 1425 entstand. Bei der Teilung 1376 erhielt Wartislaws VI. das Fsm. Rügen nebst seinem festländ. Anteil, zu dem B. gehörte. Auch für seinen Sohn Barnim VI. war B. Herrschaftsmittelpunkt. Bei der Teilung 1425 fielen Rügen und B. an seine Neffen Barnim VIII. und dessen Bruder Swantibor IV., derencuria duorum ducum im Stadtbuch erwähnt wird, später an Barnim VIII. allein. Mit dessen Tod 1451 endete für B. die Zeit als Vorort eines eigenständigen Teilhzm.s, dessen Hzg.e sich mitunter auch nach diesem benannten bzw. benannt wurden. Wartislaw X. war mehrfach in B. anzutreffen, verstarb dort 1478 und wurde im benachbarten Zisterzienserkl. Neuenkamp beigesetzt, wie zuvor schon Barnim VIII. und die Rügenfs.en Wizlaw I., Sambor sowie Wizlaw III., der 1325 ebenfalls in B. verstorben war. Für die Marienkirche in B., in der man spätestens Mitte des 15. Jh.s eine fsl. Gruftim Chor anlegte, ist keine Bestattung eines regierenden Hzg.s überliefert, wohl aber die Beisetzung mehrerer frühverstorbener Herzogskinder. Den Höhepunkt als Residenzstadt erlebte B. unter Bogislaw XIII., der bis 1605 in B. seinen Hof unterhielt, nachdem ihm im Jasenitzer Erbvergleich 1569 die Ämter B. und Neuenkamp als Apanage zugefallen waren. 1573 entstand - wohl an Stelle des alten fsl. Schlosses - ein neuer repräsentativer Renaissancebau. Im nahegelegenen Neuenkamp wurde ab 1580 das Kl. in ein fsl. Schloß umgebaut und 1587 gründete der Hzg. dort eine neue Stadt, die er nach seinembraunschweig. Schwiegervater Franzburg benannte. In B. ließ Bogislaw XIII. zudem eine fsl. Druckerei errichten, die seit 1582 tätig war und in welcher 1588 als bedeutendstes Druckwerk die bekannte plattdeutsche B.er Bibel entstand, bevor die Druckerei Bogislaw XIII. nach → Stettin, wo er 1603 die Regierung übernahm, folgte. Als Nebenres. des Wolgaster Hzg.s Philipp Julius seit 1605, dessen Wwe. Agnes von Brandenburg 1625 das Amt und die Stadt als Leibgedinge erhielt, verlor das Schloß bald an Bedeutung. Durch die folgenden krieger. Ereignisse stark in Mitleidenschaft gezogen, botes 1710/1711 letztmalig den Rahmen einer Hofhaltung, als der mit Karl XII. von Schweden befreundete, aus Polen vertriebene Kg. Stanislaus Lesczynski hier für einige Monate Quartier nahm. Im Nordischen Krieg endgültig zerstört, wurde es von der schwed. Krone, die seit 1648 Landesherr war und der Preußen 1815 folgte, der Ritterschaft zur Errichtung eines Fräuleinstiftes geschenkt, welches in den Jahren 1733-41 Gestalt annahm und fortan als sog. Kl. adligen Damen eine Heimstatt bot.

II.

Die Stadt B. liegt am B.er Bodden auf einer von Schwemmsand umgebenen Anhöhe, ihr Marktplatz etwa sechs Meter über dem mittleren Wasserstand der Ostsee. Die Stadt wurde in der ersten Hälfte des 13. Jh.s von dt. Siedlern in unmittelbarer Nähe älterer slaw. Besiedlung planmäßig angelegt. 1255 erwarb sie das Stadtgebiet vom Landesherren Jaromar II. von Rügen für eine jährl. Grundrente, der zusicherte, daß sie dieses nach lüb. Recht besitzen solle, und versprach, kein Kl. in der Stadt ohne deren Einverständnis zu gründen und das novumcastrum, nordwestl. der Stadt gelegen, abreißen zu lassen. Im 14. Jh. konnte das Stadtgebiet erweitert werden. 1309 ist erstmals ein consul bezeugt, 1359 ein proconsul. Der Rat war im Besitz der niederen Gerichtsbarkeit. Um 1300 wurde das Rathaus errichtet, die Stadtpfarrkirche St. Marien in den folgenden Jahrzehnten ausgebaut. Gegen Ende des Jh.s verfügte die Stadt über eine steinerne Mauer, die von vier Toren dominiert wurde, von denen sich das Dammtor erhalten hat. 1436 wird in B. eine Münzstätte erwähnt. Die wirtschaftl.Grundlage bildeten Ackerbau, Fischerei, Binnenhandel und nicht zuletzt die Herstellung von Bier, welches ein begehrtes Exportgut war. Kirchenrechtl. gehörte B., dessen Marienkirche durch die ihr unterstellten Kirchen der im 15. Jh. sehr populären, nahegelegenen Wallfahrtsorte Kenz und Bodstedt an Einfluß gewann, zum Archidiakonat Tribsees im Bm. → Schwerin.

