ARNSBERG
I.
Schon die Werdener Urbare nennen Arnesberge (Adlerberg), doch lassen sich die Einträge nicht genau datieren (wohl 9./10. Jh.). Auf dem Römberg (286 m) bei A. errichteten die Gf.en von Werl vor 1070 die Rüdenburg (Alte Burg). 1120 erscheint sie als Burg Gf. Friedrichs des Streitbaren von A. Später saßen hier die Edelherren von Rüdenberg und von Ardey. Anfang des 12. Jh.s erbaute Gf. Friedrich gegenüber der Rüdenburg eine neue Veste, die den Rückhalt für seine machtvolle Politik bot.
II.
Die neue Burg lag exakt auf der schmalsten Stelle eines nach S in das Ruhrtal hineinragenden und von der Ruhr halbinselartig umflossenen Bergrückens. Im O und W durch steile Berghänge geschützt, sicherte sie nach N hin ein tiefer, halbkreisförmiger Halsgraben. Südlich anschl. an das Burgplateau lag die niedrigere Vorburg, geschützt durch einen halbkreisförmigen Wall und Graben. Am Westabhang unter der Burg befand sich eine Freigerichtsstätte, die im 15. Jh. als »Oberfreistuhl der Feme« reichsweite Bedeutung erlangte. Die Burg auf dem Adlerberg (heute »Schloßberg«, 256 m) initiierte die Stadtentwicklung. 1114 begaben sich 13 Familien in den Schutz des Gf.en Friedrich. Die Oberstadt (ca. 230 m) wuchs in südlicher Richtung und bildet ein markantes Oval mit dem südlichen Haupttor, dem heutigen Glockenturm (sog. Alt- oder Oberstadt). Sie trug zur Sicherung des Südzuganges der Burg bei. Das tiefer liegende Gelände südlich der gewachsenen Oberstadt wurde ab ca. 1190 planmäßig bebaut. Von einer breiten, als Marktstraße angelegten N-S-Achse (Straßenmarkt) zweigen rechtwinklig Querstraßen ab und gaben die Straßenfluchten vor. Bis ca. 1240 war auch diese Neu- oder Unterstadt (ca. 200 m) aufgesiedelt. Vor ihrem Südtor, der sog. »Klosterpforte«, mündeten der Weg zur östlichen Ruhrbrücke (Kl.brücke) und derjenige zum 400 m entfernten Stift Wedinghausen, das sich 1238 auf eigene Kosten an die Stadtbefestigung anschloß. Hierbei bestätigte Gf. Gottfried II. die schon früher gewährte Freiheit der Bürger. Der Bereich zwischen Stadt und Stift wird nach und nach aufgesiedelt worden sein. Spätestens die Eroberung (von Teilen?) der Stadt durch Gf. Engelbert III. von der Mark und den Paderborner Bf. Heinrich Spiegel im Aug. 1366 wird diese Erweiterung vereitelt haben. Sie mußte zurückgenommen werden, obwohl noch bis zum E. des 16. Jh.s Steingebäude vor der Kl.pforte und der Stadtmauer nachweisbar sind. 1313/21 wird ein Schöffenhaus, um 1450 das Rathaus gen. Die Kl.brücke im O und die Jägerbrücke im W der Stadt ermöglichten den Übergang über die Ruhr. Nach N über den Alten Soestweg führte ein Handelsweg unterhalb der Burg aus der Stadt heraus, an der Gerichtsstätte »Galgenberg« vorbei durch den A.er Wald nach Soest. Der als langgestreckter Straßenmarkt angelegte »Alte Markt« läßt auf regen Marktbetrieb schließen. In der Gf.enzeit und auch in kurkölnischer Zeit wurden in A. Münzen geschlagen, Münzmeister sind nachweisbar. Die Stadt war bis 1608 Mitglied der Hanse hinter Soest und vertrat alle Städte und Freiheiten der Gft. A., die sich zu kleinen Hansetagen auf dem A.er Rathaus trafen. Es gibt keine Hinweise, daß sich schon in der Gf.enzeit die Landstände (Ritterschaft und Städte/Freiheiten) zu Landtagen in A. trafen, wie es seit dem 15. Jh. gewöhnlich einmal jährl. geschah. Frühformen der Landstände sind jedoch schon im 14. Jh. in der Gft. A. nachweisbar (1348; 1368).