III.

Vom Aussehen der alten slaw. Burg und des wohl unter dem Rügenfs.en Wizlaw III. errichteten Herrschaftssitzes innerhalb der Stadt sowie evtl. Bauten aus der Zeit der ma. pommerschen Teilherrschaften ist nichts bekannt. Erst über das von Bogislaw XIII. 1573 wohl auf den älteren Grundmauern errichtete Schloß wissen wir v. a. durch zeitgenöss. Abbildungen Näheres. Es war ein repräsentativer dreistöckiger Renaissancebau in massiver Bauweise mit einer Schloßkapelle und einem zur Hoffront vorspringenden zentralen Treppenturm, der den Hauptzugang zum Schloß bildete.Das Dachgeschoß zierten gen W zur Hofseite vier stattliche Erker, an der Ostseite fünf. Das rechteckige Schloß in den Ausmaßen von etwa 53 × 24 m bestand aus drei übereinander liegenden gewölbten Geschossen, über denen sich das Dachgeschoß erhob. Im Kellerbereich gab es Vorratsräume und unter dem Wendelstein ein Gefängnis. Im darüberliegenden Geschoß befanden sich u. a. die Hausrenterei und die alte Kanzlei, im Obergeschoß Tanzsaal, Eßstube und verschiedene Wohn- und Schlafräume sowie eine Küche, wobei sich die Hauptküche in einem Nebengebäude befand. Zum Schloßkomplexgehörten dem Schloß im W gegenüberliegend das Amtshaus und weitere Nebengebäude, die nahezu im Rechteck den von diesen und ergänzenden Mauern abgegrenzten Schloßhof umgaben. Dieser gliederte sich in eine Art Vorhof und den Platz unmittelbar vor dem Schloß. Zwei sich gegenüberliegende Torbauten im O und W ermöglichten den Zutritt zum Vorhof, in den, vom Schloß durch das östl. Tor getrennt, das Gebäude der Druckerei hineinragte. Ein Wagenhaus war dem Amtshaus im W vorgelagert. Südl. des Schloßkomplexes befand sich ein kleiner Lustgarten mit einem achteckigen Lusthaus im Zentrum.

Quellen

Pommersches Urkundenbuch, 1-11, 1881-1990.

725 Jahre Stadt Barth, hg. vom Rat der Stadt Barth, Barth 1980. - Afheldt, Martin: Das Barther Kloster. Ein historischer Abriß, in: Kulturgeschichtliches Jahrbuch für den Landkreis Ribnitz-Damgarten (1993) S. 9-18. - Bahr, Ernst/Schmidt, Roderich: Barth, in: Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 12, 1996, S. 160-162. - Barth in Pommern, hg. vom Magistrat der Stadt, 2. Aufl., Hamburg 1928. - Bülow, Wilhelm: Chronik der Stadt Barth, Barth 1922. -Buske, Norbert: Geschichte und Bedeutung der Barther Druckerei unter besonderer Berücksichtigung der Illustrationen für die Barther Bibel, in: Beiträge zur Bibel. Niederdeutsche Bibeltradition. Entwicklung und Gebrauch des Niederdeutschen in der Kirche, hg. von Norbert Buske, Berlin u. a. 1990, S. 13-33. - Buske, Norbert: Kirchen in Barth, Schwerin 1997. - Ewe, Herbert: Das alte Bild der vorpommerschen Städte, Weimar 1996, S. 29-36. - Festschrift zur 700-Jahrfeier der Stadt Barthvom 1.-10.7.1955, Barth 1955. - Gadow, [Paul]: Barth als Residenz, Tl. 1-6, in: Unsere Heimat 82 (1929) Nr. 202, 214, 233, 245, 262, 279. - Gadow, [Paul]: Die Stadt Barth im Wandel der Zeiten, in: Der Kreis Franzburg-Barth, Magdeburg 1933 (ND Stralsund 1992), S. 16-24. - Gülzow, Erich: Vom Barther Herzogsschloß, in: Unser Pommernland 22 (1937) S. 242-245. - Gülzow, Erich: Barth am Bodden in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Stuttgart u. a. 1942. -Haselberg, E. von: Der Kreis Franzburg, Stettin 1881 (Die Baudenkmäler der Provinz Pommern, Tl. 1: Die Baudenkmäler des Regierungs-Bezirks Stralsund, 1), S. 10-17. - Kratz 1865, S. 25-31. - Meinhold, Th[eodor]: Das herzogliche Schloß, jetzt »Adeliges Jungfrauenkloster« zu Barth, in: Unser Pommernland 7 (1922) S. 348-352. - Oom, Friedrich: Chronik der Stadt Barth, Barth 1851.