III.
Aus der Gf.enzeit hat sich nur wenig Bausubstanz erhalten. Die Stadtmauer und die Ruinenreste sowie die Ringmauer auf dem Schloßberg werden teilw. noch bis in das 14. Jh. oder früher zurückreichen. Der »Knappensaal« (1967 restauriert und eingewölbt) war das Zeughaus des 1762 zerstörten kfsl. Schlosses, kann aber als Tonnengewölbe durchaus schon der Gf.enburg angehört haben. Die erhaltenen städtischen Wehrtürme, der Grüne Turm, Limpsturm, Glockenturm, der Turm am Landsberger Hof, der Schalenturm in der Gasse »Unterm Tempel« sowie der 1895 abgerissene Honekamps-Turm (Fotos vorh.) stammen wohl aus dem 12./ 13. Jh. Die Stadtkapelle St. Georg wurde 1323 vermutlich als Kapelle der in der Oberstadt wohnenden Burgmänner neben dem Glockenturm errichtet. Ehem. gfl. Burgmannshöfe lassen sich an Stelle der späteren Adelshöfe in der Oberstadt (Weichsscher Hof, Dückerscher Hof, Gerlingsches Haus, Haus Wrede) viell. auch in der Unterstadt (Landsberger Hof, Alte Regierung, Haus Honekamp) vermuten. Weitere repräsentative Bauten sind anzunehmen, denn der Bf. von Osnabrück Gottfried von A. (gest. 1363), ab 1348 Ebf. von Bremen, besaß in der Altstadt (Oberstadt) ein Haus, das er 1348/49 unter dem Vorbehalt, dort jederzeit mit seiner Familia Wohnung nehmen zu dürfen, verpfändet.
Auf seinem Haupthof Wedinghausen, ca. 1000 m südlich der Gf.enburg, stiftete Gf. Heinrich I. 1170/73 ein Prämonstratenserkl. Zu diesem Zeitpunkt war Wedinghausen schon seit zwei Generationen Grablege der Gf.enfamilie. Hier war 1124 Gf. Friedrich der Streitbare von A. (gest. 1124) bestattet worden. Auch Gf. Gottfried I. von A.-Cuyk und seine Frau Jutta von A. (3. Aug.) müssen hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Vermutlich war auch der in der Haft umgekommene Gf. Friedrich (II.) von A. (gest. 1164) hier beerdigt worden. Sicher sind dort auch bestattet Gf. Heinrich I. (gest. 1200), dessen Sohn Heinrich II. (17. Sept.; 1217 gest.) mit Frau Ermengard, Gf. Wilhelm von A. (gest. 1338) und Gf.in Beatrix von → Rietberg (gest. um 1327). Vermutlich wurden sie alle im Bereich des Kapitelsaals und der 1274 errichteten Gf.enkapelle im Ostflügel des Kl.s bestattet. Obwohl genaue Nachrichten fehlen, muß Wedinghausen auch als Grablege von Gf. Gottfried II. (21.Juni) und seinen beiden Frauen Elisabeth und Agnes von Rüdenberg (28. Dez.), Gf. Gottfried III. und Gf.in Adelheid von Bliescastel, Gf. Ludwig (gest. 1313) und der Gf.in Pyronetta von Jülich (21. Aug.) sowie der letzten Gf.in Anna von Kleve angesehen werden. Daneben ließen sich auch Angehörige der hochadeligen Dynastengeschlechter von Rüdenberg und von Ardey in Wedinghausen bestatten.
Eine kleinere romanische Basilika (schon vor der Kl.stiftung vorhanden?) ist vermutlich 1210 abgebrannt. Die heutige Kl.- und Pfarrkirche (Chorweihe 1254) birgt noch Reste des Vorgängerbaues, wird aber in ihrer jetzigen Gestalt um die Mitte des 14. Jh.s vorhanden gewesen sein. Teile der existierenden Kl.gebäude stammen noch aus der Gf.enzeit. Wedinghausen unterhielt ein leistungsfähiges Skriptorium (s.o.!), auch eine Kl.schule war im 14. Jh. vorhanden.